Kokkai

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Kokkai
Logo Parlamentsgebäude
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Basisdaten
Sitz: Kokkai gijidō, Nagatachō, Chiyoda-ku, Tōkyō-to
Abgeordnete: 707 [465 im Shūgiin und 242 im Sangiin]
Aktuelle Legislaturperiode
Vorsitz: Präsident (gichō) des Shūgiin Ōshima Tadamori (fraktionslos, LDP)

Präsident (gichō) des Sangiin Date Chūichi (fraktionslos, LDP)
Website
House of Councillors – Official Website (English)
House of Representatives – Official Website (English)
Plenarsaal des Oberhauses
Plenarsaal des Unterhauses

Kokkai (jap. 国会 ‚Parlament‘, ‚Nationalversammlung‘, engl. National Diet, ‚Nationaltag‘) ist das aus zwei Kammern bestehende japanische Parlament. Das nationale Parlamentsgebäude (国会議事堂 Kokkai-gijidō) steht in Nagatachō, Chiyoda, Tokio. Nach der Verfassung von 1947 ist das Parlament „höchstes Organ der Staatsgewalt“ und im Unterschied zum Vorgänger, dem Reichstag (teikoku gikai; engl. Imperial Diet), alleiniger Gesetzgeber. Umgangssprachlich bezeichnet Kokkai oft das Parlament in Kontinuität seit 1890.

Zusammensetzung und Aufgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Parlament besteht aus zwei gewählten Häusern:

  • Das Shūgiin (Abgeordneten- oder Repräsentantenhaus) ist das Unterhaus und hat 465 Mitglieder, gewählt für eine im bisher seltenen Maximalfall vierjährige Amtsperiode.
  • Das Sangiin (Rätehaus) ist das Oberhaus und hat 242 Mitglieder, deren Amtszeit sechs Jahre läuft. Alle drei Jahre wird die Hälfte der Abgeordneten neu gewählt.

Der Premierminister muss ein Mitglied des Kokkai sein und ist oft der Führer der größten Partei im Shūgiin. Allerdings wurden manche Premierminister an der Spitze von Minderheitsregierungen oder aus kleinen Partnern einer Regierungskoalition gewählt. Auch die meisten übrigen Mitglieder des Kabinetts müssen nach der Verfassung Abgeordnete sein. Der Premierminister verfügt über das Recht, das Shūgiin aufzulösen und vorzeitige Neuwahlen zu veranlassen. Von diesem Recht haben die Premierminister der Nachkriegszeit mit einer Ausnahme (1976) immer Gebrauch gemacht, viermal führten Misstrauensvoten zu vorzeitigen Neuwahlen. Das Sangiin kann nicht aufgelöst werden.

Im Gesetzgebungsverfahren gilt prinzipiell, dass beide Kammern einem Gesetzentwurf zustimmen müssen, allerdings kann das Shūgiin das Sangiin in einigen wichtigen Fragen überstimmen.

Beziehungen zwischen beiden Kammern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fassen die beiden Kammern verschiedene Beschlüsse über einen Gesetzentwurf, die Wahl des Premierministers, die Ratifizierung eines internationalen Vertrages, den Haushalt oder einen Verfassungsänderungsvorschlag, so kann (bzw. abhängig vom Gegenstand: muss) ein paritätisch besetzter Vermittlungsausschuss (両院協議会, ryōin kyōgikai) einberufen werden, der versuchen kann, einen Kompromiss zu erarbeiten.[1][2]

Anders als bei den weitgehend gleichberechtigten beiden Kammern des Reichstags hat das Shūgiin unter der Nachkriegsverfassung aber in wichtigen Fragen ein Übergewicht und kann das Sangiin überstimmen: bei der Wahl des Premierministers, der Ratifizierung von internationalen Verträgen und beim Haushalt automatisch mit einfacher Mehrheit, bei sonstiger Gesetzgebung (einschließlich wichtiger haushaltsbezogener Gesetze) gegebenenfalls durch erneute Abstimmung mit Zweidrittelmehrheit. Von der Zustimmung des Parlaments abhängige Personalnominierungen der Regierung (z. B. Zentralbankgouverneur, Mitglieder der Öffentlichen Sicherheitskommission) und Verfassungsänderungsvorschläge (im Falle der Annahme durch Zweidrittelmehrheiten in beiden Kammern folgt Referendum nach Artikel 96 der Verfassung) bedürfen in jedem Fall der Zustimmung beider Kammern.

Während der LDP-Dominanz der 1950er bis 1980er Jahre kontrollierte die Regierungspartei in der Regel beide Kammern – wenn auch numerisch zeitweise nur mit Hilfe von parteilosen Abgeordneten und ab 1983 erstmals eines Koalitionspartners. Eine klare Oppositionsmehrheit im Oberhaus gegen sich hatte die Regierung zum ersten Mal nach der Sangiin-Wahl 1989. Die Situation, dass die beiden Kammern von verschiedenen Mehrheiten kontrolliert werden bezeichnet man als nejire Kokkai („verdrehtes Parlament“). Dazu kam es seither wiederholt, zuletzt zwischen 2010 und 2013.

Sitzungsperioden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die jährliche reguläre Sitzungsperiode des Kokkai (常会, jōkai, oft 通常国会, tsūjō kokkai, „reguläres Parlament“) beginnt seit den 1990er Jahren im Januar und beträgt regulär 150 Tage, kann aber einmalig verlängert werden. In der Sommerpause und im Herbst können vom Kabinett oder einem Viertel der Abgeordneten außerordentliche Sitzungen (臨時会, rinjikai, oft auch rinji Kokkai, „außerordentliches Parlament“) einberufen werden, deren Länge zwischen beiden Kammern beschlossen wird und die zweimal verlängert werden können. Nach Sangiin-Wahlen oder nach Shūgiin-Wahlen nach einer vollen vierjährigen Amtszeit (bisher nur 1976) kommen ebenfalls außerordentliche Sitzungen zusammen. Nach Auflösung und Neuwahlen des Shūgiin tritt eine Sondersitzung (特別会, tokubetsukai, oft auch tokubetsu Kokkai, „Sonderparlament“) zusammen, zu deren Beginn in der Regel Präsident und Vizepräsident des Shūgiin und Premierminister gewählt werden. Auch diese kann zweimal verlängert werden.[3] Ist das Shūgiin aufgelöst, kann das Kokkai nicht einberufen werden; in dringenden Fällen kann das Kabinett eine Dringlichkeitssitzung (緊急集会, kinkyū shūkai) des Sangiin einberufen, um wichtige Beschlüsse zu fassen. Das geschah bisher zweimal: 1952, um Mitglieder der Zentralen Wahlaufsichtskommission zu bestimmen und 1953, um einen provisorischen Haushalt und einige Gesetzentwürfe zu beschließen. Von einer derartigen Dringlichkeitssitzung des Sangiin gefasste Beschlüsse müssen vom Shūgiin bestätigt werden, sobald das gesamte Parlament wieder zusammenkommt, andernfalls werden sie unwirksam.[4]

Liste (nur 21. Jahrhundert)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Legende Sitzungsart:

  • R: reguläre Sitzung
  • S: Sondersitzung
  • A: außerordentliche Sitzung
Sitzungsperioden[5] im 21. Jahrhundert
Kokkai Art Eröffnung Schluss Länge in Tagen
(ursprünglich angesetzt+­Verlängerung[en])
Besonderheiten, Anmerkungen
151. R 31. Jan. 2001 29. Juni 2001 150 Rücktritt des Kabinetts, Premierministerwahl
152. A 7. Aug. 2001 10. Aug. 2001 4 nach 19. Sangiin-Wahl
153. A 27. Sep. 2001 7. Dez. 2001 72
154. R 21. Jan. 2002 31. Juli 2002 192 (150+42)
155. A 18. Okt. 2002 13. Dez. 2002 57
156. R 20. Jan. 2003 28. Juli 2003 190 (150+40)
157. A 26. Sep. 2003 10. Okt. 2003 15 (36) durch Auflösung des Shūgiin beendet
158. S 19. Nov. 2003 27. Nov. 2003 9 nach 43. Shūgiin-Wahl (impliziert PM-Wahl)
159. R 19. Jan. 2004 16. Juni 2004 150
160. A 30. Juli 2004 6. Aug. 2004 8 nach 20. Sangiin-Wahl
161. A 12. Okt. 2004 3. Dez. 2004 53
162. R 21. Jan. 2005 8. Aug. 2005 200 (150+55) sog. 郵政国会 yūsei Kokkai, „Postparlament“ mit LDP-Rebellion gegen die Postprivatisierung, durch Shūgiin-Auflösung beendet
163. S 21. Sep. 2005 1. Nov. 2005 42 nach 44. Shūgiin-Wahl (→PM-Wahl)
164. R 20. Jan. 2006 18. Juni 2006 150
165. A 26. Sep. 2006 19. Dez. 2006 85 (81+4) Rücktritt des Kabinetts, PM-Wahl
166. R 25. Jan. 2007 5. Juli 2007 162 (150+12)
167. A 7. Aug. 2007 10. Aug. 2007 4 nach 21. Sangiin-Wahl, als Ergebnis Nejire Kokkai („verdrehtes Parlament“=verschiedene Mehrheiten in den Kammern)
168. A 10. Sep. 2007 15. Jan. 2008 128 (62+66) Rücktritt des Kabinetts, PM-Wahl
169. R 18. Jan. 2008 21. Juni 2008 156 (150+6)
170. A 24. Sep. 2008 25. Dez. 2008 93 (68+25) Rücktritt des Kabinetts, PM-Wahl
171. R 5. Jan. 2009 21. Juli 2009 198 (150+55) durch Auflösung des Shūgiin beendet
172. S 16. Sep. 2009 19. Sep. 2009 4 nach 45. Shūgiin-Wahl (→PM-Wahl)
173. A 26. Okt. 2009 4. Dez. 2009 40 (36+4)
174. R 18. Jan. 2010 16. Juni 2010 150 DPJ-Fraktionen erreichen durch Beitritte einmalig absolute Mehrheiten in beiden Kammern, Rücktritt des Kabinetts, PM-Wahl
175. A 30. Juli 2010 6. Aug. 2010 8 nach 22. Sangiin-Wahlnejire
176. A 1. Okt. 2010 3. Dez. 2010 64
177. R 24. Jan. 2011 31. Aug. 2011 220 (150+70) Rücktritt des Kabinetts, PM-Wahl
178. A 13. Sep. 2011 30. Sep. 2011 18 (4+14)
179. A 20. Okt. 2011 9. Dez. 2011 51
180. R 24. Jan. 2012 8. Sep. 2012 229 (150+79)
181. A 29. Okt. 2012 16. Nov. 2012 19 (33) durch Auflösung des Shūgiin beendet
182. S 26. Dez. 2012 28. Dez. 2012 3 nach 46. Shūgiin-Wahl (→PM-Wahl), nejire
183. R 28. Jan. 2013 26. Juni 2013 150
184. A 2. Aug. 2013 7. Aug. 2013 6 nach 23. Sangiin-Wahl
185. A 15. Okt. 2013 8. Dez. 2013 55 (53+2)
186. R 24. Jan. 2014 22. Juni 2014 150
187. A 29. Sep. 2014 21. Nov. 2014 54 (63) durch Auflösung des Shūgiin beendet
188. S 24. Dez. 2014 26. Dez. 2014 3 nach 47. Shūgiin-Wahl (→PM-Wahl)
189. R 26. Jan. 2015 27. Sep. 2015 245 (150+95)
190. R 4. Jan. 2016 1. Juni 2016 150 sonst übliche außerordentliche Sitzung im Herbst war 2015 ausgefallen
191. A 1. Aug. 2016 3. Aug. 2016 3 nach 24. Sangiin-Wahl, anschließend durch Beitritt erstmals seit 1989 absolute LDP-Mehrheiten in beiden Kammern
192. A 26. Sep. 2016 17. Dez. 2016 83 (66+17)
193. R 20. Jan. 2017 18. Juni 2017 150
194. A 28. Sep. 2017 28. Sep. 2017 1 nur für die Auflösung des Shūgiin einberufen
195. S 1. Nov. 2017 9. Dez. 2017 39 nach 48. Shūgiin-Wahl (→PM-Wahl)
196. R 22. Jan. 2018 22. Juli 2018 182 (150+32)
197. A 24. Okt. 2018 10. Dez. 2018 48
198. R 28. Jan. 2019 26. Juni 2019 150
199. A 1. Aug. 2019 5. Aug. 2019 5 nach 25. Sangiin-Wahl
200. A 4. Okt. 2019 9. Dez. 2019 67
201. R 20. Jan. 2020 17. Juni 2020 150
202. A 16. Sep. 2019 18. Sep. 2020 3 Rücktritt des Kabinetts, PM-Wahl
203. A 26. Okt. 2019 (41)

Aktuelle Mehrheitsverhältnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Regierungskoalition aus Liberaldemokratischer Partei und Kōmeitō verteidigte bei der Wahl im Oktober 2017 ihre Zweidrittelmehrheit im Shūgiin, im Sangiin hielt sie bei der Wahl im Juli 2019 unter Verlusten ihre Mehrheit.

Aktuelle Mehrheitsverhältnisse
(Stand: 30. Juli 2019, vor 199. Kokkai)
Shūgiin Sangiin
150
315
150 315 
Insgesamt 465 Sitze
  • Oppositionsfraktionen, Fraktionslose (ohne Präsident): 150
  • Regierungsfraktionen, Präsident: 315


103
142
103 142 
Insgesamt 245 Sitze
  • Oppositionsfraktionen, Fraktionslose: 103
  • Regierungsfraktionen: 142


Für eine detaillierte Aufstellung, siehe die beiden Einzelartikel zu den Kammern.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstes temporäres Parlamentsgebäude aus Holz

Die Bezeichnung Kokkai wurde schon im 19. Jahrhundert noch vor der Errichtung des Reichstags in den Forderungen der Bürgerrechtsbewegung nach einem gewählten Parlament gebraucht und wird außerhalb von amtlichen Zusammenhängen oft auch für den Reichstag verwendet. Mit der Meiji-Verfassung wurde der Reichstag nach Vorbildern des Preußischen Landtags und des britischen Parlaments eingerichtet und trat erstmals am 29. November 1890 zusammen. Er bildete zusammen mit dem Kaiser die Legislative und bestand neben dem Shūgiin aus dem Kizokuin, dem Herrenhaus. Die Kammern waren weitgehend gleichberechtigt, nur musste der Haushaltsentwurf der Regierung immer zuerst dem Abgeordnetenhaus zur Beratung vorgelegt werden. Mit Inkrafttreten der Nachkriegsverfassung 1947 wurde das Kizokuin durch das gewählte Sangiin ersetzt und an die Stelle des Reichstags trat das Kokkai in heutiger Form.

Das gegenwärtige Parlamentsgebäude, eröffnet 1936 als Reichstagsgebäude, ist – im Unterschied zu den drei provisorischen Vorgängerbauten aus Holz – in Stahlbeton ausgeführt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Kokkai – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sangiin: Beziehungen zwischen beiden Kammern (japanisch)
  2. Gesetze und Vorschriften, die die Beziehungen zwischen beiden Kammern bestimmen: Japanische Verfassung, Kokkai-hō (Englische Übersetzung), Ryōin-kyōgikai kitei, Sangiin kisoku (Englische Übersetzung), Shūgiin kisoku
  3. Shūgiin: 国会の召集と会期
  4. Sangiin: 参議院の緊急集会
  5. Shūgiin: 国会会期一覧, abgerufen am 24. Januar 2020.