Großröhrsdorf

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Großröhrsdorf (Begriffsklärung) aufgeführt.
Wappen Deutschlandkarte
Wappen der Stadt Großröhrsdorf
Großröhrsdorf
Deutschlandkarte, Position der Stadt Großröhrsdorf hervorgehoben
51.14194444444414.013888888889279Koordinaten: 51° 9′ N, 14° 1′ O
Basisdaten
Bundesland: Sachsen
Landkreis: Bautzen
Verwaltungs-
gemeinschaft:
Großröhrsdorf
Höhe: 279 m ü. NHN
Fläche: 26,45 km²
Einwohner: 6627 (31. Dez. 2013)[1]
Bevölkerungsdichte: 251 Einwohner je km²
Postleitzahl: 01900
Vorwahl: 035952
Kfz-Kennzeichen: BZ, BIW, HY, KM
Gemeindeschlüssel: 14 6 25 200
Stadtgliederung: 2 Ortsteile
Adresse der
Stadtverwaltung:
Rathausplatz 1
01900 Großröhrsdorf
Webpräsenz: grossroehrsdorf.de
Bürgermeisterin: Kerstin Ternes (parteilos für CDU)
Lage der Stadt Großröhrsdorf im Landkreis Bautzen
Tschechien Dresden Landkreis Görlitz Landkreis Meißen Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge Arnsdorf Bautzen Bernsdorf Bischofswerda Bretnig-Hauswalde Burkau Crostwitz Cunewalde Demitz-Thumitz Doberschau-Gaußig Elsterheide Elstra Frankenthal (Sachsen) Göda Großdubrau Großharthau Großnaundorf Großpostwitz Großröhrsdorf Malschwitz Haselbachtal Hochkirch Hoyerswerda Kamenz Königsbrück Königswartha Kubschütz Laußnitz Lauta Lichtenberg (Lausitz) Lohsa Malschwitz Nebelschütz Neschwitz Neukirch (bei Königsbrück) Neukirch/Lausitz Obergurig Ohorn Oßling Ottendorf-Okrilla Panschwitz-Kuckau Pulsnitz Puschwitz Radeberg Radibor Räckelwitz Ralbitz-Rosenthal Rammenau Schirgiswalde-Kirschau Schmölln-Putzkau Schönteichen Schwepnitz Sohland an der Spree Spreetal Steina (Sachsen) Steinigtwolmsdorf Wachau (Sachsen) Weißenberg Wilthen Wittichenau Brandenburg PolenKarte
Über dieses Bild

Großröhrsdorf ist eine sächsische Stadt im Landkreis Bautzen und Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Großröhrsdorf.

Geografie[Bearbeiten]

Die Stadt an der Großen Röder liegt etwa 20 Kilometer östlich der Landeshauptstadt Dresden. Sie zieht sich südlich von Pulsnitz etwa vier Kilometer an der Alten Poststraße entlang. Autobahnanschlussstellen sind Ohorn und Pulsnitz an der A 4.

Die nächstgelegenen Ortschaften im Umkreis der Stadt sind das unmittelbar östlich anschließende Bretnig-Hauswalde, zu dem seit 2002 eine Verwaltungsgemeinschaft besteht, weiterhin der Ortsteil Kleinröhrsdorf, die Orte Leppersdorf, Lichtenberg, Ohorn, Wallroda, Seeligstadt sowie die Städte Radeberg und Pulsnitz.

Der bis heute in der Form eines Waldhufendorfes bestehende Ort am Rande des Landschaftsschutzgebietes Westlausitz ist teils von landwirtschaftlich genutzten Flächen und ausgedehnten Waldgebieten umgeben, dem Niederforst nördlich des Ortes und der etwa 1500 ha großen Massenei am südlichen Ortsende. Diese besteht überwiegend aus dem alten Landeswald, der bis 1892 sächsisch-kurfürstliches Jagdgebiet war. „Massenei“ entstammt vermutlich dem mittelhochdeutschen „mastunge“, etwa dem heutigen Wort „Schweinemast“ entsprechend. Früher trieb man angeblich die Schweine der Umgebung zur Mast in den Wald.

Geschichte[Bearbeiten]

Die bereits um 1250 gegründete Ansiedlung wurde erstmals urkundlich als Kirchdorf Grozen-Rudigersdorf[2] (nach dem Lokatornamen Rüdiger) im Jahre 1349 erwähnt. Die Wahl des Ortsnamens resultiert aus der mittelalterlichen Verfahrensweise, neue Siedlungsgründungen nach den Kolonistenführern zu benennen. Ursprünglich zur Herrschaft Pulsnitz gehörend, fiel Großröhrsdorf um etwa 1400 an das markgräfliche Amt Radeberg.

Der Dreißigjährige Krieg sowie schwere Pestepidemien forderten dem Ort und seinen Einwohnern erhebliche Belastungen ab. Allein in den Jahren 1631 bis 1633 fielen dem Schwarzen Tod 304 Menschen zum Opfer.

In dem einstigen Bauerndorf siedelten seit dem 16. Jahrhundert kleine Gewerbebetriebe. Im Jahre 1680 führte George Hans die Bandweberei in Großröhrsdorf ein. Die Einführung dieses Industriezweiges beschleunigte den wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes und sollte über Jahrhunderte das prägende Gewerbe für die Region bleiben. Seit 1768 werden erste Bandfabrikanten in Pulsnitzer Gerichtsakten erwähnt. Der Ort erlangte große Bedeutung als wichtiger Zulieferer für zahlreiche Industriezweige sogar bis über die Grenzen des Landes hinaus. Mitte des 19. Jahrhunderts war Großröhrsdorf mit 32 Bandfabriken und mehr als 1000 Bandwebstühlen eines der größten Zentren der Band- und Gurtweberei in Deutschland. 1834 zählte Großröhrsdorf bereits 2742 Einwohner. Im Zuge der Industrialisierung der Bandmacherei im Jahre 1855 wurden auch erste produktionstechnische Neuerungen eingeführt, 1857 nahm der erste mechanische Bandwebstuhl englischer Produktion seinen Betrieb auf. Der größte Betrieb vor Ort war die Firma C.G. Großmann, die um 1850 gegründet worden war. Bereits um 1900 beschäftigte sie mehr als 1100 Arbeiter, davon 800 in der Fabrik. Die Besitzerfamilie schuf wichtige Einrichtungen zur Verbesserung der Infrastruktur wie das Carl-Großmann-Stift, zur Förderung von Schulzwecken (Emil-Großmann-Stiftung) und zur Unterstützung von Arbeitern außerhalb der Krankenkassen. 1893 nahm die Firma C.G. Großmann an der Weltausstellung in Chicago teil und wurde mit einer Medaille geehrt.

Weiterhin entstanden metall- und holzverarbeitende Fabriken in der stetig wachsenden Industriegemeinde, die 1871 Anschluss an die Eisenbahnstrecke RadebergKamenz erhielt. 1887 eröffnete eine Dampfbrauerei, das heutige Böhmisch Brauhaus Großröhrsdorf. Am 11. Oktober 1924 wurde Großröhrsdorf das Stadtrecht verliehen.

1945 verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal fünf Jugendliche im Alter von 18 und 19 Jahren (davon zwei Mädchen) unter der Anschuldigung zum Tode, einer Untergrundorganisation „mit feindlicher Einstellung gegen den Kommunismus“ anzugehören. Zwei Todesurteile wurden vollstreckt, darunter an einem der Mädchen. Die anderen Jugendlichen wurden zu 10 Jahren Arbeitslager „begnadigt“ und 1950 bzw. 1954 aus Zuchthäusern entlassen. Die gesamte Gruppe wurde 1996 von russischer Seite rehabilitiert.[3]

Von 1972 bis 1978 erfolgte endgültig die Verstaatlichung aller Bandindustriebetriebe und eine Zusammenfassung zum VEB Bandtex im Kombinat Baumwolle mit etwa 5000 Beschäftigten. Die meisten Anlagen und Betriebsmittel befanden sich 1989 in einem extrem vernachlässigten Zustand. Nach der politischen Wende in der DDR kam auch die Bandherstellung größtenteils zum Erliegen, heute führen nur noch vier Betriebe das traditionsreiche Gewerbe fort.

Am 1. Januar 1998 wurde Kleinröhrsdorf eingemeindet.[4]

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Jahr 1551 1764 1834 1871 1890 1910 1925 1939 1950 1964 1990 2000[5] 2009[6] 2012 2013 2020
Großröhrsdorf 72 besessene Mann,
18 Häusler,
97 Inwohner,
60 Hufen
68 besessene Mann,
12 Gärtner,
98 Häusler,
57 Hufen je 16-20 Scheffel
2742 4452 5862 8012 8372 8844 9221 9037 6898 7647 6949 6603 6627 6800 (Prognose)
Kleinröhrsdorf
(seit 1998 nach
Großröhrsdorf
eingemeindet)
19 besessene Mann,
1 Häusler,
25 Inwohner,
16 Hufen
20 besessene Mann,
5 Gärtner,
14 Häusler,
16 3/4 Hufen
371 407 446 542 592 666 701 709 563

Insgesamt gibt das Statistische Landesamt drei Prognosenvarianten für die Bevölkerungsentwicklung bis 2020 an. Zwei Varianten gehen von einer Bevölkerung von etwa 7000 Einwohner aus, eine von 6800. Die Bevölkerung Großröhrsdorfs sollte selbst in der ungünstigen Variante erst um 2012 unter 7000 fallen, doch ist dies bereits 2009 der Fall.

Politik[Bearbeiten]

Gemeinderatswahl 2014[7]
Wahlbeteiligung: 51,1 % (2009: 51,3 %)
 %
50
40
30
20
10
0
47,4 %
15,7 %
17,1 %
11,2 %
n. k.
8,7 %
Gewinne und Verluste
im Vergleich zu 2009
 %p
 10
   8
   6
   4
   2
   0
  -2
  -4
  -6
  -8
-10
+6,1 %p
-8,2 %p
-1,2 %p
-0,9 %p
-4,4 %p
+8,7 %p

Seit der Gemeinderatswahl am 25. Mai 2014 verteilen sich die 18 Sitze des Stadtrates folgendermaßen auf die einzelnen Gruppierungen:

  • CDU: 9 Sitze
  • Freie Wähler GEGENWIND Großröhrsdorf (FW GG): 3 Sitze
  • FDP: 3 Sitze
  • SPD: 2 Sitze
  • LINKE: 1 Sitz

Stadtwappen[Bearbeiten]

Bandwebschütze, ähnlich dem auf dem Stadtwappen

Mit der Stadtrechtsverleihung 1924 erhielt der Ort als Ergebnis eines Preisausschreibens das in seiner heutigen Form seit 1926 bestehende Stadtwappen. Es zeigt einen silbernen Bandwebschützen auf blauem Grund. Vor der Erlangung des Stadtrechtes führte Großröhrsdorf ein Gemeindesiegel, welches zwei gekreuzte Breitwebschützen, einen Bienenkorb und zwei Getreideähren zeigte. Sie versinnbildlichten das bestimmende Handwerk des Ortes und den Fleiß seiner Bewohner.

Wirtschaft[Bearbeiten]

  • Das seit 1887 bestehende Böhmisch Brauhaus Großröhrsdorf befindet sich in der Bahnhofstraße.
  • Das bereits in den neunziger Jahren erschlossene neue Gewerbegebiet von Großröhrsdorf beherbergt einen Branchenmix aus Kunststoff- und Metallverarbeitung, Maschinenbau und IT-Dienstleistungen. 2007 siedelte sich auch die Solarindustrie an. Am 1. Juni 2007 erfolgte der erste Spatenstich für eine 60-MW-Dünnschichtmodul-Produktionsstätte der Firma Sunfilm AG, welche nur ein Jahr nach deren Fertigstellung Insolvenz anmelden musste. Im Oktober 2010 wurde Sunfilm durch das Bielefelder Unternehmen Schüco aufgekauft und die Produktionsstätte weitergeführt. Im Jahr 2012 erfolgte die endgültige Schließung des Standorts.[8]

Verkehr[Bearbeiten]

Bahnhof Großröhrsdorf

Der Bahnhof Großröhrsdorf liegt an der Bahnstrecke Kamenz–Pirna und wird im Personenverkehr von der Städtebahn Sachsen bedient. Die Züge fahren in der Relation Dresden – Langebrück (Sachs)RadebergGroßröhrsdorfKamenz (Sachs) und befahren dabei unter Umgehung des Bahnhofs Arnsdorf die Arnsdorfer Kurve.

Bildung[Bearbeiten]

Die Stadt Großröhrsdorf verfügt über eine Grundschule, die „Praßerschule“,[9] und das teilweise neuerbaute „Ferdinand-Sauerbruch-Gymnasium“. Dieses bildet seit dem Sommer 2012 gemeinsam mit der sanierten Mittel- bzw. Oberschule das Schulzentrum Großröhrsdorf.[10] Weiterhin ansässig ist das private Institut für Gesundheit und Soziales.

Sehenswertes[Bearbeiten]

Die barocke Stadtkirche wurde in den Jahren 1731/1736 errichtet. Altar und Taufstein stammen aus dem Jahre 1745, die Bildnisse Martin Luthers und Philipp Melanchthons von 1614. Die Kirche war 2011 Drehort für Hochzeitsszenen der TV-Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“.[11][12]

Das Rathaus wurde 1907/1908 im Jugendstil erbaut und ist Zeugnis des um die Jahrhundertwende industriell aufstrebenden Ortes. Zudem prägen zahlreiche, großzügig angelegte Jugendstilvillen und Herrenhäuser das Stadtbild.

In der Kulturfabrik befindet sich das Technische Museum, das einen Einblick in die umfangreiche Geschichte der Bandweberei in Großröhrsdorf gibt. Das Heimatmuseum in der Mühlstraße ist in einem Umgebindehaus von 1798 eingerichtet.

Am Rande der Massenei befindet sich das Massenei-Bad. Nach seiner Eröffnung im Jahre 1935 wurde es in den Jahren 1994 bis 1996 aufwändig saniert. Das Bad ist für seine ruhigen Lage und seiner Eingliederung in den Masseneiwald bekannt.

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Sonstiges[Bearbeiten]

Unter den Einwohnern Großröhrsdorfs und Umgebung wird die Stadt umgangssprachlich auch als Gage bezeichnet. Eine Theorie zur Herkunft dieser Bezeichnung ist das besonders im Herbst vermehrte Auftreten von großen Krähenschwärmen, welche in der Region mundartlich als „Gagen“ bezeichnet wurden. Dadurch wurde der Begriff Gage regional zum Synonym für Großröhrsdorf.

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedrich Ehregott Praßer: Chronik von Großröhrsdorf, Stadt und Dorf Pulsnitz, Lichtenberg etc. etc. Bischofswerda, 1869.
  • Gerd Kunze, Michael Müller (Herausgeber): Großröhrsdorf, die Stadt der Bänder im Wandel. Großröhrsdorf, 2002.
  • Cornelius Gurlitt: Großröhrsdorf. In: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. 35. Heft: Amtshauptmannschaft Kamenz (Land). C. C. Meinhold, Dresden 1912, S. 56.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Großröhrsdorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Aktuelle Einwohnerzahlen nach Gemeinden 2013 (Einwohnerzahlen auf Grundlage des Zensus 2011) (Hilfe dazu)
  2. Ernst Eichler (Hrsg.): Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen. Band II: M–Z. Akademie-Verlag, Berlin 2001, S. 301.
  3. Benno Prieß: Die Jugendlichen von Großröhrsdorf/Sachsen. in Erschossen im Morgengrauen. Eigenverlag, Calw 2002. Mitherausgeber: Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR. ISBN 3-926802-36-7. S. 127–131.
  4. StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 1998 auf destatis.de
  5. Alle Zahlen bis 2000 nach Historischen Ortsverzeichnis von Sachsen auf hov.isgv.de
  6. 2009 und Prognose 2020 gemäß Statistischen Landesamt auf statistik.sachsen.de
  7. Ergebnisse der Gemeinderatswahl 2014
  8. Katrin Kunipatz: Schüco schließt Solarwerk. alles-lausitz.de, 2. August 2012, abgerufen am 23. Oktober 2014.
  9. GRUNDSCHULE “PRASSERSCHULE” MIT GANZTAGSANGEBOTEN bei lienig-baumeister-architekten.de
  10.  Schulstart am neuen Standort In: Rödertal-Anzeiger. Nr. 36, 7. September 2012, S. 1 (online (PDF; 650 kB), abgerufen am 6. April 2013).
  11. Hochzeitsszenen für TV-Zweiteiler “Der Turm” in Großröhrsdorf gedreht – Görlitz folgt im November auf radiolausitz.de, 29. September 2011.
  12. Wo Tellkamps Turm verfilmt wird. auf sz-online.de
  13. Lebensdaten nach dem Eintrag in der Sächsischen Biografie
  14. Carl Friedrich Richter im Biographischen Lexikon der Oberlausitz
  15. Friedrich Hesse im Biographischen Lexikon der Oberlausitz
  16. Friedrich Ehregott Praßer im Biographischen Lexikon der Oberlausitz
  17. Boden Reißzeuge Bavaria GmbH: Historie auf boden-bavaria.com