Rudolf Thome

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rudolf Thome (Mitte) mit Esther Zimmering und Josef Schnelle beim Filmgespräch zu Ins Blaue, Festival des deutschen Films, 2013

Rudolf Thome (* 14. November 1939 in Wallau (Lahn), Hessen) ist ein deutscher Regisseur. Beeinflusst vor allem von der Nouvelle Vague und Howard Hawks [1] entwickelte Thome eine ganz eigene Erzählweise.[2] Vordergründig „einfach und radikal“ zugleich[3] wirken seine Filme „oft schwerelos und leicht“.[4] Im Zentrum seiner Filme spielen Liebesbeziehungen, die auf eine sanft humorvolle Weise erzählt werden.[2] Eine zusätzliche Lebendigkeit erfahren seine späteren Spielfilme durch dialogische Improvisationen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thome ist der Sohn eines Buchhändlers und wuchs in einer ländlichen Umgebung auf.[2] Nach dem frühen Tod seiner Mutter[5] besuchte er zwei Internate, zuletzt die Evangelische Internatsschule Gaienhofen.[6]

München-Schwabing[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte ab 1960 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und danach an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Noch als Student begann er eine Doktorarbeit über den Roman Sonne und Mond (1962) von Albert Paris Gütersloh, die er nicht mehr abschloss.[7] Erste Kurzfilme entstanden in München ab 1965, der erste Spielfilm 1968. Thome war seit 1962 auch als Filmkritiker tätig, vor allem für die Süddeutsche Zeitung, Filmkritik und später auch für den Berliner Tagesspiegel. 1965 gründete er gemeinsam mit Klaus Lemke und Max Zihlmann die Filmproduktionsfirma Alexandra-Film,[8] benannt nach der kanadischen Schauspielerin Alexandra Stewart, in die Zihlmann verliebt war.[9] Im selben Jahr wurde er auch Geschäftsführer des Clubs Münchner Filmkritiker.[6] 1965 bildeten Rudolf Thome, Klaus Lemke, Max Zihlmann, Peter Nestler sowie Jean-Marie Straub und Daniele Huillet eine informelle Münchner Gruppe als Unterzeichner eines „Zweiten Oberhausener Manifests“. Es wurde jedoch nicht publiziert und diente daher in erster Linie dazu, ihr Selbstverständnis zu formulieren. Der Anlass dazu war unter anderem die Ausgrenzung ihrer Filme durch die „Oberhausener“ und deren „Nepotismus“.[10]

„(W)ir machten [...] ein gemeinsames Flugblatt, so eine Art neues Oberhausener Manifest. Das natürlich gegen die etablierten Oberhausener gerichtet war, gegen deren Forderung nach einem gesellschaftlich relevanten Film, in dem wir nur einen modischen Aufguß des alten deutschen Problemfilms der fünfziger Jahre sahen. Wir wollten ein Kino, das so aussah wie die Filme von Hawks und von Godard. Ein Kino, das Spaß macht. Ein Kino, das einfach war und radikal.“

Rudolf Thome, 1980.[11]

Mit seinem Spielfilm Rote Sonne (1970) traf er das Lebensgefühl der 1968er-Generation. Rote Sonne ist eine „Hommage an den amerikanischen Gangsterfilm“ als film noir, der jedoch mit „Ironie, Leichtigkeit und Witz“ erzählt wird.[12] Uschi Obermaier, später ein Mitglied von Kommune 1, hatte hier ihren zweiten Filmauftritt nach dem Schauspiel-Debüt in Detektive (1968). Im Laufe der Jahre gewann der Film immer mehr an Anerkennung.[3]

Berlin-Kreuzberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da sein langjähriger Drehbuchautor Max Zihlmann 1973 nicht mit Thome von Schwabing nach West-Berlin umziehen wollte, entwickelte Thome aus dieser Notlage heraus das Stilmittel der dialogischen Improvisation, der er seitdem treu geblieben ist. Vorübergehend arbeitete er in den 1970er-Jahren als Kreditsachbearbeiter für eine Bausparkasse[6] und für das Programm-Kino Arsenal. 1977 gründete er seine heutige Produktionsfirma Moana-Film, die häufig mit der ARD-Produktionsfirma Degeto zusammenarbeitete.[13] Moana (1926) ist auch der Titel eines dokumentarischen Filmklassikers über Südseebewohner auf Samoa und Thomes erste Filmproduktion für seine neue Firma (Beschreibung einer Insel, 1978) spielte ebenfalls auf einem Südsee-Atoll namens Ureparapara, diesmal jedoch ein dokumentarisch gehaltener Spielfilm über Ethnologen.[14] Später bekannte er sich zur außerordentlichen Bedeutung dieses Filmexperiments an diesem Sehnsuchtsort, das er mit seiner früheren Lebensgefährtin Cynthia Beatt verwirklicht hatte.[15]

Seit 1999 schreibt Thome seine Drehbücher im Internet, d. h., er stellt seine Notizen ins Internet, für die er sich jedes Mal eine Frist von 28 Tagen setzt.[16] In seinem Spielfilm Venus im Netz oder Venus.de (2000) machte er diese öffentliche Arbeitsweise zu einem Film-Plot. Von System ohne Schatten (1983) an verwendete er auch als einer der ersten deutschen Regisseure den Computer als Filmsujet.[4] Im Oktober 2003 begann Thome mit dem Moana-Tagebuch,[17] einem Blog mit Bildern und Videoclips, den einige Leser wie Beat Presser als ein „Gesamtkunstwerk“ bezeichnen.[18]

Filmstil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thome ist einer der wenigen deutschen Regisseure seiner Generation, die regelmäßig Kinofilme drehen, wenn auch sehr am Rande des Filmbetriebs. Die Pariser Filmzeitschrift Cahiers du cinéma, deren regelmäßiger Leser er früher war,[2] bezeichnete ihn 1980 als den wichtigsten unbekannten deutschen Regisseur.[19] Zu seinen Lieblingsdarstellern gehören Hanns Zischler, Johannes Herrschmann, Adriana Altaras, Sabine Bach und Hannelore Elsner.

Thome gilt seit 1980 als ein unaufdringlicher Portraitist von Liebesbeziehungen und Beziehungsproblemen des Bildungsbürgertums, die hauptsächlich an Schauplätzen in und um Berlin spielen. Frauen nehmen in seinen Filmen souveräne und selbstbewusste Rollen ein.[20] „Seine Frauen sind durch ihren Realitätssinn und ihr pragmatisches Handeln den Männern immer überlegen“, so Regisseur Goggo Gensch, der Thome auch deshalb als einen „Regisseur der Frauen“ bezeichnet.[4] Ein häufig wiederkehrendes Sujet sind Science-Fiction-Motive wie Zeitreisende und der Besuch von Außerirdischen wie in Supergirl – Das Mädchen von den Sternen, Die Sonnengöttin, Der Philosoph und Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan. Häufig wurde Thomes Stil mit dem von Éric Rohmer verglichen, doch Thome wehrte ab, da Rohmer seine Schauspieler bereits ein halbes Jahr vor Drehbeginn mit dem Filmstoff vertraut gemacht habe.[21]

Degeto[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2011 hat Degeto ihre Finanzierung von Thomes Filmen eingestellt. Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland stellt diesen Vorgang in einen Zusammenhang mit dem allgemeinen Desinteresse an Autorenfilmen bei staatlichen und privaten Finanziers. Der „Fall Thome“ belege, „das deutsche Kino ist in der Krise“. Das Autorenkino verschwinde und auf „internationalen Filmfestivals wurden in den letzten Jahren immer weniger deutsche Filme gezeigt.“[22] Der Filmkritiker Hanns-Georg Rodek weist darauf hin, dass Degetos Thome-Boykott keine wirtschaftlichen Gründe haben könne, da Thomes Filme in der Regel ihre Kosten eingespielt hatten. Rodek deutet zugleich an, dass mit der neuen Degeto-Leiterin Christine Strobl, einer Tochter von Finanzminister Wolfgang Schäuble, der Finanzierungsstop kulturpolitisch motiviert gewesen war.[23]

Im Frühjahr 2016 übergab Thome viele Filmrollen, Requisiten, Drehbücher, Kostüme und Plakate als Vorlass dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main.[24]

Privatleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rudolf Thome war dreimal verheiratet, er hat drei Söhne und die Tochter Joya, die ebenfalls als Regisseurin[25] arbeitet. Dazu ergänzte er 2011, dass es „in meinem Leben wohl sieben wichtige Frauen“ gab. Er lebt in Berlin-Kreuzberg und abwechselnd seit 1997[26] auf einem alten Bauernhof im südbrandenburgischen Niendorf (Ihlow).

Filmografie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dokumentarfilme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rudolf Thomes letzter Filmversuch. Fernseh-Reportage, Deutschland, 2016, 3:56 Min., Buch und Regie: Steffen Prell, Produktion: rbb, Reihe: rbb|24, Internetpublikation: 20. Februar 2016 bei rbb online, Inhaltsangabe und Online-Video von rbb.
  • Rudolf Thome: Der magische Realist. (Alternativtitel: Liebe auf den ersten Blick. Das Kino des Rudolf Thome.) Gespräch, Deutschland, 1991, 21 Min., Buch und Regie: Norbert Grob, Produktion: ARD, Erstsendung: 5. Januar 1992 bei ARD, Online-Video von moanafilm, Teil 2.
  • … das, was ich vielleicht am besten kann … Das Kino des Rudolf Thome. Dokumentarfilm, BR Deutschland, 1983, 43:30 Min., Buch und Regie: Stefan Dutt und Peter Hornung, Produktion: Saarländischer Rundfunk, Online-Video von moanafilm (Teil 2 bis Teil 5).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rudolf Thome – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Artikel

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rudolf Thome bei filmportal.de – Biografie
  2. a b c d Dinara Maglakelidze: Interview mit Rudolf Thome. In: Nationale Identitäten in den westdeutschen und georgischen Autorenfilmen, S. 221.
  3. a b Ulrich Kriest: Ethnograf des Inlands. Das Mysterium des Lebens: Passagen durch die Filme von Rudolf Thome. (Memento vom 23. November 2009 im Internet Archive) In: film-dienst, 2004.
  4. a b c Goggo Gensch: Radikal einfach – radikal gut. Über die Filme des immer noch viel zu unbekannten Rudolf Thome. In: der Freitag, 5. August 2014.
  5. Rudolf Thome: Tagebucheintrag 7. Oktober 2015. In: moana.de.
  6. a b c Biografie Rudolf Thome auf moanafilm.
  7. Rudolf Thome im Gespräch mit Karlheinz Oplustil und Gudrun Max in Berlin, 17. Januar 2009. In: moana.de.
  8. Rudolf Thome bei filmportal.de
  9. Rudolf Thome: Sort of Autobiography (1980). In: moana.de, gedruckt als: That's Utopia: The Cinema of My Dreams (1979), in: Eric Rentschler (ed.), West German Filmmakers on Film: Visions and Voices, Holmes & Meier, New York 1988, ISBN 0-8419-0984-9, S. 52–53.
  10. Retrospektive: Münchner Gruppe. In: Internationales Kurzfilm Festival Hamburg 2008 (IKFF).
  11. Rudolf Thome: Überleben in den Niederlagen. In: Filme – Neues und Altes vom Kino, Nr. 1, Januar / Februar 1980, zitiert in: Ulrich Kriest: Ethnograf des Inlands. Das Mysterium des Lebens: Passagen durch die Filme von Rudolf Thome. (Memento vom 26. Februar 2013 im Webarchiv archive.is). In: film-dienst, 2004.
  12. Offenbarungen der Liebe. Rudolf Thome feiert am 14. November 2009 seinen 70. Geburtstag. In: arthaus, 13. November 2009, aufgerufen am 29. Oktober 2016.
  13. Ariane Heimbach: „Ich bin niemand, der Lust an der Macht hat.“ In: die tageszeitung vom 13. Januar 2011, Interview.
  14. Filmkritiken zu «Beschreibung einer Insel». (Memento vom 17. Februar 2008 im Internet Archive). In: moana.de.
    Inhaltsangabe: Beschreibung einer Insel. In: filmportal.de, 14. Juni 2016.
  15. Rudolf Thome: Tagebucheintrag 2. August 2014. In: moana.de: „Dieser Film hat sich mehr als jeder andere, den ich gedreht habe, in meiner Seele festgefressen.“
    Rudolf Thome: Tagebucheinträge 27. März 2015ff. In: moana.de, mit Szenenbildern.
  16. Moana Drehbücher auf moana.de
  17. Rudolf Thome: Moana – Tagebücher. In: moana.de, 9. Mai 2016, aufgerufen am 17. September 2016.
  18. Rudolf Thome: Tagebucheintrag 30. Januar 2014. In: moana.de.
  19. Pressemitteilung: Rudolf Thome zum 70. Geburtstag: Vier Fernsehpremieren und acht Klassiker des Autorenfilmers im November 2009 im Ersten. In: Das Erste, 9. Oktober 2009.
  20. a b Silvia Hallensleben: Die Sonnengöttin. In: epd Film, 1994, Nr. 1, Rezension.
  21. Bodo Morshäuser: Mit Rote Sonne hat Rudolf Thome deutsche Filmgeschichte geschrieben. Seine neuen Filme Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan und Just Married laufen im Kino. In: tip, 1998, Nr. 19, Interview mit Thome.
  22. Rüdiger Suchsland: Stand der Dinge im deutschen Film. Es fehlt die internationale Relevanz. In: SWR, 2. Februar 2016.
  23. Hanns-Georg Rodek: Das ist der größte Regisseur, den keiner kennt. In: Die Welt, 18. September 2016.
  24. Rudolf Thome: Tagebucheinträge 5. – 14. April 2016. In: moana.de.
  25. Moana – Tagebücher auf Thomes Blog
  26. Rudolf Thome: Tagebucheintrag 8. März 2016. In: moana.de.
  27. Besprechungen: Liebe auf den ersten Blick. In: Moana-Film / Prometheus, 15. April 1999.
  28. Paradiso – Sieben Tage mit sieben Frauen. In: Zweitausendeins.
  29. Ekkehard Knörer: Serpil Turhans «Überall Blumen». In: Cargo, 15. September 2016, Rezension.