Elisabeth Bronfen

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Elisabeth Bronfen (2013)

Elisabeth Bronfen (* 23. April 1958 in München) ist eine Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und Buchautorin; sie ist Professorin für Anglistik und Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der Universität Zürich. Zudem ist sie seit 2007 Global Distinguished Professor an der New York University. Bronfen hat zahlreiche Aufsätze in den Bereichen Gender Studies, Psychoanalyse, der Literatur-, Film- und Kulturwissenschaften sowie einige vielbeachtete Bücher veröffentlicht. Sie lebt gegenwärtig in Zürich.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elisabeth Bronfen studierte Germanistik, Anglistik und Komparatistik am Radcliffe College und an der Universität Harvard, wo sie ihren ersten akademischen Grad erwarb. Von 1985 bis 1992 arbeitete sie an der Universität München, promovierte dort über Dorothy Richardsons Pilgrimage-Romane. Seit 1993 hat sie einen Lehrstuhl an der Universität Zürich inne. Ihr ursprüngliches Fachgebiet ist die anglo-amerikanische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.

In ihrer Habilitationsschrift Over Her Dead Body (1992) hob Bronfen im interdisziplinären, poststrukturalistisch geprägten Diskurs vor allem auf einen ursprünglichen Mangel – den Tod – und Prozesse der Re- und Defiguration ab, die ihrer Ansicht nach in unserer Kultur oft über den weiblichen Körper, bzw. die weibliche Leiche, verhandelt werden. Schnell wurde ihre Arbeit über Fachkreise hinaus bekannt. Gewisse thematische Affinitäten ihrer Analysen zu den Untersuchungen Klaus Theweleits (Buch der Könige) drängen sich auf. Bronfens Interpretationen schöpfen allerdings aus zahlreichen Theorie-Quellen, nennen könnte man hier beispielsweise Judith Butler, Michail Bachtin, Jacques Lacan, Charles Taylor, Stephen Greenblatt, Michel Foucault, Jacques Derrida, Stanley Cavell, Roland Barthes.

Bronfens neuere Arbeiten behandeln unter anderem Shakespeares Komödien, den europäisch-amerikanischen Dialog in der Nachkriegskultur, die Kulturgeschichte der Nacht, Studien zu Pop Art und Hollywood-Kino sowie die Beziehungen zwischen literarischer und visueller Kultur. Weitere Forschungsgebiete Bronfens sind Mad Men und das kulturelle Imaginäre Amerikas, Shakespeares Theater, Serialität und die DVD-Romane des 21. Jahrhunderts, und die Frage nach der Verknüpfung von politischer Souveränität und Gender.

Außerdem war Elisabeth Bronfen mehrfach Mitglied der Jury des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Sie betreute ferner die vierbändige erste deutsche Ausgabe der Gedichte und Briefe Anne Sextons, wirkte mit an Kindlers Literatur Lexikon, verfasste ein Vorwort für die Wiederveröffentlichung von Ambrose Bierces Geschichten aus dem Bürgerkrieg (Elster, 2009) schrieb diverse Aufsätze für literatur- und filmwissenschaftliche sowie psychologische Fachzeitschriften, verfasste daneben auch einzelne Artikel für die Vogue und die Tageszeitung.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In ihrer Habilitation Over her Dead Body: Death, Femininity and the Aesthetic (1992, dt. Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik) untersuchte Bronfen die Repräsentation von Weiblichkeit und Tod anhand von Beispielen wie Wuthering Heights, Frankenstein und Vertigo – Aus dem Reich der Toten. Bronfen argumentiert darin, dass die erzählerische und bildliche Darstellung des Todes als Symptom unserer Kultur gelesen werden kann. Weil der weibliche Körper kulturell als superlative Instanz des Nicht-Ichs konstruiert sei, benutze die Kultur Kunst, um die Tode schöner Frauen zu erträumen.

In der Aufsatzsammlung Heimweh: Illusionsspiele in Hollywood beschäftigt sich Bronfen mit dem US-amerikanischen Film als Darstellung psychischer Prozesse anhand von Kino-Klassikern wie Der Zauberer von Oz, Rebecca und Sieben. Insbesondere untersucht Bronfen die Filme anhand von Freud'schen Konzepten wie dem Unheimlichen. Gemäß Martin Stingelin ist Bronfens These, dass sich „Identität nur als unablässig vom Scheitern bedrohter Abwehrprozess gegen das traumatische Moment bilden kann.“[1]

In dem Buch zum Diven-Kult von 2002 untersuchte Bronfen den Unfall im Zeichensystem des Starkults: das Verschwimmen der Grenzen von öffentlicher Rolle, Kunst und Leben anhand der Fälle der Comtesse de Castiglione, König Ludwigs von Bayern, Sarah Bernhardts, Marilyn Monroes, Maria Callas', Elvis Presleys, Evita Peróns, Rita Hayworths, Andy Warhols und Joseph Beuys'. Diven absolvieren nach Aussage der Autorin eine „Gratwanderung zwischen Macht und Opferrolle“.

Begeisterte Rezensenten des Buches Liebestod und Femme fatale aus dem Jahr 2004 bescheinigten Bronfen, souverän zwischen Oper, Drama, Literatur und Film, Gender-Theorie, Psychoanalyse und Textexegese jonglieren zu können, man lobte die „dekonstruktivistische Schärfe“ der Autorin. Weniger wohlmeinende Kritiker sprachen dagegen von „spät-postmoderner Wünschelrutengängerei“. Unter anderem werden im Buch strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den fatalen Paar-Konstellationen des Film noir und der Wagner-Oper Tristan und Isolde vorgeführt.

Mit Crossmappings. Essays zur visuellen Kultur (2009) präsentierte Bronfen ihr theoretisches Konzept des Crossmapping, bei dem formale Aspekte wie zum Beispiel Charakterkonstellationen verschiedener Texte übereinandergelegt und verglichen werden, was eine neue Lesart der einzelnen Texte ermöglicht. Gleichzeitig präsentiert der Sammelband eine Auswahl von Bronfens Beiträgen über Kunst, Kunstschaffende und Visual Culture; viele Texte erschienen darin zum ersten Mal auf Deutsch.[2] Crossmappings wurde außerdem zu einem der 30 schönsten Schweizer Bücher gekürt.[3]

In Hollywoods Kriege. Geschichte einer Heimsuchung (2013) setzt sich Bronfen mit der filmischen Aufarbeitung der US-amerikanischen Kriegsgeschichte auseinander. Angefangen mit dem Bürgerkrieg als „unerledigtes Geschäft“[4] in Vom Winde verweht und Gangs of New York bis hin zu „Schlachtchoreografien“[5] wie Der Soldat James Ryan und Band of Brothers, untersucht Bronfen die Gemeinsamkeiten von militärischem und filmischem Spektakel.[6]

2015 erschien das von Bronfen gemeinsam mit dem Hoffmann und Campe-Verleger Daniel Kampa herausgegebene Buch über Kriegsreporterinnen im Zweiten Weltkrieg (Martha Gellhorn, Lee Miller, Margaret Bourke-White).[7]

Ebenfalls 2015 publizierte Bronfen im Diaphanes-Verlag das Buch Mad Men – eine Analyse über die von 2007 bis 2015 ausgestrahlte, preisgekrönte amerikanische Serie. Mad Men sei „ein Schlüsselroman auf DVD“ und eine „intelligente Selbstreflexion über die Rolle des Fernsehens“, die sich ausgerechnet mit der Werbebranche als Schafferin und Abbildung amerikanischer Ideale von Familie und persönlichem Glück befasse.[8] Auf Englisch erscheint das Buch denn auch unter dem Titel Mad Men, Death and the American Dream.[9]

Crossmapping[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Crossmapping ist die von Elisabeth Bronfen beschriebene Lesemethode von Texten, die auf Vergleiche deren Bildsprachen und Formalitäten beruht. Rolf Löchel nennt Crossmapping eine "erkenntnisstiftende Methode 'vergleichende[r] Lektüre'", bei der es nicht darum gehe, Intertextualitäten aufzuzeigen, sondern "ähnliche Anliegen von Texten unterschiedlicher Medialitäten herauszuarbeiten.[10] In ihrem 2009 erschienenen Sammelband Crossmappings. Essays zur visuellen Kultur wendet Bronfen die Methode unter anderem auf Charlotte Perkins Gilmans Erzählung Die gelbe Tapete und das fotografische Oevre von Francesca Woodman an. In Seminaren an der Universität Zürich stellte Bronfen außerdem Crossmappings zwischen Shakespeares Historien und The Wire,[11] Macbeth und House of Cards sowie Antonius und Cleopatra und The Honourable Woman[12] auf.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bronfens Anwendung ursprünglich psychopathologischer Begriffe als kulturelle Deutungsmuster wird in der Fachwelt und der Publizistik teilweise kritisiert. Der Übersetzer Hans-Dieter Gondek findet die Anwendung des Traumabegriffs auf die Filmanalyse "grundsätzlich problematisch" und im Falle von Bronfens Buch "nicht ausreichend herausgearbeitet.".[13] In der Zeitschrift Mittelweg 36 moniert der Berliner Psychologe und Literaturwissenschaftler Harald Weilnböck Bronfens Trauma-Begriff, der nicht von individuell erlebter Gewalterfahrung ausgehe, wie es in der klinischen Psychotraumatologie gang und gäbe sei. Bronfen hebe stattdessen den Begriff über jede individuelle Erfahrung hinaus, indem sie einen „traumatischen Kern“ „am Nabel aller Identitätssysteme[14] vermute. Damit ontologisiere sie das Trauma, sehe es also als eine abstrakte Basiserfahrung, die allen Menschen eigen sei und die dementsprechend nicht mehr überwunden, integriert und geheilt werden müsse. Im Gegenteil, Bronfen verstehe ein so verstandenes Trauma als Quelle produktiver Antriebe und eines überschießenden „Genießens“ in der „Auflösung des Selbst“.[15]

Bibliographie (Auszug)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mad Men. Diaphanes, Zürich/ Berlin 2015, ISBN 978-3-03734-486-6.
  • mit Daniel Kampa (Hrsg.): Die Amerikanerin in Hitlers Badewanne: Drei Frauen berichten über den Krieg: Martha Gellhorn, Lee Miller, Margaret Bourke-White. Hoffmann und Campe, Hamburg 2015, ISBN 978-3-455-50365-4.
  • mit Beate Neumeier (Hrsg.): Gothic Renaissance: A Reassessment. University Press, Manchester 2014, ISBN 978-0-7190-8863-6.
  • Hollywoods Kriege. Geschichte einer Heimsuchung (Originaltitel: Specters of War, übersetzt von Regina Brückner). Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-009656-2.
  • mit Norbert Grob (Hrsg.): Stilepochen des Films. Band 2: Classical Hollywood. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-019015-9. (Filme von 1929 bis 1960)
  • Crossmappings: Essays zur visuellen Kultur. Scheidegger & Spiess, Zürich 2009, ISBN 978-3-85881-240-7.
  • Stanley Cavell zur Einführung. Junius, Hamburg 2009, ISBN 978-3-88506-608-8.
  • Tiefer als der Tag gedacht. Eine Kulturgeschichte der Nacht. Hanser, München 2008, ISBN 978-3-446-23010-1.
  • Liebestod und Femme fatale. Der Austausch sozialer Energien zwischen Oper, Literatur und Film. Suhrkamp, Berlin 2004, ISBN 3-518-12229-0.
  • mit Barbara Straumann: Diva. Eine Geschichte der Bewunderung. Schirmer/Mosel, München 2002, ISBN 3-88814-308-X.
  • mit Misha Kavka (Hrsg.): Feminist Consequences. Columbia University Press, New York 2000, ISBN 0-231-11705-1.
  • mit Birgit Erdle und Sigrid Weigel (Hrsg.): Trauma. Zwischen Psychoanalyse und kulturellem Deutungsmuster. Böhlau, Köln 1999, ISBN 3-412-14398-7.
  • Heimweh. Illusionsspiele in Hollywood. Verlag Volk und Welt, Berlin 1999, ISBN 3-353-01104-8.
    • englisch: Home in Hollywood. The Imaginary Geography of Cinema. Columbia University Press, New York 2004, ISBN 0-231-12177-6.
  • The Knotted Subject. Hysteria and its Discontents. Diane Publishing, Collingdale 1998, ISBN 0-7567-8144-2.
  • Sylvia Plath. Deutsche Übersetzung. Frankfurter Verlagsanstalt, 1998, ISBN 3-627-00016-1.
  • mit Sarah W. Goodwin (Hrsg.): Death and Representation. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1993, ISBN 0-8018-4627-7.
  • Over Her Dead Body. Death, Femininity and the Aesthetic. 1992.
  • Die schöne Leiche: Weiblicher Tod als motivische Konstante von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Moderne. 1987.
  • Der literarische Raum. Eine Untersuchung am Beispiel von Dorothy M. Richardsons Pilgrimage. 1986.
    • englisch: Dorothy Richardson's Art of Memory. Space, Identity, Text. 1999.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Elisabeth Bronfen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Martin Stingelin: Virtuelle Heimat. Elisabeth Bronfen entlarvt das Kino als trügerische Heimstatt unserer imaginären Identität. auf: literaturkritik.de, März 2000.
  2. Scheidegger & Spiess
  3. Die Schönsten Schweizer Bücher des Jahres 2009 (juriert im Januar 2010). In: Swiss Design Awards.
  4. Bronfen: Hollywoods Kriege. S. 16.
  5. Bronfen: Hollywoods Kriege. S. 107.
  6. David Kleingers: Krieg im Kino: Die ewige Front in Hollywood. In: Der Spiegel. 5. Dezember 2013.
  7. Rezension in der Jungle World
  8. Diaphanes. „Online-Klappentext“.
  9. Diaphanes. "Online-Klappentext."
  10. Rolf Löchel: Ähnliche Anliegen. Elisabeth Bronfen führt ihr erkenntnisstiftendes Lektüreverfahren des Crossmapping vor. auf: literaturkritik.de, Februar 2010.
  11. Elisabeth Bronfen. "BA Seminar: Shakespeare's Wire." Universität Zürich, Herbstsemester 2013.
  12. Elisabeth Bronfen. "BA Seminar: Shakespeare Now." Universität Zürich, Frühjahrssemester 2015.
  13. Zusammenfassung zweier Rezensionen im Perlentaucher
  14. Bronfen u. a. (Hrsg.): Trauma. Zwischen Psychoanalyse und kulturellem Deutungsmuster. Böhlau Verlag, Köln 1999, S. 153.
  15. Harald Weilnböck: „Das Trauma muss dem Gedächtnis unverfügbar bleiben“. Trauma-Ontologie und anderer Miss-/Brauch von Traumakonzepten in geisteswissenschaftlichen Diskursen. In: Mittelweg. 36, Heft 2, 16. Jahrgang, April/Mai 2007, S. 12. online einsehbar auf eurozine.com