Sexualität des Menschen

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Dieser Artikel behandelt die menschliche Sexualität. Zu allgemeinen Grundlagen siehe Sexualität, zur praktischen Ausübung siehe Sex.
Der erste Kuss von Adam und Eva, Gemälde von Salvador Viniegra, 1891

Die Sexualität des Menschen ist im weitesten Sinne die Gesamtheit der Lebensäußerungen, Verhaltensweisen, Emotionen und Interaktionen von Menschen in Bezug auf ihr Geschlecht.

Die Humanbiologie betrachtet menschliche Sexualität hinsichtlich ihrer Funktion bei der Neukombination von Erbinformationen im Rahmen der geschlechtlichen Fortpflanzung. Im Zentrum stehen dabei menschliche Geschlechtsunterschiede zwischen Mann und Frau. Im sozio- und verhaltensbiologischen Sinn umfasst die Sexualität des Menschen die Formen dezidiert geschlechtlichen Verhaltens zwischen Sexualpartnern. Das Sexualverhalten des Menschen hat – wie das vieler Wirbeltiere – über Fortpflanzung und Genomaustausch hinaus zahlreiche Funktionen im Sozialgefüge einer Population.

Daher befassen sich die meisten Humanwissenschaften auch mit dem Thema der menschlichen Sexualität. Besonders psychologische, soziale und kulturelle Faktoren werden dabei als bedeutend für die Sexualität des Menschen betrachtet. Sexualität wird zu den menschlichen Grundbedürfnissen gezählt, und zwar sowohl in physiologischer als auch in sozialer Hinsicht, in Liebe, Lust, Nähe und Zärtlichkeit, die mit Sexualität verknüpft sind.

Biologische Grundlagen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Sexualität

Die Entwicklung eines durch Hormone gesteuerten Systems war ein wichtiger Schritt zur Herausbildung sexueller Verhaltensweisen. Neben der Fortpflanzung mittels Austausch von Erbinformationen hat geschlechtlicher Verkehr bei höheren Organismen teils auch eine soziale Bedeutung, insbesondere bei den Primaten (wie dem Menschen und den Bonobos).

Sexualität und Gesellschaft[Bearbeiten]

Die Sexualität des Menschen und die Sexualmoral beeinflussen seine Psyche, seine persönliche Entwicklung, die Formen seines Zusammenlebens und die gesamte Sozialstruktur, also die Kultur und Gesellschaft, in der er lebt. Das Sexualverhalten des Menschen weist eine Vielzahl sexueller Orientierungen auf. Dazu gehören neben der Heterosexualität - bei der der Sexualtrieb auf das andere Geschlecht gerichtet ist, die Homosexualität und die Bisexualität, bei der sich das Interesse überwiegend oder auch auf das gleiche Geschlecht richtet. Bei der Asexualität besteht kein Verlangen auf Sex mit dem männlichen noch weiblichen Geschlecht. Die Pansexualität als Begehren unabhängig vom Geschlecht (z. B. sexuelles Interesse an Transsexuellen oder Transgendern) ist im queeren Verständnis einzuordnen (siehe Queer-Theorie).

Da sexuelle Präferenzen und insbesondere deren gesellschaftliche Akzeptanz gesellschaftlichen Veränderungen unterliegen, verschieben sich die Grenzen zwischen gesellschaftlich legitimen, legalen oder als schädlich eingeschätzten sexuellen Verhaltensweisen historisch wie interkulturell. Die Sexualität des Menschen bzw. seine sexuellen Präferenzen manifestieren sich in der Pubertät. Welche Anteile dieser Präferenzen erlernt oder in der Erbanlagen bereits festgelegt sind, ist Bestandteil des wissenschaftlichen Diskurses.

Geschichte[Bearbeiten]

Vor- und Frühgeschichte[Bearbeiten]

Jungsteinzeitliche Venusfigurinen wie die Venus von Willendorf gelten als Ausdruck frühen menschlichen Geschlechtsbezugs.

Viele archäologische Funde – wie die Venus von Willendorf – zeugen davon, dass die Beschäftigung mit der Sexualität schon früh Teil der menschlichen Kultur war. Ihr Stellenwert lässt sich an der übergroßen Darstellung und Einfärbung von Geschlechtsteilen der historischen Artefakte erkennen. Vulva- und phallusartige Steinsetzungen können als Zeichen der Verehrung von Geschlechtsorganen interpretiert werden.

Eine These ist, dass sich durch die Neolithische Revolution das Verhältnis des Menschen zur Sexualität geändert haben könnte. Diesem Konzept nach betrachtete der Mann die Sexualität der Frau als zunehmend gefährlich und einer Kontrolle bedürftig. Es wird in diesem Zusammenhang darüber spekuliert, dass die Versorgung und Pflege von Kindern nur dann lohnend sei, wenn es sich um den eigenen, genetisch verwandten Nachwuchs handelt. In diesem Zusammenhang soll der Umstand eine Rolle gespielt haben, dass die Frau eine verdeckte Befruchtung hat: da der Mann nicht im Nachhinein kontrollieren kann, ob er der Erzeuger der Kinder war, fing er an, die weibliche Sexualität mit Tabus und Verboten zu belegen. Nicht erklärt werden kann in dieser naturalistisch-biologistischen Sichtweise, warum auch alle anderen Formen der Sexualität mit Tabus und Verboten verbunden werden.

Altertum[Bearbeiten]

In Altertum und Antike ist das Verhältnis zur Sexualität je nach Kultur und Epoche äußerst unterschiedlich. Von einigen Hochkulturen (z. B. Griechenland) ist bekannt, dass Prostitution und offene Homosexualität in ihnen gesellschaftsfähig waren.

Mittelalter[Bearbeiten]

Die Moral der christlichen Kirche ist seit dem Mittelalter stark sexualfeindlich geprägt; Sexualität sollte ausschließlich der Zeugung von Kindern dienen. Wollust wurde den Hauptlastern zugerechnet, Homosexualität als abartig krankhaft und widernatürlich; vielmehr wurde die rigide Einhaltung der Keuschheit propagiert und die Sexualität in den Nimbus des Diabolischen gestellt.

Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

Während im spätmittelalterlichen Europa und in bestimmten Phasen der frühen Neuzeit – von den mittelalterlichen Badehäusern bis zu den absolutistischen Höfen – recht ungezwungene Sitten herrschten, breiteten sich erst mit dem Puritanismus und den Moralvorstellungen des viktorianischen England oder wilhelminischen Deutschland repressive Moralvorstellungen aus, mit denen man der Sexualität insgesamt misstrauisch gegenüberstand. Sie wurde z. B. als animalisch, roh und gefährlich angesehen, da sie die Grenzen der Vernunft zu sprengen drohte. Insbesondere in diesen Zeiten wurde der Frau keine selbstbestimmte Ausübung ihrer Sexualität zugestanden.

Moderne[Bearbeiten]

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Gustave Courbet: Der Schlaf, 1866; erotische Darstellungen als Vorläufer von Pornografie

Im 19. Jahrhundert setzte eine massive Sexualerziehung ein, die vor allem an junge Männer adressiert war. In Handbüchern wie The Young Man’s Guide (William Andrus Alcott, 1833) und Lecture to Young Men on Chastity (Sylvester Graham, 1834) wurden diese eindringlich vor den vermeintlichen gesundheitsschädlichen Folgen der Masturbation, aber auch vor homosexuellen Handlungen gewarnt.

Sigmund Freud[Bearbeiten]

Von wichtiger wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung ist das Konzept der Triebtheorie, das der Wiener Arzt und Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte. Dieses Konzept sah die Psyche und die Entwicklung des Menschen zu einem erheblichen Teil von dem Sexualtrieb bestimmt. Freud beschrieb den Sexualtrieb zwar als biologisch begründet, erforschte ihn aber hauptsächlich in seiner psychologischen Ausprägung.

Die psychologische Erscheinungsform des Sexualtriebes bezeichnete er als Libido. Dieses Konzept spielte in der „klassischen“ Psychoanalyse eine wesentliche Rolle, da man dort annimmt, dass die psychische Entwicklung des Kindes erheblich durch seine Sexualität beeinflusst wird. Erhebliche Störungen in der psychosexuellen Entwicklung können zu Neurosen und Psychosen führen. Ganz im Gegensatz zu den kirchlichen Kritikern, die in der Entstehungszeit der Psychoanalyse, Freud vorwarfen, er würde Pansexualismus und Unzucht fördern und zur Verrohung der Sitten beitragen, sah Freud die reine Anerkennung der individuellen Sexualität als Merkmal für psychische Gesundheit. Hierbei muss die Sexualität nicht ausgelebt werden. Auch wurde Freuds frühes, und später verworfenes, Konzept der Katharsis als Aufruf zur sexuellen Aktivität missverstanden. Freud legte durch seine enge Verknüpfung der Sexualität und der psychischen Entwicklung auch den Grundstein zur psychologischen Untersuchung der Perversionen, die heute als Paraphilien bezeichnet werden. Paraphilien bezeichnen sexuelles Verhalten, welches von der Norm abweicht.

Mit Freuds Psychoanalyse entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue Vorstellungen der Rolle von Sexualität: Sie sei ein natürlicher Trieb, ihre Auslebung befreiend, notwendig und positiv, ihre Unterdrückung hingegen erzeuge Neurosen.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Nicht nur hinsichtlich Freud gilt das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert der sexuellen Revolution(en).[1] So machte etwa zu Beginn des Jahrhunderts Magnus Hirschfeld in Deutschland durch seine Forderungen nach Straffreiheit für Homosexuelle auf sich aufmerksam. Er gründete in Berlin das weltweit erste Institut für Sexualwissenschaft.

1917 hatte Richard Oswald den Aufklärungsfilm über Geschlechtskrankheiten „Es werde Licht!“ im Auftrag des deutschen Kriegsministeriums gedreht. Der Film brachte eine Filmlawine ins Rollen. Allein dieser Film hatte drei Folgen. 1919 brachte Oswald das Problem Homosexualität und Erpressung in einer kriminalistischen Handlung unter: „Anders als die Andern“. Weil vom Ende des Ersten Weltkrieges bis 1920 keine Filmzensur in Deutschland existierte, folgte 1919 auf die Welle der „Aufklärungsfilme“ die der eigentlichen „spekulativen Sexfilme“, damals noch „Sittenfilme“ genannt. In den 1960er Jahren wiederholte sich diese kommerziell-gesellschaftliche Entwicklung auf eine ähnliche Weise.

Seit den 1930er Jahren ermöglichten Antibiotika erstmals eine effektive Behandlung übertragbarer Geschlechtskrankheiten, sodass das Argument, sexuelle Freizügigkeit werde mit unheilbarer Krankheit „bestraft“, von nun an immer mehr an Bedeutung verlor.

Nach Untersuchungen der US-amerikanischen Historikerin Dagmar Herzog war die Haltung zur Sexualität während des Nationalsozialismus nicht etwa durchgehend repressiv, sondern „doppelbödig“ und teilweise liberal[2] – bei gleichzeitig starker Repression gegen Minderheiten:

„Kondome waren zugänglich, Vorschläge für bessere Orgasmen präsent, Freude an der Sexualität war erwünscht, die ganze Diskussion war eher sexpositiv eingestellt – für Nichthomosexuelle, Nichtbehinderte, Nichtjuden.“[3]

In den 1950er Jahren folgte ein Wandel zu einer deutlich konservativeren Einstellung. Bis in die 1960er Jahre hinein blieb eine oftmals als bigott angesehene Moral vorherrschend. So galten z. B. Zimmerwirte als Kuppler, wenn sie unverheirateten Paaren gemeinsame Schlafräume vermittelten. Sexualität war ein Tabu-Thema, über das in der Öffentlichkeit nicht gesprochen wurde. Erst die Welle der sexuellen Befreiung der 68er führte – zusammen mit der Aufklärungsliteratur (wie der von Shere Hite) und den Aufklärungsfilmen – zu neuem Nachdenken über die sexuelle Lust.

Mit der zunehmenden Enttabuisierung der Sexualität rückte dieses Thema zunehmend in den Blickpunkt der Wissenschaft. Alfred Charles Kinsey erforschte ab den 1940er Jahren das menschliche Sexualverhalten und stellte seine Erkenntnisse in den sogenannten Kinsey-Reports dar, die aufgrund ihrer Ergebnisse heftige Kontroversen auslösten. Die Erforschung der Sexualität und auch der sexuellen Störungen, welche heute als behandlungsbedürftig angesehen werden, geht vor allem auf die Pioniere Masters und Johnson zurück, welche sich als Forscherduo der Sexualität widmeten. Helen Singer Kaplan entwickelte in den 1970er Jahren die Sexualtherapie.

In der Gegenwart wird die sexuelle Selbstbestimmung mehr und mehr zum Leitgedanken der von der Sexuellen Revolution veränderten Sexualmoral. Abweichende sexuelle Praktiken, Beziehungsformen und sexuelle Orientierungen sind zunehmend sozial akzeptiert oder wenigstens geduldet, solange Einverständnis zwischen den (erwachsenen) Beteiligten besteht, die Vorgaben des Strafrechts eingehalten und keine Dritten potentiell geschädigt oder belästigt werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Allgemeines[Bearbeiten]

  • Vern L. Bullough, Bonnie Bullough (Hrsg.): Human Sexuality: An Encyclopedia. Garland Publishing, New York/London 1994, ISBN 0-8240-7972-8 (Garland Reference Library of Social Science, Vol. 685; online, hrsg. von Erwin J. Haeberle, 2006).
  • Stephan Dressler, Christoph Zink: Pschyrembel Wörterbuch Sexualität. De Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-016965-7.
  • Robert T. Francoeur (Hrsg.): The International Encyclopedia of Sexuality. Bd. I–IV, The Continuum Publishing Company, New York 1997–2001 (online).
  • Erwin J. Haeberle: Die Sexualität des Menschen. Handbuch und Atlas. 2003 (online; auch erschienen als: dtv-Atlas Sexualität. dtv, München 2005, ISBN 3-423-03235-9).
  • Max Marcuse (Hrsg.): Handwörterbuch der Sexualwissenschaft. Enzyklopädie der natur- und kulturwissenschaftlichen Sexualkunde des Menschen. Neuausgabe [Nachdruck der 2. Auflage, 1926], de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017038-8.
  • Volkmar Sigusch: Sexualität. In: Eike Bohlken, Christian Thies (Hrsg.): Handbuch Anthropologie. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02228-8, S. 411–414.

Einzelstudien[Bearbeiten]

Kulturgeschichte[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sexualität des Menschen – Sammlung von Bildern
 Wiktionary: Sexualität – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dagmar Herzog: Sexuality in Europe. A Twentieth-Century History. Cambridge University Press, Cambridge 2011, ISBN 978-0-521-69143-7; Volkmar Sigusch: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion. Campus, Frankfurt am Main/New York 2005, ISBN 3-593-37724-1.
  2. Dagmar Herzog: Politisierung der Lust. Siedler Verlag, München, 2005, ISBN 978-3-88680-831-1.
  3. „Die Quellen waren mit Sexualität gesättigt“ [Interview von Gunter Schmidt mit der Historikerin Dagmar Herzog]. In: taz, 20. Januar 2007, abgerufen am 29. März 2012.
  4. Norman Domeier: Rezension zu: Herzog, Dagmar: Sexuality in Europe. A Twentieth-Century History. Cambridge 2011. In: H-Soz-u-Kult, 29. März 2012, abgerufen am 29. März 2012.