Justinianische Pest

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Bei der so genannten Justinianischen Pest handelt es sich um eine erstmals zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian (527–565) ausgebrochene Pandemie, die 541 in Ägypten ihren Anfang nahm, 542 Konstantinopel erreichte und sich bald darauf im gesamten spätantiken Mittelmeerraum verbreitete. Die Pandemie hat vielleicht zum Misserfolg der Restauratio imperii Justinians beigetragen und gilt als die größte antike Pandemie in Europa.

Das Auftreten der Seuche vom 6. bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts[Bearbeiten]

Zuerst soll die Krankheit laut den antiken Berichten in Pelusium im Nildelta aufgetreten sein, wohin sie wohl aus Schwarzafrika oder über Fernhändler aus Indien eingeschleppt worden war. Auf den Schifffahrtswegen gelangte diese Seuche bis nach Illyrien, Tunesien, Spanien, Italien und Gallien (Arles) und breitete sich bis zum Rhein aus.

Eine moderne Hypothese ging von der Übertragung der Krankheit, bei der es sich nicht um die eigentliche Pest gehandelt habe, durch große Fliegenschwärme aus, die in Intervallen das Reich heimgesucht hätten. Ihr Auftreten sei durch klimatische Änderungen ermöglicht worden.[1] Diese Minderheitenmeinung hat sich in der Forschung nicht durchgesetzt, zumal inzwischen so gut wie sicher ist, dass es sich bei der Seuche tatsächlich um die Beulenpest gehandelt hat (siehe unten); und diese kann nicht durch Fliegen übertragen werden.

Als gut denkbar gilt allerdings, dass die so genannte Wetteranomalie von 535/536 insofern in der Tat eine Rolle gespielt haben mag, als eine zeitweilige Klimaverschlechterung zu Missernten und einer Schwächung der Abwehrkraft der Menschen geführt haben könnte. Voraussetzung für die rasche Ausbreitung der Krankheit und die hohe Sterberate war nämlich neben dem Umstand, dass der Erreger wohl erstmals im Mittelmeerraum auftrat (siehe unten), auch diese allgemeine vorangehende Schwächung der Bevölkerung durch Missernten und Kriege.

Die Ursachen für diese gut belegte Kälteperiode sind umstritten: Der Klimatologe Robert Dull von der Universität von Texas vertritt Argumente, die für einen Ausbruch des Ilopango als Erklärung dieses Ereignisses sprechen.[2][3] Der Vulkanologe Ken Wohletz vom Los Alamos National Laboratory hat im Jahr 2000 Indizien dafür gefunden, dass der Ausbruch eines riesigen Vulkans im heutigen Indonesien eine globale Katastrophe verursachte. Der 1883 ausgebrochene Krakatau soll demnach ein "Nachkomme" dieses Riesenvulkans namens Rabaul gewesen sein. Der Paläoökologe Mike Baillie vertrat (publiziert in einem Buch 2007) dagegen die Auffassung, dass der Temperaturrückgang von Kometen­einschlägen verursacht worden sei.[4]

Auch Dallas Abbott vom interdisziplinären Wissenschaftlerteam der Holocene Impact Working Group, einer Vereinigung von Wissenschaftlern, die sich zum Ziel gesetzt hat, Meteoriten- und Kometenimpakte nachzuweisen, die innerhalb der letzten 10 000 Jahre, also im Bereich des Holozän stattgefunden haben, verweist in diesem Zusammenhang auf den Fund zweier großer Meteoritenkrater im Golf von Carpentaria (nördlich von Australien). In ihrer Meldung geben sie die mutmaßliche von 2 Meteoritenkratern namens Kanmare (18 km Durchmesser) und Tabban (12 km ) bekannt. Deren Entstehungszeit legten die Forscher anschließend auf das Jahr 572 +/- 86 fest, was sie als Verursacher der Klimaanomalie und der dadurch mutmaßlich mit ausgelösten justinianischen Pest wahrscheinlich werden lasse.[5]

544 ließ Justinian, der wie der Perserkönig Chosrau I. selbst erkrankt war, aber überlebt hatte, zwar das Ende der Pestepidemie verkünden, doch brach sie 557 erneut aus, kehrte im Jahre 570 nochmals wieder und trat bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts in etwa zwölfjährigem Rhythmus immer wieder in Erscheinung, bevor sie nach etwa 770 wieder verschwand. Betroffen waren von diesen Ausbrüchen die Länder des westlichen Mittelmeerraums, das rheinische Germanien und etwa zwei Drittel von Gallien und Hispanien sowie Kleinasien, Syrien, Mesopotamien und Persien. Nicht alle Länder waren gleich stark betroffen; häufig grassierte die Krankheit zwei oder drei Jahre in einem bestimmten Gebiet und schwächte sich dann wieder ab. In der Folge der Seuchenzüge seit 541 reduzierte sich die Bevölkerung des Römischen Reiches wohl um ein Viertel (auch dies ist in der Forschung aber nicht unumstritten), mit weitreichenden Auswirkungen.

Die mit der Pandemie einhergehende Nahrungsmittelknappheit, das Absinken der Steuereinnahmen und die (allerdings von manchen Historikern bezweifelte) zunehmende Unfähigkeit, genügend Soldaten aufzustellen, um die langen Grenzen des römischen Reiches zu verteidigen, trugen vielleicht dazu bei, dass im Jahre 700 n. Chr. die östlichen und südlichen Küsten des Mittelmeers unter arabischer Vorherrschaft standen und das ehemalige römische Reich nun auf Konstantinopel, Kleinasien und einen Teil des Balkans begrenzt war. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass auch die wichtigsten Gegner der Römer – Sassaniden und Araber – von der Seuche betroffen gewesen waren, so dass die Pandemie nicht die alleinige Ursache dafür gewesen sein kann, dass sich das Kräfteverhältnis zu Ungunsten der Römer verschob. Zudem lässt sich schwer abschätzen, wie gravierend die langfristigen Auswirkungen der Seuche tatsächlich waren; der historische und archäologische Befund ist nicht eindeutig.

Diskussion des Krankheitserregers[Bearbeiten]

Diese Epidemie wurde vor allem aufgrund der genannten Krankheitssymptome in den Werken der zeitgenössischen spätantiken Historiker Prokopios von Caesarea (Prokop, Kriege 2, 22 ff.), der die Seuche in enger Anlehnung an die berühmte Darstellung der "Attischen Seuche" im Werk des Thukydides (2, 47-55) beschrieb, und Euagrios Scholastikos, der selbst erkrankt war, früh dem Pesterreger (Yersinia pestis) zugeordnet. Prokopios erwähnt ausdrücklich Geschwulste, wie sie für die Beulenpest charakteristisch sind, wenngleich die Epidemie vielleicht von anderen Seuchen begleitet wurde. Auch eine griechische Grabinschrift aus dem Jahr 542 berichtet, der Bischof Varus von Zora im römischen Syrien sei damals an bösartigen "Schwellungen an den Lenden und in den Achseln" gestorben.[6] Der von Prokopios ebenfalls beschriebene Bluthusten könnte daneben auf ein Auftreten der Lungenpest hindeuten.

Dennoch war sehr lange umstritten, ob es sich bei der Seuche tatsächlich um die Pest im eigentlichen Sinne gehandelt hat. Erst in den letzten Jahren konnte hier Gewissheit erlangt werden: Bereits Untersuchungen aus den Jahren 2004 und 2005 stützten die These, dass es sich bei dem Erreger der Justinianischen Pest um eine Variante von Yersinia pestis handelte: Die DNA des Bakteriums wurde in einem Massengrab bei Sens gefunden, das stratigraphisch auf das 5. oder 6. Jahrhundert datiert worden ist.[7] Auch in Aschheim im östlichen Umland von München wurde bei zwei weiblichen Skeletten aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts die DNA von Yersinia pestis entdeckt.[8] Eine Studie aus dem Jahr 2011 zweifelte dies jedoch an und kam zu dem Ergebnis, dass Yersinia pestis zum allerersten Mal im späten 12. oder 13. Jahrhundert auf den Menschen übertragen worden sei: Die Gruppe um Johannes Krause von der Universität Tübingen konnte im Vergleich von heutigen und mittelalterlichen Yersinia pestis Genomen keine Stämme finden, die sich vom Stammbaum zwischen dem 4. und 12. Jahrhundert abzweigten. Ein Vergleich des Erbguts des Erregers der Pandemie von 1347 bis 1351 mit neueren Varianten von Yersinia pestis hatte ergeben, dass alle heutigen Peststämme einen gemeinsamen Vorfahren im 12./13. Jahrhundert besitzen.[9]

Schon 2012 aber konnte dieselbe Arbeitsgruppe aus Tübingen mit Hilfe eines weitaus umfassenderen Datensatzes von mehr als 300 Peststämmen zeigen, dass es zur Zeit der Justinianischen Pest doch zu einer Verzweigung des Yersinia pestis-Stammbaumes kam; dieser Abzweig konnte dem Erregerstamm ANT-1 zugeordnet werden.[10] Diese Ergebnisse konnten 2013 durch eine in verschiedenen Labors an DNA-Material der Individuen aus Aschheim (s. o.) parallel durchgeführte internationale Studie unter der Leitung von Michaela Harbeck und Holger C. Scholz bestätigt werden.[11] Die phylogenetische Einordnung des betreffenden Erregers ergab, dass es sich tatsächlich um ANT-1 handelt, einen Stamm, der sich zwischen den frühen Stammbaum-Abzweigungen N03 und N05 befindet. Mithin kann es nach aktuellem Forschungsstand als gesichert gelten, dass ein Erreger vom Stamm Yersinia pestis an der Justinianischen Pest zumindest prominent beteiligt war und es sich bei der verheerenden spätantiken Seuche somit in der Tat um die Pest gehandelt hat. Anfang 2014 bestätigten erneute Untersuchungen an den Skeletten aus Aschheim nochmals den Befund: In der Spätantike sprang demnach eine besonders aggressive Variante von Yersinia pestis auf den Menschen über und kehrte mehrmals wieder, um dann aber im 8. Jahrhundert auszusterben. Im 12./13. Jahrhundert gelang einer anderen Variante des Bakteriums ebenfalls der Sprung von Nagetieren auf Menschen; auf diesen gehen die heute bei Menschen anzutreffenden, insgesamt weniger aggressiven Erreger zurück.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Pauline Allen: The Justinianic Plague. In: Byzantion. Band 49, 1979, S. 5–20.
  • Peregrine Horden: Mediterranean Plague in the Age of Justinian. In: Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Justinian. Cambridge 2005, ISBN 0-521-52071-1, S. 134 ff.
  • Lester Little (Hrsg.): Plague and the End of Antiquity. The Pandemic of 541–750. Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-84639-4.
  • Mischa Meier: „Hinzu kam auch noch die Pest …“ Die sogenannte Justinianische Pest und ihre Folgen. In: Mischa Meier (Hrsg.): Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94359-5, S. 86 ff.
  • Mischa Meier: Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr. Göttingen 20042, ISBN 3-525-25246-3.
  • William Rosen: Justinian’s Flea. Plague, Empire, and the birth of Europe. Cambridge 2007, ISBN 978-1-84413-744-2 (Populärwissenschaftlich und gut lesbar, aber problematisch, da teils sehr generalisierend und zu stark vereinfachend).
  • Dionysios Ch. Stathakopoulos: Famine and pestilence in the Late Roman and early Byzantine empire. A systematic survey of subsistence crises and epidemics. Aldershot 2004, ISBN 0-7546-3021-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Ioannis Antoiou, Anastasios K. Sinakos: The Sixth-Century plague, its repeated appearance until 746 AD and the explosion of the Rabaul Volcano. In: Byzantinische Zeitschrift 98, 2005, S. 1–4.
  2. R. Dull, J. Southon, S. Kutterolf, A. Freundt, D. Wahl, P. Sheets 2010 http://fundar.org.sv/referencias/dull_et_al_2010_AGU.pdf
  3. ZDF History Dokumentation "Aus heiterem Himmel" 2013
  4. Axel Tillemans:Das dunkle Zeitalter. Hat ein gewaltiger Vulkanausbruch die Kälteperiode im 6. Jahrhundert verursacht? Bild der Wissenschaft 2001.
  5. Impact ejecta and megatsunami deposits from a historical impact into the gulf of Carpentaria, 2007 GSA Denver Annual Meeting
  6. J. Koder: Ein inschriftlicher Beleg zur "justinianischen" Pest in Zora (Azra'a). In: Byzantinoslavica 56 (1995), S. 13 ff.
  7. Michel Drancourt, Véronique Roux, Vu Dang u. a.: Genotyping, orientalis-like Yersinia pestis, and plague pandemics. In: Emerging Infectious Diseases. 10 (2004), S. 1585–1592.
  8. I. Wiechmann, G. Grupe: Detection of Yersinia pestis DNA in two early medieval skeletal finds from Aschheim (Upper Bavaria, 6th. century A.D.). In: American Journal of Physical Anthropology. 126/1 (2005), S. 48–55.[1](abstract)
  9. Der Weg des schwarzen Todes Zeit-Online, 13. Oktober 2011
  10. Kirsten I. Bos, Philip Stevens, Kay Nieselt, Hendrik N. Poinar, Sharon N. DeWitte, Johannes Krause (2012): Yersinia pestis: New Evidence for an Old Infection. In: PLoS ONE. 7(11). http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0049803.
  11. Michaela Harbeck, Lisa Seifert, Stephanie Hänsch, David M. Wagner, Dawn Birdsell D, et al. (2013): Yersinia pestis DNA from Skeletal Remains from the 6th Century AD Reveals Insights into Justinianic Plague. In: PLoS Pathog. 9(5). http://dx.plos.org/10.1371/journal.ppat.1003349.
  12. Hinweise auf Pandemie SZ-Online, 30. Januar 2014