Bronisław Komorowski

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Dieser Artikel erläutert den polnischen Präsidenten; für den polnischen Geistlichen und Seligen siehe Bronisław Komorowski (Priester).
Bronisław Komorowski (2013)
Unterschrift von Bronisław Komorowski
Komorowski mit dem damaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff (Juli 2010)

Bronisław Maria Karol Komorowski [brɔˈɲiswaf kɔmɔˈrɔfskʲi] ( anhören?/i) (* 4. Juni 1952 in Oborniki Śląskie) ist ein polnischer Politiker und seit dem 6. August 2010 Präsident Polens. Komorowski gehört der Partei Bürgerplattform (Platforma Obywatelska) an. Er war von 2000 bis 2001 Verteidigungsminister Polens und von 2007 bis zum 8. Juli 2010 Sejmmarschall.

Jugend und Studium[Bearbeiten]

Bronisław Komorowski ist ein Sohn von Graf Leon Zygmunt Komorowski (1924–1993), Professor für Afrikanistik an der Warschauer Universität, und Jadwiga Komorowska, geborene Szalkowska (* 1921). Seine Familie stammte aus Kowaliszki in Oberlitauen (im Nordosten der heutigen Republik Litauen).[1][2] Über 200 Jahre lang regierten die Komorowskis die um die Stadt Żywiec gelegene Region Żywiecczyzna in der heutigen Woiwodschaft Schlesien.

Bronisław Komorowski wurde in Oborniki Śląskie geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Posen. 1957 bis 1959 lebte er in der Stadt Józefów, anschließend bis 1966 in Pruszków, wo er auch die Grundschule besuchte. Von Pruszków zog er nach Warschau, wo er seine Schulausbildung beendete. Zuletzt besucht er dort das Cyprian-Kamil-Norwid-Gymnasium (XXIV LO im. Cypriana Kamila Norwida). In Warschau begann Komorowski seine Aktivitäten in der demokratischen Oppositionsbewegung und wurde dafür 1971 kurzzeitig inhaftiert.

An der Universität Warschau studierte Komorowski an der geschichtswissenschaftlichen Fakultät, die er 1977 mit dem Magistergrad verließ. Nach dem Abschluss seiner Universitätsausbildung arbeitete er für die Zeitung Słowo Powszechne der katholischen Laienvereinigung Pax.

Politische Laufbahn[Bearbeiten]

Demokratische Opposition in der Zeit des Kommunismus[Bearbeiten]

Im kommunistischen Polen war er für die demokratische Opposition als Herausgeber im Untergrund tätig. Unter anderem gab er zusammen mit Antoni Macierewicz monatlich die Zeitung Głos heraus.

1980 wurde er zusammen mit anderen Angehörigen der Ruch Obrony Praw Człowieka i Obywatela (Bewegung zum Schutz der Menschen- und Bürgerrechte) wegen der Organisation einer illegalen patriotischen Demonstration am Tag der Unabhängigkeit vor dem Grabmal des unbekannten Soldaten in Warschau am 11. November 1979 zu einem Monat Freiheitsstrafe verurteilt.

1980 bis 1981 war er im Zentrum für Gesellschaftliche Forschung der Gewerkschaft Solidarność tätig. Am 28. September 1981 war er einer der Unterzeichner der Gründungserklärung der Klubs im Dienste der Unabhängigkeit (Kluby Służby Niepodległości).

Nachdem die Solidarność mit der Ausrufung des Kriegsrechts 1981 verboten wurde, war er vom Dezember 1981 bis Juni 1982 interniert. Anschließend wurde er Lehrer in einem katholischen Seminar in Niepokalanów.[3]

Dritte Republik (ab 1989)[Bearbeiten]

Bronisław Komorowski und Papst Benedikt XVI. (Oktober 2010)

1989, mit dem Ende der Volksrepublik Polen und der Entstehung der so genannten Dritten Polnischen Republik, wurde Komorowski Mitglied des Sejm. 1989 bis 1990 war er Kabinettsdirektor im Amt des Ministerrates, und 1990 bis 1993 stellvertretender Verteidigungsminister im zivilen Bereich für Bildung und Gesellschaftliches. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre stand er in Verbindung mit der liberalen Demokratischen Union (Unia Demokratyczna) und deren Nachfolgepartei, der Freiheitsunion (Unia Wolności). Von 1993 bis 1995 übte er in diesen Gruppierungen das Amt des Generalsekretärs aus. 1997 gründete er mit einer Gruppe von Abgeordneten der Freiheitsunion unter der Führung von Jan Rokita die Volkskonservative Fraktion (Koło Konserwatywno-Ludowe), die noch im selben Jahr in der neu gegründeten Volkskonservativen Partei (Stronnictwo Konserwatywno-Ludowe, kurz SKL) aufging. Die SKL wiederum schloss sich der konservativen Wahlaktion Solidarität (Akcja Wyborcza Solidarność, kurz AWS) an. Innerhalb der SKL hatte er die Ämter des Generalsekretärs und des stellvertretenden Vorsitzenden inne.

1997 errang er ein Mandat als Abgeordneter der AWS. 1997 bis 2000 war er Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Sejm und von 2000 bis 2001 Verteidigungsminister Polens unter Ministerpräsident Jerzy Buzek. 2001, noch als Minister in einer Minderheitsregierung der AWS, schloss Komorowski zusammen mit einigen Angehörigen der SKL ein Wahlbündnis mit der liberalen Bürgerplattform (Platforma Obywatelska) für die Wahlen zum Sejm und erlangte ein Abgeordnetenmandat in Warschau. Kurze Zeit später trat er aus der SKL aus und zur Bürgerplattform über. Dort gehört er seit 2001 dem Parteivorstand an. Er wird dem konservativen Flügel der Partei zugerechnet.[4] Im Sejm war er von 2001 bis 2005 stellvertretender Vorsitzender des nationalen Verteidigungsausschusses und Mitglied des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten.

Im Oktober 2005 wurde er nach den Parlamentswahlen Vizemarschall des Sejm. Nach dem Wahlsieg seiner Partei bei den vorgezogenen Parlamentswahlen 2007 wurde er zum Sejmmarschall (also Parlamentspräsidenten) gewählt.

Staatspräsident[Bearbeiten]

Bei der parteiinternen Vorwahl der Bürgerplattform setzte sich Komorowski am 27. März 2010 mit 68,5 % der Stimmen gegen Außenminister Radosław Sikorski durch und wurde damit zum Kandidaten der Partei bei den Präsidentschaftswahlen 2010.

Am 10. April 2010 starb der amtierende Staatspräsident Lech Kaczyński bei einem Flugzeugabsturz in Russland. Wie in der polnischen Verfassung vorgesehen (Art. 131 Abs. 2 Ziffer 1), übernahm Komorowski in seiner Funktion als Sejmmarschall die Amtsgeschäfte des verstorbenen Staatspräsidenten.

Bei der vorgezogenen Präsidentschaftswahl am 20. Juni 2010 erreichte Komorowski den höchsten Stimmenanteil aller Kandidaten, verpasste mit 41,22 % der Stimmen aber die absolute Mehrheit. Er präsentierte sich als Kandidat der politischen Mitte, der eine gute Zusammenarbeit zwischen dem Präsidentenamt und der Regierung gewährleisten kann.[4] Aus der Stichwahl gegen den Zweitplatzierten Jarosław Kaczyński, den Zwillingsbruder des verstorbenen Staatspräsidenten, ging er mit 53,01 % erfolgreich hervor. Mehrheitlich wurde Komorowski von jüngeren, großstädtisch geprägten, meist besser ausgebildeten und pro-europäisch orientierten Bürgern gewählt.[5]

Da gemäß dem Artikel 132 der Verfassung das Amt des Präsidenten nicht mit einem parlamentarischen Mandat vereinbar ist, trat Komorowski am 8. Juli 2010 als Sejmmarschall zurück und verzichtete auf seinen Abgeordnetensitz, um vereidigt werden zu können.[6] Am 6. August 2010 legte er vor der Nationalversammlung sein Amtseid ab und trat damit das Präsidentenamt an.[7]

Nach Lech Wałęsa und Lech Kaczyński ist Komorowski der dritte polnische Staatspräsident, der aus der Solidarność-Bewegung der 1980er Jahre stammt.

Politische Ansichten[Bearbeiten]

Komorowski vertritt liberalkonservative[8] Positionen. Er bezeichnet seine Ansichten als mitte-rechts und christlich-demokratisch,[9] steht aber auch für Trennung von Staat und Kirche.[4]

Wirtschaftspolitisch stellt er sich hinter die von der Bürgerplattform geführte Regierung. Außenpolitisch ist er Befürworter der europäischen Integration und guter Zusammenarbeit mit allen Nachbarn.[4]

Im August 2012 sprach sich Komorowski für einen polnischen Raketenabwehrschild als Teil der NATO-Raketenabwehr aus.[10]

Familiäres[Bearbeiten]

Bronisław Komorowski ist seit 1977 mit Anna Komorowska (geb. Dembowska) verheiratet und hat fünf Kinder.

Er ist mit Königin Mathilde von Belgien über deren Mutter Anna Gräfin d’Udekem d’Acoz (geb. Gräfin Komorowska) verwandt.[11][12] Zu seinen entfernten Verwandten gehört auch der Oberbefehlshaber der Polnischen Heimatarmee während des Warschauer Aufstandes 1944, spätere Oberbefehlshaber der Polnischen Streitkräfte im Westen (1944–1946) und Ministerpräsident der polnischen Exilregierung (1947–1949), General Tadeusz Bór-Komorowski.[13][14]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Verweise[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bronisław Komorowski – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Jacek Lepiarz: Bronislaw Komorowski: Proeuropäischer Graf mit deutschen Kontakten. Rhein-Zeitung, 19. Juni 2010, abgerufen am 13. September 2012.
  2. Walenty Wojniłło: Kowaliszki, skąd Prezydenta ród.... Wilnoteka. 20. August 2010. Abgerufen am 7. Januar 2012.
  3. Profile: Bronislaw Komorowski. BBC News, 5. Juli 2010, abgerufen am 13. September 2012 (englisch).
  4. a b c d Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKomorowski: Konservativer mit liberalen Ambitionen. Kleine Zeitung, 4. Juli.2010, abgerufen am 28. Januar.2012.
  5. Polens neue Chancen: Zur Situation des Landes nach den Präsidentschaftswahlen. Heinrich-Böll-Stiftung. 15. Juli 2010. Abgerufen am 28. Januar 2012.
  6. Gazeta Wyborcza, Komorowski nie jest już marszałkiem i posłem, 8. Juli 2010
  7. Gazeta Wyborcza, Prezydent Komorowski apeluje o zgodę, Kaczyńskiego na zaprzysiężeniu brak, 6. August 2010
  8. Komorowski gewinnt Präsidentenwahl. FAZ. 5. Juli 2010. Abgerufen am 28. Januar 2012.
  9. Polen wählt: Jaroslaw Kaczynski unterliegt knapp seinem Gegner. WELT ONLINE. Abgerufen am 29. Januar 2012.
  10. Polens Präsident Komorowski will eigenen Raketenschild. Die Welt, 15. August 2012, abgerufen am 13. September 2012.
  11. Prinses Mathilde verre nicht van Poolse interimpresident . vom 13. April 2010
  12. La princesse Mathilde, cousine éloignée de Bronislaw Komorowski. skynet, 13. April 2012, archiviert vom Original am 15. April 2010, abgerufen am 13. September 2012 (französisch).
  13. Von altem Adel – Bronislaw Maria Karol Graf Komorowski. vom 19. Juni 2010
  14. Andrzej Hennel: Drzewo genealogiczne Bronisława Komorowskiego. Polityka.pl. 15. Juni 2010. Abgerufen am 7. Januar 2012.