Birr AG

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AG ist das Kürzel für den Kanton Aargau in der Schweiz und wird verwendet, um Verwechslungen mit anderen Einträgen des Namens Birrf zu vermeiden.
Birr
Wappen von Birr
Staat: Schweiz
Kanton: Aargau (AG)
Bezirk: Brugg
BFS-Nr.: 4092i1f3f4
Postleitzahl: 5242
UN/LOCODE: CH BRR
Koordinaten: 657665 / 254169Koordinaten: 47° 26′ 9″ N, 8° 12′ 11″ O; CH1903: 657665 / 254169
Höhe: 402 m ü. M.
Fläche: 5,05 km²
Einwohner: 4357 (31. Dezember 2018)[1]
Einwohnerdichte: 863 Einw. pro km²
Ausländeranteil:
(Einwohner ohne
Bürgerrecht)
44,0 % (31. Dezember 2018)[2]
Website: www.birr.ch
Birrfeld Alstom 9675.jpg

Karte
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Birr ist eine Einwohnergemeinde im Schweizer Kanton Aargau. Sie gehört zum Bezirk Brugg und liegt auf halbem Weg zwischen Lenzburg und Brugg. Birr ist bekannt als eine der Wirkungsstätten des Reformpädagogen Johann Heinrich Pestalozzi.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinde liegt am westlichen Rand des Birrfelds, einer ausgedehnten Ebene zwischen der Aare im Westen und der Reuss im Osten. Die Ebene weist keinerlei nennenswerte Erhebungen auf, wird landwirtschaftlich intensiv genutzt und ist im Südosten des Gemeindegebiets von einem Wald bedeckt. Südlich des Dorfes ragt die steile bewaldete Nordflanke des Chestenbergs in die Höhe, ein bis zu 647 Meter hoher Ausläufer des Faltenjuras östlich der Aare, der das Birrfeld vom Bünztal trennt. Birr ist mit Lupfig vollständig zusammengewachsen, die Grenzen zwischen den einst getrennten Dörfern sind im Landschaftsbild nicht mehr auszumachen.[3]

Die Fläche des Gemeindegebiets beträgt 505 Hektaren, davon sind 176 Hektaren bewaldet und 161 Hektaren überbaut.[4] Der höchste Punkt liegt auf dem Chestenberg auf 645 Metern, der tiefste auf 390 Metern in der Ebene. Nachbargemeinden sind Lupfig im Westen und Norden, Birrhard im Osten, Brunegg im Südosten und Möriken-Wildegg im Südwesten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelfunde weisen auf eine Besiedlung während der Zeit der Römer und Alamannen hin. Die erste urkundliche Erwähnung von Bire erfolgte im Jahr 1270 in einem Kaufvertrag, der den Erwerb von Grundstücken in diesem Ort durch das Kloster Wettingen bestätigte. Der Ortsname stammt vom althochdeutschen (ze) birchun und bedeutet «bei der Birke».[5] Birr war im Mittelalter Teil des Eigenamts, des ältesten Besitzes der Habsburger, deren Stammsitz drei Kilometer nordwestlich auf dem Wülpelsberg steht. 1397 gelangten Grund- und Gerichtsherrschaft über Birr als Schenkung in den Besitz des Klosters Königsfelden in Windisch.

Luftansicht (1963)

Nach der Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen im Jahr 1415 übernahm die Stadt Bern die Herrschaft, das Eigenamt war nun Teil der Untertanengebiete im Berner Aargau. 1528 führten die Berner die Reformation ein und lösten das Kloster Königsfelden auf. Sie wandelten das Eigenamt in die Landvogtei Königsfelden um und übten danach sämtliche Rechte aus. 1771 zog der Reformpädagoge Johann Heinrich Pestalozzi auf den Neuhof. Durch die Einführung neuer Gewächse und Düngemethoden wollte er der teilweise verarmten Bauernschaft ein Beispiel geben, wie sie ihre Situation verbessern könnten. Nachdem dieses Unternehmen gescheitert war, nahmen er und seine Frau Anna Pestalozzi etwa 40 Kinder auf und verbanden industrielle Tätigkeiten wie Spinnen und Weben mit Schulunterricht und sittlicher Erziehung. Aus wirtschaftlichen Gründen musste die Anstalt 1780 geschlossen werden.

Im März 1798 nahmen die Franzosen die Schweiz ein, entmachteten die «Gnädigen Herren» von Bern und riefen die Helvetische Republik aus. Birr gehört seither zum Kanton Aargau. Der Anschluss ans Eisenbahnnetz erfolgte am 1. Juni 1882 durch die Eröffnung der Strecke BruggHendschiken der Aargauischen Südbahn. Bis Mitte der 1950er Jahre blieb Birr ein kleines bescheidenes Bauerndorf. Die in Baden Brown, Boveri & Cie. (heute ABB) errichtete von 1957 bis 1963 einen grossen Fabrikationsbetrieb. Für die vielen (meist ausländischen) Arbeitnehmer der BBC entstand in unmittelbarer Nachbarschaft die Siedlung Wyde mit 500 Wohnungen. In nur zehn Jahren verfünffachte sich die Einwohnerzahl.[6] Das Wachstum hat sich zwar seit 1970 deutlich verlangsamt, die Tendenz ist aber positiv geblieben.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pestalozzi-Denkmal am alten Schulhaus
Neuhof Herrenhaus

Die Ursprünge der Reformierten Kirche Birr gehen auf eine Kapelle zurück, die spätestens im 14. Jahrhundert entstand und zunächst zur Pfarrei Windisch gehörte. Mit der Einführung der Reformation erhielt sie den Status einer Pfarrkirche erhoben, 1662 wurde sie durch einen Neubau von Abraham Dünz ersetzt.

Am südlichen Dorfrand steht der Neuhof, der von 1773 bis 1779 die Wirkungsstätte von Johann Heinrich Pestalozzi war. Im 1770 erbauten Pächterhaus lebte Pestalozzis Familie, das Herrenhaus entstand 1821/22. Nachdem das Pächterhaus 1858 vollständig niedergebrannt war, wurde es unter Verwendung der alten Mauern möglichst originalgetreu wieder aufgebaut. Ab 1914 diente der Neuhof als Erziehungsheim und wandelte sich mit der Zeit zu einem Berufsbildungsheim. Das in einem ehemaligen Bauernhaus untergebrachte Dorfmuseum präsentiert Wohnkultur und landwirtschaftliche Gerätschaften früherer Jahrhunderte.

Im Betriebsgelände von General Electric ist seit 2006 die weltweit erste marktreife Industriegasturbine ausgestellt, die von Adolf Meyer entwickelt worden. Sie war von 1939 bis 2002 in Neuchâtel in Betrieb und ist 1988 von der ASME als Historic Mechanical Engineering Landmark aufgenommen worden.[7][8]

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blasonierung des Gemeindewappens lautet: «In Blau eine gelbe Birne an grünem Blätterzweig». Es handelt sich dabei um ein so genanntes redendes Wappen. Allerdings basiert das Aussehen des Wappens auf einer volksetymologischen Fehldeutung des Ortsnamens. Der Name stammt nicht von Birne ab, sondern von Birch (Birke).[9]

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einwohnerzahlen entwickelten sich wie folgt:[10]

Jahr 1850 1900 1930 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010
Einwohner 498 448 550 562 651 2594 2912 3366 3529 4179

Am 31. Dezember 2018 lebten 4357 Menschen in Birr, der Ausländeranteil ist mit 44 % rund doppelt so hoch wie im kantonalen Durchschnitt. Bei der Volkszählung 2015 bezeichneten sich 29,6 % als römisch-katholisch und 18,1 % als reformiert; 52,3 % waren konfessionslos oder gehörten anderen Glaubensrichtungen an.[11] 71,2 % gaben bei der Volkszählung 2000 Deutsch als ihre Hauptsprache an, 7,2 % Italienisch, 6,7 % Serbokroatisch, 5,2 % Albanisch, 1,6 % Türkisch, 1,3 % Französisch, 1,0 % Spanisch und 0,6 % Portugiesisch.[12]

Politik und Recht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Versammlung der Stimmberechtigten, die Gemeindeversammlung, übt die Legislativgewalt aus. Ausführende Behörde ist der fünfköpfige Gemeinderat. Er wird im Majorzverfahren vom Volk gewählt, seine Amtsdauer beträgt vier Jahre. Der Gemeinderat führt und repräsentiert die Gemeinde. Dazu vollzieht er die Beschlüsse der Gemeindeversammlung und die Aufgaben, die ihm vom Kanton zugeteilt wurden. Für Rechtsstreitigkeiten ist in erster Instanz das Bezirksgericht Brugg zuständig. Birr gehört zum Friedensrichterkreis VIII (Brugg).[13]

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirche von Birr

In Birr gibt es gemäss der im Jahr 2015 erhobenen Statistik der Unternehmensstruktur (STATENT) rund 2500 Arbeitsplätze, davon 2 % in der Landwirtschaft, 63 % in der Industrie und 35 % im Dienstleistungssektor.[14] Das wirtschaftliche Hauptgewicht liegt bei der Industrie. In der weitläufigen Birrer Industriezone befindet sich unter anderem eine Betriebsstätte von General Electric (früher BBC bzw. ABB, vorübergehend Alstom) mit rund 700 Arbeintsplätzen, in der Rotoren für Gas- und Dampfturbinen sowie Generatoren produziert werden.[15] Daneben gibt es weitere Industriebetriebe sowie zahlreiche Gewerbe- und Dienstleistungsunternehmen.

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kantonsstrasse 280 von Brugg nach Wohlen verläuft östlich des Dorfes durch die Industriezone, das Zentrum selbst wird durch die Kantonsstrasse 395 erschlossen. Das Dorf liegt knapp zwei Kilometer südlich des Autobahnanschlusses Brugg der A3 und profitiert dadurch von seiner ausgezeichneten Verkehrslage zwischen den Grossstädten Zürich und Basel. Seit 1995 besitzt Birr eine Bahnstation an der SBB-Linie Lenzburg-Brugg. Eine Postautolinie verkehrt zum Bahnhof Brugg aus, ebenso an Wochenenden ein Nachtbus.

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Schulzentrum der Gemeinde werden die Primarschule, die Realschule und die Sekundarschule geführt. Die Bezirksschule kann in Windisch oder Brugg besucht werden. Die nächstgelegenen Gymnasien sind die Kantonsschule Baden und die Kantonsschule Wettingen. Im Berufsbildungsheim Neuhof können straffällig gewordene Jugendlichen und solche aus schwierigen sozialen Verhältnissen eine handwerkliche oder landwirtschaftliche Berufslehre absolvieren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Birr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bevölkerungsbestand nach Gemeinde, Nationalität und Geschlecht, per 31. Dezember 2018. (XLS, 233 kB) Departement Finanzen und Ressourcen, Statistik Aargau, März 2019, abgerufen am 27. März 2019.
  2. Bevölkerungsbestand nach Gemeinde, Nationalität und Geschlecht, per 31. Dezember 2018. (XLS, 233 kB) Departement Finanzen und Ressourcen, Statistik Aargau, März 2019, abgerufen am 27. März 2019.
  3. Landeskarte der Schweiz, Blatt 1070 und 1090, Swisstopo.
  4. Arealstatistik Standard – Gemeinden nach 4 Hauptbereichen. Bundesamt für Statistik, 26. November 2018, abgerufen am 11. Juni 2019.
  5. Beat Zehnder: Die Gemeindenamen des Kantons Aargau. In: Historische Gesellschaft des Kantons Aargau (Hrsg.): Argovia. Band 100. Verlag Sauerländer, Aarau 1991, ISBN 3-7941-3122-3, S. 90–92.
  6. Nina Fargahi: “Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen” (Memento vom 5. Oktober 2011 im Internet Archive) NZZ-online 10. September 2011
  7. Zaugg, Paul / Lang, Norbert: Ein doppeltes Gasturbinen-Jubiläum und seine Bedeutung für die Region. In: Badener Neujahrsblätter. 1999, doi:10.5169/seals-324630.
  8. The world's first industrial gas turbine set – GT Neuchâtel. (PDF; 1.02 MB) A Historic Mechanical Engineering Landmark. 2. September 1988, S. 8, abgerufen am 29. Mai 2017 (englisch).
  9. Joseph Galliker, Marcel Giger: Gemeindewappen des Kantons Aargau. Lehrmittelverlag des Kantons Aargau, Buchs 2004, ISBN 3-906738-07-8, S. 121.
  10. Bevölkerungsentwicklung in den Gemeinden des Kantons Aargau seit 1850. (Excel) In: Eidg. Volkszählung 2000. Statistik Aargau, 2001, archiviert vom Original am 8. Oktober 2018; abgerufen am 11. Juni 2019.
  11. Wohnbevölkerung nach Religionszugehörigkeit, 2015. (Excel) In: Bevölkerung und Haushalte, Gemeindetabellen 2015. Statistik Aargau, abgerufen am 11. Juni 2019.
  12. Eidg. Volkszählung 2000: Wirtschaftliche Wohnbevölkerung nach Hauptsprache sowie nach Bezirken und Gemeinden. (Excel) Statistik Aargau, archiviert vom Original am 10. August 2018; abgerufen am 11. Juni 2019.
  13. Friedensrichterkreise. Kanton Aargau, abgerufen am 18. Juni 2019.
  14. Statistik der Unternehmensstruktur (STATENT). (Excel, 157 kB) Statistik Aargau, 2016, abgerufen am 11. Juni 2019.
  15. Giorgio V. Müller: General Electric verlagert Standort Oberentfelden nach Birr. Neue Zürcher Zeitung, 18. Juni 2018, abgerufen am 11. Juni 2019.