Ivo Pogorelich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ivo Pogorelich (serbokroatisch: Ivo Pogorelić; * 20. Oktober 1958 in Belgrad, Jugoslawien) ist ein kroatischer[1] Pianist.

Werdegang[Bearbeiten]

Seine Ausbildung am Klavier begann Ivo Pogorelich, Sohn eines Kontrabassisten, mit sieben Jahren in Belgrad. Er setzte sie 1970 an der Zentralen Musikschule in Moskau und später am dortigen Tschaikowski-Konservatorium fort,[2] wo er unter anderem die Klasse von Wera Gornostajewa besuchte.[3] Ab Oktober 1976 wurde Pogorelich zusätzlich von Aliza Kezeradze (* 1937[4] oder 1944[5]) unterrichtet,[6] mit der er von 1980 bis zu ihrem Tod 1996 verheiratet war.

Im Jahr 1978 gewann er den Casagrande-Wettbewerb im italienischen Terni und 1980 den Internationalen Musikwettbewerb in Montreal. Im gleichen Jahr nahm er am Warschauer Chopin-Wettbewerb teil und wurde über Nacht berühmt.[7] Als Wettbewerbsteilnehmer war er nicht über die dritte Runde hinaus gekommen. Das Jury-Mitglied Martha Argerich war deswegen derart erbost, dass sie die Wettbewerbs-Jury mit den Worten verließ: „Er ist ein Genie!“[8]

Sein Repertoire umfasst u. a. Bach, Beethoven, Chopin, Rachmaninow und Skrjabin.

In den 1980er Jahren war er ein äußerst gefragter Konzertpianist, der in allen großen Konzerthäusern der Welt solo und mit den wichtigen Orchestern auftrat. In den 1990er Jahren machte sich Pogorelich allmählich rarer. Nach dem Tod seiner Frau Aliza 1996 und gesundheitlichen Problemen sagte er viele Konzerte ab.[9]

Auch das Festival zur Förderung junger Künstler in Bad Wörishofen, das er initiiert hatte und das von 1989 bis zunächst 1997 stattfand, hat er 2003 wieder aufleben lassen. Im Oktober 2009 hat Ivo Pogorelich als Ersatz für die fehlende Martha Argerich zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra gespielt. Für sein kurzfristiges Einspringen und hervorragendes Spiel erntete er tosenden Applaus.

Pogorelich lebt in Lugano (Schweiz).[10]

Stil[Bearbeiten]

Pogorelich ist für seinen eigenwilligen, von vielen Kritikern als Manierismus bezeichneten Interpretationsansatz bekannt. So überschreitet er bisweilen die Grenzen der Werktreue. Diese radikalen Interpretationen werden von einigen als Zumutung,[11] von Anhängern als Erlebnis empfunden.[12] Anerkannt ist seine souveräne Beherrschung höchster technischer Schwierigkeiten bei einigen Werken, insbesondere in seiner Aufnahme von Maurice Ravels Gaspard de la nuit. In den letzten Jahren ist er mit bewegenden Bach- und Scarlatti-Aufnahmen hervorgetreten.

Aufnahmen (Auswahl)[Bearbeiten]

Tonträger[Bearbeiten]

DVDs[Bearbeiten]

  • Ivo Pogorelich Recital. Bach – Sarlatti – Beethoven. Bach: Englische Suiten Nr. 2 a-Moll BWV 807 und Nr. 3 g-Moll BWV 808. Scarlatti: Sonaten C-Dur K.487, E-Dur K.20, e-Moll K.98, g-Moll K.450, d-Moll K.1, C-Dur K.159. Beethoven: Klaviersonate Nr. 11, Für Elise. (Deutsche Grammophon, 2005. Bach-Aufnahme, Vicenza, Italien im Oktober 1986, Scarlatti- und Beethovenaufnahmen im Schloss Eckartsau, Österreich im Januar 1987.)
  • Ivo Pogorelich in Castello Reale Di Racconigi. Chopin - Haydn – Mozart. Chopin: Polonaise Nr. 2 c-Moll op. 40, Klaviersonate Nr. 3, Nocturn Nr. 2 Es-Dur op. 55 , Prélude cis-Moll op. 45, Hayden: Sonate in As-Dur Hob.XVI:46. Mozart: Sonate Nr. 11 A-Dur KV 331. (Deutsche Grammophon, 2007. Aufnahme in Turin, Italien im April und Mai 1987.)
  • Ivo Pogorelich - RECITAL - Beethoven/Chopin/Scriabin. Chopin: Sonate Nr. 2 b-Moll, Polonaise fis-Moll, Préludes Nr. 21 B-Dur op. 28. Beethoven: Klaviersonate Nr. 27 op. 90, Klaviersonate Nr. 32 in c-Moll op. 111, Alexander Scriabin: Etüde Nr. 2 fis-Moll op. 8, Deux Poémes Fis-Dur und D-Dur op. 32. (Naxos, 2009. Aufnahme in der Villa Contarini, Italien zwischen dem 2. und 14. August 1987.)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. John Cunningham: The key to survival. In: The Guardian, 7. Mai 1999. Abgerufen am 8. Oktober 2012. (englisch)
  2. David Dubal: Reflections from the Keyboard: The World of the Concert Pianist. Summit Books, New York 1981, ISBN 978-0-671-49240-3, S. 293–299. (englisch).
  3. Heinz Josef Herbort: Ich möchte gern mein Publikum sein. Die Zeit, 15. Mai 1981, abgerufen am 1. Juli 2015.
  4. Manuel Brug: Ich bin das Produkt einer sehr strengen Erziehung, Die Welt, 21. August 2006, abgerufen am 4. Januar 2015.
  5. spiegel.de: Beckham des Pianos
  6. Bernhard Holland: FLAMBOYANCE AND VIRTUOSITY ARE POGORELICH'S TRADEMARKS. The New York Times, 16. Februar 1986, abgerufen am 3. Juli 2015 (englisch).
  7. Zdenko Antic: Yugoslav Pianist: the Man "Who Killed Chopin". In: Open Society Archives at the Central European University. Radio Free Europe. Research and Analysis Department, 11. November 1980, abgerufen am 24. März 2015 (englisch).
  8. Klaus Umbach: Ich will Spuren hinterlassen wie Tito. Der Spiegel, 13. Juli 1981, abgerufen am 22. März 2015.
  9. Helmut Mauró: Der Mönch im Pianistenpelz. Süddeutsche Zeitung, 17. März 2003, abgerufen am 22. März 2015.
  10. Ivo Pogorelich. Webseite der Stuttgarter Philharmoniker. Abgerufen am 4. Mai 2014.
  11. Klaus Umbach: Der Narziß als Goldfinger. Der Spiegel, 24. November 1986, abgerufen am 22. März 2015.
  12. Heinz Josef Herbort: Ivo Pogorelich und das neue Bild des alten Bach. Überraschungen, Ereignisse. Die Zeit, 5. Dezember 1986, abgerufen am 22. März 2015.