Kulturelle Aneignung

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Kulturelle Aneignung (engl. cultural appropriation) ist ein Begriff aus der US-amerikanischen Critical Whiteness- Bewegung, die zur Reflexion von Macht- und Diskriminierungsverhältnissen aufgrund von Hautfarbe anregen will. Bei der kapitalistischen Aneignung werden traditionelle Gegenstände der materiellen Kultur verschiedener Ethnien zur Ware erklärt und ihres Kontextes beraubt. Einerseits kann die Kultur der Minderheit dadurch verloren oder verfälscht werden, andererseits ist das Handeln mit „traditionellen“ Gegenständen ein wichtiger Wirtschaftszweig verschiedener Ethnien, die sich ihrerseits stetig neue Designs für die Märkte ausdenken. Daher ist es teilweise schwierig, die Originalität und Bedeutung der Einzelgegenstände zu erfassen. Die Bedeutung von materieller Kultur unterliegt einem stetigen Wandel und hat eigene Moden. Obwohl Angehörige tiefgründige Bedeutungen schwinden sehen, argumentieren andere mit der Totalität des Kapitalismus, die fast alle Ethnien zwingt, an den Märkten teilzunehmen. Dadurch bleiben ethnisierende Kunstformen und traditionelle Fertigungstechniken erhalten, auch wenn sie den Regeln des Marktes unterworfen und warenförmig werden. So können kulturelle Symbole auf internationalisierten Märkten zu exotischen Moden verkommen (Profanierung), aber auch zu neuen Mythen und Bedeutungen (Roland Barthes) wachsen, die nur noch mittelbar auf ihren Ursprung verweisen.

Übersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiel eines phönizischen Kunsthandwerks aus dem British Museum, welches ägyptische Motive für rein dekorative Zwecke verwendet. Die Kartusche enthält Hieroglyphen in einer bedeutungslosen Reihenfolge.

Gegenstand kultureller Aneignung sind unterschiedliche Kunstgattungen (Musik, Tanz, etc.) oder religiöse Dinge (Symbole, Spiritualität, Zeremonien), aber auch Mode- und Sprachstil, Sozialverhalten, sowie andere kulturelle Ausdrucksformen.[1]

Die Schicklichkeit kultureller Aneignung ist Gegenstand reger Debatten. Gegner sehen in der kulturellen Aneignung einen Diebstahl. Sie sei vor allem dann kritisch, wenn die Kultur einer Minderheit gehört, welche sozial, politisch, wirtschaftlich oder militärisch benachteiligt ist,[2][3] etwa wegen ethnischer Konflikte.[4] Die unterdrückte Kultur wird dann nämlich durch ihre historischen Unterdrücker aus ihrem Kontext gerissen.[4][5][6]

Kritik am Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Befürworter betrachten eine gewisse Aneignung als unvermeidlich,[7] oder als Bereicherung die aus Bewunderung und ohne böse Absicht geschieht.[8][9] Sie sei ein Beitrag zur Vielfalt. Schon in der Frühgeschichte gab es rege Kulturtransfers auf der Seidenstraße. Ohne kulturelle Aneignung würden Mitteleuropäer nicht auf Sofas sitzen oder Apfelstrudel essen können, beides hat seinen Ursprung in asiatischen Kulturen. Das Konzept der kulturellen Aneignung sei eher eine Absurdität.[10]

Die Literaturwissenschaftlerin Anja Hertz sieht in der kompromisslosen Kritik an der kulturellen Aneignung die Gefahr, Kultur zu sehr als etwas Einheitliches und klar Begrenztes zu sehen, laut Hertz impliziert der Vorwurf der kulturellen Aneignung „eine reaktionäre Vorstellungen von kultureller Reinheit“.[11] Marcus Latton schrieb in der Jungle World, dass der „real existierende Antirassismus“ damit Gefahr laufe, in sein Gegenteil umzuschlagen, da damit unter anderem jeder Kritik an einer Kultur die Legitimation undifferenziert entzogen werde.[12] Eine derartige Re-Essenzialisierung von Kultur sei analytisch wie auch politisch problematisch, schreibt der Soziologe Jens Kastner.[13]

Motive[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kulturtheoretiker George Lipsitz sieht im kalkulierten Gebrauch anderer Kulturformen eine Strategie, mit der sich eine Gruppe selbst definiert. Dies tritt sowohl bei der Mehrheit als auch der Minderheit auf, beschränkt sich also nicht auf eine Seite. Die Mehrheitskultur sollte allerdings die soziohistorischen Umstände der angeeigneten Kultur beachten, um nicht die historisch ungleichen Machtverhältnisse fortzuschreiben.[14] Gemäß dieser Sicht ist der Widerstand kultureller Minderheiten gegen die Mehrheitsgesellschaft (z. B. nachahmen und verändern von Aspekten der Mehrheitskultur) vom Konzept der kulturellen Aneignung ausgenommen, weil hier das Machtverhältnis umgekehrt wird. Ein historisches Beispiel ist die Entstehung der Mods im vereinigten Königreich in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren. Vor allem Jugendliche aus der Arbeiterklasse imitierten und überspitzten den maßgeschneiderten Kleidungsstil der gehobene Mittelschicht und verwendete dabei ikonische britische Symbole, etwa den Union Jack und die Kokarde der Royal Air Force. Diese Rekontextualisierung kultureller Elemente kann auch als kulturelle Aneignung betrachtet werden, ist aber meist nicht negativ konnotiert.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altertum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die historisch umstrittensten Fälle fanden an Orten statt, wo der kulturelle Austausch am höchsten war, etwa entlang der Handelsstraßen in Südwestasien oder Südosteuropa.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Minderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Indianer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tragen eines Warbonnet ist ein Beispiel für die Aneignung indigener Kultur.

Die Sportmannschaften an US-Universitäten verwenden häufig Symbole von Indianerstämmen als Maskottchen,[20][21] was laut Kritikern ihrem Bildungsauftrag widerspricht.[22] Daher erließ die NCAA 2005 eine Richtlinie, die zur Änderung von Namen und Maskottchen führte, mit Ausnahme von indigen geprägten Bildungseinrichtungen. Laut dem NCAI wurden in den vergangenen 50 Jahren zwei Drittel aller Namen und Maskottchen abgeschafft.[23] Einige Indianerstämme billigen allerdings Maskottchen, etwa jener der Seminolen die Verwendung ihres Häuptlings Osceola und seines Appaloosa „Renegade“ durch die Footballmannschaft der FSU.[24][25] Die Generalversammlung der Vereinten Nationen gab eine Erklärungen gegen die Aneignung indigener Kultur heraus.[26][27][28] 2015 veröffentlichte eine Gruppe indigener Wissenschaftler und Autoren eine Stellungnahme gegen Rainbow Gatherings.[29]

Afroamerikaner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Reproduktion eines Posters von William H. West um 1900 zeigt die Transformation eines weißen Schauspielers zu Blackface.

Blackface ist eine Maskerade weißer Darsteller, um Schwarze darzustellen. Sie wurde im 19. Jahrhundert populär und trug zur Verbreitung negativer Stereotypen bei, etwa Ethnophaulismen.[30] 1848 waren Minstrel Shows beim allgemeinen Publikum beliebt.[31] Im frühen 20. Jahrhundert wurde Blackface von Minstrel Shows abgezweigt und wurde ein eigenes Genre, bis zur US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre.[32]

Der Begriff Wigger ist Umgangssprache für Weiße, welche die afroamerikanischen Subkultur imitieren, etwa Afroamerikanisches Englisch und Straßenmode in den USA, Grime in Großbritannien.[33] Das Phänomen tauchte einige Generationen nach dem Ende der Sklaverei in mehrheitlich weißen Ländern auf, etwa den USA, Kanada, Großbritannien und Australien. Eine Frühform war der white negro im Jazz und Swing der 1920er und 1930er. Norman Mailer untersuchte dies 1957 in seinem Aufsatz The White Negro. In den 1930ern und 1940ern folgten die Zoot Suiter, in den 1940ern die Hipster, in den 1950er und 1960er Jahren der Beatnik, in den 1970ern der Blue-Eyed Soul, und in den 1980ern und 1990ern der Hip-Hop. Heute wird afroamerikanische Kultur weltweit verbreitet und vermarktet.[34][35]

Aborigines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Australien haben indigene Künstler eine „authentische Marke“ diskutiert, um Konsumenten über nicht authentische Kunst zu unterrichten.[36]

Diese Bewegung nahm nach 1999 Auftrieb, als John O’Loughlin für den Verkauf von Kunst wegen Betruges verurteilt wurde, die vorgeblich von indigenen Künstlern gemalt wurde.[37]

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Linda Martin Alcoff: What Should White People Do?. In: Hypatia. 13, Nr. 3, 1998, S. 6–26. doi:10.1111/j.1527-2001.1998.tb01367.x. Abgerufen am 22. November 2014.
  2. a b Adrienne Keene: But Why Can’t I Wear a Hipster Headdress? at Native Appropriations – Examining Representations of Indigenous Peoples. 27. April 2010
  3. Kjerstin Johnson: Don’t Mess Up When You Dress Up: Cultural Appropriation and Costumes. at Bitch Magazine, 25 October 2011. Accessed 4 March 2015. ’Dressing up as „another culture,“ is racist, and an act of privilege. Not only does it lead to offensive, inaccurate, and stereotypical portrayals of other people’s culture…but is also an act of appropriation in which someone who does not experience that oppression is able to „play,“ temporarily, an „exotic“ other, without experience any of the daily discriminations faced by other cultures.'
  4. a b Eden Caceda: Our cultures are not your costumes. Abgerufen am 20. Januar 2015.
  5. a b Sundaresh, Jaya (May 10, 2013) „Beyond Bindis: Why Cultural Appropriation Matters“ for The Aerogram.
  6. Uwujaren, Jarune (Sep. 30, 2013) „The Difference Between Cultural Exchange and Cultural Appropriation“ for everdayfeminism.com.
  7. Cathy Young: To the New Culture Cops, Everything is Appropriation. In: The Washington Post. 21. August 2015. Abgerufen am 6. Dezember 2015.
  8. John McWhorter: You Can’t 'Steal’ A Culture: In Defense of Cultural Appropriation. Abgerufen am 20. Oktober 2014.
  9. Jeff Jacoby: Three cheers for cultural appropriation. In: The Boston Globe. 1. Dezember 2015. Abgerufen am 6. Dezember 2015.
  10. Josef Joffe: Kulturelle Aneignung: Wem gehört’s?. In: Die Zeit, 6. Januar 2017, abgerufen am 17. Mai 2017.
  11. Recht hat, wer am unterdrücktesten ist. In: Analyse & kritik. 16. Februar 2016, abgerufen am 4. Oktober 2016: „Der Vorwurf der cultural appropriation verteidigt eine vermeintlich homogene, authentische Kultur der Subalternen gegen ihre kolonialistisch-kulturindustrielle Ausbeutung - eine Argumentation, die nicht mehr zwischen rassistischer Karikatur und kulturellen Vermischungsprozessen unterscheidet und reaktionäre Vorstellungen von kultureller Reinheit impliziert.“
  12. Jedem Stamm seine Bräuche. In: jungle-world.com. Abgerufen am 15. September 2016.
  13. Comandante Brus Li isst Sushi. Abgerufen am 5. November 2016.
  14. Darren Lee Pullen (Hrsg.): Technoliteracy, Discourse, and Social Practice: Frameworks and Applications in the Digital Age.. IGI Global, 2009, ISBN 1-60566-843-5, S. 312.
  15. Robert Ousterhout: Ethnic Identity and Cultural Appropriation in Early Ottoman Architecture. Muqarnas Volume XII: An Annual on Islamic Art and Architecture. E.J. Brill, Leiden 1995. Retrieved January 3, 2010.
  16. Salil Tripathi: Hindus and Kubrick. In: The New Statesman. 20 September 1999. Retrieved 23 November 2006.
  17. a b c Adrienne Keene: Open Letter to the PocaHotties and Indian Warriors this Halloween. at Native Appropriations – Examining Representations of Indigenous Peoples, October 26, 2011. Accessed 4 March 2015
  18. Jennifer C. Mueller, Danielle Dirks, Leslie Houts Picca: Unmasking Racism: Halloween Costuming and Engagement of the Racial Other. In: Qualitative Sociology. Band 30, Nr. 3, 11. April 2007, ISSN 0162-0436, S. 315–335, doi:10.1007/s11133-007-9061-1.
  19. Escobar, Samantha (17 October 2014) „13 Racist College Parties That Prove Dear White People Isn’t Exaggerating At All“ at The Gloss. Accessed 4 March 2015
  20. Robert Longwell-Grice, Hope Longwell-Grice: Chiefs, Braves, and Tomahawks: The Use of American Indians as University Mascots. In: NASPA Journal (National Association of Student Personnel Administrators, Inc.). 40, Nr. 3, 2003, ISSN 0027-6014, S. 1–12. doi:10.2202/0027-6014.1255. Abgerufen am 29. Oktober 2014.
  21. Angela Riley: Straight Stealing: Towards an Indigenous System of Cultural Property Protection. In: Washington Law Review. 80, Nr. 69, 2005.
  22. Statement of the U.S. Commission on Civil Rights on the Use of Native American Images and Nicknames as Sports Symbols. The United States Commission on Civil Rights. 13. April 2001. Abgerufen am 13. Juni 2012.
  23. Anti-Defamation and Mascots. National Congress of American Indians. Abgerufen am 12. Januar 2013.
  24. Jacki Lyden: Osceola At The 50-Yard Line. In: NPR.org. 28. November 2015. Abgerufen am 6. Dezember 2015.
  25. Chuck Culpepper: Florida State’s Unusual Bond with Seminole Tribe Puts Mascot Debate in a Different Light. In: The Washington Post. 29. Dezember 2014. Abgerufen am 6. Dezember 2015.
  26. Mesteth, Wilmer et al.: Declaration of War Against Exploiters of Lakota Spirituality. 10. Juni 1993.
  27. Valerie Taliman: Article On The ‘Lakota Declaration of War’. 1993.
  28. Declaration on the Rights of Indigenous Peoples (PDF) Working Group on Indigenous Populations, accepted by the United Nations General Assembly, UN Headquarters, New York City, 13. September 2007.
  29. Estes, Nick; et al „Protect He Sapa, Stop Cultural Exploitation“ at Indian Country Today Media Network. 14 July 2015. Accessed 24 Nov 2015
  30. Yone Noguchi: The American Diary of a Japanese Girl. Hrsg. v. Edward Marx und Laura E. Franey. Temple University Press, 2007, S. 167 ISBN 1-59213-555-2; Lewis A. Erenberg: Steppin’ Out. New York Nightlife and the Transformation of American Culture, 1890–1930. University of Chicago Press 1984, S. 73, ISBN 0-226-21515-6; J. Ronald Green: Straight Lick: The Cinema of Oscar Micheaux, Indiana University Press 2000, S. 134, 151 und 206, ISBN 0-253-33753-4.
  31. William J. Mahar: Behind the Burnt Cork Mask: Early Blackface Minstrelsy and Antebellum American Popular Culture. University of Illinois Press, 1998, ISBN 0-252-06696-0, S. 9.
  32. Frank W. Sweet: A History of the Minstrel Show. Backintyme (2000), ISBN 0-939479-21-4, S. 25
  33. Bernstein, Nell: Signs of Life in the USA: Readings on Popular Culture for Writers, 5th ed. 607
  34. Jason Rodriquez: Color-Blind Ideology and the Cultural Appropriation of Hip-Hop. In: Journal of Contemporary Ethnography, 35, Nr. 6 (2006), S. 645–68.
  35. Eric Lott: Darktown Strutters. – book reviews. In: African American Review, Frühjahr 1997.
  36. Marianne James: Art Crime. (PDF) In: Trends and Issues in Crime and Criminal Justice, No. 170. Australian Institute of Criminology. October 2000; The Aboriginal Arts 'fake’ controversy.. In: European Network for Indigenous Australian Rights. 29. Juli 2000.
  37. Aboriginal art under fraud threat.. BBC News vom 28. November 2003.
  38. Cultural Appropriation – Is It Ever Okay?. Abgerufen am 9. November 2015.
  39. Pharrell Apologizes for Wearing Headdress on Magazine Cover. Abgerufen am 9. November 2015.
  40. Stephanie Caffrey: Culture, Society and Popular Music; Cultural Appropriation in Music. Abgerufen am 12. Dezember 2015.
  41. Karlie Kloss, Victoria’s Secret Really Sorry About That Headdress. Abgerufen am 6. Dezember 2015.