Alternativweltgeschichte

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Alternativweltgeschichten sind eine Ausformung des Science-Fiction-Genres und unter den Bezeichnungen Allohistoria, Parahistorie, Virtuelle Geschichte, Imaginäre Geschichte, Ungeschehene Geschichte, Potentielle Geschichte, Eventualgeschichte, Alternate History, Alternative History oder Uchronie („Nicht-Zeit“, aus altgriechisch οὐ- „nicht-“ und χρόνος „Zeit“) bekannt.

In der Geschichtswissenschaft werden derartige Gedankenspiele, die allerdings Bezug auf die historischen Quellen nehmen, als kontrafaktische Geschichte bezeichnet.

Die Geschichten dieser Werke spielen in einer Welt, in der der Lauf der Weltgeschichte irgendwann (am so genannten Divergenzpunkt) von dem uns bekannten abgewichen ist. Während Science-Fiction mit dem Potentialis operiert, operiert die kontrafaktische Geschichte mit dem Irrealis, stellt also die Frage: „Was hätte sein können, wenn …?“ Das Genre wurde insbesondere in der englischsprachigen Literatur der Nachkriegszeit entwickelt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor dem 19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühe Beispiele der kontrafaktischen Geschichtsschreibung finden sich bereits in Antike, etwa in Form der Überlegungen des Titus Livius, was passiert wäre, falls die Armee Alexanders des Großen auf die römischen Legionen getroffen wäre. Herodot spekulierte hingegen über eine griechische Niederlage in der Schlacht bei Marathon.[1]:6

Im Jahr 1490 erzählt Tirant lo Blanc (Joanot Martorelli, Marti Joan de Galba) die Geschichte eines Ritters, der das Byzantinische Reich vor dem Osmanischen Reich rettet.[2]:16–17

Im Jahr 1670 merkt Blaise Pascal in seinen Pensées scherzhaft an, die Geschichte wäre anders verlaufen, hätte Kleopatra VII. eine kleinere Nase gehabt.[2]:16[3]:20

19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Genre der kontrafaktischen historischen Fiktion entstand im 19. Jahrhundert, besonders im französischsprachigen Raum. Entscheidende Vorläufer waren hierbei Louis Geoffroy (Napoléon et la conquête du monde, 1836), welcher eine Welteroberung durch Napoleon Bonaparte nach einem Sieg im Russlandfeldzug 1812 beschrieb, und Charles Renouvier (Uchronie, 1876), welcher nicht nur den Begriff "Uchronie" etablierte, sondern auch erstmals verschiedene Aspekte des Genres wissenschaftlich zu erfassen versuchte.[2]:17–22[3]:19

Das erste englischsprachige historische Werk wurde von Nathaniel Hawthorne (P's correspondence, 1845) geschrieben.[1]:6–7

Im Verlauf des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Genre (als solches noch nicht weithin anerkannt) nur schleppend. Zu den Beiträgen dieser Zeit gehören Hands Off (1881) von Edward Everett Hale und A Connecticut Yankee in King Arthur's Court (1889) von Mark Twain, wobei beide Beispiele eine Zeitreisegeschichte erzählen, in welcher der Zeitreisende die Zeitlinie verändert.[3]:19–20

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

George Macaulay Trevelyan veröffentlichte seine Kurzgeschichte If Napoleon Had Won the Battle of Waterloo, welche sich dadurch auszeichnet, eine der ersten dystopischen Erzählungen der Alternativgeschichte zu sein, wohingegen frühere Beispiele zumeist utopisch waren und dem Eskapismus dienten.[2]:23–24

Im Jahr 1931/1932 veröffentlichte John Collings Squire die erste belegte Essaysammlung der Alternativgeschichte unter dem Titel If It Happened Otherwise (in den Vereinigten Staaten unter dem Titel If: Or History Rewritten veröffentlicht). Die Beiträge zu Squires Sammlung wurden von mehreren internationalen Autoren geschrieben, wobei besonders Winston Churchill, der spätere Premierminister des Vereinigten Königreichs, hervorzuheben ist.[3]:20 Andere Beiträge kamen von Philip Guedalla und Harold Nicolson sowie Ronald Knox (alle Vereinigtes Königreich), Emil Ludwig (Deutschland) und André Maurois (Frankreich).[2]:23–27

Die Kurzgeschichte Sidewise in Time von Murray Leinster (welche später dem Sidewise Award den Namen gibt) wurde im Jahr 1934 veröffentlicht und erforschte eine Realität von parallel existierenden Zeitlinien, die urplötzlich durcheinandergewürfelt wurden.[2]:113

Der Zweite Weltkrieg (1939–1945) veränderte das Genre der Alternativweltgeschichte vollkommen, und ist seitdem zum mit Abstand beliebtesten Thema der Alternativgeschichte geworden, wobei fast ausschließlich dystopische Szenarien entstehen.[2]:85–87[4]:879 Alternativgeschichten des Zweiten Weltkriegs entstehen schon kurz nach Kriegsende, so etwa Si l'Allemagne avait vaincu ('Wenn Deutschland gewonnen hätte', 1950) von Randolph Robban.[2]:88–89

Im Jahr 1953 veröffentlichte J. Ward Moore das Buch Bring the Jubilee (im Deutschen: Der Große Süden), womit er in den Vereinigten Staaten die Alternativgeschichten über den Sezessionskrieg erweiterte.[2]:27–28 Interesse in den USA an alternativen Szenarien des Bürgerkriegs stieg wiederum mit dem hundertsten Jahrestag des Sezessionskriegs im Jahr 1961, so etwa in Form von MacKinlay Kantors If the South Had Won The Civil War (1961).[5]:6

Philip K. Dick, der Autor von The Man In The High Castle (Das Orakel vom Berge), dem wohl berühmtesten Werk der Alternativweltgeschichte.

Im Jahr 1962 erschien die vermutlich berühmteste Alternativweltgeschichte aller Zeiten, The Man In The High Castle (ins Deutsche übersetzt unter dem Titel Das Orakel vom Berge) von Philip K. Dick, welches die Geschichte der von Nazi-Deutschland und vom Japanischen Kaiserreich besetzten Vereinigten Staaten erzählt.[2]:111[3]:8 Das Buch wurde zum Vorbild einer erfolgreichen Fernsehserie, welche zwischen den Jahren 2015 und 2019 produziert wurde (wobei diesmal im Deutschen der Originaltitel unübersetzt blieb).

Im Jahr 1964 erweiterte Robert Fogel die Alternativgeschichte um mehrere wissenschaftliche und statistische Methoden, was das Genre als Ganzes auch interessanter als ernsthaftes Gedankenexperiment für die Geschichtswissenschaften machte (siehe hierzu: Kontrafaktische Geschichte). Fogel errechnete in seinem Werk Railroads and American Economic Growth alternative Statistiken der Logistik für eine Version der Vereinigten Staaten, in welcher der weitreichende Aufbau von Eisenbahnen nicht stattfand.[2]:42[3]:42[6]:111

Nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im Jahr 1976 erlebte das Genre auch in Spanien einen Aufschwung, insbesondere mit einem Schwerpunkt auf den Spanischen Bürgerkrieg. Der Katalane Victor Alba schrieb im Jahr 1976 eine utopische Darstellung einer überlebenden Zweiten Spanische Republik, wohingegen der Franquist Fernando Vizcaino Casas im Jahr 1989 eine dystopische Vision der siegreichen Republikaner zeichnete.[2]:31–32

Robert Harris, der Autor von Fatherland (Vaterland).

Im Jahr 1992 veröffentliche der Brite Robert Harris das Buch Fatherland (im Deutschen: Vaterland), und erzielte einen großen finanziellen Erfolg, was dem Genre der Alternativgeschichte zu größerem Status verhalf.[2]:100–101[5]:7 Harris' Buch ist der Hauptvertreter eines Phänomens der Alternativgeschichte im britischen Kulturraum während der 1990er, welcher von Richard J. Evans als „euroskeptischer Kontrafaktualismus“ bezeichnet wird. Im Kontext der Deutschen Wiedervereinigung (1990) und des Vertrags von Maastricht (1992) wurden unter britischen Konservativen Ängste über ein von Deutschland dominiertes Europa geweckt. Dadurch entstanden zahlreiche britische Alternativgeschichten über ein imperialistisches Deutschland (oft in Form eines im Zweiten Weltkrieg siegreichen NS-Staates, wie im Falle von Vaterland) oder einen anderweitig hervorgebrachten europäischen Superstaat. Andere britische Vertreter des euroskeptischen Kontrafaktualismus der 1990er-Jahre waren neben Harris auch John Charmley, Andrew Roberts und Niall Ferguson.[2]:90–110 Außerhalb Großbritanniens war das Phänomen weniger verbreitet, wobei der polnisch-britische Historiker Adam Zamoyski zu den Ausnahmen zählt.[2]:128

Im Jahr 1997 veröffentliche Niall Ferguson das Werk Virtual History: Alternatives and Counterfactuals, in welchem er versuchte, die kontrafaktische Geschichte als seriöses Mittel der Geschichtsforschung zu etablieren.[2]:43–44

21. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Popularität der Alternativgeschichte als Genre ist seit den 1990ern rapide gestiegen.[2]:44

Mehrere Klassiker des Genres wurden im 21. Jahrhundert als Serien umgesetzt, so etwa The Man in the High Castle und SS-GB.

Gesichtspunkte des Genres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stilmittel und Tropen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie andere Genres auch kennt die Alternativgeschichte mehrere Tropen und Stilmittel, die in verschiedensten Werken erkennbar sind.

  • Zu fast jeder Erzählung der Alternativgeschichte gehört ein Divergenzpunkt (engl.: point of divergence). Vor diesem Divergenzpunkt ist die Geschichte der alternativen Zeitlinie mit jener der dem Leser bekannten realen Zeitlinie identisch.[1]:3–4
  • Alternativgeschichten enthalten oft innerhalb ihrer Handlung eigene Alternativgeschichten (die oft auf die reale Zeitlinie anspielen). Das berühmteste Beispiel ist hierbei The Grasshopper Lies Heavy (im Deutschen: Schwer liegt die Heuschrecke) in The Man In The High Castle (im Deutschen: Das Orakel vom Berge). Während das Gesamtszenario einen Sieg der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg darstellt, beschreibt The Grasshopper Lies Heavy innerhalb des Szenarios eine alternative Version der Welt, in welcher die Alliierten den Zweiten Weltkrieg (wie in der realen Zeitlinie) gewinnen.[3]:35
  • Oft werden bekannte historische Persönlichkeiten in einer alternativen Zeitlinie in eine völlig andere Rolle gesetzt. So wird Al Capone in Back in the USSA (Kim Newman) zu einem Stalin-ähnlichen kommunistischen Diktator der Vereinigten Staaten.[5]:7

Tendenzen bei der Themenwahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wahl des Szenarios und Divergenzpunkts einer Alternativgeschichte wird nachhaltig von der Absicht, der politischen Orientierung und der Faktenkenntnis des jeweiligen Autors sowie vom Kontext der jeweiligen Epoche geprägt.[2]:150

Die Autoren dystopischer Alternativgeschichten zielen oft darauf ab, dem Publikum die Vorzüge der realen Zeitlinie vor Augen zu führen, sowie die Bosheit und Unerwünschtheit der jeweils beschriebenen Dystopie zu unterstreichen.[7]:95–96

Heimatland des Autors als Faktor der Themenwahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autoren jeder Nation tendieren eher dazu, alternativgeschichtliche Szenarien mit Bezug auf die eigene Nationalgeschichte zu entwickeln.

  • Deutschland nimmt eine Sonderrolle ein. Die beiden Weltkriege als Schlüsselereignisse der deutschen Geschichte sind in der deutschen Bibliographie der Alternativgeschichte oft behandelt, aber insbesondere beim Zweiten Weltkrieg gilt in Deutschland eine größere kulturelle Tabuisierung der Veränderung bestimmter Themen als in anderen Ländern. Insbesondere Alternativgeschichten des Holocaust, welche besonders in den Vereinigten Staaten mit einiger Häufigkeit geschrieben werden, gibt es in Deutschland fast überhaupt nicht.[2]:85–87
  • In Frankreich sind die Französische Revolution und die Koalitionskriege sowie die Revolution von 1968 außerordentlich beliebt.[2]:85
  • In Italien ist die Epoche des Faschismus relevant.[2]:85
  • In Russland war die Alternativgeschichte als Genre zu Sowjetzeiten unbeachtet geblieben, erfreut sich aber seit den späten 1980er-Jahren wachsender Beliebtheit, wobei ein Scheitern der Russischen Revolution, Variationen in der Geschichte des Stalinismus (oder ein längeres Leben Wladimir Lenins), Abwandlungen des Zweiten Weltkriegs und religiöse Leitmotive (radikale christliche Theokratie in Russland oder Islamisierung Russlands) wiederkehrende Elemente sind.[8]
  • In Spanien nimmt der Spanische Bürgerkrieg eine erhöhte Stellung ein.[2]:85
  • In den Vereinigten Staaten schreiben Autoren der Alternativgeschichte oft über den Zweiten Weltkrieg (ein globales Phänomen), aber häufig auch über den Sezessionskrieg sowie den Vietnamkrieg, wobei besonders der erstere eine kulturell fast ausschließlich für Amerikaner interessante Epoche darstellt.[2]:85 Dennoch zählt der Sezessionskrieg wegen der großen Menge US-amerikanischer Alternativgeschichtswechte zu den meistbehandelten Themen des Genres.[4]:878–879

Politische Orientierung des Autors als Faktor der Themenwahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der britische Historiker Richard J. Evans vertritt die These, dass Alternativgeschichte und insbesondere Kontrafaktische Geschichte attraktiver für Konservative als für Progressive sind, da erstere in den Geschichtswissenschaften oft philosophisch einen größeren Fokus of Individualismus und die Freiheit der Entscheidung der Einzelperson legen, während letztere sich eher deterministischen Modellen der Sozialgeschichte und der gesellschaftsfokussierten Geschichtsschreibung zugeneigt sehen und Gedankenspiele der Alternativgeschichte tendenziell skeptischer betrachten. Dennoch gibt es auch linksgerichtete Autoren der Alternativgeschichte, so etwa E. H. Carr.[2]:49–50

Die Alternativgeschichte kann als politische Satire oder politische Propaganda dienen, so im Falle der britischen „euroskeptischen Kontrafaktualisten“, welche ihre Alternativgeschichten als Warnung gegen einen durch ein übermächtiges Deutschland gelenkten europäischen Zentralstaat konzipierten.[2]:90–110

Beliebte Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Abstand das beliebteste Thema für Alternativgeschichten ist der Zweite Weltkrieg, sowie verwandte Themen wie Adolf Hitler, der Holocaust oder der Nationalsozialismus.[2]:85–87[4]:879

Durch die massive Bandbreite von Alternativerzählungen über den Zweiten Weltkrieg haben sich mehrere Subgenres und Tropen gebildet.

  • Das klassische Szenario einer Alternativgeschichte des Zweiten Weltkriegs ist der Sieg der Achsenmächte. Die berühmtesten Beispiele sind hierbei The Man in the High Castle (Philip K. Dick), SS-GB (Den Leighton) und Fatherland (Robert Harris).[1]:7 Eines der frühesten Werke in der dystopischen Literatur über einen Sieg der Achsenmächte in einem Weltkrieg ist Swastika Night (Katharine Burdekin, 1937, auf Deutsch: Nacht der braunen Schatten), welches aufgrund seiner Erscheinung vor Beginn des Krieges eher zu den Zukunftsvoraussagen als zur Alternativgeschichte gehört.[9]:510
  • Im angloamerikanischen Raum sind Darstellungen einer fiktionalen Besatzung der Vereinigten Staaten und/oder des Vereinigten Königreichs durch das Dritte Reich populär.[9]:34–160
  • Es gibt mehrere Erzählungen, in denen Adolf Hitler als Schlüsselperson des Nationalsozialismus behandelt und Hitlers Leben verändert wird, wobei die genaue Veränderung variiert (Nichtgeburt, früher Tod, erfolgreiche Aufnahme in die Akademie der Künste, Ermordung kurz nach der Machtergreifung, Flucht aus Berlin 1945, Verurteilung als Kriegsverbrecher etc.). Beispiele für Alternativgeschichten, die auf Adolf Hitler als Person fokussiert sind, sind The Trial of Adolf Hitler (Philippe van Rundt, 1978), Operation Lucifer: The Chase, Capture and Trial of Adolf Hitler (David B. Charnay, 2001), The Asgard Solution (James Marino, 1983) und The Berkut (Joseph Heywood, 1987).[2]:105[9]:199–270

Sezessionskrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das zweitbeliebteste Thema in der Alternativgeschichte ist der Sezessionskrieg, wobei die allermeisten Werke hierbei von US-amerikanischen Autoren für den eigenen Markt geschrieben werden.[4]:878–879

Arten der Alternativgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt verschiedene Arten der Alternativgeschichte. In manchen ist die alternative Zeitlinie die einzig existente, manchmal existiert die alternative Zeitlinie parallel zu der dem Leser bekannten realen Zeitlinie (Parallelwelterzählungen), manchmal existieren unendlich viele Zeitlinien gleichzeitig, und manchmal gehen die alternative und reale Zeitlinie durch Zeitreise ineinander über (hierbei wird entweder die alternative Zeitlinie durch den Zeitreisenden verursacht, eine alternative Vergangenheit zur realen Gegenwart korrigiert oder eine Veränderung der realen Zeitlinie durch andere Zeitreisende verhindert („Zeitpolizeigeschichten“)).[3]:11

Außerdem unterscheiden sich Alternativgeschichten durch die Art des Divergenzpunkts. In manchen Fällen wird ein einzelnes Ereignis verändert (z. B. der Ausgang einer Schlacht oder politischen Wahl oder die (Nicht-)Ermordung einer historischen Person), aber die übrigen physikalischen Regeln der Welt und ihrer Bewohner unverändert gelassen. Wieder andere Alternativgeschichten verändern die Grundlagen der Welt (z. B. durch magische Elemente oder Zeitreise), wodurch die beschriebene Zeitlinie fundamental von der realen Zeitlinie unterscheidbar ist. Eine eigene Kategorie bilden hierbei wiederum die unendlichen Parallelweltgeschichten, da in solchen die reale Zeitlinie neben anderen alternativen Zeitlinien existiert, die jeweils verschiedenen Regeln unterworfen sein können.[1]:11–12[3]:11–13

Subgenres und verwandte Genres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt mehrere Subgenres der Alternativgeschichte.

  • Zeitreise ist ein bei Autoren beliebtes Stilmittel, um den/die Protagonisten innerhalb der realen Zeitlinie in die Vergangenheit zu schicken und dort (absichtlich oder unabsichtlich) den Verlauf der Zeit zu ändern, wodurch eine Alternativgeschichte entsteht. Abwandlungen davon sind Erzählungen, in denen der Zeitreisende in der Vergangenheit eine Alternativgeschichte vorfindet und erst durch das eigene Eingreifen die reale Zeitlinie wiederherstellt.[1]:11–12[3]:8
  • Elemente des Fantasy-Genre können in Alternativgeschichten in die Menschheitsgeschichte einfließen, so etwa Magie oder fiktionale Kreaturen. Ein Beispiel hierfür ist die Temeraire-Serie (auf Deutsch: Die Feuerreiter Seiner Majestät) von Naomi Novik, in welcher Drachenreiter in den Koalitionskriegen kämpfen.[1]:5

Separat von der Alternativgeschichte sind Zukunftsvoraussagen, auch wenn diese mitunter ähnlich geschrieben sein können. So etwa erscheint 1984 (erschienen 1948) von George Orwell rückwirkend als Roman der Alternativgeschichte, ist aber aufgrund des Erscheinungsjahres dem Genre der Zukunftsvoraussagen zuzuordnen.[2]:85–87

Unterscheidung von der Geschichtsfälschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alternativgeschichtliche Erzählungen sind Werke der Fiktion, die klar als solche zu erkennen sind. Historische Versuche der Geschichtsfälschung (beispielsweise die Protokolle der Weisen von Zion) sind nicht als Teil der Alternativgeschichte als Genre der Fiktion anzusehen.[2]:115[8]:565

Beispiele der Alternativgeschichte, nach Thema sortiert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Römisches Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erster Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Guido Morselli: Licht am Ende des Tunnels. (Durch einen Alpentunnel gewinnen die Mittelmächte Deutsches Kaiserreich und Österreich-Ungarn den Ersten Weltkrieg. Das Deutsche Kaiserreich verzichtet auf Annexionen und gründet eine Westeuropäische Gemeinschaft), ISBN 3-518-38707-3.
  • Heinrich von Stahls Kaiserfront-Buchreihe spielt in einer Parallelwelt, in der der Erste Weltkrieg anders ausging und die Welt im Jahre 1953 von Außerirdischen angegriffen wird.
  • Hannes Stein: Der Komet. 2013 (Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand entgeht knapp dem Attentat in Sarajevo, und so finden weder der Erste noch der Zweite Weltkrieg statt, die Stadt Wien, wo der Roman spielt, entwickelt sich ganz anders.), ISBN 978-3-86971-067-9.

Weimarer Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus, Adolf Hitler, Holocaust[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kalter Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diverse Szenarien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alternativgeschichte in nichtgedruckten Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doku-Fiction[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fernsehserien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Computerspiele (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfenstein 3D: Am Ende des Spiels tötet man Adolf Hitler.
  • Imperium Romanum (Adventure): Zeitreisepiraten bringen moderne technische Errungenschaften ins antike Rom und verändern damit die Geschichte
  • Command & Conquer: Alarmstufe Rot: 1946 beschließen Wissenschaftler in New Mexico unter Leitung von Professor Albert Einstein, den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, indem sie Adolf Hitler ausschalten, noch bevor er im Deutschen Reich die Macht ergreifen kann. Dadurch wird der Zweite Weltkrieg von der Sowjetunion unter Stalin ausgelöst.
  • Enigma: Rising Tide: Die RMS Lusitania wird 1915 nicht von einem deutschen U-Boot versenkt. Die USA treten nicht in den Ersten Weltkrieg ein und das Deutsche Reich gewinnt den Krieg. 1937 kämpfen somit drei Mächte (Deutsches Kaiserreich, USA und eine Allianz aus Japan und den britischen Kolonien) um die Vorherrschaft.
  • Homefront: In naher Zukunft greift Kim Jong-un mit dem vereinten Korea die Vereinigten Staaten während einer Ölkrise an, der Protagonist schließt sich dem Widerstand gegen die Besatzer an.
  • Homefront: The Revolution: Fortsetzung des ersten Teils, allerdings ohne an dessen Handlung anzuknüpfen, lediglich die Rahmenhandlung um die von Nordkorea besetzten USA wird übernommen.
  • Interstate ’76: Die Ölkrise verschärft sich so weit, dass die gesamte öffentliche Ordnung der USA zusammenbricht und sich auf den Überlandstraßen Polizei, Banditen und Selbstjustizler bekriegen.
  • World in Conflict: Ende der 1980er Jahre überfällt die UdSSR überraschend mehrere europäische Länder und startet mit der Hilfe Chinas eine Invasion an der Nordwestküste der USA.
  • Turning Point: Fall of Liberty: Winston Churchill ist bereits 1931 gestorben und Großbritannien kann Deutschland und den Achsenmächten nicht standhalten. Diesen gelingt es später, in den USA einen von ihnen kontrollierten Präsidenten zu installieren.
  • Sniper Elite (Serie): In mehreren Teilen der Serie kann man Adolf Hitler töten, wobei nicht immer klar ist, ob es sich um ein Double handelt. Im Add-on Zombie Army Trilogy gibt es eine alternative Zeitlinie, in der Hitler gefallene Soldaten als Zombies zurückkehren lässt und daraufhin selbst zum Zombie wird.
  • Wolfenstein: The New Order: Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen und beherrscht die Welt, der Hauptcharakter in dem Spiel schließt sich einem Widerstand an und kämpft im Untergrund gegen das Regime.

Rollenspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • GURPS Infinite Worlds: Durch eine Maschine namens Parachronator ist es der Menschheit gelungen, Parallelweltreisen durchzuführen und diese Welten zum eigenen wirtschaftlichen Zweck auszubeuten.
  • Deadlands: Nach einer Anrufung beherrschen böse Geister den Westen der USA, Kalifornien wurde durch ein Erdbeben in eine Insellandschaft verwandelt und der Sezessionskrieg tobt bereits 15 Jahre.
  • Space: 1889: Ein Steampunk-Setting im ausgehenden 19. Jahrhundert, in dem sich die Äthertheorie bewahrheitet und die Menschheit mit Luftschiffen den Mars kolonisiert.
  • Crimson Skies: Im Zuge der Weltwirtschaftskrise sind die USA in mehrere, einander bekriegende Einzelstaaten zerfallen, die auch von den übrig gebliebenen Großmächten bedrängt werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Emmanuel Carrère: Kleopatras Nase: Kleine Geschichte der Uchronie. Gatza, Berlin 1993, ISBN 3-928262-09-2.
  • Johannes Dillinger: Uchronie. Ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk. Schöningh, Paderborn 2015.
  • Uwe Durst: Zur Poetik der parahistorischen Literatur. In: Neohelicon. XXXI, 2/2004, S. 201–220.
  • Uwe Durst: Drei grundlegende Verfremdungstypen der historischen Sequenz. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte DVjs. 2/2009, S. 337–358.
  • Hans-Heinrich Freitag, Peter Hühn (Hrsg.): Literarische Ansichten der Wirklichkeit. Studien zur Wirklichkeitskonstitution in englischsprachiger Literatur. To honour Johannes Kleinstück. (= Anglo-American forum. Bd. 12). Lang, Frankfurt am Main/ Bern/ Cirencester/U.K. 1980, ISBN 3-8204-6014-4.
  • Jörg Helbig: Die Vergangenheit, die keine war. Über parahistorische Literatur. In: Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 1989. Wilhelm Heyne Verlag, München, ISBN 3-453-03139-3, S. 391–403.
  • Jörg Helbig: Was wäre wenn… 150 Jahre parahistorische Literatur in Großbritannien und den USA. In: Quarber Merkur. 91/92, Franz Rottensteiners Literaturzeitschrift für Science Fiction und Phantastik, Passau 2000, ISBN 3-932621-32-8.
  • Harald Husemann: When William Came; If Adolf Had Come. In: Anglistik und Englischunterricht: Images of Germany. 29/30, 1986, S. 57–83.
  • Hans-Peter von Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte. Theiss, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-8062-2795-6.
  • Gavriel David Rosenfeld: The World Hitler Never Made. Alternate History and the Memory of Nazism. 2005, ISBN 0-521-84706-0. (Rezension)
  • Georg Ruppelt: Nachdem Martin Luther Papst geworden war und die Alliierten den Zweiten Weltkrieg verloren hatten. Literarische Alternativen zur besten der Welten. Wehrhahn Verlag, 2007, ISBN 978-3-86525-096-4.
  • Erik Simon (Hrsg.): Alexanders langes Leben, Stalins früher Tod, und andere abwegige Geschichten. Erzählungen und Berichte aus Parallelwelten, München 1999, ISBN 3-453-14912-2.
  • J. C. Squire (Hrsg.): Wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte, und andere abwegige Geschichten. Erzählungen und Berichte aus Parallelwelten, München 1999, ISBN 3-453-14911-4.
  • Andreas Martin Widmann: Kontrafaktische Geschichtsdarstellung: Untersuchungen an Romanen von Günter Grass, Thomas Pynchon, Thomas Brussig, Michael Kleeberg, Philip Roth und Christoph Ransmayr. (= Heidelberg Studien zur historischen Poetik. 4). Winter, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-8253-5610-1 (zugleich: Dissertation, Universität Mainz).
  • Niall Fergusson: Virtuelle Geschichte – Historische Alternativen im 20. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997, ISBN 3-89678-201-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g Riyukta Raghunath: Possible Worlds Theory and Counterfactual Historical Fiction. Palgrave Macmillan, Cham 2020, ISBN 978-3-03053452-3, Introduction: The Genre of Counterfactual Historical Fiction, S. 1–26 (englisch).
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab ac Richard J. Evans: Altered Pasts: Counterfactuals in History. Hrsg.: Brandeis University Press. 2013, ISBN 978-1-61168-537-4 (englisch).
  3. a b c d e f g h i j Karen Hellekson: The Alternate History: Refiguring Historical Time. Kent State University Press, 2001, ISBN 0-87338-683-3 (englisch).
  4. a b c d Geoffrey Winthrop-Young: The Third Reich in Alternate History: Aspects of a Genre-Specific Depiction of Nazi Culture. In: The Journal of Popular Culture. Band 39, Nr. 5, 2006, S. 878–896.
  5. a b c Harry Turtledove: The Best Alternate History Stories of the Twentieth Century. Hrsg.: Turtledove, Harry & Greenberg, Martin H. Ballantine Publishing Group, 2001, Introduction, S. 3–8.
  6. Catherine Gallagher: War, Counterfactual History, and Alternate-History Novels. In: Field Day Review. Band 3, 2007, S. 52–65.
  7. Gavriel D. Rosenfeld: Why do we ask "What if"?: Reflections on the Functions of Alternate History. In: History and Theory. Band 41, 2002, S. 90–103.
  8. a b Marlene Laruelle: Conspiracy and Alternate History in Russia: A Nationalist Equation for Success? In: The Russian Review. Band 71, 2012, S. 565–580 (englisch).
  9. a b c Gavriel D. Rosenfeld: The World Hitler Never Made: Alternate History and the Memory of Nazism. Cambridge University Press, 2005, ISBN 978-0-521-84706-3 (englisch).