Jesus Sirach

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Lehr- bzw. Weisheitsbücher
des Alten Testaments

Namen nach dem ÖVBE. Pseudepigraphen
der Septuaginta sind kursiv gesetzt.

"Alle Weissheit ist bey Gott dem Herrn..." (Jesus Sirach, 1. Kapitel), anonymer Künstler 1654

Das Buch Jesus Sirach oder Ecclesiasticus (Ben Sira, Siracides, Sophia Seirach, abgekürzt Sir, auch fälschlich Ben Sirach durch Vermischung von Ben Sira und Jesus Sirach) ist ein deuterokanonisches Buch des Alten Testaments, entstanden im frühen zweiten vorchristlichen Jahrhundert (vor 175 v. Chr). Es wird zu den Büchern der Weisheitsliteratur gerechnet.

Verfasser und Datierung[Bearbeiten]

Der Verfassername wird in Sir 50,27c angeführt. Es handelt sich um den jüdischen Lehrer Jesus ben Sirach (Jesus ben Eleazar ben Sira; ישוע בן אליעזר בן סירא), oft auch einfach ben Sirach, Sirach oder Jesus Sohn des Sirach bzw. Jesus Siracides genannt. Er lebte in Jerusalem und hat das Buch dort, möglicherweise aber auch im ägyptischen Alexandria verfasst, wo er – unsicheren Zeugnissen zufolge – als Schulhaupt wirkte.

Ebenso unsicher sind Überlieferungen, wonach der Verfasser Priester, eventuell auch Grundbesitzer oder Arzt, gewesen sei. Aus dem Text selbst lässt sich ein hoher Bildungsstand ersehen, die Vertrautheit mit dem öffentlichen Auftritt und pädagogische Erfahrung. Weitere Charakteristika sind eine ausgezeichnete Bibelkenntnis und das Selbstverständnis als „Weiser“.

Als Abfassungszeitraum gelten die Jahre von 180 bis 175 v. Chr. Das Buch wurde mehrere Jahrzehnte später von einem Enkel in Ägypten ins Griechische übersetzt und mit einem Vorwort versehen.

Kanon und Gebrauch[Bearbeiten]

Obwohl das Buch nicht in den jüdischen Kanon aufgenommen wurde, wird es im Talmud zitiert, was die Hochschätzung des Buches durch die Rabbinen bezeugt. Es ist Teil der Septuaginta und wird von Katholiken und orthodoxen Christen als Teil der Bibel angesehen. In den Kirchen der Reformation, die es zwar nur unter die Apokryphen rechnen, war das Buch dennoch sehr beliebt, wurde unzählige Male nachgedruckt und in der Spruchunterweisung verwendet, wie Ernst Koch nachgewiesen hat.[1]

Das Buch wurde in der lateinischen Kirche liber ecclesiasticus (Latein und latinisiertes Griechisch für Kirchenbuch) genannt, weil es in der Vorbereitung der Katechumenen auf die Taufe als Lehrbuch verwendet wurde. Heute wird statt Ecclesiasticus häufiger der Titel Jesus Sirach oder einfach Sirach benutzt. Ecclesiasticus ist nicht zu verwechseln mit Ecclesiastes, einem anderen Namen für das Buch Kohelet (Prediger Salomo).

Überlieferung[Bearbeiten]

Nur die griechische Übersetzung ist in zwei Textformen (Gr. I und eine längere Gr. II) in verschiedenen Handschriften erhalten, die alle auf eine einzige Handschrift (Hyparchetyp) zurückgehen.

Zwischen 1896 und 1900 entdeckte Solomon Schechter in der Geniza der Ben-Esra-Synagoge in Altkairo zahlreiche Fragmente, die dann nach Cambridge überführt wurden, wo von Schechter[2], George Margoliouth[3], Elkan Nathan Adler[4], Moses Gaster[5], Israel Lévi[6] entdeckt, beschrieben und publiziert wurde, dass unter diesen zahlreichen Funden auch Fragmente von insgesamt etwa zwei Drittel des Buches enthalten waren.

Weitere Fragmente aus Kapitel 6 wurden später in Qumran gefunden. Nachdem Yigael Yadin 1964 in Masada Fragmente mit den Kapiteln 39–44 entdeckt hatte, konnte nachgewiesen werden, dass das Manuskript B aus der Geniza im Wesentlichen die hebräische Originalversion darstellt[7]. Von einer älteren griechischen Übersetzung der Textform Gr. II wurde bereits früh eine lateinische Übersetzung angefertigt, die später von Hieronymus in die lateinische Vulgata aufgenommen wurde.

Inhalt[Bearbeiten]

Ich wolte lieber bey Löwen und Drachen wohnen, als bey einem bösen Weib (Jesus Sirach 25,16 – die Angabe „v. 17“ auf dem Holzschnitt ist falsch). Holzschnitt in einem Buch von 1751, das Schülern beim Lernen von Bibelsprüchen helfen sollte.

Das Buch ist in seinem ersten Teil eine thematisch geordnete Sammlung von weisheitlichen Sprichwörten, in denen der Autor seinen – als jungen Mann vorgestellten – Leser zu einem gottesfürchtigen und gottgefälligen Leben ermahnt (alle Zitate aus der Einheitsübersetzung):

1,14: Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht, / den Glaubenden ist sie angeboren.[8]

Diese Mahnung zu einem gottesfürchtigen Leben wird auf viele verschiedene Lebenslagen hin und in Bezug auf verschiedene Gruppen von Mitmenschen entfaltet:

4,1: Mein Sohn, entzieh dem Armen nicht den Lebensunterhalt / und lass die Augen des Betrübten nicht vergebens warten![9]

Eingestreut finden sich Passagen, in denen die Weisheit gepriesen und ihr Ursprung erklärt wird, als Höhepunkt ein Loblied der Weisheit auf sich selbst (Kap. 24[10], hier nur 24,1–3):

1 Die Weisheit lobt sich selbst,
sie rühmt sich bei ihrem Volk.
2 Sie öffnet ihren Mund in der Versammlung Gottes
und rühmt sich vor seinen Scharen:
3 Ich ging aus dem Mund des Höchsten hervor
und wie Nebel umhüllte ich die Erde.

Zu den vielen weisheitlichen Empfehlungen, die der Autor seinem Leser gibt, gehört auch die, bei der Auswahl seiner Ratgeber vorsichtig zu sein (37,7–11 EU). Vertrauensvolle Ratgeber sind Menschen, die sich an das Gesetz halten (37,12 EU), Gott (37,15 EU) und das eigene Herz:

Und bleibe bei dem, was dir dein Herz rät;
denn du wirst keinen treueren Ratgeber finden.
Denn mit seinem Herzen kann ein Mann oft mehr erkennen,
als sieben Wächter, die oben auf der Warte sitzen.
(37,17–18 LUT)[11]

In der biblischen Körpersymbolik gilt das Herz als Sitz des Verstandes, der Entschlüsse und des Planens und entspricht damit eher dem, was wir als Kopf oder Hirn bezeichnen würden.[12]

Dem Lob der Weisheit entspricht die Hochschätzung eines Lebens, das sich ganz der Weisheit widmet, das Leben des Schriftgelehrten (38,24–39,11). Die in diesem Zusammenhang vorgenommene (vorteilhafte) Kontrastierung seines Lebens mit dem vieler anderer Berufsgruppen war möglicherweise von der ägyptischen Lehre des Cheti beeinflusst.

Der zweite Teil des Buches beginnt mit einem Lob des Schöpfers in der Natur, an den sich das Lob der Väter Israels anschließt – von Henoch bis zu einem Zeitgenossen des Autors, dem Hohenpriester Simon:

42,15: Nun will ich der Werke Gottes gedenken; / was ich gesehen habe, will ich erzählen:
Durch Gottes Wort entstanden seine Werke; / seine Lehre ist ein Ausfluss seiner Liebe.[13]
44,1: Die ehrwürdigen Männer will ich preisen, / unsere Väter, wie sie aufeinander folgten.[14]

Der zweite Teil bildet auf diese Weise einen hymnischen Abriss der gesamten Heilsgeschichte, endend mit der Zeit des Autors. Nach einem ersten Schlusswort folgen zwei Nachträge und ein zweites Schlusswort.

Quellen[Bearbeiten]

  1. E. Koch: Die „Himmlische Philosophia des heiligen Geistes“. Zur Bedeutung alttestamentlicher Spruchweisheit im Luthertum des 16. und 17. Jahrhunderts. in: Theologische Literaturzeitung 115, 1990, 705–719
  2. Vgl. u. a. The Hebrew Text of Ben Sira, in: Jewish Quarterly Review 12 (1899/1900), S. 266–272. (Digitalisat bei jstor)
  3. Vgl. The Original Hebrew of Ecclesiasticus XXXI. 12–31, and XXXVI. 22 – XXXVII. 26, in: Jewish Quarterly Review 12 (1899/1900), S. 1–33; Ders.: Catalogue of the Hebrew and Samaritan manuscripts in the British museum, Bd. 1, Appendix, S. 273–277 (Digitalisat bei archive.org).
  4. Vgl. Some Missing Chapters of Ben Sira in: Jewish Quarterly Review 12 (1899/1900), S. 466–480.
  5. Vgl. A new fragment of Ben Sira, in: Jewish Quarterly Review 12 (1899/1900), S. 688–702.
  6. Vgl. L'Ecclésiastique ou la Sagesse de Jésus, fils de Sira, Paris, 2 Bände, 1898 und 1901; The Hebrew Text of the Book of Ecclésiasticus, Leiden 1904.
  7. Moshe Zevi (Moses Hirsch), in: Encyclopaedia Judaica, Second Edition, Band 3, S. 377
  8. [1]
  9. [2]
  10. [3]
  11. [4]
  12. Schroer/Staubli: Die Körpersymbolik der Bibel, S. 45 ff.
  13. [5]
  14. [6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ecclesiasticus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Text
Sekundärliteratur