Gotthardmassiv

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Gotthardmassiv beim Hospiz mit Bunker der Gotthardfestung Sasso da Pigna

Das Gotthardmassiv ist ein Gebirgsmassiv der Schweizer Alpen in der Region Zentralschweiz. Es ist nach dem gleichnamigen Sankt-Gotthard-Pass in den Lepontinischen Alpen benannt und gehört zu den Westalpen.

Gotthardmassiv ist ein geologischer Begriff, der auch zur Bezeichnung der Gebirge um den Gotthardpass verwendet wird.

Geologie[Bearbeiten]

Zentralmassive der Alpen

Das Gotthardmassiv gehört neben dem Aarmassiv, dem Aiguilles Rouges-/Arpille-Massiv und dem Mont Blanc-Massiv zu den vier Zentralmassiven der Schweizer Alpen. Es wird geologisch als Zentralmassiv bezeichnet, weil es zwar als kristallines Grundgebirge gestaucht, aber nicht in den Bau der Helvetischen Decke einbezogen worden ist und deshalb als autochthon gilt. Die speziell intensive Gebirgsbildung beim Gotthardmassiv (hoher Metamorphosegrad, starke innere Verschieferung) hat zu fast senkrechten Kontakten (Gottharddecke mit senkrechten Strukturen) zu den helvetischen Sedimenten an den Massivrändern geführt.

An seinem Nordrand grenzt das Massiv an die Urserenzone des Mesozoikum. Diese trennt Aar- und Gotthardmassiv als steile, schmale Furche ab Brig längs des Rhone-, (Furkapass), Urseren- (Andermatt) und Vorderrheintales. Im Vorderrheintal schiebt sich noch das Tavetscher Zwischenmassiv (Bugnei-Hügel bei Sedrun) zwischen das Aarmassiv und die Urserenzone. Die Südgrenze des Gotthardmassivs verläuft über Brig, Oberwallis, Nufenenpass, Val Bedretto, Airolo, Val Canada, Val Piora, Piz Scopí, Greina, Piz Tgietschen, Piz da Vrin bis Obersaxen.

Das Massiv kann auf der Ost-West-Achse in die nördliche Paragneiszone, die zentrale Orthogneiszone und die südliche Paragneiszone gegliedert werden. Dazwischen und mehrheitlich in der Orthogneiszone liegen die Granitkörper Rotondo, Fibbia, Gamsboden und Medelser/Cristallina. Auf dem ganzen Südrand liegen entweder triadische Gesteine oder Bündnerschiefer auf dem Kristallin des Gotthardmassivs [1].

Die vorherrschende Gesteinsart ist Gneis. Goethe irrte sich allerdings in seiner Schrift "Über den Granit": "Auf einem hohen nackten Gipfel sitzend und eine weite Gegend überschauend, kann ich mir sagen: Hier ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht, keine neuere Schicht, keine zusammengeschwemmte Trümmer haben sich zwischen dich und den festen Boden der Urwelt gelegt." Durch eine geologische Überschiebung liegt der Gneis im Gotthardmassiv über jüngeren Schichten, ähnlich wie beim Tauernfenster.

Albert Heim erstellte 1859 die geologische Bearbeitung des Blattes 14, Altdorf, Chur, Massstab 1:100'000, der Dufourkarte.

Eine umfassende geologische Untersuchung des Massivs nahm Karl von Fritsch um 1870 vor, als er noch Dozent am Zürcher Polytechnikum, der späteren ETH Zürich war. Seine geologische Karte des Gotthardmassivs (erschienen 1873) und sein Werk Das Gotthardgebiet bildeten eine erste Grundlagen für den Gotthardtunnel-Projekt (gebaut 1872-1882).

Geographie[Bearbeiten]

Das Gotthardmassiv liegt auf der Grenze der Kantone Graubünden, Tessin, Wallis und Uri.

Klimadiagramm von St. Gotthard

Gebirgsanordnung nach SOIUSA[Bearbeiten]

Nach der orografischen SOIUSA-Kategorisierung gehören die Gipfel des Gotthardmassivs zu den Monte Leone-Sankt Gotthard-Alpen:

Strategische Bedeutung[Bearbeiten]

Im Gotthardmassiv wurden bereits in den 1890er Jahren die ersten Festungen zur Sicherung der Nord-Süd-Verbindung (Motto Bartola, Forte Airolo, Fort Hospiz) angelegt. Hier befinden sich einige der wichtigsten Anlagen des Schweizer Reduit, grosse Festungsbauwerke (San Carlo, Foppa Grande, Sasso da Pigna) die im Zweiten Weltkrieges stark ausgebaut oder neu erstellt wurden, um die Schweizer Alpen als Rückzugsraum der Armee gegen einen erwarteten Einmarsch der deutschen und italienischen Truppen zu verteidigen.

Forte Airolo
Bunker der Gotthardfestung Sasso da Pigna beim Lago della Sella

Verkehrsachsen[Bearbeiten]

Über das Gotthardmassiv führen in nord-südlicher Richtung der Sankt-Gotthard-Pass (2108 m) und Lukmanierpass (1984 m), in ost-westlicher Richtung wird es von Oberalppass (2044 m), Urserental und Furkapass (2431 m) durchquert.

Durch das Gotthardmassiv führen der Eisenbahn-Scheiteltunnel (1882), der Gotthard-Strassentunnel (1980) und der Gotthard-Basistunnel (2016), der Eisenbahntunnel der NEAT.

Wasserscheidepunkte[Bearbeiten]

Gleichzeitig verläuft durch das Gotthardmassiv die Europäische Hauptwasserscheide zwischen Mittelmeer und Nordsee. Hier liegt auch der Wasserscheidepunkt der Nordsee, des Mittelmeers und der Adria. Unter den Spitzen des Gotthardmassivs entspringen neben anderem auch die beiden Quellflüsse des Rheins, der Vorderrhein und Hinterrhein, die Reuss, ein Nebenfluss der Aare, die dann selbst bei Waldshut in den Rhein mündet, aber auch die Rhône, die dem Rhonegletscher entspringt und ins Mittelmeer mündet, sowie der Tessin, ein Nebenfluss des Pos, der in die Adria fließt.

Übersichtstafel Vierquellenweg auf dem Gotthard Hospiz

Tourismus[Bearbeiten]

Der im August 2012 eröffnete Vier-Quellen-Weg ist ein 85 km langer Wanderweg im Gotthardmassiv, der in fünf Etappen zu den Quellen der vier Flüsse Rhein, Reuss, Ticino und Rhone führt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Toni P. Labhart: Geologie der Schweiz. Ott Verlag, Thun 1992, ISBN 3-7225-6298-8
  • Albert Heim: Die Geologie der Hochalpen zwischen Reuss und Rhein, 1891

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Toni P. Labhart: Geologie der Schweiz. Ott Verlag, Thun 1992, ISBN 3-7225-6298-8

46.6411111111118.41833333333333630Koordinaten: 46° 38′ N, 8° 25′ O; CH1903: 675009 / 166009