Autoritarismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Autoritarismus (französisch autoritaire ‚befehlerisch‘, ‚herrisch‘; lateinisch auctoritas ‚Einfluss‘, ‚Geltung‘, ‚Macht‘) gilt in der Politikwissenschaft als eine diktatorische Form der Herrschaft, welche zwar zwischen Demokratie und dem diktatorischen Totalitarismus liegt, sich von diesem aber klar unterscheidet. Es handelt sich also um einen Systemtyp sui generis. Aus dieser Abgrenzung ergeben sich nach Juan Linz (1975) drei zentrale Definitionsmerkmale:

  1. begrenzter Pluralismus,
  2. keine umfassend formulierte Ideologie,
  3. weder extensive noch intensive Mobilisierung.[1]

Der begrenzte Pluralismus ist als zentrales Abgrenzungsmerkmal zu sehen. Der Handlungsspielraum von politischen und gesellschaftlichen Akteuren hängt weitgehend von der autoritären Staatsführung ab.

In Abgrenzung zum Totalitarismus ist für den Autoritarismus zutreffender von Mentalitäten zu sprechen als von (politischen) Ideologien und Weltanschauungen. Mentalität ist nach Theodor Geiger (1932) „subjektive Ideologie“, aber „objektiver Geist“.[2] Mentalitäten sind psychische Prädispositionen und funktionieren formlos.

Das Fehlen einer klaren Ideologie bewirkt einen Verlust der Mobilisierungsfähigkeit, der Bevölkerung fehlt eine emotionale Bindung an das System. Daher formulieren autoritäre Regime ihre Politik pragmatisch und versuchen gleichzeitig, allgemeine Wertvorstellungen wie Patriotismus, Nationalismus, Modernisierung, Ordnung usw. durchzusetzen.

Soziale und politische Basis autoritärer Systeme[Bearbeiten]

Autoritäre Systeme werden von bestimmten sozialen Kräften einer Gesellschaft getragen. Diese bilden gegebenenfalls ihre oligarchische Machtbasis. Diese sozialen Kräfte können in z. B. zivile und militärische Kräfte unterteilt werden. Das heißt, autoritäre Staaten können zivil, militärisch, tribal, religiös oder bürokratisch usw. gestützt sein.

Legitimationsmuster autoritärer Systeme[Bearbeiten]

Max Weber beschreibt drei Formen der Legitimation: traditionelle, charismatische und rationale Legitimität. In Bezug auf autoritäre Systeme sind nur die traditionelle und charismatische Legitimität von Bedeutung. Traditionell bedeutet nach Max Weber: „die Autorität des ewig Gestrigen: der durch unvordenkliche Geltung und gewohnheitsmäßige Einstellung auf ihre Innehaltung geheiligter Sitten“ – dieses Legitimationsmuster trifft vor allem auf autoritäre Staaten zu, in denen die Religion als Legitimation für den Herrschenden gilt und das Politische nicht vom Sakralen getrennt ist. Beispiele hierfür sind Saudi-Arabien und der Iran, wobei Anklänge an dieses Muster auch in Teilen der westlichen Welt (z. B. Bible Belt), wenn auch mit beschränktem Einfluss, vorzufinden sind. Charismatisch bedeutet nach Max Weber: „aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene, gläubige, ganz persönliche Hingabe“ – dieses Legitimationsmuster trifft vor allem auf Länder zu, in denen ein politischer Führer Anerkennung in der Bevölkerung erworben und seine Herrschaft in einem autoritären System verankert hat. Als ein Beispiel hierfür kann Kuba unter Fidel Castro angesehen werden.

Strukturmuster der politischen Macht[Bearbeiten]

In autoritären Systemen ist die Macht in der Regel zentralisiert. Eine horizontale Gewaltenteilung besteht oberflächlich betrachtet allerhöchstens formal. Vergleicht man Industrie- und Entwicklungsländer, kann ein höheres Maß an Personalisierung des Politischen festgestellt werden. Als personalistisch bezeichnet man eine Führung dann, wenn sie in einer Person konzentriert ist.

Beziehung zwischen Machthabern und Herrschaftsunterworfenen[Bearbeiten]

Das wesentliche Element im Verhältnis von Machthabern und Machtunterworfenen ist die Gewalt „von oben“, meist in Form einer Geheimpolizei, deren Zweck darin besteht, die politische Macht der herrschenden Klasse zu schützen und jegliche Form der Opposition zu unterdrücken. Die politische Partizipation wird von den Machthabern entweder unterbunden oder gesteuert.

Typologie autoritärer Regime[Bearbeiten]

Folgende Typen autoritärer Regime wurden von Juan J. Linz systematisiert. Sie sind idealtypisch und nur selten deckungsgleich mit real existierenden Regimen.

Bürokratisch-militärisches Regime[Bearbeiten]

Merkmale:

  • keine mobilisierungsfähige Partei
  • Führung: a-charismatische Militärs
  • Mentalität pragmatisch

Dieser Typ folgt meist auf ein liberal-demokratisches System, das über keine Systemloyalitäten oder keine stabile Regierung verfügte.

Beispiele:

Autoritärer Korporativismus[Bearbeiten]

Merkmale:

  • vom Staat verfügte Prozedur der Interessenrepräsentation
  • zwangsadministrative Begrenzung innergesellschaftlicher Konflikte

Ideologische Alternative für Gesellschaften, die infolge ihrer ökonomischen und sozialen Komplexität nicht allein mit technokratisch-autoritären Mitteln regiert werden können.

Beispiele:

Mobilisierende autoritäre Regime[Bearbeiten]

Merkmale:

  • emotionale Legitimationsformen durch eine affektive Identifikation mit der Regierung
  • plebiszitäre Beteiligungsformen sollen dabei helfen, die Unterstützung zu sichern.

Beispiele:

Postkoloniale mobilisierende Regime[Bearbeiten]

Merkmale:

  • begrenzter Pluralismus
  • relative Autonomie der Gesellschaft
  • Heterogene politische Tendenzen und Kräfte

Vor allem im nachkolonialen Afrika ließen soziale und ökonomische Disparitäten, ethnische, linguistische und religiöse Unterschiede der Bevölkerung und eine schwache Bürokratie viele Staatsführer glauben, dass nur ein autoritär geführter Staat Erfolg verheißen würde. Die meisten dieser Regime sind Militärputschen oder der Umwandlung in rein persönliche Herrschaften zum Opfer gefallen.

Beispiele:

Neopatrimoniale Regime[Bearbeiten]

Unter Neopatrimonialismus wird ein, besonders häufig in Afrika anzutreffender Herrschaftstyp bezeichnet, der als eine Mischform aus klassisch-patrimonialer und legal-rationaler Herrschaft angesehen werden kann. Als Regimetyp ist er zwischen Autokratie und Demokratie anzusiedeln. Kennzeichnende Bestandteile des Neopatrimonialismus sind Klientelismus und politische Patronage.

Beispiele:

Rassen- und ethnische „Demokratien“[Bearbeiten]

Merkmale:

  • bestimmte ethnische Gruppen werden von der pol. Partizipation ausgeschlossen und besitzen keine demokratischen Rechte

Es wird nicht nur Druck auf die diskriminierte, in den historischen Beispielfällen nicht-weiße Bevölkerung ausgeübt, sondern auch auf Dissidenten aus der privilegierten Schicht (historisch: Weiße), die die Trennungspolitik bekämpfen und in Frage stellen.

Beispiele:

Unvollständige totalitäre und prätotalitäre Regime[Bearbeiten]

Merkmale:

Der Prätotalitarismus bezeichnet die Übergangsphase zum Totalitarismus

Beispiele:

Posttotalitäre autoritäre Regime[Bearbeiten]

Merkmale:

  • Verblassen utopischer Fernziele, Ritualisierung bzw. formelhafte Erstarrung der Ideologie
  • graduelle soziale, ökonomische und kulturelle – jedoch keine politische − Repluralisierung
  • bürokratischer Führungsstil der politischen Eliten, Tendenz zur Verrechtlichung des Herrschaftshandelns
  • Ritualisierung bzw. Erstarrung der gesellschaftlichen Mobilisierung, bei teilweiser Duldung oder gar Förderung der Flucht ins Privatleben

Der Posttotalitarismus bezieht sich vor allem auf die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Satellitenstaaten seit der Entstalinisierung. Diese Kategorie enthält noch weitere Subtypen.

Subtypen:

  • früher Posttotalitarismus: Bulgarien (1988/89)
  • eingefrorener Posttotalitarismus: DDR (1971−1989), Tschechoslowakei (1977−1989)
  • reifer Posttotalitarismus: Ungarn (1982−1988)
  • Posttotalitarismus mit sultanistischen Zügen: Rumänien unter Ceaușescu
  • Übergang vom Posttotalitarismus zum Autoritarismus: Polen (1980er Jahre)

Beispiele für autoritäre Staaten[Bearbeiten]

Beispiele für autoritäre Systeme waren oder sind

Merkmale ihrer Herrschaft sind die Zensur der Presse, die Verfolgung der politischen Gegner und die Inhaftierung von Missliebigen.

Autoritarismus in der Sozialpsychologie[Bearbeiten]

Der Autoritarismus wird sozialpsychologisch als eine Einstellung, häufig auch als eine Persönlichkeitseigenschaft aufgefasst (autoritäre Persönlichkeit bzw. autoritärer Charakter) oder dient als Oberbegriff für faschistoide und antidemokratische Einstellungen. Psychologisch ist der Begriff doppeldeutig, denn er beschreibt einerseits ein extrem dominantes Verhalten, andererseits die Bereitschaft zur Unterwerfung unter Ranghöhere. Insofern hängen Autoritarismus und Gehorsam zusammen. In ihren bekannten und viel diskutierten Experimenten haben Stanley Milgram (Milgram-Experiment) und Philip Zimbardo (Stanford-Prison-Experiment) das beobachtete Gehorsamkeitsverhalten unter simulierten, für die Teilnehmer realistisch wirkenden Bedingungen untersucht und nach Zusammenhängen mit anderen sozialen Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmalen gefragt.

Autoritarismus im psychologischen Experiment[Bearbeiten]

In seinen Schlussfolgerungen aus dem Stanford Prison Experiment, einer psychologischen Studie über das menschliche Verhalten in Gefangenschaft, schreibt Philip Zimbardo: „The only link between personality and prison behavior was a finding that prisoners with a high degree of authoritarianism endured our authoritarian prison environment longer than did other prisoners.“ (Die einzige Verbindung zwischen Persönlichkeit und Gefängnisverhalten war der Befund, dass Gefangene mit einem hohen Grad an Autoritarismus unsere autoritäre Gefängnisumgebung länger ertrugen als andere Gefangene.)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jürgen Hartmann: Vergleichende Regierungslehre und Systemvergleich. In: Dirk Berg-Schlosser, Ferdinand Müller-Rommel (Hrsg.): Vergleichende Politikwissenschaft. 4. Aufl., Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 1997, ISBN 978-3-8100-3860-9, S. 31 ff.
  • Werner Herkner: Lehrbuch der Sozialpsychologie. 6. Aufl., Huber, Bern 2001, ISBN 3-456-81989-7.
  • Juan José Linz: Autoritäre Regime. In: Dieter Nohlen (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik, Piper, München/Zürich 1996, ISBN 3-492-22070-3, S. 40–43.
  • Juan José Linz: Totalitäre und autoritäre Regime. Herausgegeben und übersetzt von Raimund Krämer. 3. Auflage. Potsdamer Textbücher 4. WeltTrends, Potsdam 2009. ISBN 978-3-941880-00-9.
  • Juan José Linz: Ein autoritäres Regime: Der Fall Spanien. Herausgegeben und übersetzt von Raimund Krämer und Christoph Sebastian Widdau. Potsdamer Textbücher 13. WeltTrends, Potsdam 2011. ISBN 978-3-941880-35-1.
  • Dieter Nohlen: Autoritäre Systeme. In: Peter Waldmann, Klaus Ziemer (Hrsg.): Die östlichen und südliche Länder (= Lexikon der Politik in 7 Bändern, Bd. 4), Beck, München 1997, ISBN 3-406-36908-1, S. 67–74.
  • Susanne Rippl, Christian Seipel, Angela Kindervater (Hrsg.): Autoritarismus. Kontroversen und Ansätze der aktuellen Autoritarismusforschung. Leske und Budrich, Opladen 2000, ISBN 3-8100-2634-4.
  • Bernd Six: Generalisierte Einstellungen. In: Manfred Amelang (Hrsg.): Enzyklopädie der Psychologie. Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung, Band 3. Hogrefe, Göttingen 1966, ISBN 978-3-8017-0553-4, S. 1–50.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Juan J. Linz: Totalitarian and Authoritarian Regimes. In: Fred I. Greenstein, Nelson W. Polsby (Eds.): Handbook of Political Science. Vol. 3: Macropolitical Theory. Addison-Wesley, Reading 1975, ISBN 0-201-02603-1, S. 175−411.
  2. Theodor Geiger: Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage. Enke, Stuttgart 1932 [ND ebd. 1987], ISBN 3-432-96201-0, S. 77 ff.
  3. Sebastian Heilmann: Das politische System der Volksrepublik China. 2. Auflage. VS Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-33572-3.