Geschichte Böhmens

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Die Geschichte Böhmens bezieht sich geographisch ungefähr auf das Gebiet Böhmens sowie Mährens von der vorgeschichtlichen Zeit bis in etwa zum Anfang des 20. Jahrhunderts, wo die Geschichte der Tschechoslowakei ansetzt (und wo es zu geringfügigen Überschneidungen kommt).

Vor- und Frühgeschichte[Bearbeiten]

Venus von Dolní Věstonice

Der älteste Fund, der mit menschlicher Anwesenheit auf dem Gebiet Böhmens in Verbindung gebracht wird, soll aus der Zeit vor ca. 1,87 Millionen Jahren stammen (Fundstelle Beroun-Autobahn).[1] Weitere altpaläolithische Fundorte von Bedeutung sind Stránská skála bei Brünn und Přezletice bei Prag, die der Cromer-Warmzeit zugeordnet werden. Die Chopper und andere Steinwerkzeuge sind jedoch häufig in ihrem Status als Artefakte umstritten, so dass die Anwesenheit von Menschen in dieser ältesten Zeit lediglich vermutet werden kann.

Die mittelpaläolithische Besiedlung beginnt in der Saale-Kaltzeit, genauer im Intra-Saale-Interglazial (zirka 200 000 Jahre BP). Die Lagerplätze befanden sich zunächst überwiegend im Freien, erst zu Beginn der Würm-Kaltzeit zogen sich die Menschen in Höhlen zurück. Über lange Zeiträume bewohnt waren die Fundorte Bečov in Nordböhmen sowie die Kůlna-Höhle und Moravský Krumlov in Mähren. Die gefundenen menschlichen Überreste stammen von Neandertalern, die Werkzeuge gehören den Industrien des Acheuléen, des Taubachien, des Moustérien und des Micoquien an. Aus dem Mittelpaläolithikum gibt es erste Hinweise auf Rohstoff-Importe aus größerer Entfernung und auf nicht-utilitäre Handlungen (Farbreste, symmetrische Gravuren oder ein Faustkeilblatt aus Bergkristall). Am Übergang vom Mittel- zum Jungpaläolithikum stehen zwei Industrien, die sich besonders in Mähren fanden: das Szeletien, das in Vedrovice auf 40.000-35.000 BP datiert wurde, und das Bohunicien aus Stránská skála bei Brünn.

Im Jungpaläolithikum ist das Aurignacien die erste Kultur, die mit dem modernen Menschen (Cro-Magnon-Mensch) in Verbindung gebracht wird. Reiche Fundorte sind die Lautscher Höhle im mährischen Mladeč und die Burgstätte Hradsko bei Mšeno. Kennzeichnend für diese Kultur sind Knochenspitzen des sogenannten Lautscher Typs. Die bedeutendste paläolithische Erscheinung auf dem Landesgebiet ist das Gravettien beziehungsweise dessen lokale Variante des Pavlovien, eine Kultur, die durch die mährischen Fundstellen Dolní Věstonice und Pavlov sowie das böhmische Předmostí repräsentiert wird. Ihre Blütezeit lag zwischen 29.000 und 24.000 BP. Unter den Funden sind mehrere Siedlungen, rituelle Begräbnisse, Anhäufungen von Mammutknochen, Werkzeuge und Kunstwerke aus Stein, Knochen, Elfenbein oder gebranntem Ton, die Rückschlüsse auf die materielle Kultur wie auch die Geistes- und Glaubenswelt der der Mammutjäger erlauben. Besonders bekannt sind stilisierte Frauenfigurinen wie die Venus von Dolní Věstonice.[2]

Aus dem Mesolithikum existieren nur wenige Fundstellen, welche aber über das ganze Gebiet Böhmens verstreut liegen. Fachlich interessant ist eine mesolithische Besiedlung der Höhenlagen des Böhmerwalds um Horní Planá.[3]

Ab 5300 bis 4500 v. Chr. ist eine weitreichende neolithische Besiedlung Böhmens belegt. Wichtigste Linearbandkeramische Siedlungsstätten sind Bylany bei Kutná Hora, weiter Březno u Loun und Tušimice in Nordböhmen. Siedlungsstätten der zeitlich folgenden Stichbandkeramik sind Bylany bei Kutná Hora, das nahe gelegene Gräberfeld Miskovice, Plotiště nad Labem in Ostböhmen, Prag-Bubeneč oder der westböhmische Ort Vochov. In Pilsen-Křimice ist die Gruppe Oberlauterbach belegt.

Im Spätneolithikum (in Tschechien als eneolit bezeichnet und als eine selbstständige Periode zwischen 4500 und 2300 v. Chr. verstanden) sind Trichterbecherkulturen, die Kugelamphoren-Kultur und im Süden und Südwesten die Chamer Kultur anwesend. Am Ende des Zeitabschnitts (2900/2800 – 2300 v. Chr.) ist die Schnurkeramik mit mehreren großen Gräberfeldern in Nordböhmen und die Glockenbecherkultur vertreten.

In der Bronzezeit ist besonders die Aunjetitzer Kultur zu nennen. Es folgen Hügelgräberkulturen und die Lausitzer Kultur. In der Latènezeit wurde Böhmen von Kelten besiedelt. Reste ihrer Oppida wurden bei Závist, Stradonice, Hrazany, Nevězice, Třísov und České Lhotice ausgegraben. Von ihrem Stamm der Boier leitet sich die lateinische Bezeichnung Bohemia ab, aus der sich wiederum die deutsche Bezeichnung Böhmen herleiten lässt. Den Kelten folgten am Beginn des 1. Jahrhunderts nach Chr. germanische Stämme. Während der Völkerwanderungszeit wird nach archäologischen und historischen Quellen von einer Entvölkerung Böhmens gesprochen.[4] Um 550 wanderten Slawen von Osten her nach Böhmen ein, womit aus heutiger Sicht hier das Frühmittelalter begann.

Reich des Samo[Bearbeiten]

Der erste Herrscher der Slawen, dessen Name dokumentiert ist, war ein gebürtiger Franke namens Samo. Er stammte aus der Gegend des heutigen Sens, kam als Kaufmann ins Land und starb 658. Das Reich von Samo, in Wirklichkeit wohl nur ein Bund mehrerer Stämme, umfasste die heutigen Gebiete Slowakei, Mähren, Niederösterreich, später wahrscheinlich auch Böhmen, die Lausitz (an der Elbe) und vorübergehend auch (das historische) Kärnten.

Fränkische Einflüsse[Bearbeiten]

Die Bezeichnungen Böhmen und Mähren tauchen erstmals im 9. Jahrhundert in fränkischen Quellen auf.

Karl der Große versuchte, Böhmen zu erobern, letztlich vergeblich. 805 drang er mit drei Heeren in das Land ein, um es zu besetzen. Das erste Heer, bestehend aus Schwaben und Bayern, marschierte bei Domažlice ein, das zweite und stärkste, durch Karl angeführt, über Eger und ein drittes, bestehend aus Franken und Sachsen sowie Nordslawen, von Norden. Die Hauptarmee belagerte über längere Zeit vergeblich die Canburg an der Eger, womit das heutige Kadaň vermutet wird. Mit den restlichen zwei Armeen verband er sich schließlich in der Gegend von Žatec, Litoměřice und Rakovník. Die böhmischen Krieger waren dieser Übermacht weit unterlegen und zogen sich in der bevölkerungsarmen Gegend in tiefe Wälder zurück. Von dort griffen sie die Eindringlinge an. Bei einem dieser Kämpfe soll auch ihr Anführer Lech (nicht identisch mit dem sagenhaften polnischen Stammvater Lech) gestorben sein.[5] Nach vierzig Tagen zog sich Karl der Große wegen des Mangels an Verpflegung aus dem Land zurück.

Ein zweites Mal griffen die Franken ein Jahr später das Land an. Das geplünderte und verbrannte Land musste sich ergeben und zu Tributzahlungen verpflichten.[6]

Die Rivalität und lose Abhängigkeit von dem mächtigen Nachbarn im Westen blieb während des gesamten 9. Jahrhunderts bestehen.

Mährerreich[Bearbeiten]

Ungefähre Grenzen Mährens bzw. des mährischen Einflussbereichs unter Svatopluk I.

Das Mährerreich (tschechisch meist Velká Morava, also Großmähren), das ab etwa 830 im östlichen Landesteil entstand, konnte sich auch militärisch gegen die Ostfranken wehren, Fürst Svatopluk I. suchte aber im Forchheimer Frieden 874 einen Ausgleich mit Ludwig dem Deutschen. Das mährische Fürstentum knüpfte außerdem diplomatische Beziehungen zu Byzanz und Italien.

Mähren entwickelte sich zu einer Hegemonialmacht in der Region und schloss in den 880er Jahren auch Böhmen seinem Herrschaftsgebiet an. Am Ende des 9. Jahrhunderts wurde es durch einen Bürgerkrieg sowie Angriffe der Ungarn, Bayern und Böhmen stark geschwächt und ging Anfang des 10. Jahrhunderts (zwischen 903 und 906) unter.

Tschechische Stämme[Bearbeiten]

Im Inneren entwickelten sich im neunten Jahrhundert die Vorstufen des späteren böhmischen Staates. Böhmen war nach Meinung der älteren Forschung unter etwa elf verschiedenen Stämmen aufgeteilt. Neben den Tschechen oder Böhmen soll es die

gegeben haben.

Die neuere Geschichtsforschung lehnt die Stammestheorie ab und geht davon aus, dass es im böhmischen Becken seit der slawischen Landnahme nur einen Stamm (lat. gens) gab, den der Böhmen. Er wurde nach Außen von mehreren Fürsten (duces) vertreten, die im Inneren Verwalter von Burgwardbezirken waren.

Auch die Burgward-Theorie ist nicht unumstritten. Fest steht, dass es im 9. Jahrhundert keine „Zentralmacht“ gab, sondern bei Verhandlungen mit ausländischen Mächten immer mehrere, scheinbar gleichberechtigte Fürsten als Landesvertreter erschienen. 14 von ihnen traten 845 vor Ludwig den Deutschen.[7]

In Mähren stieg dagegen die Dynastie der Mojmiriden zur Zentralmacht auf, und Svatopulk brachte in den 880er Jahren auch Böhmen unter seine Gewalt.

Hauptartikel: Přemysliden

Der erste historisch fassbare Fürst der Přemysliden-Dynastie, Bořivoj I., herrschte in Böhmen als Svatopluks Stellvertreter.

Herzogtum Böhmen[Bearbeiten]

Böhmen im 10. Jahrhundert unter Boleslav II.

Seine Söhne Spytihněv I. und Vratislav I. befreiten sich aus dem mährischen Einfluss. 895 unterwarf sich Spytihněv I. zusammen mit Vitislav und weiteren böhmischen Großen in Regensburg dem König des Ostfrankenreichs, Arnulf von Kärnten.[8]

Am Ende des 9. und zu Beginn des 10. Jahrhunderts begannen die ersten Přemysliden auch, die übrigen böhmischen Fürsten unter ihre Kontrolle zu bringen. Ihr Machtbereich beschränkte sich zunächst auf die mittelböhmische Region mit den Zentren in Prag und Levý Hradec.

Ebenfalls in das 9. Jahrhundert fallen die Anfänge der Christianisierung. Die Mission ging einerseits vom fränkischen Reich aus, besonders aus Regensburg und Passau. Andererseits brachte das Wirken der „Slawenapostel“ Methodius und Kyrill von Saloniki Mähren und teilweise auch Böhmen in den Einflussbereich der östlichen Kirche. Aus dem 9. Jahrhundert stammen die ersten Kirchenbauten und die Entwicklung der altkirchenslawischen Schriftsprache.

Den hohen Entwicklungsstand der mährischen Kultur offenbaren reiche Grabbeigaben, besonders an Waffen und Schmuck, die sich auch in böhmischen Fürstengräbern finden. Mähren hatte Anschluss an das europäische Fernhandelsnetz und exportierte Rohstoffe, Metallerzeugnisse und Sklaven. In beiden Landesteilen entwickelte sich im 9. Jahrhundert ein Netz von Burgen, die als politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentren die Grundlage staatlicher Organisation bildeten.

Hauptartikel: Přemysliden
Königreich Böhmen unter Ottokar II.

Der erste historisch belegte Přemyslide ist Bořivoj I.. Sein Enkel Herzog Wenzel von Böhmen wurde 935 von seinem Bruder Boleslav ermordet und später Schutzheiliger des Landes.

973 gab Kaiser Otto I. Böhmen ein eigenes Bistum mit Sitz in Prag. Bis dahin war Böhmen ein Teil des Bistums Regensburg.

Spätestens ab dem 10. Jahrhundert lebte in Prag eine bedeutende deutsche und jüdische Gemeinschaft.

1003 eroberte Bolesław I. von Polen für kurze Zeit Böhmen. 1038 fiel Břetislav I. von Böhmen in Polen ein.

Königreich Böhmen[Bearbeiten]

Die böhmische Königswürde, 1085 Vratislav II. persönlich verliehen, seit 1198 (Ottokar I.) erblich, demonstrierte die Sonderstellung Böhmens im Heiligen Römischen Reich. Lange Zeit mächtigster Fürst im Reich, war der Böhmische König mit Unterbrechungen Mitglied des Kurfürstenkollegiums und beteiligte sich an der Wahl des römisch-deutschen Königs, mit dessen Königstitel traditionell die Anwartschaft auf das römisch-deutsche Kaisertum verbunden war.

Im 13. Jahrhundert begann in manchen Teilen eine intensive Besiedelung durch deutsche Siedler und Bergleute. Auch in vielen Städten Innerböhmens lebten ab dem 12./13. Jahrhundert Deutsche und Tschechen zusammen.

Ottokar II. nutzte die Schwäche der babenbergischen Herzogin und ihres Sohnes zur Aneignung deren Herrschaftsgebietes: Schon vor seiner Krönung zum König von Böhmen (1253) wurde er 1251 Herzog von Österreich. 1261 wurde er Herzog der Steiermark, 1269 auch von Kärnten und Krain.

Damit erreichte die přemyslidische Herrschaft ihre größte Ausdehnung. In seiner Rivalität zu Polen unterstützte er die Eroberungen des Deutschen Ordens. Zum Dank wurde Königsberg nach ihm benannt.

Im Machtkampf zwischen ihm und dem 1273 gewählten römisch-deutschen König Rudolf I. von Habsburg besiegte dieser ihn 1278 in der Schlacht auf dem Marchfeld.

1300 wurde Wenzel II. König von Polen. Die böhmisch-polnische Personalunion endete bereits 1305. Sein Sohn Wenzel III. wurde 1306 in Olmütz ermordet. Damit endete die Přemyslidendynastie. Wenzels jüngste Schwester Elisabeth heiratete dann Johann von Luxemburg.

Luxemburger[Bearbeiten]

Hauptartikel: Haus Luxemburg
Länder der Böhmischen Krone unter Karl IV.

Mit König Johann kam 1310 die Dynastie der Luxemburger auf den böhmischen Thron und führte die Politik der Přemysliden fort. 1347 folgte ihm sein Sohn Karl, der spätere Kaiser Karl IV. als König von Böhmen nach. Er bewirkte 1344 die Erhöhung des 973 gegründeten Bistums Prag zu einem Erzbistum. Dadurch wurde Böhmen aus der Kirchenprovinz Mainz gelöst und bildete nun eine eigene Kirchenprovinz mit den Suffraganbistümern Olmütz und Leitomischl. 1348 gründete Karl IV. die nach ihm benannte Karls-Universität als erste Universität auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches nördlich der Alpen. Zu jener Zeit war die böhmische Hauptstadt das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Mitteleuropas. Das böhmische Königreich bildete das Zentrum der luxemburgischen Hausmacht und der imperialen Politik Karls IV. Benachbarte Territorien inkorporierte er zur Krone Böhmens. 1335 verzichtete Kasimir der Große von Polen auf Schlesien. Seit dem 14. Jahrhundert gehörten deshalb Schlesien, die Lausitzen sowie zeitweise die Mark Brandenburg und auch Teile der im Norden der heutigen Oberpfalz liegenden Gebiete (sog. Neuböhmen) zum böhmischen Staatsverband. Karl IV. betrieb eine ausgleichende Nationalitätenpolitik: Er schützte und förderte die Deutschen in Böhmen, verlangte von ihnen aber, dass sie ihre Kinder zweisprachig deutsch und tschechisch erziehen. Karls Versuche, die Macht des Königs u. a. mit dem Erlass eines Landrechts (Maiestas Carolina) zu stärken, scheiterten am Widerstand der Landstände.

Zur Zeit seines Todes im Jahr 1378 erreichte die deutsche Besiedlung Böhmens einen Höhepunkt. Schon ab dem späten 14. Jahrhundert ging die deutsche Sprache und Bevölkerung wieder zurück. Wirtschaftlich war Böhmen unter den Luxemburgern eine der führenden Regionen Europas. In Prag wurden gleichzeitig mit dem Prager Kanzleideutsch Grundlagen der modernen deutschen Sprache gelegt und durch die Feder des religiösen Reformators Jan Hus Grundlagen der modernen tschechischen Sprache.

Hussitenkriege und Georg von Podiebrad[Bearbeiten]

Hauptartikel: Hussitenkriege

Jan Hus begab sich unter der Zusage freien Geleits auf das Konzil von Konstanz und wurde dort 1415 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. 1420 begannen die Hussitenkriege. In denen entluden sich nationale, soziale und konfessionelle Spannungen mit großer Heftigkeit. Die hussitischen Einheiten operierten in dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts auch in Bayern, Schlesien, im Glatzer Land, in Österreich, in der westlichen Slowakei, in Brandenburg und in Gebieten bis an der Ostsee. Gleichzeitig richteten sich die Kriegshandlungen der Hussiten gegen katholische Städte, Klöster und Adelsburgen im Inland. Der Bürgerkrieg teilte Böhmen in ein katholisches und ein hussitisches Lager.

Während des Konzils von Basel kehrte der weniger radikale Flügel der Kalixtiner wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurück und verbündete sich mit den kaiserlichen Truppen gegen die radikaleren Taboriten. Diese erlitten in der Schlacht von Lipan und in der zweiten Schlacht von Brüx (beide 1434) eine schwere Niederlage. Im Jahre 1436 wurde in Iglau das Abkommen zwischen Böhmen und dem Basler Konzil bekannt gegeben, welches der hussitischen Bevölkerung gewisse Glaubensfreiheiten gewährleistete.[9]

Nach dem Tod des Habsburgers Ladislaus Postumus wurde Reichsverweser Georg von Podiebrad 1458 zum König von Böhmen gewählt. Podiebrad hielt das Abkommen von Iglau (Jihlava) strengstens ein und versuchte den Frieden in Böhmen trotz weiterer Spannungen zwischen der hussitischen und der katholischen Seite zu erhalten. Der neugewählte Papst Paul II. nahm darauf aber weniger Rücksicht als sein Vorgänger und erklärte 1466 Georg von Podiebrad zum Ketzer. Es folgte sofort ein Aufstand zuerst der katholischen Städte Breslau und Pilsen und danach begannen die Kämpfe mit der Grünberger Allianz. Diese Krise unterdrückte Podiebrad im Jahre 1467 zwar ohne großen Aufwand, ein Jahr später versuchte aber der ungarische König Matthias Corvinus Böhmen militärisch einzunehmen. 1469 ließ sich Matthias Corvinus von dem katholischen Teil der Stände zum böhmischen Gegenkönig wählen. In einer aussichtslosen Situation unterzeichnete der durch Alter und Krankheit erschöpfte Podiebrad einen Nachfolgerschaftsvertrag mit dem polnischen König Kasimir IV. Nach dem Tod Podiebrads wählten seine Anhänger den polnischen Prinzen Vladislav II. zum König von Böhmen.[9]

Der böhmische Ständestaat unter den Jagiellonen (1479–1526)[Bearbeiten]

Hauptartikel: Jagiellonen

Die Stände Böhmens wählten den polnischen Jagiellonen Vladislav II. 1471 zum König. Von seinem Vorgänger, dem Utraquisten Georg von Podiebrad, erbte er den Krieg gegen den Gegenkönig Matthias Corvinus. Mit dem Frieden von Olmütz wurde der Krieg 1479 beendet. Matthias konnte die böhmischen Nebenländer Mähren, Schlesien, Ober- und Niederlausitz behalten. Vladislav II. und Matthias durften den Titel „König von Böhmen“ führen. Mit Matthias' Tod 1490 wurde Vladislav vertragsgemäß alleiniger König von Böhmen. Im Jahr 1500 wurde die nach dem König benannte Vladislavsche Landesordnung im Landtag verabschiedet. Sie sicherte den böhmischen Herren und Rittern weitgehende politische Mitspracherechte und gilt als älteste geschriebene Verfassung Böhmens. Als 1512 das Heilige Römische Reich in 10 Reichskreise eingeteilt wurde, blieb Böhmen mitsamt seinen Nebenländern Mähren, Schlesien und der Lausitz außen vor.

Vladislav II. wurde 1512 von seinem dreijährigen Sohn Ludwig II. beerbt, der 1526 ohne Nachkommen starb.

Der böhmische Ständestaat unter den Habsburgern (1526–1620)[Bearbeiten]

Daraufhin wählten die Stände seinen Schwager Ferdinand I. von Habsburg zum böhmischen König.

1575 wurde auf Betreiben der protestantischen Stände die Confessio Bohemica verfasst. Sie sollte alle evangelischen Strömungen im Land unter einem theologischen Dach vereinen.

1618 rebellierten die evangelischen Stände gegen Kaiser Matthias. Der Prager Fenstersturz war der Auslöser für den Dreißigjährigen Krieg. Nach dem Tod des Kaisers im März 1619 sagten sich die Stände der böhmischen Länder von den Habsburgern los und schufen sich mit der Böhmischen Konföderation eine neue Verfassung. Danach wählten sie den Calvinisten Friedrich von der Pfalz zum König.

In der Schlacht am Weißen Berg (Bílá hora) am 8. November 1620 unterlagen die böhmischen Stände unter ihrem König Friedrich von der Pfalz den Truppen der katholischen Liga, die von dem Feldherren Graf von Tilly angeführt wurden. Friedrich, der sogenannte Winterkönig, musste aus Böhmen fliehen und Kaiser Ferdinand II. konnte seinen Anspruch auf die Krone Böhmens durchsetzen.

Dreißigjähriger Krieg und Absolutismus[Bearbeiten]

Böhmen (1747)

Auf die Schlacht am Weißen Berg folgte die in der älteren nationaltschechischen Historiographie als temno („Dunkelheit“) bezeichnete Zeit. Kaiser Ferdinand II. unterdrückte alle Nicht-Katholiken. Einige Führer des böhmischen Aufstands wurden hingerichtet, die Mehrheit des böhmischen protestantischen Adels wurde enteignet und musste das Land verlassen. Die Güter wurden an – zumeist deutschsprachige – katholische Adlige aus anderen Teilen des Habsburgerreiches vergeben. Ein Teil des böhmischen Adels konvertierte auch zum Katholizismus. Sukzessive wurde Deutsch zur vorherrschenden Verwaltungssprache.

Der dreißigjährige Krieg verwüstete Böhmen schlimm. Fast im ganzen Land wurde mit aller Härte die Gegenreformation durchgesetzt. Entvölkerte Landstriche wurden nach dem Krieg mit Siedlern aus deutschsprachigen Teilen des Habsburgerreiches besiedelt. Seit 1620 wurde Böhmen zunächst streng absolutistisch verwaltet. Nach dem Böhmischen Bauernaufstand wurden wieder mehr lokale Entscheidungen zugelassen.

Die Habsburgerin Maria Theresia war von 1740 bis zu ihrem Tode 1780 Erzherzogin von Österreich und Königin Ungarns und Böhmens. Unter ihrem Sohn Joseph II. wurde 1781 die Leibeigenschaft aufgehoben. Sein – fortschrittlich gemeinter – Ersatz des Lateinischen als erster Amtssprache des Habsburgerreiches durch Deutsch löste bei den Tschechen und anderen Nationalitäten Unmut aus.

Kaisertum Österreich und Österreich-Ungarn[Bearbeiten]

Zeitgenössische Bilderreihe mit Szenen des Prager Pfingstaufstandes (12. Juni bis 17. Juni 1848)
Deutsche Bevölkerung Böhmens nach einer historischen Sprachenkarte aus dem Jahr 1864[10]

1804 wurden die habsburgischen Lande zum Kaisertum Österreich. Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches im Jahre 1806 wurde das Egerland, bis dahin ein uneingelöstes Pfandgebiet mit eigenständigen Institutionen, fest nach Böhmen eingegliedert.[11] 1815 wurde der Deutsche Bund gegründet. Seit der französischen Revolution fühlten sich Deutsche wie Tschechen als zu spät gekommene Nationen, was in der Politik Böhmens und der ganzen Monarchie immer wieder zu Konflikten und ungewöhnlichen Allianzen führte. Unter dem böhmischen Adel regte sich schon früh Widerstand gegen die Politik Metternichs. Die Märzrevolution von 1848 fand auch in Böhmen, vor allem in Prag statt. In deren Gefolge wurde im Juni des Jahres, etwa zur gleichen Zeit als in der Frankfurter Paulskirche die verfassunggebende deutsche Nationalversammlung tagte, in Prag ein Slawenkongress veranstaltet, bei dem der Historiker František Palacký eine entscheidende Rolle spielte. Hauptforderung des Kongresses war eine gleichberechtigte Rolle der Slawen in der Donaumonarchie (Austroslawismus). Als die vergleichsweise gemäßigten Forderungen des Slawenkongresses von Österreichs Kaiser Ferdinand I. abgelehnt wurden, kam es am 13. Juni 1848 zum Prager Pfingstaufstand gegen die österreichische Vorherrschaft in Böhmen. Dieser Aufstand wurde jedoch bereits nach drei Tagen mit militärischer Gewalt niedergeschlagen. Die Niederwerfung der tschechischen Nationalbewegung bildete den ersten militärischen Erfolg der Gegenrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes.

Hatte die seit 1620 betriebene Bevorzugung des Deutschen dazu geführt, dass vor allem in den Städten auch Böhmen zu Hause deutsch sprachen, die sich als Tschechen verstanden, so fingen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der nationalen Wiedergeburt viele dieser Familien an, bewusst wieder Tschechisch zu sprechen.

Seit dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 gehörte Böhmen zum cisleithanischen Teil der Doppelmonarchie. 1871 beschloss der böhmische Landtag die Schaffung einer autonomen Verfassung (Fundamentalartikel), was jedoch von der Deutsch-liberalen Verfassungspartei abgelehnt wurde. Unter dem der Verfassungspartei angehörenden, aber gegen Ende der 1870er Jahre zunehmend mit den konservativen Föderalisten paktierenden österreichischen Ministerpräsidenten Eduard Taaffe wurde 1880 Tschechisch neben Deutsch wieder Amtssprache in Böhmen. Jedoch wurden nur Gemeinden mit bedeutendem tschechischen Bevölkerungsanteil zweisprachig verwaltet. 1882 spaltete sich von der damals weitgehend deutschen Karls-Universität eine tschechische ab. Ebenfalls 1882 wurde das Wahlrecht etwas demokratischer, ein Vorteil für die im Durchschnitt etwas ärmeren Tschechen. Seit 1883 hatten sie die Mehrheit im böhmischen Landtag. Da es aber immer noch ein Zensuswahlrecht war, hatte die Stadt Budweis zwar seit den 1880er Jahren eine tschechische Bevölkerungsmehrheit, aber bis zum Ende der Habsburgerzeit einen mehrheitlich deutschen Stadtrat.

1897 erließ der österreichische Ministerpräsident Graf Badeni eine Nationalitätenverordnung für Böhmen und Mähren, nach der dort alle politischen Gemeinden zweisprachig zu verwalten waren. Damit avancierte Tschechisch in beiden Kronländern von einer Minderheitensprache zur Nationalsprache. Daraufhin legten deutsche[12] Abgeordnete den österreichischen Reichsrat lahm. Aufgrund der Boykotte im Parlament und vor Ort musste die Regierung schließlich zurücktreten und 1899 wurde die Nationalitätenverordnung wieder aufgehoben. Seither blockierten die tschechischen Abgeordneten die Parlamentsarbeit in Wien und die deutschen die in Prag. Ein österreichisch-tschechischer Ausgleich wurde zwar angestrebt, jedoch nie erreicht. Laut Volkszählung 1910 betrug der tschechische Bevölkerungsanteil der 6.770.000 Einwohner Böhmens 63,2 % und der deutsche 36,8 %.[13]

Während die Mischsituation politisch zur Blockade führte, war sie in anderer Hinsicht äußerst produktiv: Böhmen hatte die modernste Industrie unter den österreichischen Kronländern. Die Prager Kulturszene war durch zahlreiche Freundschaften zwischen Deutschen und Tschechen gekennzeichnet. Autoren übersetzten einander in die jeweilige Muttersprache.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Die Volkszählung am 31. Dezember 1900 zeigte 63 Prozent Tschechen und 36 Prozent Deutschböhmen in Böhmen. Am 28. Oktober 1918 wurde die Tschechoslowakische Republik gegründet. Einen Tag später wurde die Republik Deutschböhmen mit Sitz in Reichenberg ausgerufen. Die Geschichte der Tschechoslowakei und die Geschichte Tschechiens behandeln den weiteren Verlauf der Geschichte Böhmens.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Geschichte Böhmens – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. J. Fridrich, S. Vencl: Investigations into the Palaeolithic and Mesolithic, 1969–1993. In: 25 years of arch. research in Bohemia, Památky archeologické – Supplementa 1, 1994, S. 11–22
  2. Karel Valoch: Paläolithische Archäologie in der ehemaligen Tschechoslowakei und ihr Beitrag zur mitteleuropäischen Forschung. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte 19, 2010, S. 71-115.
  3. S. Vencl: Mezolitické osídlení na Šumavě, Archeologické rozhledy 41, 1989, S. 481–501, 593
  4. Zdeněk Měřínský: České země od příchodu Slovanů po Velkou Moravu. Libri, Praha 2002, ISBN 80-7277-103-5, S. 16ff
  5. vgl. die Reichsannalen zum Jahr 805.
  6. Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Lidové noviny. 1998, ISBN 80-7106-138-7, S. 70–73. Die Tributzahlungen erwähnt u.a. Einhard, der Biograf Karls des Großen.
  7. Fuldaer Annalen zum Jahr 845, siehe dazu Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 74 ff.
  8. Magnae Moraviae fontes historii I
  9. a b P. Čornej u. a.: Dějiny zemí Koruny české I. Paseka, Praha-Litomyšl 1995, ISBN 80-7185-005-5, S. 176ff
  10. Quelle: Adolf Ficker: Die Bevölkerung des Königreichs Böhmen in ihren wichtigsten statistischen Verhältnissen. Wien und Olmütz, Eduard Hölzel's Verlag 1864, Seite 45-47
  11. Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder, 6. Auflage 1999; S. 144.
  12. Eigentlich deutschsprachige Abgeordnete, aber der betreffende Personenkreis begriff sich als deutsch im Gegensatz zu den damals zahlreichen deutschsprachigen Tschechen
  13. Hans Chmelar: Höhepunkte der österreichischen Auswanderung. Die Auswanderung aus den im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern in den Jahren 1905–1914. (=Studien zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie. Band 14) Kommission für die Geschichte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 1974, ISBN 3-7001-0075-2, S. 109.