Loja Dschirga

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Delegierte der Loja Dschirga, Kabul 2002

Die Loja Dschirga oder Loya Gerga (persisch لويه جرگه; paschtunisch لويه جرګه Loya Jirga(h)), ist die große Versammlung, die bis heute in Afghanistan, Usbekistan, Turkmenistan und in der Mongolei zur Klärung der großen nationalen und ethnischen/tribalischen Fragen abgehalten wird.

Der zweite Bestandteil des aus „Loja“ (auf paschtunisch لويه, zu Deutsch groß) und „Dschirga“ (persisch جرگه, zu Deutsch Zelt, Kreis, Rat, Versammlung, Treffen, Disput) zusammengesetzten Begriffes stammt ursprünglich aus einer mongolischen oder Turksprache.

Ursprung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Solche Versammlungen haben ihren Ursprung in den altaischen Kulturen, so auch aus dem mongolischen Reich. So erhoben z. B. die mongolischen Stammesfürsten Temüdschin (Dschingis Khan) im Jahre 1206 in einer „Ger“ (gesprochen wie „J“ auf französisch) zu ihrem Oberhaupt bzw. Großkhan.

Unter den Timuriden und den Moghulen, obwohl sie türkische als auch mongolische Wurzeln hatten, war die Loja Dschirga in Vergessenheit geraten. Einerseits weil sie „persifiziert“ waren, andererseits weil sie Wesire und Diplomaten hatten, die sich mit Problemen befassten, die das Gesellschaftsleben betrafen, ganz zur Zufriedenheit des Herrschers.

Jüngere Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paschtunen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der paschtunischen Gesellschaft werden die Loja Dschirgas heute noch sehr stark praktiziert und gepflegt und vor und mit Stammesfürsten abgehalten, in denen gesellschaftlich interne oder externe Konflikte mit anderen Stämmen zu beseitigen versucht wird. Der Grund für die Existenz der Loja Dschirga bei den Paschtunen liegt eindeutig daran, dass einige Stämme nicht-iranischer Herkunft sind. So war der Zadranstamm (von den Nicht-Paschtunen heute noch als Jadran bezeichnet) ursprünglich ein mongolischer Stamm, der mit der Zeit der Islamisierung durch die Paschtunen in den nördlichen Regionen der Sulaimangebirgsketten paschtunisiert wurde. Weitere nicht-iranische Paschtunenstämme mit türkischem oder mongolischem Hintergrund sind die Ghalzais, Nachfahren der Khaljis oder die Zazais (von Nicht-Paschtunen als Jajis bezeichnet).

Als Paschtunenfürsten die Macht übernahmen, versuchten sie, durch diese Versammlungsart ihre Macht zu legitimieren. Während anfangs nur Paschtunen von Gerga bzw. Jirga Gebrauch machten, wurden später auch andere ethnische Gruppen einbezogen, jedoch ohne die Nicht-Paschtunen wirklich zu berücksichtigen. Die Teilnehmer sind Stammes- oder Regionalführer, Politiker, Militärs oder religiöse Führer, Mitglieder der Königsfamilie und der Regierung. König Amanullah Khan institutionalisierte die Loja Dschirga. Er war auch der einzige König, der drei Mal von ihr Gebrauch machte. Seit Amanullah Khan bis zur Herrschaftszeit von Zaher Khan (1933–1973) und Mohammed Daoud Khan (1973–1978) verstand man unter Loja-Dschirga eine gemeinsame Sitzung aus regionalen paschtunischen Stammesführern.

Die Treffen finden in unregelmäßigen Abständen statt. Einige Historiker vermuten, dass diese Tradition schon 1000 Jahre alt ist.

Es gibt keine Zeitbeschränkung in einer Loja Dschirga, und sie tagt solange, bis Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungen werden nur als Konsens getroffen. Viele verschiedene Probleme werden beraten, wie Außenpolitik, Kriegserklärung, Legitimierung von Führern oder die Einführung neuer Ideen und Regeln.

Afghanistan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Teile dieses Abschnittes scheinen seit 2013 nicht mehr aktuell zu sein: Neueste Ereignisse; Abzug der US-Truppen.
Bitte hilf mit, die fehlenden Informationen zu recherchieren und einzufügen.

Meinungsverschiedenheiten, Streitigkeiten, gar die Aufhebung der Stammesfehden wurden häufig durch den Dialog in Form von „Jirgas“-Versammlungen in verschiedenen Stämmen gelöst. Die „Jirgas“ bestimmten die politische und wirtschaftliche, sowohl auch religiösen und kulturellen Eigenarten des afghanischen Volkes. Die ursprünglichen „Jirgas“ bestanden aus dem politischen Körper der Dorfvorsteher (Wakil), Kaufmänner und Landbesitzer (Khans), Mullahs der umliegenden Moscheen, sowie Dichtern (Schaheran) und Musikern (Musiqui-Mandan).

Die vier Säulen der afghanischen Gesellschaft – die politische, die wirtschaftliche, die religiöse und die kulturelle – trugen das Fundament der afghanischen „Politiae“, besser gesagt im späteren Königreich Afghanistans, entstanden im achtzehnten Jahrhundert aus Teilen des ostpersischen Reiches. Schon damals 1747 ernannte der „Loya Jirga“ - große Versammlung, Ahmad Kahn Durrani als König und legitimierte seine Macht durch das Votum der Stammesgesandeten. Auch wenn das Verfahren zur Ernennung eines Königs durch die Institution „Loja Jirga“ aus heutiger Sicht nicht ausreichend demokratisch gekennzeichnet ist, stellte jedoch die „Loja Jirga“ das Fundament des afghanischen Staates und spielte als verfassungsgebendes Organ bei der Machtverteilung in Afghanistan eine äußerst wichtige Rolle. Die Bedeutung der „Loya Jirga“ erkannten auch die nachfolgenden Machthaber und politischen Akteure. Um die verschiedene Stämme und Ethnien hinter sich zu vereinigen, stützen sich immer wieder die politischen Akteure bei den existentiellen innen- und außenpolitischen Entscheidungen, wie z.B. der Frage „Krieg und Frieden“, auf die große Einflussnahme der „Loya Jirga“.

Diese großen Versammlungen aller Stämme und Ethnien Afghanistans „Loya Jirga“ wurde im Laufe der Geschichte, von einigen politischen Akteuren und Machthabern Afghanistans auch für ihre politische Zwecke in und um Afghanistan missbraucht. Die Legitimation des Einparteienstaates in Afghanistan seitens der „Loya Jirga“ während der Regierungszeit Mohammed Daoud Khan (1977) stellte sich außen- sowie innenpolitisch als ein schwerer Fehler heraus und ist hier als ein besonderes Beispiel aufzuführen. Die „Loya Jirga“ befähigte Präsident Daud Khan, seine Diktaturherrschaft durch die Etablierung eines Einparteienstaates in Afghanistan auszubauen und zugleich mit aller Macht nicht nur seine Erzrivalen, die Mitglieder der kommunistischen Partei Afghanistan (DVPA) zu verfolgen, sondern auch die verschiedenen islamistischen Gruppierungen und die kleinen demokratisch angehauchten Kreise in Kabul zu unterdrücken.

Auch die nachfolgenden Regierungen wie die kommunistische Regierung Afghanistan (1979 bis 1991) nutzten die „Loya Jirga“ in verschiedenster Art und Weise um ihre politischen Ziele zu erreichen. Während der sowjetischen Besatzung war die Akzeptanz der „Loya Jirga“ bei der Bevölkerung kaum wahrnehmbar. Denn die „Loya Jirga“, die große Versammlung, wurde durch die Besatzer (UdSSR) für die Legitimation der kommunistisch ausgerichteten afghanischen Verfassung (1985) inszeniert. Deshalb stieß die „Loya Jirga“ während dieser Epoche nicht nur auf Ablehnung der oppositionellen Kräfte in Afghanistan, sondern verlor auch an ihrer einstigen Bedeutung als eine besondere Dialogform zwischen den Ethnien.

Chorasan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Loja Dschirgas fanden in der Geschichte Chorasans (bis 1857/58) statt. Die ersten Versammlungen dieser Art sollen ab 1414 unter dem Titel Jirga e Safa (Reinigungsversammlung) abgehalten worden sein.

Zeittafel Kabulistan und Afghanistan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Loja Dschirgas fanden in der Geschichte Kabulistans statt:

Folgende Loja Dschirgas fanden in der Geschichte Afghanistans (seit 1911) statt: König Amanullah Khan (1919–1929) machte Loja Dschirga zu einer politischen Institution, da er die große Versammlung gleich drei Mal einberief:

  • 1920 in Dschalalabad Provinzhauptstadt Negarhar: Verabschiedung der Gesetze zu politischen und sozialen Reformen; erste Verfassung, Abschaffung von Sklaverei vorwiegend aus Ethnie der Hazara und des Zwangssteuers, vorwiegend von Einwohnern der hinduistischen Glaubensrichtungen Hindu und Sikhs
  • 1922 und 1924 in Paghman, Kabul (Provinz) : Verabschiedung von Gesetzen zu Wirtschaftsreformen, zum Aufbau des Parlaments und zu Reformen des Militärs und Verwaltungswesens.
  • 1930, einberufen von Mohammed Nadir Schah, um seine Thronbesteigung zu legitimieren
  • 1941, einberufen von Mohammed Sahir Schah, um Neutralität im Zweiten Weltkrieg zu vereinbaren
  • 1964, mit 452 Teilnehmern, einberufen von Mohammed Sahir Schah, um eine neue Verfassung zu verabschieden
  • 1974, Daud Khan ruft eine Sitzung ein mit der Absicht, Pakistan mit der Duran-Line-Frage zu konfrontieren (mit schweren Folgen, denn Pakistan schickte den paschtunischen Heerführer Gulbuddin Hekmatyār nach Kabul, der die Stadt fast vollständig zerbomben ließ)
  • 1977, verabschiedete die neue Verfassung von Mohammed Daoud Khan, die einen Einparteienstaat für die Republik Afghanistan vorsah
  • 1985, verabschiedete die neue Verfassung der Demokratischen Republik Afghanistan
  • 2001 gab es vier verschiedene Loja Dschirgas, die das Ende der Taliban-Herrschaft diskutierten:
    • Die erste in Rom um Mohammed Sahir Schah. Sie forderte die Interessen der Paschtunen aus dem Südosten Afghanistans, genau der Gruppe, die die Taliban viel unterstützten. Roms Initiative verlangte angemessene Wahlen für alle, Unterstützung der Regierung, Achtung der Menschenrechte und Unterstützung des Islams als ein Teil afghanisches Fundament.
    • Die zweite traf sich in Zypern, geführt von Homayoun Jarir, dem Schwager des Warlords und Taliban-Kämpfers Gulbuddin Hekmatyār. Die Mitglieder der in Zypern gehaltenen Jirga waren zum größten Teil der königlichen Familie angehörig oder unabhängige Adelige paschtunischer Abstammung.
    • eine dritte und wichtigste war die so genannte Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn,
    • und die vierte in Pakistan.
  • 2002, 11. Juni, einberufen von der Übergangsverwaltung von Hamid Karzai, mit 1.500 Delegierten, die entweder durch Wahlen in den verschiedenen Landesteilen bestimmt wurden oder von politischen, kulturellen oder religiösen Gruppen entsandt wurden. Sie wurde in einem großen Zelt auf dem Campus der Polytechnischen Hochschule Kabul abgehalten. Sie etablierte die Übergangsregierung.[1]
  • 2003, am 14. Dezember trafen sich 502 Delegierte, darunter 114 Frauen, in Kabul, um über eine neue Verfassung für Afghanistan zu beraten. Andere Diskussionspunkte waren die Frage nach der offiziellen Sprache (Persisch (Dari) oder Paschtu), ob der ehemalige König Mohammed Sahir Schah den Titel „Landesvater“ behalten solle, die Rechte der Frauen und ob Afghanistan eine freie Marktwirtschaft haben solle. Ursprünglich sollte diese Loja Dschirga nur 10 Tage dauern. Doch die Auseinandersetzungen waren langwierig, in Afghanistan wurde die Loja Dschirga deshalb auch loja dschagra (Großer Kampf) genannt. Am 4. Januar 2004 verabschiedete die Loja Dschirga die neue Verfassung für Afghanistan.
  • 2011, vom 16. bis 19. November tagte die Loja Dschirga über die aktuelle Situation Afghanistans [2] und die Zukunft des Landes in Kabul[3] und sprach sich grundsätzlich für eine Zusammenarbeit mit den USA und Friedensverhandlungen mit den Taliban aus[4].

Belutschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 29. April 2006 bot der belutschische Minister Mir Taj Muhammad Jamali dem pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf ein Treffen (Loya Jirga) an, mit der Absicht, die Provinz Belutschistan wieder friedlicher zu machen. Eine weitere Große Jirga wurde im September 2006 in Kalat abgehalten, bei der es um die Rechte der Belutschen ging.

Am 9. August bis 11. August 2007 fand die dreitägige Jirga e Amen (Friedensversammlung) in Kabul statt. Die Hälfte der Mitglieder dieser Versammlung kam aus Pakistan.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Benjamin Buchholz: Loya Jirga. Afghanischer Mythos, Ratsversammlung und Verfassungsorgan. Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau 2013, ISBN 978-3-7930-9735-8.[5]
  • Jirga rejects mega projects, in: The Nation, 3. Oktober 2006.
  • Baloch jirga to form supreme council to implement decisions, in: Daily Times, 4. Oktober 2006.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. crisisgroup.org: The Loya Jirga: One Small Step Forward?, 16. Mai 2002
  2. dradio.de/dlf: "Interview: Gründer der Kinderhilfe Afghanistan zeichnet düsteres Bild. Reinhard Erös im Gespräch mit Tobias Armbrüster"
  3. tagesschau.de: "Der Löwe Afghanistan hat gebrüllt" (Memento vom 17. November 2011 im Internet Archive)
  4. Deutsche Welle "Loja Dschirga stellt den USA Bedingungen"
  5. Seit neunzig Jahren bewährt, in: FAZ, 22. April 2014, Seite 8.