Radosław Sikorski

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Radosław Sikorski

Radosław Tomasz Sikorski ([raˈdɔswaf ɕiˈkɔrskʲi] anhören?/i; * 23. Februar 1963 in Bydgoszcz, Polen), oft bezeichnet mit der Kurzform Radek Sikorski, ist ein polnischer Politologe, Historiker, Journalist und Politiker der liberal-konservativen Bürgerplattform (PO). Seit dem 24. September 2014 übt er das Amt des Sejmmarschalls aus. Von Oktober 2005 bis Februar 2007 war er parteiloser Verteidigungsminister und von November 2007 bis September 2014 Außenminister der polnischen Regierung.

Leben und Beruf[Bearbeiten]

Sikorski besuchte in seiner Heimatstadt das Gymnasium und leitete während der Solidarność-Zeit ein innerschulisches Streikkomitee. Nach dem Abitur verließ er 1981 die Volksrepublik Polen und studierte u. a. bei Leszek Kołakowski Philosophie und Politikwissenschaft am Pembroke College der Universität Oxford.

1986 bis 1989 arbeitete Sikorski als Auslandskorrespondent für den Spectator und den Observer in Afghanistan, Angola und Jugoslawien.[1] Für eine seiner Fotografien wurde ihm 1987 der World Press Photo Award verliehen.[2] 1990 bis 1991 war er Polen-Korrespondent des Sunday Telegraph sowie Polen-Berater des Verlegers Rupert Murdoch.

1992 wurde Sikorski stellvertretender Verteidigungsminister im Kabinett von Jan Olszewski. Von 1998 bis 2001 war er stellvertretender Außenminister in der Regierung von Jerzy Buzek. Ab 2002 arbeitete er als Direktor der New Atlantic Initiative im einflussreichen American Enterprise Institute in Washington. Bei der Parlamentswahl in Polen 2005 wurde er im Wahlkreis Bydgoszcz in den Senat gewählt. Am 31. Oktober 2005 wurde er von Premier Kazimierz Marcinkiewicz als Verteidigungsminister vorgeschlagen. Er bekleidete dieses Amt, auch im folgenden Kabinett Kaczyński, zwischen Dezember 2005 und Februar 2007.

Seit Herbst 2007 ist Sikorski Mitglied der Partei Bürgerplattform (PO), die bei der Parlamentswahl 2007 stärkste Kraft im Sejm wurde. Am 10. November 2007 gab Premier Donald Tusk Sikorskis Ernennung zum Außenminister des Kabinett Tusk I bekannt.[1] Dieses Amt bekleidet er auch in Tusks zweitem Kabinett. Sikorski bewarb sich in seiner Partei um die Kandidatur für die Präsidentschaftswahl von 2010. Er unterlag jedoch in der parteiinternen Urabstimmung am 27. März 2010 seinem Gegenkandidaten Bronisław Komorowski.[3]

Als Donald Tusk am 22. September 2014 vom Amt des Ministerpräsidenten zurücktrat, da er zum Präsidenten des Europäischen Rates gewählt worden war, löste ihn die bisherige Parlamentspräsidentin Ewa Kopacz ab. Ihr bisheriges Amt des Sejm-Marschalls übernahm Sikorski am 24. September 2014. Zum Nachfolger Sikorskis im Amt des Außenministers wurde der bisherige Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für Außenpolitik Grzegorz Schetyna ernannt.

Sikorski ist mit der amerikanischen Historikerin und Pulitzer-Preis-Trägerin Anne Applebaum verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder.

Politische Positionen[Bearbeiten]

Sikorski mit US-Außenminister John Kerry, 2013

Sikorski gilt als pro-europäisch und befürwortet insbesondere eine aktive Rolle Deutschlands in der europäischen Politik. So fürchte er „deutsche Macht […] heute weniger als deutsche Untätigkeit“.[4]

Sikorski unterstützte die Stationierung von NATO-Truppen in Polen und anderen Staaten Mittelosteuropas sowie die Positionierung von US-Raketenabwehrsystemen in seinem Land. Zugleich sprach er sich für den Dialog mit der Russischen Föderation aus, fordert jedoch auch insbesondere vor dem Hintergrund der Krise in der Ukraine 2014 notfalls schärfere Sanktionen gegen das Land.

Im Februar 2014 vertrat Sikorski während der Unruhen in der Ukraine mit seinen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier und Laurent Fabius die Europäische Union bei der Unterzeichnung einer Übereinkunft zwischen dem damaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch und den Vertretern der Regierungsgegner.[5] Dabei warnte er die anwesenden Oppositionsführer, wenn sie diese Übereinkunft nicht unterstützen sollten, würde die ukrainische Regierung den Ausnahmezustand ausrufen und sie alle würden sterben.[6]

Anhand seiner öffentlichen Äußerungen wurde Sikorski oft als pro-amerikanisch eingeschätzt.[4] Im Zuge der polnischen Abhöraffäre 2014 wurden allerdings heimliche Mitschnitte eines Gespräches öffentlich, in dem er das Bündnis mit den USA als „wertlos“ bezeichnete.[7] Die Allianz sei sogar „schädlich“, „weil sie Polen ein falsches Gefühl von Sicherheit vermittelt.“ Weiter bezeichnete er sie als „Kompletter Bullshit. Wir geraten mit Deutschland und Russland in Konflikt und denken, dass alles super ist, nur weil wir den Amerikanern einen geblasen haben.“[8]

Schon 2007 urteilte Die Zeit, Sikorski sei „kein Transatlantiker par excellence“. Als polnischer Außenminister werde er die bedingungslose Ausrichtung auf die USA nicht unbedingt beibehalten: „Sikorski ist ein Patriot – und polnischen Patrioten liegt viel an engen Beziehungen zu den USA. Aber er kehrte auch deshalb nach Polen zurück, damit seine Söhne nicht gänzlich ‚amerikanisiert‘ würden. Es ist das Polnische, das für Sikorski zählt, auch in der Politik, in den diplomatischen Beziehungen, bei Verhandlungen oder Verträgen.“[1]

Kontroversen[Bearbeiten]

Die Veröffentlichung von Mitschnitten privat geführter Gespräche Sikorskis im Juni 2014 sorgte für internationales Aufsehen. In den abgehörten Gesprächen kritisierte er nicht nur die „wertlosen“ Beziehungen Polens zu den Vereinigten Staaten, sondern auch Premier Tusks Politik als „fehlerhaft“ und lehnte die EU-Positionen des britischen Premiers David Cameron ab: „Er hat den EU-Fiskalpakt gefickt. Er kapiert einfach gar nichts!“ Über Polen äußerte er: „Das Problem in Polen ist, dass wir einen zu flachen Stolz und eine zu geringe Selbsteinschätzung haben. … So ein Negertum.“[9]

Sikorski sorgte Mitte Oktober 2014 für einen politischen Eklat, als er gegenüber der amerikanischen Politik-Website Politico erklärte, im März 2008 habe Putin in Moskau dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk vorgeschlagen, die „künstliche“ Ukraine gemeinsam militärisch zu zerschlagen und zwischen Russland und Polen aufzuteilen. Putin habe dabei für Polen die Einverleibung der westukrainischen Stadt Lemberg, die in der Zwischenkriegszeit zu Polen gehört hatte, vorgesehen.[10] Sikorski nahm seine aufsehenerregende Aussage im Folgenden zurück. Zuerst erklärte er sie für nicht autorisiert und „überinterpretiert“; anschließend räumte er ein, dass es das Treffen zwischen Putin und Tusk nicht gegeben habe, sein Gedächtnis habe „versagt“.[11]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Das polnische Haus. Die Geschichte meines Landes. 2. Auflage. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014, ISBN 978-3-86393-053-0 (Rezension).
  • mit Mariusz Brymora und James Pula: 400 years of Polish immigrants in America 1608–2008. Ex Libris, Warschau 2008, ISBN 978-83-899-1347-0.
  • The Polish house. An intimate history of Poland. Phoenix, London 1997, ISBN 0-7538-0464-6.
  • Full circle. A homecoming to free Poland. Simon & Schuster, New York 1997, ISBN 0-684-81102-2.
  • Dust of the saints. A journey to Herat in time of war. Chatto & Windus, London 1989, ISBN 0-7011-3436-4.
  • Moscow’s Afghan war. Soviet motives and Western interests. Institute for European Defence & Strategic Studies, London 1987, ISBN 0-907967-85-X.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Radosław Sikorski – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. a b c Alice Bota: Polen: Der Abenteurer. Zeit Online, 19. März 2009, abgerufen am 19. Juni 2011.
  2. 1987, Radek Sikorski, 1st prize, Spot News. Abgerufen am 19. Juni 2011.
  3. Jan Puhl: Präsidentschaftswahl in Polen: Glücksfee für den Kaczynski-Gegner. In: Spiegel Online, 28. März 2010.
  4. a b Jan Opielka: Der Falke. In: Der Freitag, 23. Juni 2014.
  5. polen-heute.de
  6. „If you don’t support this you’ll have martial law, you’ll have the army. You will all be dead.“ itv.com
  7. Christoph Sydow mit Material von AFP und DPA: Abhöraffäre in Warschau. In: Spiegel Online, 23. Juni 2014.
  8. Jan Opielka: Abhöraffäre in Polen: Sikorski gerät in Polen unter Druck. In: Frankfurter Rundschau, 23. Juni 2014; Dietrich Alexander, Julia Szyndzielorz: Polens Premier Tusk stellt die Vertrauensfrage. In: Die Welt, 25. Juni 2014.
  9. Im Original: „Problem w Polsce jest, że mamy bardzo płytką dumę i niską samoocenę. … Taka murzyńskość.“ Rozmowa Sikorski-Rostowski. „Można za*ć PiS komisją specjalną ws Macierewicza“. In: Wprost.pl, 22. Juni 2014; Dietrich Alexander, Julia Szyndzielorz: Polens Premier Tusk stellt die Vertrauensfrage. In: Die Welt, 25. Juni 2014.
  10. Ben Judah: Putin’s Coup. How the Russian leader used the Ukraine crisis to consolidate his dictatorship. In: Politico, 19. Oktober 2014.
  11. Jörg Winterbauer: Putin soll Polen Ukraine-Aufteilung angeboten haben. In: Die Welt, 22. Oktober 2014; Renata Grochal, Agata Kondzińska: Awantura o Sikorskiego po stwierdzeniu, że Putin proponował Polsce rozbiór Ukrainy. In: Gazeta Wyborcza, 22. Oktober 2014.