Kanadische Literatur

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Der Begriff Kanadische Literatur bezeichnet Prosa, Dichtung, Drama in englischer und französischer Sprache aus Kanada. Nicht zur kanadischen Literatur werden die traditionellen Literaturen der indianischen Ureinwohner, der Esquimaux (Inuit, Yupik) und der anderen First Nations gezählt.

Merkmale[Bearbeiten]

Die kanadische Literatur wird durch das Neben- und Miteinander anglokanadischer und frankokanadischer Literatur(en) sowie von Einflüssen zahlreicher Minderheiten geprägt. Häufige Sujets, Motive und stilistische Elemente sind:

Anglokanadische Literatur[Bearbeiten]

Die anglokanadischen Schriftsteller wurden durch die literarischen Entwicklungen im kolonialen Mutterland beeinflußt, gefolgt von Einflüssen aus den Vereinigte Staaten sowie aus den Literaturen der zahlreichen Herkunftsländer − durch Immigranten, die nunmehr Englisch schreiben.

Als einer der ersten kanadischen Schriftsteller gilt Thomas Chandler Haliburton (1796–1865), der allerdings zwei Jahre vor der Gründung des Landes verstarb. Zu seinen wichtigsten Werken zählt The Clockmaker (1838).

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten u. a. Mordecai Richler (The Apprenticeship Of Duddy Kravitz), Timothy Findley, Mavis Gallant, Margaret Laurence (The Stone Angel), Irving Layton, Norman Levine und Sheila Watson (The Double Hook) modernistische Impulse in die kanadische Literatur ein. Mit der Southern Ontario Gothic entwickelte sich zudem ein eigenständiges Subgenre der Gothic Novel, bei dem das Leben im südlichen Ontario und die protestantische Mentalität seiner Bewohner im Zentrum der Kritik steht.[1] Zu deren wichtigesten Vertretern zählen Margaret Atwood, Robertson Davies, Marian Engel, Barbara Gowdy, Jane Urquhart und die Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro.

In den 1990er und frühen 2000er Jahren reüssierten zahlreiche neue Autoren, u. a. Caroline Adderson (Pleased to Meet You, The Sky is Falling), Joseph Boyden (Three Day Road, The Orenda), Lynn Coady (Hellgoing, The Antagonist), Douglas Coupland (Generation X, Marshall McLuhan: You Know Nothing of My Work!), Bill Gaston (Gargoyles), Lawrence Hill (The Book of Negroes), Yann Martel (The Facts behind the Helsinki Roccamatios, Life of Pi), Anne Michaels (Fugitive Pieces), Nino Ricci (Lives of the Saints) und David Adams Richards (Mercy Among the Children, Lines on the Water: A Fisherman's Life on the Miramichi).

Frankokanadische Literatur[Bearbeiten]

Der Osten Kanadas wurde zuerst von französischen Siedlern als Neufrankreich kolonisiert. Québec verblieb nach der Ausdehnung der britischen Herrschaft die einzige Region des nordamerikanischen Festlandes mit einer französischsprachigen Mehrheit und prägt als solche die kanadische Literatur.

L'influence d'un livre (1837) von Philippe Aubert de Gaspé (1814–1841) gilt als erster frankokanadischer Roman. Populäre Genres im 19. Jahrhundert waren der Roman du terroir, der das ländliche Leben als Gegenpol zur Industrialisierung feierte, sowie historische Romane. Die frankokanadischen Autoren wurden stark durch französische Literatur beeinflußt, insbesondere durch Honoré de Balzac.
Der römisch-katholische Priester Henri-Raymond Casgrain, der erste Literaturtheortiker aus Québec, sah in der katholischen Moral und im Patriotismus die höchsten Ziele der Literatur. Sein Essay Le mouvement littéraire en Canada (1866) galt über Jahrzehnte als Richtlinie für viele frankokanadische Autoren.[2]
Erst in den 1930er Jahren kam es zu einer stärkeren Hinwendung zu psychologisch und sozialkritisch geprägten Romanformen. Gabrielle Roy und Anne Hébert brachten der frankokanadischen Literatur erste internationale Anerkennung. Nach der Révolution tranquille kam es mit Autoren wie Antonine Maillet und Roch Carrier zu einem weiteren Aufschwung, wobei auch die kulturellen und sozialen Spannungen zwischen den Franko- und Anglokanadiern stärker in den Fokus rückte. Einen experimentalen Zweig der Literatur in Québéc entwickelten u. a. die Dichterin Nicole Brossard sowie die Romanciers Hubert Aquin und Gérard Bessette (Nouveau roman).
In den späten 1970er verhalfen die (anglophone) Literaturwissenschaftlerin Susan Joan Wood und die Science-Fiction-Autorin Judith Merril den Studies of Feminist Science Fiction zur Anerkennung − was sich u. a. in der Gründung des frankokanadischen Science-Fiction-Magazins Solaris niederschlug.

Weitere ausgezeichnete frankokanadische Autorinnen sind Gabrielle Roy, Anne Hébert, Marie-Claire Blais und Antonine Maillet, weitere wichtige frankokanadische Autoren sind der Dichter Hector de Saint-Denys Garneau, der Romancier Jacques Poulin sowie der Dramatiker Michel Tremblay, der das Joual (die Umgangssprache der Arbeiterklasse Québecs) auf die Bühne brachte.

Literatur von Minderheiten[Bearbeiten]

Eine kanadische Besonderheit sind die anglophone Binnenminderheit im frankophonen Québec und die frankophone Minderheit im restlichen Kanada. So lebten etwa die anglophonen Dichter Louis Dudek und Irving Layton und die Romanschriftsteller Hugh MacLennan und Mordecai Richler in Montreal, Québec. Aus dem anglophonen, jüdischen Teils Montreals stammt auch Leonard Cohen.

Eine bekannte englischsprachige First Nations Dichterin ist die Mi’kmaq Rita Joe.

1967 erhöhte die kanadische Regierung die finanzielle Unterstützung für Verleger, was zu einem starken Anstieg kleiner Verlage im ganzen Land führte. Nach Premierminister Pierre Trudeaus Announcement of Implementation of Policy of Multiculturalism within Bilingual Framework (1971) wurde Kanadas literarische Szene noch diverser.
Zu den erfolgreichen Autoren der eingewanderten Minderheiten zählen Marie-Célie Agnant (aus Haiti), Ryad Assani-Razaki (aus Benin), Clark Blaise (aus den Vereinigte Staaten), Adrienne Clarkson (aus Hong Kong), Rawi Hage (aus dem Libanon), Dany Laferrière (aus Haiti), Erin Mouré (aus Galizien), Joy Nozomi Nakayama (japanische Community), Samuel Dickson Selvon (aus Trinidad und Tobago), Russell Claude Smith (aus Südafrika), Moyez G. Vassanji (aus Kenia) und Rudy Wiebe (deutschstämmig mit Plautdietsch als Muttersprache).

Erfolgreiche Autoren im 20./21. Jahrhundert (Auswahl)[Bearbeiten]

Alice Munro[Bearbeiten]

Alice Munro hat die Struktur von Kurzgeschichten revolutioniert. Neben zahlreichen kandischen Preisen und dem Booker Prize (2009) wurde sie 2013 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.

Margaret Atwood[Bearbeiten]

Zu Margaret Atwoods wichtigsten Arbeiten zählt ihre Analyse des kanadischen Überlebenswillens, Survival (1972), der Gedichtband The Journals of Susanna Moodie (1970), der dasselbe Thema behandelt und ihr Roman Surfacing (1972), auf deutsch Der lange Traum Surfacing wurde als „Schlüsselwerk der kanadischen Literatur“ bezeichnet und mit ihm gelang Atwood der internationale Durchbruch.

Carol Shields[Bearbeiten]

Carol Shields ist in Illinois geboren, heiratete 1957 jedoch einen Kanadier und lebte und arbeitete seitdem in Kanada. Sie hat sich, wie Atwood, intensiv mit Susanna Moodie befasst. Shields hat eine Reihe von preisgekrönten Romanen geschrieben. u. a. das Pulitzer-Preis-Buch The Stone Diaries (1993), deutsch Das Tagebuch der Daisy Goodwill, Larry’s Party (1997) und Unless (2002), deutsch Die Geschichte der Reta Winters, der für den Scotiabank Giller Prize nominiert war. Shields starb 2003 an Krebs.

Michael Ondaatje[Bearbeiten]

Michael Ondaatje erhielt 1970 den renommierten Governor General’s Award for Poetry. Die Jazz-Novelle Coming through Slaughter (1976), aber vor allem der Toronto-Roman In the Skin of a Lion (1987) waren frühe anerkannte Werke. Der englische Patient (1992) und seine Verfilmung machten aus ihm einen international bekannten Namen.

Samuel Selvon[Bearbeiten]

Der auf Trinidad geborene Samuel Dickson Selvon (1923–1994) war 1950 nach London emigriert. Dort verfaßte er sein bekanntestes Buch The Lonely Londoners (1956). Seit 1978 lebte er in Kanada, in Calgary (Alberta), wo er u. a. die Romane Moses Migrating (1983) und Foreday Morning (1989) veröffentlichte. Er schrieb als Erster kanadische Romane in kreolisiertem Englisch. Sein Werk wurde zweifach mit dem Guggenheim Fellowship gefördert sowie mit der Hummingbird Medal (1969) und der Chaconia Medal (1994) geehrt.[3]

Jane Urquhart[Bearbeiten]

Jane Urquhart stammt aus Longlac (Greenstone) in Nord-Ontario. Sie besuchte eine Privatschule in Toronto und studierte Englisch und Kunstgeschichte in Guelph. Ihr erster Roman, The Whirlpool (1986) erhielt 1992 als erstes kanadisches Buch den französischen Prix du Meilleur Livre Etranger (Preis für den besten ausländischen Roman). The Underpainter erhielt 1997 den Governor General’s Award for Fiction.

Dany Laferrière[Bearbeiten]

Dany Laferrière wanderte 1976 von Haiti nach Kanada aus und wurde mit seinem Debütroman Comment faire l'amour avec un nègre sans se fatiguer berühmt. 2009 wurde sein Roman L'Énigme du retourder mit dem französischen Literaturpreis Prix Médicis ausgezeichnet. Er wurde 2013 als erster Kanadier (und erster Haitianer) zum Mitglied der Académie française gewählt wurde.

Literaturpreise (Auswahl)[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eugene Benson und William Toye (Hrsg.), The Oxford Companion to Canadian Literature, Oxford University Press Canada: Don Mills 1997, S. 1085.
  2. „Casgrain, Henri-Raymond“ auf: Dictionnaire biographique du Canada, abgerufen am 27. Juli 2015 (französisch, englisch).
  3. „Samuel Selvon“ auf: National Library and Information System Authority of Trinidad and Tobago, abgerufen am 27. Juli 2015 (englisch).