Kesselschlacht bei Smolensk

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Soldaten der deutschen 4. Armee am 16. Juli 1941 in einem brennenden Dorf bei Mogilew

Die Kesselschlacht bei Smolensk vom 10. Juli bis zum 10. September 1941 war eine Schlacht zwischen der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg.

Hintergrund[Bearbeiten]

Nach der Niederlage in der Kesselschlacht bei Białystok und Minsk, in der drei sowjetische Armeen der Westfront zerschlagen worden waren, baute die Rote Armee Anfang Juli 1941 in der Gegend um Smolensk mit insgesamt 42 Divisionen eine neue Verteidigungslinie auf. Vier bisher in Reserve befindliche Armeen, die 19. bis 22., sollten einen Übergang der Heeresgruppe Mitte über die Flüsse Dnepr und Westliche Dwina sowie die „Landbrücke“ zwischen Witebsk, Orscha und Smolensk verhindern. Die Hauptstadt Moskau war nur noch 400 Kilometer entfernt. Den Befehl über die Westfront hatte am 29. Juni Generaloberst Andrei Iwanowitsch Jerjomenko übernommen, nachdem der bisherige Frontbefehlshaber Dmitri Grigorjewitsch Pawlow wegen „Versagens“ abberufen worden war. Am 2. Juli übernahm schließlich Marschall der Sowjetunion Semjon Konstantinowitsch Timoschenko die Front, der am gleichen Tag die vier Reservearmeen sowie die sich noch formierende 16. Armee unterstellt wurden. Zusätzlich wurden der Westfront sechs bisher noch nicht eingesetzte Mechanisierte Korps mit insgesamt mehr als 2000 Panzern als Ersatz für die bisherigen Verluste unterstellt und von der Stawka die Mobilisierung und Bereitstellung weiterer Reserven beschleunigt.

Auf deutscher Seite übernahm am 3. Juli Generalfeldmarschall Günther von Kluges Armeeoberkommando 4 die Kontrolle über die beiden Panzergruppen der Heeresgruppe Mitte, um mit diesen den Übergang über die Flusslinie zu erzwingen, während die Infanteriedivisionen der 9. und 2. Armee noch mit der Ausräumung der Kessel beschäftigt waren. Den Hauptstoß auf Smolensk sollte General Heinz Guderians Panzergruppe 2 entlang der Straße von Borissow über Orscha nach Smolensk führen, während General Hermann Hoths Panzergruppe 3 nördlich über Polozk (mit einem Nebenstoß auf Newel) und Witebsk vorgehen sollte. Die Panzerspitzen beider Gruppen sollten sich bei Jarzewo, 50 Kilometer nordöstlich von Smolensk, treffen und so – zusammen mit der nachrückenden Infanterie – den Kessel um die Verteidiger schließen.

Vergleich der Kräfte[Bearbeiten]

Der Kessel[Bearbeiten]

Kämpfe um den Zugang zur Dnepr-Dwina-Linie Anfang Juli 1941

Am 10. Juli startete die Heeresgruppe Mitte die Offensive in Richtung Smolensk. Die Panzergruppe 3 unter Generaloberst Hermann Hoth stieß nördlich, die Panzergruppe 2 unter Generaloberst Heinz Guderian südlich vor. Nach der Vernichtung der sowjetischen Kräfte sollten die Panzergruppen in einem konzentrischen Angriff auf Moskau vorrücken. Dabei wurden starke Verteidigungsstellungen geschickt umgangen. Vom 24. Juli bis zum 5. August 1941 wurden über 300.000 Rotarmisten mit 3.000 Panzern eingeschlossen; der Großteil geriet schließlich in deutsche Gefangenschaft.

Die sowjetischen Truppen unternahmen heftige Ausbruchsversuche. Zeitweise gelang es ihnen, den Kessel aufzubrechen und zahlreiche Truppen zu verlegen. Die Offensive von Jelnja im Rahmen der Kesselschlacht war die erste erfolgreiche sowjetische Offensive des Krieges; erstmals wurden Einheiten der Roten Armee mit dem neuen „Garde“-Titel ausgezeichnet.

Folgen[Bearbeiten]

Diese Schlacht war wie die Kesselschlacht bei Białystok und Minsk zuvor ein großer operativer Erfolg für die Wehrmacht. Erneut erlitt die Rote Armee schwere Verluste; hunderttausende sowjetische Soldaten konnten gefangen genommen, zahlreiches Kriegsgerät zerstört oder erbeutet werden. Die Kesselschlacht hatte aber auch auf deutscher Seite große Verluste verursacht. Außerdem war es der Roten Armee gelungen, den deutschen Vormarsch zwei Monate lang aufzuhalten. Dadurch war eine bedeutende Verzögerung entstanden und die deutsche Blitzkriegskonzeption erlitt einen Rückschlag. Dies gab der Roten Armee dringend benötigte Zeit und Gelegenheit, die Verteidigung Moskaus vorzubereiten.

In der Smolensker Operation verlor die Rote Armee vom 10. Juli bis zum 10. September 1941 760.000 Mann (davon rund 486.000 Tote, Vermisste und Gefangene und 274.000 Verwundete).[4]

Während der Kesselschlacht bei Smolensk erbeutete die Wehrmacht nahezu das gesamte Archiv der lokalen sowjetischen Verwaltungsbehörden inklusive des NKWD von 1917 bis 1939. Die ungeordneten Akten wurden vollständig in das Deutsche Reich abtransportiert. Dort fielen sie 1945 US-amerikanischen Truppen in die Hände und wurden in die USA gebracht. Erst in Amerika wurden die Dokumente ausgewertet und gaben erstmals einen ungefilterten Blick auf die Lebensverhältnisse in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Autorenkollektiv: Geschichte des Großen Vaterlandischen Krieges der Sowjetunion. Bd. 2, Deutscher Militärverlag, Berlin 1963.[6]
  • David M. Glantz: Barbarossa Derailed: The Battle for Smolensk 10 July-10 September 1941.
    • Band 1: The German Advance, The Encirclement Battle, and the First and Second Soviet Counteroffensives, 10 July–24 August 1941. Helion & Company, 2010, ISBN 978-1-906033-72-9.
    • Band 2: The German Offensives on the Flanks and the Third Soviet Counteroffensive, 25 August–10 September 1941. Helion & Company, 2012, ISBN 978-1-9060-3390-3.
  • Ernst Klink: Heer und Kriegsmarine. In:  Horst Boog, Jürgen Förster, Joachim Hoffmann, Ernst Klink, Rolf-Dieter Müller, Gerd R. Ueberschär: Der Angriff auf die Sowjetunion. (= Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 4). 2. Auflage. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1987, ISBN 3-421-06098-3, S. 451–651 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Григорий Ф. Кривошеев: Россия и СССР в войнах ХХ века. Олма-Пресс, Москва 2001. (Dt.: G. F. Krivošeev: Russland und die UdSSR in den Kriegen des 20. Jahrhunderts.) (Online-Version)
  • Kenneth Macksay: The Smolensk Operation, 7 July – 7 August 1941. In: David M. Glantz (Hrsg.): The Initial Period of War on the Eastern Front. Frank Cass Pbl., London 1993, ISBN 0-7146-3375-5, S. 345–397.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  David M. Glantz: Barbarossa Derailed: The Battle for Smolensk 10 July-10 September 1941. Vol. 1, Helion & Company, 2010, ISBN 978-1-906033-72-9, S. 46—51.
  2. Sandalow führte als Chef des Stabes die Armee. Der Armeebefehlshaber A. A. Korobkow war kurz zuvor abberufen worden und wurde wenig später zum Tode verurteilt und erschossen. Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski sollte die Armee übernehmen, wurde aber stattdessen zum Oberbefehlshaber der 16. Armee ernannt.
  3.  Horst Boog, Jürgen Förster, Joachim Hoffmann, Ernst Klink, Rolf-Dieter Müller, Gerd R. Ueberschär: Der Angriff auf die Sowjetunion. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1983, ISBN 3-421-06098-3, S. 454.
  4. Г.Ф.Кривошеев: Россия и СССР в войнах XX века: Потери вооруженных сил. Москва, 2001. (Смоленское сражение, abgerufen am 12. Dezember 2011.)
  5. Merle Fainsod: Smolensk under Soviet Rule. Harvard University Press, 1958.
  6. Bei der Betrachtung sowjetischer Quellen mit Ausnahme von Samisdat- und Tamisdat-Literatur, die bis zum Jahr 1987 veröffentlicht wurden, muss die Tätigkeit der sowjetischen Zensurbehörden (Glawlit, Militärzensur) bei der Revision diverser Inhalte im Sinne der sowjetischen Ideologie berücksichtigt werden. (→Zensur in der Sowjetunion)