Schlacht um die Seelower Höhen

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Schlacht um die Seelower Höhen
Sowjetische Artillerie vor Berlin
Sowjetische Artillerie vor Berlin
Datum 16. bis 19. April 1945
Ort Seelow
Ausgang Sieg der Sowjetunion
Konfliktparteien
Sowjetunion 1923Sowjetunion Sowjetunion
PolenPolen Polen
Deutsches Reich NSDeutsches Reich (NS-Zeit) Deutsches Reich
Befehlshaber
Georgi Schukow
Wassili Tschuikow
Michail Katukow
Stanisław Popławski
Gotthard Heinrici
Theodor Busse
Helmuth Weidling
Truppenstärke
1. Weißrussische Front
etwa 77 Divisionen mit 1.000.000 Soldaten
3155 Panzern
40.000 Geschützen[1]
9. Armee
etwa 15 Divisionen mit 120.000 Soldaten
512 Panzern
344 Geschützen
300–400 Flakgeschützen
Verluste
ca. 33.000 Gefallene und 40.000 Verwundete[2][3]
743 Panzer[4]
12.344 Gefallene

Die Schlacht um die Seelower Höhen im April 1945 eröffnete die Schlacht um Berlin der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkrieges. Der auch als Schlacht an der Oder bezeichnete Großkampf bedeutete das Ende der deutschen Ostfront. Die 1. Weißrussische Front unter dem Befehl von Marschall Schukow durchbrach dabei in einem großangelegten Angriff die Stellungen der Heeresgruppe Weichsel der deutschen Wehrmacht.

Im Rahmen der Schlacht um Berlin waren die Seelower Höhen der am heftigsten umkämpfte Abschnitt. Die Schlacht um die Höhen dauerte vier Tage: vom 16. bis 19. April 1945. Knapp 1 Million Rotarmisten erkämpften sich hier den Weg zu den Toren Berlins, verteidigt von etwa 120.000 deutschen Soldaten.

Hintergrund[Bearbeiten]

Nach der am 12. Januar 1945 losbrechenden sowjetischen Offensive an der Weichsel drängte die 1. Weißrussische Front die deutsche 9. Armee zwischen Warschau und Radom nach Westen zurück. Die südlicher anschließende deutsche 4. Panzerarmee wurde im Raum Kielce von der 1. Ukrainischen Front vernichtend geschlagen. Am 15. Januar 1945 begann aus den Raum Jaslo die Offensive der 4. Ukrainischen Front gegen die deutsche 17. Armee, bis zum 19. Januar 1945 gelang den Sowjets die Rückeroberung von Krakau. Infolge des schnellen Zusammenbruches der Heeresgruppe A gingen der Wehrmacht alle noch gehaltenen Gebiete Polens verloren, die Front näherte sich der alten deutschen Reichsgrenze. Zwischen 26. Januar und 3. Februar 1945 durchbrachen die Truppen Marschall Schukows die deutschen Stellungen in der Neumark und bildeten beiderseits Küstrin und nördlich von Fürstenberg die ersten Brückenköpfe am westlichen Oderufer. Der sowjetische Hauptstoß richtete sich direkt auf die Reichshauptstadt Berlin.

Weiter südlich begann am 8. Februar 1945 die Offensive der 1. Ukrainischen Front nach Schlesien, Mitte Februar war das zur Festung erklärte Breslau vollständig von sowjetischen Truppen umschlossen. Am nördlichen Abschnitt wurde am 9. April Königsberg in Ostpreußen von der Roten Armee eingenommen. Dies ermöglichte es der 2. Weißrussischen Front unter Marschall Rokossowski, nach Westen an das Ostufer der Oder vorzurücken. Während der ersten beiden Aprilwochen führte die Rote Armee hier eine Umgruppierung durch, bei der sich die 1. Weißrussische Front am vor den Seelower Höhen gelegenen Ostufer der Oder konzentrierte. Die 2. Weißrussische Front besetzte indessen die verlassenen Stellungen nordöstlich der Höhen bis zur Küste bei Stettin. An der Südflanke schob sich Marschall Konews 1. Ukrainische Front aus Oberschlesien zwischen GörlitzBad Muskau und Forst und zur Lausitzer Neiße vor.

Sowjetischer Aufmarsch[Bearbeiten]

Für die Berliner Operation ließ die Stawka drei Fronten an der Oder und Neiße aufmarschieren. An der Nordflanke zwischen Oderberg über Stettin bis zur Ostsee stand die 2. Weißrussische Front mit 5 Armeen (11. Schützenkorps mit 33 Divisionen und drei Artilleriedivisionen und einigen weiteren Artillerie- und Raketenwerferbrigaden). Rokossowskis Front besaß 951 Panzer und Selbstfahrgeschütze sowie 8.320 Artilleriegeschütze (davon 2.770 Minenwerfer). Gegenüber der 2. Weißrussischen Front stand auf deutscher Seite die 3. Panzerarmee mit 11 Divisionen und 212 Panzern und praktisch ohne konventionelle Artillerie, außer etwa 600–700 Flak-Geschützen vom Kaliber 8,8 cm.

Die kampfstärkste 1. Weißrussische Front bestand aus 11 Armeen (77 Schützendivisionen, sieben Panzer- und drei Mech.-Korps, acht Artilleriedivisionen und weiteren Artillerie- und Raketenwerferbrigaden). Schukows Einheiten besaßen 3.155 Panzer und Selbstfahrgeschütze sowie 20.130 Artilleriegeschütze (davon 7.186 Minenwerfer) und waren im westlichen Oderbrückenkopf von Küstrin konzentriert. Sie stand einer neu zusammengesetzten deutschen 9. Armee vor den Seelower Höhen gegenüber.

Im Süden marschierte die 1. Ukrainischen Front an der Neiße bei Guben bis in den Raum Görlitz auf. Konews Front bestand aus 8 Armeen (48 Schützendivisionen, sechs Panzer- und vier Mech.-Korps). Die Kampfstärke setzte sich aus 2.055 Panzer und Selbstfahrgeschütze sowie 13.571 Artilleriegeschützen (davon 5.225 Minenwerfer) zusammen.[5] Konews Front bereitete den Hauptstoß gegen die deutsche 4. Panzerarmee in Richtung auf Cottbus und Spremberg vor.

Die drei sowjetischen Fronten verfügten insgesamt über etwa 2,5 Millionen Mann, 6250 Panzer, 7500 Flugzeuge, 41.600 Artilleriegeschütze und Mörser, 3255 Katjuscha-Raketenwerfer und 95.383 Kraftfahrzeuge.

Deutsche Verteidigung[Bearbeiten]

Blick über das Oderbruch von den Seelower Höhen aus

Generaloberst Gotthard Heinrici hatte während der Schlacht um Ostpommern am 21. März 1945 den militärisch völlig unerfahrenen Heinrich Himmler als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel abgelöst. Als einer der besten Defensivtaktiker in der deutschen Wehrmacht entwarf er sofort Pläne für die Verteidigung an der Oder. Er erkannte, dass der sowjetische Hauptstoß über die Oder entlang der Reichsstraße 1 erfolgen würde. So entschied er, das Westufer der Oder lediglich mit einem dünnen Schleier zu verteidigen, und ließ stattdessen die Seelower Höhen befestigen, die den westlichen Rand des Oderbruchs bilden und sich etwa 48 Meter über der waldlosen Oderniederung erheben. Die namengebende Stadt Seelow liegt an der heutigen Bundesstraße 1 etwa 18 Kilometer westlich des Punktes, an dem die Straße bei Küstrin/Kostrzyn nad Odrą den Fluss überschreitet. Um die notwendige Personalstärke für die Verteidigung zu erreichen, ließ er an anderen Stellen die deutschen Linien ausdünnen. Gleichzeitig verwandelten deutsche Pioniere das Oderbruch, welches bereits von der Frühjahrsflut getränkt war, durch Öffnung eines Reservoirs flussaufwärts in einen einzigen Sumpf. Dahinter wurden drei Verteidigungsgürtel angelegt, die bis an die Außenbezirke von Berlin heranreichten. Die letzte Linie, ca. 15–20 km hinter der ersten Linie, war die sogenannte Wotan-Stellung und bestand aus Panzergräben, PaK-Stellungen und einem ausgedehnten Netz von Gräben und Bunkern.

Die im Hauptangriffsfeld liegende deutsche 9. Armee deckte die Front vom Finowkanal im Norden bis nach Guben im Süden, die Stellungen auf den Seelower Höhen bildete dabei den wichtigsten Verteidigungsabschnitt. Sie erwartete den sowjetischen Angriff am Oderbruch mit deutlich unterlegenen Kräften. Diese bestand aus 15 Divisionen mit 512 Panzern, 344 Artillerie- und 300–400 Flakgeschützen. Der linke Flügel zwischen Oderberg und Letschin wurde durch das CI. Armee-Korps unter General der Artillerie Berlin gebildet. Nach Süden anschließend führte das LVI. Panzerkorps unter General der Artillerie Weidling im Raum Seelow und das XI. SS-Armee-Korps unter SS-Obergruppenführer Kleinheisterkamp bis auf die Höhe von Lebus. Eine starke Garnison unter Oberst Biehler hielt sich noch am östlichen Oderufer in Frankfurt an der Oder, das zur Festung erklärt worden war. Der rechte Flügel der 9. Armee stand zwischen der Garnison von Frankfurt und Fürstenberg und wurde durch das V. SS-Gebirgskorps unter SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln gedeckt.

Vergleich der beiden Kräfte[Bearbeiten]

Die Schlacht[Bearbeiten]

16. April[Bearbeiten]

In den frühen Morgenstunden des 16. April 1945, 3:00 Uhr MESZ, 5:00 Uhr Moskauer Zeit, wurde der Angriff durch das wohl stärkste Trommelfeuer der Geschichte eingeleitet. Es kamen 40.000 Artilleriegeschütze,[8] unter anderem viele der gefürchteten Katjuschas, zum Einsatz. Eine halbe Stunde später (um 3:30 Uhr MESZ), griff die 1. Weißrussische Front über die Oder an. Zur selben Zeit brach die 1. Ukrainische Front weiter südlich über die Neiße vor. Da die deutsche Führung der Heeresgruppe (Generaloberst Heinrici) und der 9. Armee (General Busse) den Angriff für diesen Tag erwartet hatten, war in der Nacht zuvor die Masse der Verbände bis auf Sicherungen aus der Front gelöst und in die vorbereiteten Stellungen auf den Seelower Höhen verlegt worden. Die vordersten Linien mussten somit der Roten Armee kampflos überlassen werden. Zudem kam es bei der Aufnahme der eigenen Sicherungskräfte zu Beschuss durch eigene Truppen. Um den Anschluss wieder zu gewinnen, mussten für die Aufnahme teilweise die eigenen Stellungen gestürmt werden.

Ausgangsstellung zur Schlacht an der Oder am 16. April 1945

Während die 1. Garde-Panzerarmee noch am östlichen Oderufer zurückgehalten wurde, geriet der erste Angriff der 8. Gardearmee unter Generaloberst Wassili Tschuikow zu einem Desaster. Schukow hatte den Einsatz von 143 Scheinwerfern vorbereitet, mit denen die deutschen Verteidiger geblendet und das Schlachtfeld für die eigenen Waffen ausgeleuchtet werden sollten. Das Licht der Scheinwerfer wurde aber durch den morgendlichen Nebel und den Pulverrauch gestreut und gar auf die Angreifer zurückgeworfen, blendete sie und führte zu einem hellen Hintergrund, gegen den sich die angreifende Infanterie und vorrückenden Panzerspitzen deutlich abzeichneten. Zudem erwies sich der sumpfige Grund unter den Bedingungen des deutschen Sperrfeuers als großes Hindernis. Diese Umstände führten bei den gegen die Linie Dolgelin-Friedersdorf angesetzten sowjetischen 28. und 29. Gardekorps zu enorm hohen Verlusten. Im Abschnitt der 5. Stoßarmee konnte hingegen die Alte Oder bei Platkow-Gusow erreicht werden, auch die 3. Stoßarmee war auf fünf und zwölf Kilometer auf die Linie Altlewin-Letschin herangekommen. Die nördlicher stehenden Polnische 1. Armee hatte nördlich Neulewin den Nebenarm der Alten Oder überwunden. Der Vorstoß der sowjetischen 47. Armee auf Barnim bedrohte die Stellungen der 606. Infanterie-Division bei Wriezen.

Der sowjetische Operationsplan sah die Erstürmung der Seelower Höhen schon für den ersten Tag vor, es gab aber vorerst nur einen Geländegewinn von sechs Kilometern zu verzeichnen, die stark bedrängten Linien des XI. SS-Korps und des LVI. Panzerkorps bei den Seelower Höhen waren intakt geblieben. Südlich des Hauptkampffeldes konnte dagegen Konews 1. Ukrainische Front den Zeitplan gegenüber der deutschen 4. Panzerarmee einhalten und war bei Forst und Muskau erfolgreich über die Neiße gekommen. Schukow musste nach Moskau melden, dass es bei seiner Front in der Schlacht um die Seelower Höhen nicht planmäßig voranging. Um Schukow anzutreiben, erklärte ihm Stalin daraufhin, dass er auch Marschall Konew Erlaubnis gebe, seine Panzerkräfte vom Süden nordwärts gegen Berlin zu richten. Unter starkem Zeit- und Erfolgsdruck beging Marschall Schukow, der unbedingt selbst Berlin einnehmen wollte, einen schweren taktischen Fehler und warf seine Reserven bereits jetzt vorzeitig in die Schlacht. In den bisherigen Großkämpfen waren die Panzerreserven immer erst nach dem Durchbruch der Infanterie zum Nachstoßen eingesetzt worden. Gegen 16 Uhr befahl Schukow dennoch den Einsatz der 1. und 2. Garde-Panzerarmee im Hauptkampffeld. Dadurch kam es besonders im Bereich der 8. Garde-Armee zu einem Chaos; die eingeführten Panzerkräfte behinderten die Infanterie am Zugang zu ihrer Versorgung und bei der Koordinierung ihrer Angriffe. Die daher dicht massierten sowjetischen Kräfte boten der noch intakten deutschen Artillerie ein gutes Ziel, und der Beschuss führte erneut zu schweren sowjetischen Verlusten.

17. April[Bearbeiten]

Am zweiten Tag durchkämmte der Stab der 1. Weißrussischen Front das rückwärtige Gelände auf der Suche nach allen Einheiten, die noch in die Schlacht geworfen werden konnten, da sich die sowjetische Taktik von massierten Frontalangriffen als noch verlustreicher als normalerweise erwiesen hatte. An diesem Tag kam es über der Oderfront zu schweren Luftkämpfen. Am Nordabschnitt der Heeresgruppe Weichsel konnte das Luftwaffenkommando Nordost (General der Flieger Fiebig) 1433 Flugzeuge, im Südabschnitt konnte die Luftflotte 6 (Generaloberst von Greim) 791 Flugzeuge einsetzen. Diesem Aufgebot stand eine mehr als dreifache Übermacht von vier sowjetischen Luftarmeen gegenüber. Im Abschnitt der 1. Weißrussischen Front standen den Deutschen die sowjetische 16. und 18. Luftarmee mit 3188 Flugzeugen gegenüber.[9]Die 16. Luftarmee unter Generaloberst Rudenko setzte 647 Schlachtflieger und Jäger ein, welche die Luftherrschaft errangen und in die Bodenkämpfe eingriffen.

Bei Beginn der Abenddämmerung des 17. April war die deutsche Front vor Schukow immer noch intakt, stand aber kurz vor dem Zusammenbruch. Im Süden hatten sich hingegen die Überreste der Heeresgruppe Mitte unter Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner nicht als solches Hindernis erwiesen. Unter dem Druck des Angriffs der 1. Ukrainischen Front musste die deutsche 4. Panzerarmee unter dem General der Panzertruppe Gräser an der Nordflanke zurückweichen. Schörner behielt seine zwei Reservepanzerdivisionen zur Deckung seines Zentrums zurück, statt mit ihnen die 4. Panzerarmee zu unterstützen. Dieser taktische Fehler war der Wendepunkt der Schlacht, denn bei Anbruch der Nacht waren die Stellungen sowohl der Heeresgruppe Weichsel als auch der südlichen Abschnitte der Heeresgruppe Mitte unhaltbar geworden. Nur ein sofortiges Zurückgehen auf die Linie der 4. Panzerarmee konnte sie vor der Einkesselung bewahren.

Sowjetischer Durchbruch am 18. April[Bearbeiten]

Am 18. April stießen beide sowjetische Fronten unter sehr schweren Verlusten stetig weiter vor. Der linke Flügel der deutschen 9. Armee, das bis Bad Freienwalde verteidigende CI. Armeekorps brach vor dem Angriff der sowjetischen 47. Armee und der 3. Stoßarmee zusammen. Die 5. Jäger-Division musste vor der sowjetischen 61. und der polnischen 1. Armee aus dem Oderbruch auf die Alte Oder bei Wriezen zurückgehen. Auch die Front der südlicher zwischen Trebin und Alt-Friedland noch haltenden Abschnitte der Divisionsgruppe 606 und der 309. Infanterie-Division brachen zusammen. Die 151. und 171. Schützendivision der 3. Stoßarmee kämpften sich über Kunersdorf und Metzdorf auf die Linie Möglin und Batzlow vor. Die 25. Panzergrenadier-Division versuchte zwischen Lüdersdorf und Frankenfelde eine neue Verteidigungsfront aufzubauen und den verlorenen Anschluss an die bei Prötzel stehende 18. Panzergrenadier-Division (Oberst Rauch) zu erreichen. An der Linie Platkow-Gusow-Werbig rangen die Reste der 9. Fallschirm-Division und der Panzer-Division Müncheberg mit der sowjetischen 5. Stoßarmee und der 2. Gardepanzerarmee.[10] Zur Verstärkung des schwer bedrängten LVI. Panzerkorps hatte Generaloberst Heinrici bereits am 17. April die Abgabe der 11. SS-Panzergrenadier-Division aus der Front der 3. Panzerarmee angeordnet. Zugleich nach dem Eintreffen griff die SS Panzer-Aufklär-Abteilung 11 im Kampfgebiet der 9. Fallschirmjäger- Division bei Wulkow ein, wurde aber durch sowjetisches Geschützfeuer gestoppt. Katukows 1. Gardepanzerarmee stand siegreich westlich von Reichenberg und nördlich von Buckow mit dem SS Panzer-Regiment 11 und mit der Schweren SS-Panzer-Abteilung 102 bei Neuentempel und Marxdorf im Kampf. Gegen Abend hatte die sowjetische 8. Gardearmee der 1. Weißrussische Front die dritte und letzte Linie der Verteidigung der 20. Panzergrenadier-Division durchbrochen, die Front der deutschen 9. Armee brach darauf zwischen Wriezen und Müncheberg auseinander. Im Süden am Neiße-Abschnitt bereiteten derweil die sowjetische 3. Garde-Armee und die 3. Gardepanzerarmee der 1. Ukrainische Front nach der Eroberung von Forst den Durchbruch ins offene Gelände in Richtung auf Cottbus vor.

19. April[Bearbeiten]

Die am 19. April zwischen Wriezen und Behlendorf auf 25 Kilometer aufgerissene Front spaltete die deutsche 9. Armee in zwei Teile. Die Reste der 25. Panzergrenadierdivision war wegen der jetzt offenen rechten Flanke und durch die Bedrohung im Rücken gezwungen auf den Brückenkopf bei Eberswalde zurückzugehen. Der Vormarsch der sowjetischen 61. Armee unter General Below südlich des Finowkanals nach Westen war dadurch freigegeben.[11] Einheiten der polnischen 1. Armee überquerten die Alte Oder bei Ranft und bedrohten die deutschen Verteidiger bei Bad Freienwalde vom Süden. Die südlich davon vorgehende sowjetische 47. Armee unter General Perchorowitsch besetzte Wriezen und bekam beim weiteren Vorstoß auf Havel das 9. Panzerkorps zugeteilt. Die 3. Stoßarmee unter Generaloberst Wassili Iwanowitsch Kusnezow überrannte die letzten Stellungen des deutschen CI. Armeekorps und bahnte den Weg für die zum Durchbruch eingeführte 2. Garde-Panzerarmee unter Generaloberst Bogdanow. Das 1. mechanische Korps unter Generalleutnant Kriwoschein hatte die 3. Stoßarmee, das 12. Garde-Panzerkorps unter Generalmajor Teljakow den Vorstoß der 5. Stoßarmee auf Grunow zu unterstützen. Die 5. Stoßarmee des Generals Bersarin drängte die Reste der Fallschirmjäger auf Neu-Hardenberg zurück.

Tschuikows 8. Gardearmee und Katukows 1. Garde-Panzerarmee brachen den letzten Widerstand des deutschen LVI. Panzerkorps an den Seelower Höhen, die 82. Garde-Schützendivision eroberte Müncheberg. Nur noch einzelne versprengte deutsche Formationen lagen zwischen den Sowjets und Berlin. Die Überreste der Panzergrenadier-Division Kurmark gab die Linie Marxdorf-Dolgelin auf, ging zurück und versuchte vergeblich eine Auffanglinie zwischen Berkenbrück und Kersdorf mit Front nach Norden und Osten zu besetzen.

Beim XI. SS-Korps musste infolge des sowjetischen Durchbruchs auch die bisher intakte Front der 169. und 712. Infanteriedivision zwischen Carzig und Lebus vor dem Druck der sowjetischen 69. Armee (Kolpaktschi) zurückgenommen werden. Südlich des Friedrich-Wilhelm-Kanals bis nach Fürstenberg hielten die weniger stark bedrängten Stellungen der 32. SS-Grenadier-Division und der 391. Sicherungs-Division dem Druck der sowjetischen 33. Armee noch kurze Zeit stand.[12]

Am Abend des 19. April hatte die Front der deutschen 9. Armee aufgehört zu existieren, die sich noch einzeln haltenden Widerstandsnester wurden umschlossen und aufgerieben.

Fazit[Bearbeiten]

Übersicht der Gesamtlage

Die Stellung auf den Seelower Höhen war die letzte Hauptverteidigungsstellung außerhalb Berlins. Nach dem 19. April lag der Weg nach Berlin offen. Die Reste des geschlagenen LVI. Panzerkorps mussten sich auf die Linie Rahnsdorf-Neuenhagen und im Laufe des 21. April auf die Linie Köpenick-Marzahn zurückziehen. Nachdem auch die 1. Ukrainische Front südlich Cottbus durchgebrochen war, drehten ihre beiden Panzerarmeen nach Nord auf Berlin ein. Der gesamte Südflügel der 9. Armee und das V. Armeekorps der 4. Panzerarmee standen vor der Einschließung durch die sowjetische 3. Gardearmee und die 3. und 4. Garde-Panzerarmee der 1. Ukrainischen Front. Gleichzeitig wurden das deutsche V. und XI. SS-Korps der 9. Armee zwischen der Neiße und dem Spreewald im Kessel von Halbe eingeschlossen.[13] Während die sowjetische 13. Armee den vorangehenden Panzerkräften am 21. April auf Lübben nachfolgte, operierten Konews 13. Armee in Richtung auf Wittenberg und die 5. Gardearmee gegen Torgau, wo am 25. April an der Elbe die Verbindung mit der 1. US-Armee hergestellt wurde.

Die Verluste des sowjetischen Durchbruchs an der Oder waren sehr hoch. Zwischen dem 16. und 19. April hatten die sowjetischen Truppen 2807 Panzer verloren. Etwa 12.000 deutsche Soldaten fielen in den vier Tagen der Schlacht, während auf sowjetischer Seite über 33.000 Gefallene zu beklagen waren.

Am 25. April war Berlin komplett eingeschlossen, und die Schlacht um Berlin erreichte ihren Höhepunkt. Eine Woche später war Adolf Hitler tot, zwei Wochen später war der Krieg in Europa beendet.

Nach dem Krieg reklamierten Schukows Kritiker, dass er die 1. Weißrussische Front von der Reichsstraße 1 nach Berlin abwenden und auf der Route der 1. Ukrainischen Front über die Neiße die deutschen Stellungen hätte umgehen sollen, um auf diese Weise die hohen Verluste und die Verzögerung zu vermeiden. Es muss allerdings bedacht werden, dass die 1. Weißrussische Front auf einem sehr engen Angriffsstreifen zusammengezogen war, der wohl einen Umweg unmöglich machte. Die anderen Frontgeneräle konnten dagegen diese Stellung umgehen und taten es auch.

Gedenkstätte Seelower Höhen[Bearbeiten]

Gedenkstätte Seelower Höhen, Bronzeplastik von Lew Kerbel.
Sowjetischer Soldatenfriedhof im Dorf Letschin

An die Schlacht erinnert die Gedenkstätte Seelower Höhen mit einer Monumentalplastik von Lew Kerbel. Unmittelbar nach der Einnahme von Berlin gab Marschall Schukow den Auftrag, zur Erinnerung „an den ruhmvollen Weg“ seiner Truppen Denkmäler zu errichten. In Seelow wurde es am 27. November 1945, verbunden mit einem sowjetischen Kriegsgräberfriedhof, eingeweiht. 1972 wurde von den DDR-Behörden der Komplex zu einer Gedenkstätte mit einem Museum erweitert. Er ist heute ein Kulturdenkmal des Bundeslandes Brandenburg.

Literatur[Bearbeiten]

  • Antony Beevor: Berlin: the Downfall, 1945. ISBN 0-670-88695-5.
  • Gerd-Ulrich Herrmann: Die Schlacht um die Seelower Höhen. Erinnerungsorte beiderseits der Oder (= Orte der Geschichte). Links, Berlin 2015, ISBN 978-3-86153-831-8.
  • Gerald Ramm, Mathias Hiller: Gott mit uns: Kriegserlebnisse aus Brandenburg und Berlin. Verlag Gerald Ramm, 2005, ISBN 3-930958-11-2.
  • Wilhelm Tieke: Das Ende zwischen Oder und Elbe – Der Kampf um Berlin 1945. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-87943-734-3.
  • Richard Lakowski: Seelow 1945. Die Entscheidungsschlacht an der Oder. Siegler Verlag, 2005, ISBN 3-87748-634-7.
  • Tony LeTissier: Durchbruch an der Oder. Der Vormarsch der Roten Armee 1945. Ullstein, 1995, ISBN 3-550-07072-1.
  • Helmut Altner: Totentanz Berlin. Berlin Story Verlag, 2012, ISBN 978-3-86368-031-2.
  • Earl F. Ziemke: Battle For Berlin: End Of The Third Reich. NY:Ballantine Books, London:Macdomald & Co, 1969.
  • Sigvard Thomke: Von der Schulbank an die Kanonen bis zum Zusammenbruch. Selbstverlag, Uppsala 2007, ISBN 978-91-85205-60-8. (Erinnerungsbericht eines Luftwaffenhelfers 1944–1945.)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. davon 20.130 Artilleriegeschütze allein bei der 1. Weissrussische Front, nach dem Wojenno-istoritsceskij shurnal, Moskau 1965 in Tony Le Tissier: Der Kampf um Berlin, Bechtermünz Verlag, 1997, Aufstellung der Sowjetischen Kräfte für die "Berliner Operation" S. 212
  2. Gedenkstätte Seelower Höhen
  3.  Anthony Beevor: Berlin – Slutstriden. Historisk Media, Lund 2003, ISBN 91-85057-01-0, S. 283.
  4. Tony LeTissier: Durchbruch an der Oder. Der Vormarsch der Roten Armee 1945. Ullstein, 1995, ISBN 3-550-07072-1, S. 332.
  5. Tony Le Tissier: Schlacht um Berlin, Bechtermünz 1997, S. 212
  6. Tony Le Tissier: Der Kampf um Berlin, Bechtermünz Verlag 1997, Anhang Kriegsgliederungen S. 213 - 217
  7. Tony Le Tissier: Der Kampf um Berlin, Bechtermünz Verlag 1997, Anhang Kriegsgliederungen S. 227 - 229
  8. Wassili Tschuikow: Das Ende des Dritten Reiches, Goldmann München 1966, Seite 118
  9. Janusz Piekalkiewicz: Der zweite Weltkrieg. Econ Verlag, Düsseldorf 1985, S. 1016
  10. Tony Le Tissier: Durchbruch an der Oder. Bechtermünz Verlag, 1997, S. 293–317
  11. Tony Le Tissier: Der Kampf um Berlin, Bechtermünz Verlag 1997, S. 76 f.
  12. Tony Le Tissier: Durchbruch an der Oder. Bechtermünz Verlag, 1997, S. 318-332
  13. Tony Le Tissier: Durchbruch an der Oder. Bechtermünz Verlag, 1997, S. 336 f.

Weblinks[Bearbeiten]

52.5347414.39586Koordinaten: 52° 32′ 5″ N, 14° 23′ 45″ O