Reuss (Fluss)

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Reuss
Furkareuss
Die Reuss in Luzern

Die Reuss in Luzern

Daten
Gewässerkennzahl CH: 38
Lage Schweiz
Flusssystem Rhein
Abfluss über Aare → Rhein → Nordsee
Quelle als Furkareuss oberhalb des Furkapasses
46° 33′ 48″ N, 8° 25′ 55″ O
Quellhöhe 2'640 m ü. M.
Mündung in die Aare bei WindischKoordinaten: 47° 29′ 28″ N, 8° 14′ 16″ O; CH1903: 660216 / 260334
47° 29′ 28″ N, 8° 14′ 16″ O
Mündungshöhe 329 m ü. M.
Höhenunterschied 2311 m
Länge 164,4 km
Einzugsgebiet 3426 km²[1]
Abfluss am Pegel Mellingen[2]
AEo: 3382 km²
Lage: 12,7 km oberhalb der Mündung
NNQ (2006)
MNQ 1935–2013
MQ 1935–2013
Mq 1935–2013
MHQ 1935–2013
HHQ (2005)
28,6 m³/s
93 m³/s
140 m³/s
41,4 l/(s km²)
179 m³/s
854 m³/s
Linke Nebenflüsse Göschener Reuss, Meienreuss, Kleine Emme
Rechte Nebenflüsse Gotthardreuss, Unteralpreuss, Chärstelenbach, Schächen, Lorze, Jonenbach
Durchflossene Seen Vierwaldstättersee
Durchflossene Stauseen Flachsee
Mittelstädte Luzern
Kleinstädte Emmen, Bremgarten
Die Reuss unter der Spreuerbrücke

Die Reuss unter der Spreuerbrücke

Die Reuss ist ein 164 Kilometer langer Fluss in der Schweiz mit einem Einzugsgebiet von 3426 Quadratkilometern. Damit ist sie nach Rhein, Aare und Rhone der viertgrösste Fluss der Schweiz. Der Oberlauf der Reuss hiess früher wahrscheinlich *Sila, wie zur Erklärung des Ortsnamens Silenen vorausgesetzt wird.[3] Der heutige Name ist erstmals 1296 als Rusa belegt, im 16. bis 19. Jahrhundert erscheint er bisweilen als Ursa.[4]

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Flusslauf der Reuss wird in Abhängigkeit von den grossen vom Fluss durchquerten Landschaften in vier Abschnitte eingeteilt: die alpine Reuss, die subalpine Reuss, die Mittellandreuss und die Jurareuss.

Der Fluss entspringt als Furkareuss im Gotthardmassiv auf 2'640 m ü. M. aus einem kleinen Bergsee östlich des Schwärziseelis und oberhalb des Furkapasses. Nach 19 Kilometern vereinigt sich der Flusslauf bei Hospental im Urserental mit der Gotthardreuss und wird von da an nur noch Reuss genannt. Wichtigster Zufluss der Furkareuss ist die Witenwasserenreuss.

Bei Andermatt biegt der Fluss nach Norden ab und passiert die Schöllenenschlucht mit der alten Häderlisbrücke kurz vor Göschenen. Die steile Schlucht im oberen Bereich mit ihren hohen Granitwänden war im Mittelalter das grösste Hindernis für die Erschliessung des Gotthardpasses, das nur durch kühne Kunstbauten wie den Stiebenden Steg und die Teufelsbrücke und später das Urnerloch überwunden werden konnte. In der Schöllenen befinden sich das Suworow-Denkmal, das dem russischen General Suworow gewidmet ist und an die Schlacht von 1799 zwischen Russen und Franzosen im Zweiten Koalitionskrieg erinnert, und das monumentale Felsengemälde von Heinrich Danioth.

Bei Göschenen liegen die Nordportale des Gotthardtunnels der Eisenbahn und des Gotthard-Strassentunnels der Autobahn A 2. Von Göschenen über Wassen, wo die Meienreuss einmündet, und bis Amsteg sinkt die Reuss mit einem starken Gefälle und durch mehrere Schluchten in nördlicher Richtung, bis sie bei Erstfeld die breite Ebene des Urner Reusstals erreicht. In einem geraden Kanal fliesst sie zwischen Altdorf und Attinghausen neben der Autobahn über die Ebene nach Norden und erreicht bei Flüelen und Seedorf das Mündungsgebiet im Reussdelta am Vierwaldstättersee.

In Luzern fliesst die Reuss aus dem See in das Mittelland, durchquert den Hügelzug Zimmeregg-Greterwald, nimmt beim Stadtteil Reussbühl und Emmenbrücke die Kleine Emme auf und strebt dann in nordöstlicher Richtung durch das flache Tal an Buchrain und Root vorbei, bis sie bei Honau den Punkt erreicht, an dem sich die Grenzen der Kantone Luzern, Zug und Aargau treffen. Von da an fliesst sie als mäandrierender Fluss gegen Norden durch das Reusstal und bildet zunächst die Grenze zwischen dem aargauischen Freiamt und dem Kanton Zug und später dem Kanton Zürich. Bei Maschwanden mündet von rechts die Lorze in die Reuss, bei Obfelden der Lindenbach und bei Jonen der aus dem Tal von Affoltern am Albis und dem Jonental kommende Jonenbach. Als linksseitige kleinere Zuflüsse sind nördlich von Luzern vor allem der Rotbach, der Allikerbach und der Wissenbach zu erwähnen. Bei Unterlunkhofen ist am Fluss 1975 mit dem Neubau des Kraftwerks Bremgarten der Flachsee entstanden. In einer mächtigen Flussschlaufe umschliesst die Reuss die Altstadt von Bremgarten. Unterhalb von Bremgarten fliesst sie durch Schwemmebenen oberhalb von Hügelzonen mehrerer Endmoränen des eiszeitlichen Reussgletschers und durchquert die Stadt Mellingen.

Im Siedlungsgebiet von Windisch und Gebenstorf durchschneidet die Reuss die südlichste Kalkkette des Jura und mündet schliesslich unterhalb von Brugg in die Aare.

Einzugsgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wichtigsten Reuss-Seitentäler sind:

Naturschutzgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Mündung der Reuss in den Urnersee, den südlichen Teil des Vierwaldstättersees, liegt das ausgedehnte Naturschutzgebiet Reussdelta, das mit der Einführung des nachhaltigen Kiesabbaus aufgrund des im Jahr 1985 von den Urner Stimmberechtigten angenommenen Reussdeltagesetzes gesichert ist.[5] Ausbruchmaterial aus dem Umfahrungstunnel von Flüelen und dem Gotthard-Basistunnel diente für Aufschüttungen vor dem Delta.

Nach dem Bau des neuen Kraftwerks Zufikon und der grossen Melioration des Reusstals von Maschwanden bis Unterlunkhofen[6] um 1970 bildete sich der Flachsee, ein weites Naturschutzgebiet in der Reussebene.

Bei Rottenschwil hat die Stiftung Reusstal im Bereich einer ehemaligen, etwa um 1700 abgeschnittenen Reussschlinge das Naturzschutzgebiet Stille Reuss Rottenschwil geschaffen.[7]

An den Städten Bremgarten und Mellingen vorbei fliesst die Reuss weiter durch das teilweise tief in Molasse und Schotterterrassen eingeschnittene Tal, bis sie unterhalb von Windisch und Gebenstorf beim «Wasserschloss der Schweiz» in die Aare mündet. Als einer der wenigen grösseren Flussabschnitte der Schweiz ist die Reuss unterhalb von Bremgarten auf einer Länge von 25 Kilometern weitgehend unverbaut geblieben, ohne Kraftwerke, Staustufen und Seitendämme. Das Reussuferschutzgebiet besteht seit 1966.[8]

Gewässerökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass die biologischen Verhältnisse in der Reuss unterhalb des Vierwaldstättersees vor allem wegen der intensiven Siedlungsentwässerung teilweise gemäss den Anforderungen der Gewässerschutzverordnung ungenügend sind.[9]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schifffahrt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem Mittelalter benützten die Schiffleute von Luzern und aus den Ortschaften am Fluss die Reussstrecke bis zur Aare als Transportstrasse.[10][11].

Flussübergänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen dem Gotthard und der Mündung in die Aare am Jurasüdfuss wird die Reuss von zahlreichen Verkehrswegen gekreuzt. In den Tälern des Kantons Uri führen die Gotthardstrasse, die Gotthardbahn und die Autobahn A 2 über zahlreiche, oft kühn konstruierte Brückenbauwerke, die als technikgeschichtliche Sehenswürdigkeiten gelten, wie zum Beispiel die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht, die Häderlisbrücke bei Göschenen, die Intschi–Reussbrücke bei Gurtnellen oder die Chärstelenbachbrücke bei Amsteg.

Unterhalb des Vierwaldstättersees stehen die berühmten Holzbrücken in der Stadt Luzern, die Kapellbrücke und die Spreuerbrücke. Und auch am Flusslauf durch das Mittelland stehen zahlreiche Strassen- und Eisenbahnbrücken, wie die Reussbrücke Sins–Hünenberg, die Eisenbahnbrücke und die Holzbrücke von Bremgarten, die hohe Bahnbrücke bei Mellingen und die frühe Eisenbahnbrücke von Vogelsang.

Flussbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regulierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Einzugsgebiet der Reuss ereigneten sich in geschichtlicher Zeit oft verheerende Hochwasser. Zur Regulierung des Abflusses aus dem Vierwaldstättersee dient in Luzern ein Nadelwehr.

Flusskorrektion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1662 besprachen die Kantone Zürich, Luzern und Zug in einer Konferenz die Probleme mit den Schäden an den Reussufern im Gebiet der Ortschaften Maschwanden und Merenschwand.

Von 1851 bis 1861 baute der Kanton Uri nach einem Projektplan der Ingenieure M. Hegner, Richard La Nicca und Karl Emanuel Müller für den Fluss einen Kanal von Attinghausen bis zur Mündung in den Urnersee.[12]

Im Jahr 1810 erteilte der Kanton Aargau dem Badener Wasserbauingenieur Johann Gottfried Tulla den Auftrag für eine Studie über Korrektionsmassnahmen an der Reuss. 1811 begannen die Bauarbeiten mit dem Durchstich einer Flussschlaufe bei Fischbach-Göslikon unterhalb von Bremgarten. Auch nach dem Abschneiden eines zweiten Mänders blieben weitere Erosionsschäden an den Flussufern nicht aus. Aus weiteren Gutachten der Ingenieure Richard La Nicca von 1851 und Conradin Zschokke von 1905 gingen neue flussbauliche Vorschläge hervor. Während die ursprünglich geplante Begradigung der Reuss im Gebiet der weiteren grossen Schlaufen bei Eggenwil unterblieb, liess der Kanton Aargau zwischen 1905 und 1950 die Ufer in diesem flachen Flussabschnitt stellenweise sichern und mit Mauern, Betonverkleidungen und Wuhren verstärken.[13]

Nach einer Konvention der Kantone Zug und Aargau vom 1825 galten neue Vorschriften für die Uferverbauungen in der Ebene an der Lorze. Nach einem grossen Hochwasser im Jahr 1846 wurde die Reussverordnung von 1847 erlassen. Nach dem Gutachten von Richard La Nicca von 1851 liess der Kanton Zug den Binnenkanal rechts der Reuss von Cham bis Maschwanden ausführen und 1872 den Reussdamm verstärken. Mit dem Gesetz vom 13. Februar 1915 über den Hochwasserschutz an der Reuss initiierte Zug ein grosses Flussbauprojekt, das bis 1924 dauerte.[14]

Landesgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Reuss ist von landesgeschichtlicher Bedeutung, da sie seit dem 10. Jahrhundert für ca. 200 Jahre der Grenzfluss zwischen dem Königreich Burgund und dem Herzogtum Alemannien im deutschen Kaiserreich war und auch seit der frühen Neuzeit Landesteile der Schweiz trennte.

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Energiewirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Kantonen Uri, Luzern und Aargau nutzen mehrere Wasserkraftwerke das Gefälle der Reuss zur Erzeugung von elektrischer Energie: Kraftwerk Göschenen, Kraftwerk Wassen, Kraftwerk Amsteg, Kraftwerk Mühlenplatz in Luzern, Kraftwerk Rathausen, Kraftwerk Zufikon, Kraftwerk Windisch.

Freizeitverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterhalb von Göschenen eignet sich die Reuss für das Wildwasserfahren.[15]

Kleine Boote können die Reuss vom Vierwaldstättersee bis zur Mündung in die Aare bei normalem Wasserstand mit Einschränkungen befahren. Bei den Stauwehren von Rathausen, Perlen, Ottenbach, Bremgarten-Zufikon, Bremgarten und Windisch bestehen Durchfahrt- oder Transportmöglichkeiten.[16] Für Kanus und kleine Schlauchboote sind nur die Abschnitte unterhalb der Staustufe bei Perlen bis zum Kraftwerk Bremgarten-Zufikon und vom Hexenturm im Westen der Stadt Bremgarten bis zur Staustufe der Spinnerei Kunz bei Gebenstorf bei einem Abfluss zwischen 150 und 270 m³/s (Messstation Mellingen) geeignet.[17]

Den Ufern der Reuss entlang führen Wanderrouten, die stellenweise schmal und anspruchsvoll sind.[18]

In der Umgebung von Bremgarten findet seit 1982 jährlich der Laufsportanlass Reusslauf statt.[19]

Im Reusstal sind Velorouten eingerichtet, die teilweise den Uferwegen folgen, unterhalb von Bremgarten wegen den Steilufern des Flusses jedoch auf die Schotterterrassen ausweichen (Veloland-Route 77).[20]

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Reuss (Fluss) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Josef Schurtenberger: Die Reuss. Solothurn 1973.
  • Thomas Burger: Reuss. Auen der Reussebene zwischen Sins und Rottenschwil. Aarau 2003.
  • Monika Beck, Michael van Orsouw: Flusslandschaft Reuss. Zug 2004.
  • Heinrich Jäckli: Talgeschichtliche Probleme im aargauischen Reusstal. In: Geographica Helvetica 1956, S. 46–59.
  • Rudolf Siegrist: Die Flussschotter der Eiszeit im Aargau und ihre natürliche pflanzliche Besiedelungsmöglichkeit: eine geologisch-klimatologisch-botanische Studie. Aarau 1953.
  • Max Werder (u.a.): Kanton Aargau. Sanierung der Reusstalebene. Ein Partnerschaftswerk. Aarau 1982.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geoserver der Schweizer Bundesverwaltung (Hinweise)
  2. Messstation Mellingen 2013 (PDF) Bundesanstalt für Umwelt BAFU
  3. Gabrielle Schmid, Silenen UR (Uri) in: Dictionnaire toponymique des communes suisses – Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen – Dizionario toponomastico dei comuni svizzeri (DTS|LSG), Centre de dialectologie, Université de Neuchâtel, Verlag Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2005, ISBN 3-7193-1308-5 und Éditions Payot, Lausanne 2005, ISBN 2-601-03336-3, S. 833f.
  4. Anne-Marie Dubler, Hans Stadler: Reuss im Historischen Lexikon der Schweiz
  5. Schutzzone Reussdelta bei Flüelen.
  6. Information Reussebene (PDF).
  7. Stille Reuss (PDF).
  8. Geschichte der Schutzgebiete an der Reuss.
  9. Biologische Untersuchung der Mittelland Reuss, Kleinen Emme und Unteren Lorze. Gewässerschutzfachstellen der Kantone Aargau, Luzern, Zug und Zürich. Kurzbericht 2013.
  10. Fritz Glauser: Verkehr im Raum Luzern-Reuß-Rhein im Spätmittelalter. Verkehrsmittel und Verkehrswege. In: Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Luzern 1978, S. 2–19.
  11. Max Baumann: Von Fährleuten, Schiffern und Fischern im Aargau. Der Fluss als Existenzgrundlage ländlicher Bevölkerung. Windisch 1977.
  12. Peter Püntener: Hochwasser im Kanton Uri. Ein historischer Rückblick und das Hochwasser vom 24./25. August 1987. In: Schweizer Ingenieur und Architekt, 2000, S. 752–755.
  13. Franz Studer: Reusskorrektion. In: Gemeinde Fischbach-Göslikon. Dorfchronik, 1991, S. 103-115.
  14. E. Zumbach: Zugerische Reussverbauung in alter und neuer Zeit, Zug 1924.
  15. Webseite des Kanuclubs Uri.
  16. Informationen zur Wasserstrasse.
  17. Iwona Eberle: Gummibootführer Schweiz. Werd Verlag, Thun 2015, ISBN 978-3-85932-742-9.
  18. Reussuferweg.
  19. Webseite der Organisation Bremgarter Reusslauf.
  20. Veloroute von Veloland an der Reuss.