Maxim Biller

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Maxim Biller (* 25. August 1960 in Prag) ist ein deutscher Schriftsteller und Kolumnist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biller wurde als Kind russisch-jüdischer Eltern in Prag geboren und emigrierte mit der Mutter Rada Biller, dem Vater und der Schwester, der späteren Journalistin und Schriftstellerin Elena Lappin, als Zehnjähriger 1970 nach Westdeutschland. Er studierte in Hamburg und München Literatur und schloss sein Studium 1983 bei Wolfgang Frühwald mit einer Magisterarbeit über das Bild der Juden im Frühwerk Thomas Manns ab. Nach einem weiteren Studium an der Deutschen Journalistenschule in München schrieb er für Tempo, Spiegel und DIE ZEIT sowie ab 2005 für Faces. Als Journalist wurde er schon früh bekannt mit seiner Tempo-Kolumne 100 Zeilen Hass und seinen literarischen Reportagen. Sein erster Erzählband Wenn ich einmal reich und tot bin (1990) stieß auf geteilte Kritiken. Während für Peter von Becker der zu einem „Geistesenkel Tucholskys“ erklärte Biller der Gegenwart „wahr und diesmal witzig an den Nerv“ ging, vergleichbar mit „Bölls früher Prosa“ und den „Nachkriegsromanen von Wolfgang Koeppen“, nannte ihn Ulrich Greiner einen „absolut zeitgeistmäßige[n]“ Künstler ohne „Psychologie und erzählerischen Atem“.[1] Michael Wise erklärte Biller hingegen in der Jerusalem Post zum „deutschen Philip Roth“.

Über Billers zweiten Erzählband Land der Väter und Verräter schrieb Werner Fuld in der FAZ: „Maxim Biller pflegt einen Stil, wie er vor Thomas Mann von den großen Russen wie Tschechow geschrieben wurde, die nicht das ironische Einverständnis mit dem Leser suchten, sondern zuerst um einen respektvollen Umgang mit ihren Figuren bemüht waren.“[2] Andere Kritiker warfen Biller gerade seine klassische Erzählweise und "seine journalistischen Hardcore-Gelüste" vor.[3] Ähnlich kontrovers war die Reaktion auf alle weiteren literarischen Werke Billers. So schrieb Eberhard Falcke über Billers Roman Die Tochter in der Süddeutschen Zeitung: „Das Bekenntnis des Erzählers zur radikalen Eindimensionalität schränkt seinen Gesichtskreis ziemlich ein.“[4] Und Thomas Wirtz erklärte in der FAZ: „Maxim Biller – und das ist sicher die überraschendste Erkenntnis nach seinem ersten Roman – ist ein bis in die kratzende Wolle hinein eingefärbter Traditionalist, ein Freud-Joyce-Musil-Leser.“[5] Noch zwiegespaltener fielen die Reaktionen auf Billers Opus Magnum aus, den 900-seitigen Roman Biografie, der im Frühjahr 2016 erschienen ist. „Und so schafft der Roman Biografie etwas, im Negativbild, was das höchste Ziel jeden Romans ist: Er ist Spiegel seiner Zeit“, schrieb Georg Diez auf Spiegel Online,[6] während Lothar Müller ihn für seinen „nicht ununfeministischem Herrenwitz“, für „hohe Adjektiv-Dichte, noch höhere Dichte von Namen und Wörtern, die Jüdisches signalisieren“ und „hohes Tempo“ kritisierte.[7]

Biller hat immer wieder literarische Kontroversen ausgelöst. So forderte er 1991 in dem Essay Soviel Sinnlichkeit wie der Stadtplan von Kiel[8] die deutschsprachigen Schriftsteller dazu auf, realistischer zu schreiben und mit den „Altavantgardisten und Literaturnomenklaturisten“ zu brechen, was ihm viel Kritik einbrachte. Im April 2000 organisierte er in der Evangelischen Akademie Tutzing die Tagung Freiheit für die deutschen Literatur, die er mit einer polemischen und viel diskutierten Rede selbst eröffnete. Darin warf er seinen – in großer Zahl anwesenden Kollegen der jungen und mittleren Autorengeneration – vor, sie schrieben „Schlappschwanz-Literatur“ und ignorierten das „handwerkliche Prinzip ‚Moral‘“, denn, wie Biller meint: „Ohne Moral keine Kunst, keine Literatur“.[9] Biller selbst erklärt seine Einlassungen und Interventionen, die er oft von der Position eines in Deutschland lebenden und schreibenden tschechisch-russischen Juden vornimmt, so: "Weil ich mit meiner Literatur zur deutschen Literatur gehören möchte – es ist wahrscheinlich das alte Heinrich-Heine-Drama – und hoffentlich auch gehöre".[10]

Billers Romane und Erzählungen wurden in mehrere Sprachen übersetzt, unter anderem der Roman Die Tochter, der in Frankreich 2003 in der renommierten Reihe folio beim Verlag Gallimard erschienen ist. 2007 wurden zwei seiner Short Storys im New Yorker abgedruckt, „was bei Deutschen so häufig vorkommt wie Papstwerden“.[11] Im Juli 2010 begann er in der deutschen Ausgabe des Rolling Stone unter dem Titel Maxim Billers Feuilletonshow eine politisch-gesellschaftliche Kolumne zu schreiben. Biller stellte nach zwei Kolumnen die Zusammenarbeit wieder ein, weil das Magazin einen Text über Ferdinand von Schirach nicht unverändert drucken wollte.

Biller lebt in Berlin. Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt er die satirische Kolumne Moralische Geschichten. Eine der Hauptfiguren, Dudek Kohn, ist ein erfolgloser jüdischer Schriftsteller, dessen siebenjährige Tochter Rosa immer bessere Ideen hat als er. Billers zweite Kolumne heißt Über den Linden und handelt von ihm selbst und seinen Begegnungen mit Freunden und Künstlern in Berlin. Sie erscheint in unregelmäßigen Abständen in der Zeit.

Billers Mutter, Rada Biller, hat bis 2011 ebenfalls einige Erzählungen und einen Roman im Berlin Verlag herausgebracht.[12]

Von Oktober 2015 bis Dezember 2016[13] war er Teilnehmer in der Neuauflage des Literarischen Quartetts im ZDF. Über Billers Auftritte schreibt der Tagesspiegel: „Ohne Maxim Biller wäre die Veranstaltung nur die Hälfte wert […] Auch wenn man sich für keine einzige der vorgestellten Neuerscheinungen interessiert, die Art und Weise, wie diese Billers Deutungsraster durchlaufen, ist gute, intelligente Unterhaltung am späteren Abend.“[14]

Esra-Kontroverse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2003 erregte Biller Aufsehen mit seinem Roman Esra, dessen Vertrieb dem Verlag im Frühjahr 2003 untersagt wurde, nachdem etwa 4000 Exemplare ausgeliefert worden waren. In dem autobiografischen Text werden intime Einzelheiten über den Ich-Erzähler und seine Partnerin Esra geschildert. Dabei werden starke Übereinstimmungen zwischen der Figur der Esra und Billers früherer Partnerin Ayşe Romey erkennbar. In der Figur der Lale, einer herrschsüchtigen, psychisch kranken Alkoholikerin, fühlte sich wiederum deren Mutter Birsel Lemke diffamiert.

Romey und Lemke erwirkten eine einstweilige Verfügung; im folgenden Verfahren untersagte das Landgericht München die weitere Verbreitung des Buchs, da es die Persönlichkeitsrechte der Klägerinnen verletzt sah. Am 21. Juni 2005 verwarf der Bundesgerichtshof die Revision des Verlags, der sich daraufhin an das Bundesverfassungsgericht wendete. Schließlich bestätigte der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts am 13. Juni 2007 das Urteil des BGH in weiten Teilen.[15] Das Werk darf weiterhin wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte durch den Verlag Kiepenheuer & Witsch nicht verbreitet und veröffentlicht werden.[16]

Anschließend verlangten Romey und Lemke vor dem Landgericht München I vom Autor jeweils 50 000 € Schadensersatz. Daraufhin unterschrieben über 100 Personen, darunter Günter Grass, Herbert Achternbusch, Feridun Zaimoğlu, Elfriede Jelinek und Peter Zadek, auf Initiative der Verlegerin Gina Kehayoff einen Aufruf zur Unterstützung Maxim Billers.[17] Am 13. Februar 2008 verurteilte das Landgericht München den Autor und den Verlag Kiepenheuer & Witsch, bei dem das Buch erschienen war, zur Zahlung von 50 000 Euro Entschädigung an Romey.[18] Inzwischen wurde dieses Urteil wieder aufgehoben. „Die BGH-Richter teilten mit, dass der Roman zwar die Persönlichkeitsrechte der Klägerin ‚schwerwiegend‘ verletzt habe, gestanden ihr aber dennoch keinen Schadensersatz zu. Grund für die Zurückhaltung sei der erhebliche Eingriff in die Kunstfreiheit, den das Verbot darstellt.“[19]

Am 10. Juni 2008 urteilte der BGH über die Unterlassungsklage von Lemke und wies diese zurück (VI ZR 252/07). Ihr Persönlichkeitsrecht sei – im Gegensatz zu dem ihrer Tochter – nicht schwerwiegend verletzt, urteilten die Richter; in diesem Fall habe die Kunstfreiheit Vorrang vor dem Persönlichkeitsrecht.[20] Für das Buch hatte dieses vorerst letzte Urteil keine Auswirkungen mehr, da es weiterhin nicht durch den Verlag Kiepenheuer & Witsch verbreitet werden darf.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wenn ich einmal reich und tot bin (Erzählungen). Kiepenheuer und Witsch, Köln 1990, ISBN 3-423-11624-2. (inklusive der Erzählung Harlem Holocaust)
  • Die Tempojahre (Essays und Reportagen). Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1991, ISBN 3-423-11427-4.
  • Land der Väter und Verräter (Erzählungen). Kiepenheuer und Witsch, Köln 1994, ISBN 3-423-12356-7.
  • Harlem Holocaust (Kurzroman). Kiepenheuer und Witsch, Köln 1998, ISBN 3-462-02761-1.[21]
  • Die Tochter. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2000, ISBN 3-423-12933-6 (Roman über das Scheitern einer Liebe zwischen einem Israeli, der seine Erlebnisse als Soldat im Libanonkrieg vergessen will, und einer Deutschen.)
  • Kühltransport (Ein Drama), 2001
  • Deutschbuch (Essays und Reportagen), 2001
  • Esra, 2003, ISBN 3-462-03213-5 (der Vertrieb wurde dem Verlag gerichtlich untersagt)
  • Der perfekte Roman (Ein Lesebuch), 2003
  • Bernsteintage (Erzählungen), 2004
  • Maxim Biller Tapes (CD mit Songs und Gedichten), 2004
  • I Love My Leid (Video), 2004
  • Moralische Geschichten (Satirische Kurzgeschichten), Kiepenheuer und Witsch, Köln 2005 ISBN 3-462-03477-4
  • Adas größter Wunsch (Kinderbuch), 2005
  • Menschen in falschen Zusammenhängen (Komödie), 2006
  • Liebe heute (Short stories), 2007
  • Ein verrückter Vormittag (Kinderbuch), 2008
  • Der gebrauchte Jude. (Selbstporträt), Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, ISBN 978-3-462-03703-6.
  • Kanalratten (Theaterstück). Fischer 2013 ISBN 978-3-596-19007-2.
  • Im Kopf von Bruno Schulz (Novelle). Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, ISBN 978-3-462-04605-2.
  • Jack Happy (Kinderbuch), mit Zeichnungen von Kera Till. Atlantik, Hamburg 2014, ISBN 3-455-37008-X.
  • Biografie (Roman). Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, ISBN 978-3-462-04898-8.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ulrich Greiner: Tucholskys Enkel. In: Die Zeit, 13. April 1990
  2. Werner Fuld: Streng gescheitelt Heiter ist die Theorie, ernst ist die Praxis: Der Erzähler Maxim Biller. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Oktober 1994.
  3. Hajo Steinert: Hardcore-Realismus. In: Die Zeit, 4.November 1994.
  4. Eberhard Falcke: Motti im Totenland. In: Süddeutsche Zeitung vom 18. März 2000.
  5. Thomas Wirtz: Beglückend wie die Nähe von Galeerensklaven auf der Ruderbank. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. März 2000.
  6. Georg Diez: Ein Aufstand gegen die Moderne. In: Spiegel Online, 30. April 2016
  7. Lothar Müller: Kraftakt gelungen, Roman tot. In: Süddeutsche Zeitung, 30. März 2016.
  8. Maxim Biller: Soviel Sinnlichkeit wie der Stadtplan von Kiel. In: Die Weltwoche, 25. Juli 1991.
  9. Maxim Biller: Feige das Land, schlapp die Literatur. In: Die Zeit, 13. April 2000.
  10. Die Deutschen kriegen es ab. Interview von Adam Soboczynski. In: Die Zeit, 20. März 2016.
  11. Malte Welding: Wolf unter Schafen, Die literarische Welt, 27. April 2013, S. 2
  12. Im Kofferraum ein Topf voll Borschtsch, in: FAZ vom 28. Juni 2011, Seite 32
  13. http://www.spiegel.de/kultur/tv/maxim-biller-ausstieg-beim-literarischen-quartett-a-1130232.html
  14. Markus Ehrenberg: „Ganz kurz, ich kann’s ja begründen!“. In: Der Tagesspiegel vom 13. Oktober 2016.
  15. BVerfG, 1 BvR 1783/05 vom 13. Juni 2007
  16. Verletzung von Persönlichkeitsrechten – Roman „Esra“ bleibt verboten (Memento vom 27. März 2009 im Internet Archive), tagesschau.de, 12. Oktober 2007
  17. Freiheit, die wir meinen (Anzeige von 100 Schriftstellern in der Süddeutschen Zeitung), sueddeutsche.de, 24. Juli 2006
  18. LG München I: Schmerzensgeld für «Esra», beck-aktuell-Redaktion, C. H. Beck, 14. Februar 2008
  19. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/esra-streit-maxim-biller-muss-kein-schmerzensgeld-zahlen-a-663127.html bzw. Pressemitteilung des BGH
  20. „‚Esra‘-Klage abgewiesen“ vom 11. Juni 2008; Weser-Kurier vom 11. Juni 2008
  21. Rezension von Fritz Gimpl: Maxim Biller: Harlem Holocaust. In: Lit-eX - Magazin für Verrisse aller Art, Ausgabe 2, Dezember 1998, online unter http://www.lit-ex.de/litex24.htm
  22. Pressemitteilung der Universität Kassel zur Grimm-Professur, 11. Dezember 2008.