Enschede

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Gemeinde Enschede
Flagge der Gemeinde Enschede
Flagge
Wappen der Gemeinde Enschede
Wappen
Provinz Overijssel
Bürgermeister Peter den Oudsten
Sitz der Gemeinde Enschede
Fläche
 – Land
 – Wasser
142,75 km²
140,95 km²
1,8 km²
CBS-Code 0153
Einwohner 158.629 (1. Jan. 2014[1])
Bevölkerungsdichte 1111 Einwohner/km²
Koordinaten 52° 13′ N, 6° 54′ O52.2236111111116.8955555555556Koordinaten: 52° 13′ N, 6° 54′ O
Bedeutender Verkehrsweg A35, N18
Vorwahl 053
Postleitzahlen 7500–7549
Website www.enschede.nl
Lage von Enschede in den Niederlanden
Ei van Ko – typischer Platz in Enschede

Enschede [ˈɛnsxəde:] ( anhören?/i) (niedersächsisch Eanske, nicht zu verwechseln mit Eschede) in der Provinz Overijssel ist eine Großstadt im Osten der Niederlande mit 158.629 Einwohnern (Stand 1. Januar 2014). Insbesondere in den ländlichen Regionen Enschedes sprechen viele Alteingesessene bis heute ihre westfälische Mundart des Niedersächsischen (Nedersaksische taal).

Geographie[Bearbeiten]

Die Stadt gehört zur Region Twente zwischen Hengelo und der Staatsgrenze zur Bundesrepublik Deutschland. Die östliche Nachbarstadt ist Gronau in Westfalen.

Geschichte[Bearbeiten]

Enschede entwickelte sich im Frühmittelalter aus einer niederdeutschen Siedlung an der Handelsstraße zwischen Deventer und den östlichen Nachbarorten. Der Name Enschede geht wahrscheinlich auf das Niederdeutsche „An de Schede“, auf Hochdeutsch „an der Scheide“, zurück und deutete damit nach gängiger Theorie auf das angrenzende Moorgebiet, dem Amtsvenn hin. Im Jahre 1325 erhielt Enschede offiziell die Stadtrechte durch Jan van Dienst, Bischof von Utrecht, verliehen.

Mit der Loslösung der niederländischen Provinzen vom Deutschen Reich (HRR) im 17. Jahrhundert entstand in der Nähe dieser Stadt eine neue Grenze, die sich mitten durch das niedersächsische Sprachgebiet zog und später als niederländisch-deutsche Grenze bezeichnet wurde. Aufgrund einer Gemeindereform gehören heute zu Enschede auch einige Dörfer der Umgebung, darunter Glanerbrug und Boekelo. Deren große Salzfabrik wurde 1952 ins nahe Hengelo umgesiedelt.

1862 wurde Enschede durch einen Großbrand nahezu völlig zerstört. Als sich kurz darauf der Engländer Thomas Ainsworth, Erfinder eines neuen Verfahrens für die Weberei, hier ansiedelte, entwickelte sich die Stadt zum bedeutendsten Standort der Textilindustrie in den Niederlanden, wovon auch die angrenzende Stadt Gronau nachhaltig profitierte. Die Region verfügte über traditionsgemäß erfahrene Fachkräfte in der Hausweberei, die für geringe Entlohnung arbeiteten. Die Rohstoffe für die Textilindustrie, unter anderem Baumwolle, wurden aus der damaligen Kolonie Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, eingeführt. Während der Blütezeit zählte Enschede 75 Textilfabriken.

Während des Zweiten Weltkriegs war Enschede aufgrund seiner grenznahen Lage eine der ersten niederländischen Städte, welche von der deutschen Wehrmacht eingenommen wurde. Den Widerstandskämpfern gelang es, zahlreiche jüdische Bürger der Stadt vor ihrer Deportation und damit dem Holocaust zu bewahren, indem sie diese auf landwirtschaftlichen Betrieben der Umgebung versteckten oder weiter fortbrachten. Etwa 500 der rund 1300 in Enschede ansässigen Juden überlebten so den Krieg.[2]

Die meisten Widerstandskämpfer Enschedes fanden jedoch kurz vor der Befreiung der Stadt durch die Alliierten den Tod, als sie von einem mutmaßlich mit der deutschen Oberhoheit sympathisierenden Spion verraten wurden, der den deutschen Besatzern einen Kellerraum als geheimen Treffpunkt des Widerstandes nannte. Die Deutschen suchten daraufhin diesen Treffpunkt auf und warfen Granaten in den Kellerraum, wodurch die meisten der dort Anwesenden getötet wurden.[2]

Unglücklicherweise wurde Enschede aufgrund seiner Lage direkt an der deutschen Grenze mehrmals von alliierten Verbänden bombardiert, weil die Stadt irrtümlich für eine deutsche Stadt gehalten wurde. Deshalb trug Enschede letztendlich immense Kriegsschäden davon. Die verantwortlichen alliierten Verbände hatten dabei mehrheitlich die eigentliche Absicht, das nur wenige Kilometer entfernte, deutsche Gronau zu bombardieren. Enschede wurde im Mai 1945 kurz vor Kriegsende durch alliierte Truppen befreit, wobei es sich zum größten Teil um kanadische Truppen handelte.[2]

Mit der Unabhängigkeit Indonesiens 1947 und wegen der ab etwa 1965 immer größer werdenden Billigkonkurrenz aus Südostasien verschwand die Textilindustrie schließlich aus der Region. In der alten Janninksfabrik an der Haaksbergerstraat wurde ein Textilmuseum eingerichtet, in dem die alten Zeiten nachvollzogen werden können.

In den 1990er Jahren gab es Überlegungen zum Zusammenschluss von Enschede mit Hengelo und Borne zu einer „Twentestad“. Ende 2001 schlossen die Gemeinderäte dieser drei Kommunen gemeinsam mit Almelo einen Kooperationsverbund unter dem Namen Netwerkstad Twente. Die Netwerkstad arbeitet wiederum mit Münster und Osnabrück im Städtedreieck MONT (Münster, Osnabrück, Netwerkstad Twente) zusammen.

Explosion der Feuerwerksfabrik im Mai 2000

Am 13. Mai 2000 zerstörte die Explosion der Feuerwerkskörperfabrik S.E. Fireworks einen Großteil des Ortsteils Roombeek; 23 Menschen verloren bei der Katastrophe ihr Leben, darunter vier Feuerwehrleute.

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten]

Verkehr[Bearbeiten]

Straßenverkehr[Bearbeiten]

Die Stadt an der A 35/N 35, einer Abzweigung der niederländischen A 1 (BAB 30) (Autobahn AmsterdamHengeloOsnabrückBerlin) liegt etwa 65 Kilometer nordwestlich von Münster und ca. 80 km westlich von Osnabrück. Von Enschede führen der N 18 nach Doetinchem und die B 54 nach Münster.

Eisenbahnverkehr[Bearbeiten]

Der Bahnhof Enschede wird von IC-Zügen nach AmersfoortAmsterdam/Rotterdam/Den Haag und dem Sprinter nach AlmeloZwolle und nach AlmeloDeventer Apeldoorn bedient. Letztere bedienen auch den westlich am Stadion Grolsch Veste/Universität Twente gelegenen Haltepunkt Enschede Drienerlo. Die Euregio-Bahn Enschede–GronauMünster (Westfalen) bedient täglich im Stundentakt das Münsterland, außerdem fahren Regionalbahnen über Gronau und Coesfeld nach Dortmund, ebenfalls im Stundentakt, so dass tagsüber zwischen Enschede und Gronau ein halbstündliches Zugangebot besteht. An dieser Strecke liegt auch der Haltepunkt Enschede De Eschmarke.
In den Regionalzügen nach Deutschland gelten der regionale Münsterland-Tarif (Verkehrsgemeinschaft Münsterland), der NRW-Tarif und auch das „Wochenendticket“ der DB sowie der Schwerbehindertenausweis.

Busverkehr[Bearbeiten]

Der Busverkehr in Enschede wird von einem dichten Stadtbusnetz erschlossen, das die Syntus betreibt. Regionalbusse fahren im dichten Taktverkehr in alle umliegenden Städte.

Flugverkehr[Bearbeiten]

Nördlich von Enschede befindet sich ein kleiner Flughafen, der Enschede Airport Twente.

Ansässige Unternehmen[Bearbeiten]

In Enschede sind gegenwärtig mehrere grenzüberschreitend aktive IT-Unternehmen angesiedelt, aber auch handwerkliche Siebdruckereien.

Aktuell ist folgendes Projekt in Planung, welches das höchste Gebäude der Stadt werden soll: New Dish Hotel Tower (ca. 130 m).

Märkte[Bearbeiten]

  • Enschede Innenstadt, H.J. van Heekplein, jeden Dienstag und Samstag von 8 bis 17 Uhr.

Bildung[Bearbeiten]

Enschede besitzt mehrere Hochschulen. Die bekannteste ist die auf Technik ausgerichtete Universität Twente, die im Ruf steht, zu den besten Europas zu gehören. Weiter sind zu nennen:

Saxion Universities (Fachhochschule)
ArtEZ AKI Art & Design Enschede (AKI, Akademie für Kunst und Industrie)
ArtEZ Conservatorium Enschede
Volksuniversität
Internationales Institut für Geo-Information, Wissenschaft und Erdbeobachtung (Sektion des International Training Center)

Von den etwa 44.000 Studierenden in der Stadt kommen wegen der Grenznähe viele aus dem westfälischen Münsterland, aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim.

Sehenswürdigkeiten, Kultur, Erholung[Bearbeiten]

Rathaus von Enschede
Kirche: de Grote Kerk
  • Rijksmuseum Twenthe, nördlich des Hauptbahnhofs, mit vielen Gemälden aus der Periode von 1550 bis heute
  • die vom bekannten Architekten Karel P.C. de Bazel entworfene, 1928 erbaute und 2004 restaurierte Synagoge
  • die Jacobuskirche mit ihrer Kuppel, die an eine russisch-orthodoxe Kirche erinnert
  • das von Friedhoff 1932 entworfene Rathaus
  • der vielbesuchte Markt am Samstag und Dienstag, der auch viele Deutsche anzieht, am Van-Heek-Platz im Südosten der Innenstadt
  • das Stadtmuseum Twentse Welle, ein Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH). Es zeigt die Geschichte der Stadt und deren Umgebung, so wie die Entwicklung der Textilindustrie der Gegend. Aus dem ehemaligen Jannink-Werk wurden funktionstüchtige Maschinen und andere Erinnerungen an diesen Erwerbszweig mitgenommen. Das Museum steht nordwestlich des Rijksmuseum Twenthe im nach der Feuerwerkkatastrophe vom Jahr 2000 neu gestalteten Viertel Roombeek.
  • die in Enschede ansässige „Nationale Reise-Oper“ (Nationale Reisopera) und das landesweit bekannte „Orchester des Ostens“ (Orkest van het Oosten) bespielen das neue Stadttheater Muziekkwartier (Musikviertel) mit Theater, Konzerthalle usw. östlich des Bahnhofs.
  • der Profi-Fußballverein FC Twente trägt seine Heimspiele im Stadion De Grolsch Veste westlich der Stadt aus. Das Stadion liegt bei der Universität Twente und hat einen eigenen Bahnhof.
  • seit 2008 hat die Stadt eine Eishalle, wo u. a. Eisschnelllauf betrieben werden kann.
  • die waldreiche Umgebung der Stadt ist auch für Radtouren geeignet.

Deutsch-niederländische Musikgeschichte[Bearbeiten]

Charakteristisch für die Musikkultur von Enschede (und Gronau) war bis 1945 (und zum Teil bis in die 1960er Jahre hinein) die deutsch-niederländische Verbindung, die sich aus der historischen Zusammenarbeit im Grenzraum und der im 19. und 20. Jahrhundert prägenden Textilindustrie ergab. Vor allem in der Umbruchszeit nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich in Gronau und Enschede eine enge und erfolgreiche deutsch-niederländische Kultur-Kooperation, die sich über Streichquartette, Salonorchester und Hotdance-Kapellen bis hin zu Sinfonieorchestern und einer Operettengesellschaft mit eigenen Uraufführungen steigerte. Das heutige Orkest van het Oosten erhielt aus dieser Musikszene wichtige Impulse; die Reisopera hatte in der 1935 gegründeten Enschedesch Opera en Operette Gezelschap einen Vorläufer. Zugleich fand der Jazz ab 1920 begeisterte Anhänger. Noch heute bietet die Nachbarstadt Gronau ein breites kulturelles Spektrum und ist wegen der ungewöhnlich dichten Laienmusikvereinslandschaft sogar für wissenschaftliche Untersuchungen interessant. Enschede entwickelt sich mit dem Neubau seines „Muziekkwartiers“ zu der Musikstadt im Osten der Niederlande.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Söhne und Töchter

Literatur[Bearbeiten]

  • Herbert Wagner: Die Gestapo war nicht allein... Politische Sozialkontrolle und Staatsterror im deutsch-niederländischen Grenzgebiet 1929–1945. LIT-Verlag, Münster 2004, ISBN 3-8258-7448-6 (enthält u. a. Überfall auf NL, Judenverfolgung, Textilarbeiterstreik, Onderduiker, Verzetbeweging).
  • Alfred Hagemann/Elmar Hoff (Hg.): Insel der Träume. Musik in Gronau und Enschede (1895-2005), Essen 2006.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Enschede – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikivoyage: Enschede – Reiseführer

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 12.04.2014Centraal Bureau voor de Statistiek, Niederlande
  2. a b c The History Of Enschede. Englisch. Online auf Visit Enschede, Abruf am 1. Mai 2013.