Rabindranath Thakur

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Rabindranath Thakur, 1931
Unterschrift von Thakur
Rabindranath Thakur, 1930

Rabindranath Thakur?/i, ältere Schreibweise Rabindranath Tagore (Bengalisch: রবীন্দ্রনাথ ঠাকুর, Rabīndranāth Ṭhākur, [ɾobin̪d̪ɾonat̪ʰ ʈʰakuɾ]; * 7. Mai 1861 in Kalkutta; † 7. August 1941 ebenda), war ein bengalischer Dichter, Philosoph, Maler, Komponist, Musiker und Brahmo-Samaj-Anhänger, der 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt und damit der erste asiatische Nobelpreisträger war.

Thakur revolutionierte in einer als „Bengalische Renaissance“ bekannten Zeit die bengalische Literatur mit Werken wie Ghare baire (dt. Das Heim und die Welt) oder Gitanjali und erweiterte die bengalische Kunst mit einer Unzahl von Gedichten, Kurzgeschichten, Briefen, Essays und Bildern. Als engagierter Kultur- und Sozialreformer sowie Universalgelehrter modernisierte er die Kunst seiner Heimat durch den gezielten Angriff auf deren strikte Struktur und klassische Formensprache. Zwei seiner Lieder sind heute die Nationalhymnen von Bangladesch und Indien: Amar Shonar Bangla und Jana Gana Mana. Thakur wurde als Gurudeb bezeichnet, ein Ehrentitel, der sich auf Guru und Deva bezieht.

Leben[Bearbeiten]

Familiärer Hintergrund[Bearbeiten]

Rabindranath Thakur wurde als jüngstes von vierzehn Kindern in eine traditionsreiche Brahmanen-Familie geboren. Sein Großvater Dwarkanath (1794–1846) genoss hohes Ansehen in Bengalen, da er nicht nur seinem Wohlstand entsprechend prachtvoll lebte, sondern auch soziale, kulturelle und andere Einrichtungen wie Bildungsstätten unterstützte. Außerdem engagierte er sich in der Reformbewegung Brahmo Samaj persönlich gegen überholte Kastenvorschriften. Auf seiner zweiten Europareise starb er hochverschuldet.

Rabindranaths Vater Debendranath (1817–1905) galt, anders als sein Großvater, als verschlossen und religiös veranlagt. Er formulierte die Glaubenssätze des Brahmo, die Ram Mohan Roy, ein Freund von Dwarkanath Thakur, ins Leben gerufen hatte, und wurde zu einer zentralen Figur dieser religiösen Bewegung. Als ältestem Sohn oblag ihm nach dem Tod des Vaters die Verantwortung für die Schuldentilgung; der Familiensitz in Jorasanko, der heute eine Universität beherbergt, blieb der Familie allerdings erhalten und wurde zu Rabindranaths Geburtshaus. Über seine Mutter Sarada Devi ist wenig bekannt; sie lebte abgeschlossen in den Frauengemächern des Palastes und ihr Sohn konnte keine enge Beziehung zu ihr entwickeln.[1]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Rabindranath, als Kind „Rabi“ gerufen, wuchs vor allem unter dem Einfluss seiner älteren Geschwister und deren Familien in einem lebendigen, kulturell inspirierenden Umfeld heran; bedeutenden Einfluss hatten sein ältester Bruder Dwijendranath, ein Lyriker und Philosoph, sowie der zweitälteste Satyendranath, Sanskrit-Gelehrter und erster Inder, der für den elitären Indian Civil Service nominiert wurde. Seine Schwester, die Schriftstellerin Swarna Kumari Devi, und seine Schwägerin Kadambari waren weitere Bezugspersonen.

Mit vier Jahren wurde Rabindranath eingeschult; sowohl westliche als auch traditionelle indische Traditionen spielten in seiner Erziehung und Ausbildung eine Rolle, er wurde allerdings – anders als die Kinder vieler anderer indischer Familien – in seiner Muttersprache Bengalisch unterrichtet. Seine Schulzeit beschrieb Thakur später als bedrückend; der Junge war zwar schöpferisch hoch begabt, konnte sich der autoritären Lernumgebung seiner Zeit jedoch nur schwer anpassen. Nach diversen Schulwechseln brach er seine Ausbildung mit 14 Jahren ohne Abschluss ab.

Wichtige Einflüsse auf die künstlerische Bildung Rabindranaths hatte sein Bruder Jyotiridranath, dessen liberale Erziehungsmethoden dem Jungen mehr lagen. Mit acht Jahren schrieb er erste Gedichte; Werke, die er mit 12 Jahren schrieb, wurden auch bereits publiziert.

Nach seinem Upanayana-Ritual, einem wichtigen hinduistischen Initiationsritus, begleitete Rabindranath seinen Vater, der sich inzwischen fast ausschließlich der Religion widmete, 1873 auf eine längere Reise. Tief beeindruckt von den Naturschönheiten Bengalens – er hatte bislang kaum sein engeres Wohnumfeld in Kolkata verlassen – und erstmals in engerem Kontakt mit seinem Vater, besuchte Rabindranath mit diesem zunächst einen kleinen Familienbesitz bei Bolpur, außerdem den Goldenen Tempel in Amritsar und den Himalaya. Debendranath lehrte seinen Sohn unter anderem Sanskrit, ließ ihm aber ansonsten die lange vermisste Freiheit.

Nach seiner Rückkehr nach Kolkata hielt es Rabindranath nicht mehr lange im engen Bildungskorsett; drei Jahre nach seinem Schulabbruch schickte man ihn 1878 mit seinem Bruder Satyendranath nach England, um Jura zu studieren. Er besuchte zunächst in Brighton eine Schule, hörte dann an der University of London Vorlesungen in Literatur und nahm am gesellschaftlichen Leben teil. Ein Studium schloss er jedoch nicht ab; nach 17 Monaten rief ihn die Familie deshalb zurück nach Indien. Sein enger Kontakt zur westlichen Kultur beeinflusste Rabindranath später in seinen lyrischen und musikalischen Werken, er fand neue Formen, in denen er das beste beider Welten miteinander verwob, so verband er etwa in seinem ersten musikalischen Spiel Das Genie des Valmiki (1881) irische Volkslieder mit klassischer indischer Musik.

Familienleben und frühes literarisches Werk[Bearbeiten]

Um seinem unsteten Leben eine feste Basis zu geben, verheiratete seine Familie ihn 1883 mit der 10-jährigen Mrinalini Devi (1874–1902), mit der er fünf Kinder hatte, von denen zwei bereits in frühen Jahren starben.

Rabindranath bereiste sowohl alleine als auch mit seiner Familie Nordindien und erlebte eine Phase hoher schöpferischer Produktivität. Als Lyriker und Dramatiker wirkte er als Pionier der bengalischen Bühnenkunst; erst 1872 war in Kolkata ein erstes öffentliches Theater gegründet worden. Von 1881 bis 1890 schrieb Rabindranath neun Dramen, die alle aufgeführt wurden. Dabei wurden die weiblichen Rollen allesamt auch von Frauen (meist seiner eigenen Familie) gespielt – ein Novum und Tabubruch in der bengalischen Gesellschaft seiner Zeit.

Unter dem Einfluss seines Vaters betätigte sich Thakur seit 1884 für die Brahmo-Bewegung; er verfasste Lieder und Essays, in denen er gegen die damals übliche Kinderheirat polemisierte und den konservativen Hinduismus, den der Dichter Bankim Chandra Chattopadhyay vertrat, angriff.

Als sich 1884 Rabindranaths Schwägerin Kadambari aus ungeklärten Gründen das Leben nahm, traf ihn dies zutiefst. Der Tod einer seiner wichtigsten Bezugspersonen aus frühester Kindheit beeinflusste über lange Jahre sein Werk und ließ ihn dichterisch reifen.

Reformen im dörflichen Leben: Shilaida[Bearbeiten]

Nachdem Rabindranath 1890 seine zweite Englandreise frühzeitig abgebrochen hatte, übernahm er die Verwaltung der familiären Landgüter in Shilaida im Nordosten Bengalens. Obwohl er sich auf dem Weg zum führenden Lyriker Bengalens befand, hatte er bis dahin noch nichts zum familiären Lebensunterhalt beitragen müssen. Er nahm aktiv am öffentlichen Leben teil und wurde 1894 Vizepräsident der Bengalischen Literaturakademie.

Das dörfliche Leben beschrieb Rabindranath in ausführlichen und leidenschaftlichen Briefen; er entdeckte im dörflichen, naturnahen Leben seine eigenen Wurzeln. Er verfiel jedoch nicht in unkritische Nostalgie, sondern begann, seine Kraft für die Entwicklung der unterentwickelten ländlichen Region einzusetzen. Zu den Errungenschaften seiner damaligen Arbeit gehörten die Gründung von Banken und Genossenschaften, Schulen, Krankenhäusern und Verkehrswegen.

Literarisch entwickelte Rabindranath in dieser Zeit die Gattung der bengalischen Novelle und wurde ihr bedeutendster Vertreter. Inhaltlich flossen bis dato unbekannte Motive in die Kurzprosa ein: das bäuerliche Leben und dessen Armut, aber auch das Leben in der Großfamilie, die zerbrechliche Beziehung der Geschlechter darin und soziale Missstände. Eine der Geschichten ist die 1891 entstandene, sehr bekannt gewordene Novelle Der Postmeister. Diese Epoche ist insgesamt vom erwachenden indischen Nationalgefühl geprägt, so dass die Geschichten auch Kritik an den britischen Kolonialherren enthalten.

Zur Zeit der Jahrhundertwende entstanden die Novelle Das zerstörte Nest (1901) und der Roman Sand im Auge (1901), die beide die nur scheinbar heile Welt der indischen Großfamilie zum Thema haben und ihre Hintergründe sozialkritisch beleuchten. Trotz seines reichen Prosaœvres dieser Zeit schuf Rabindranath parallel davon mehrere Gedichtbände (z.B. Das Goldene Boot, 1894, und Die Wunderbare, 1896), deren Werke durch ihre neuartige Sprache und Form ebenso wie seine Prosa die alten Konventionen aufbrachen.

Bildungsreformen, nationale Bewegung: Shantiniketan[Bearbeiten]

Nach seinen eigenen als negativ empfundenen Erfahrungen mit dem indischen Schulsystem machte sich Rabindranath die Erziehung seiner fünf Kinder zur persönlichen Aufgabe. Die für sie engagierten Privatlehrer bildete er weiter und er unterrichtete oft selbst.[2]

Trotz seines Einsatzes gegen die Kinderheirat in Indien wurden seine beiden älteren Töchter bereits im Alter von zwölf und vierzehn Jahren verheiratet, eine Entscheidung, für die Rabindranath später oft kritisiert wurde.

Die Familie zog 1901 auf den Familienbesitz Shantiniketan 150 Kilometer nordwestlich von Kolkata. Für seine zweite Lebenshälfte sollte der Ort in karger Landschaft sein Wohnort bleiben. Im Dezember 1901 gründete er eine Schule in Shantiniketan, in der sein ältester Sohn sowie zunächst vier weitere Kinder unterrichtet wurden.

Unterbrochen wurden seine pädagogischen Bestrebungen 1901 von politischen Unruhen in Bengalen. Mit den Mitteln eines Schriftstellers beteiligte Rabindranath sich an der politischen Bewegung; so schrieb er etwa ein Protestlied gegen die Teilung Bengalens 1905 durch Lord Curzon, den Vizekönig von Indien, und führte eine Demonstration an. Sein Engagement blieb jedoch gemäßigt und wurde nie chauvinistisch oder fundamentalistisch. Nach fünf Jahren zog sich Rabindranath nach Shantiniketan zurück und widmete sich erneut seiner pädagogischen und literarischen Arbeit, was ihm von einigen Seiten als „Verrat an der nationalen Sache“ ausgelegt wurde.[3]

Todesfälle in der engsten Familie trafen Rabindranath zu Beginn des Jahrhunderts in kurzen Abständen: 1902 starb seine Frau Mrinalini nach 19-jähriger Ehe, wenige Monate später folgte seine zweitälteste Tochter Renuka, die an Tuberkulose erkrankt war. Sein jüngster Sohn Samindranath starb 1907 an Cholera, und 1905 musste Thakur Abschied von seinem 87-jährigen Vater nehmen.

Trotz des politischen Engagements, privater Schicksalsschläge und nicht zuletzt finanzieller Engpässe entstand in Shantiniketan in dieser Zeit eine Schule neuer Art, die sich vom britischen Schulsystem emanzipierte und an dem hinduistischen Brahmacharya-Ideal orientierte: Kinder lebten – meist im Freien – mit ihrem Guru (Lehrer) zusammen und lernten intuitiv und durch Vorbilder. Rabindranath fand Mitarbeiter, die ihn unterstützten und lebte selbst in der Gemeinschaft, die 1908 aus 50 Personen bestand, einschließlich der Diener.[4] Rabindranaths in dieser Periode entstandene Schulbücher gehören bis heute zur Pflichtlektüre in Bengalen.

Auslandsreisen und Nobelpreis[Bearbeiten]

1912 brach der Dichter mit Sohn Rathindranath zu einer 16-monatigen Reise nach England und in die USA auf, die seiner angegriffenen Gesundheit Erholung und ihm Inspiration bringen sollte. Vor und während der Reise übersetzte er einige seiner Gedichte ins Englische – bis zu dieser Zeit war sein Werk in Europa fast völlig unbekannt. In London trafen Vater und Sohn mit einer Reihe bekannter Künstler und Intellektueller zusammen, darunter William Butler Yeats, Ezra Pound, George Bernard Shaw und Ernest Rhys. Yeats redigierte Thakurs Gedichte und sorgte zusammen mit Rabindranaths Gastgeber William Rothenstein, einem Maler, und Arthur Fox Strangways für die Herausgabe des Gedichtbandes Gitanjali bei der India Society (1913 im Verlag Macmillan veröffentlicht). Rabindranaths insgesamt 103 Übersetzungen für diesen Band hielten sich nicht an die Versform des Originals, sondern sind in einer rhythmischen Prosa verfasst und oftmals sehr frei am Original orientiert. Die für europäische Leser völlig unbekannte Metaphorik beeindruckte die Ersthörer seiner Gedichte in England zutiefst.

Zwei weitere Gedichtbände folgten in kurzer Folge 1913, teils von Rabindranath selbst, teils von bengalischen Mitarbeitern übersetzt und von ihm autorisiert. Die Rezeption seiner Werke war in Europa allerdings klischeehaft; Rabindranath wurde als „mystischer Heiliger aus dem Osten“ angesehen, was er in seiner Heimat nie war oder sein wollte – im Gegenteil hatte er ja stets eine kritische Haltung gegenüber dem traditionellen Hinduismus eingenommen. Allerdings distanzierte er sich auch nicht sehr vehement von der Rolle, die man ihm in Europa zuwies.[5] Ein Grund hierfür mag sein, dass Rabindranath durch seine Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge, in die er "bereits in jungen Jahren initiiert"[6] worden war, durchaus einen Zugang zu jenen esoterischen Vorstellungen hatte, die manche mit ihm verbanden. 1924 wurde er in den 33. (und damit höchsten) Grad der Freimaurerei nach dem Schottischen Ritus (AASR) aufgenommen.

Nach einem halbjährigen Aufenthalt in den USA, wo er sich vor allem erholte und einige Vorträge hielt, kehrte Rabindranath im April 1913 noch einmal nach England zurück, bevor er im Oktober 1913 nach Indien heimkehrte. Dort erfuhr er Mitte November, dass ihm der Nobelpreis für Literatur für den Gedichtband Gitanjali zuerkannt worden war:

„Auf Grund der tiefen und hohen Beziehung sowie der Schönheit und Frische seiner Dichtungen, die auf eine glänzende Weise sein dichterisches Schaffen auch in dessen eigentümlichem englischen Gewand der schönen Literatur des Abendlandes einverleibt.“

In seiner Heimat wurde Rabindranath nach der Bekanntgabe trotz aller vormaligen Kritik enthusiastisch gefeiert – der neue Ruhm belastete den Dichter jedoch bald:[7]

„Der enorme Wirbelwind öffentlicher Erregung […] ist entsetzlich. Es ist fast so schlimm, als ob man eine Blechdose an den Schwanz eines Hundes bindet, so daß er nirgendwo hinlaufen kann, ohne Lärm zu machen und Menschenmengen zu versammeln.“

Weltweiter Ruhm und Reisetätigkeit[Bearbeiten]

Innen-Titelblatt des Gedichtbandes Gitanjali, Ausgabe von 1921, Kurt Wolff Verlag München
Albert Einstein und Rabindranath Thakur.

Von 1914 bis 1921 erschienen über 20 Bücher mit Rabindranaths Werken in englischer Sprache; in weitere europäische Sprachen wurde nicht aus dem Bengalischen, sondern aus dem Englischen übersetzt. Eine achtbändige deutschsprachige Werkausgabe publizierte der Kurt Wolff Verlag in den 1920er Jahren.

Der wachsende Ruhm in Asien und Europa motivierte Rabindranath, sein Ashram-Bildungsideal zum Vishva-Bharati auszuweiten, einer Bildungseinrichtung, die Begegnung und Verschmelzung unterschiedlicher – zunächst nur asiatischer – Kulturen zum Ziel hatte.

Auf insgesamt neun Vortragsreisen durch Asien, Europa und Amerika plädierte er für eine Synthese der positiven Elemente östlichen und westlichen Denkens. In Asien lag sein Fokus dabei auf der Bildung eines neuen Selbstbewusstseins durch die den Menschen innewohnende „spirituelle Kraft“, die er dem „materiellen Westen“ gegenüberstellte, sowie der Einheit der asiatischen Völker. Auf seinen Reisen durch Europa und Amerika warb er für seine neue Schule in Shantiniketan und sammelte auch Geld für deren Unterhalt. 1921 konnte mit dem Unterricht begonnen werden.[8]

„Die bedeutendste aller Tatsachen des gegenwärtigen Zeitalters ist, daß sich der Osten und der Westen begegnet sind.“

Im selben Jahr besuchte der Dichter auch Deutschland – die erste von insgesamt drei Reisen (1921, 1926 und 1930), auf denen er auch mit Karl Buschhüter, den Brüdern Robert und Karl Oelbermann und Gustav Wyneken auf Burg Waldeck im Hunsrück (Nerother Wandervogel) zusammentraf. Während ihm das Publikum in Deutschland große Begeisterung entgegenbrachte und seine Vorträge stets sehr gut besucht waren, erhielt er von deutschen Kollegen – etwa Thomas Mann oder Rilke – wenig bis überhaupt keine positive Resonanz; Rilke etwa lehnte es ab, Rabindranaths Werke ins Deutsche zu übersetzen. 1930 traf er zweimal mit Albert Einstein zusammen. Ein Foto in den Dresdener Neuesten Nachrichten vom 18. April 2011 zeigt ihn auf der Burg Hohnstein am 17. Juli 1930.

1915 erhielt er von König Georg V. einen Adelstitel, den er 1919 aus Protest gegen das britische Massaker in Amritsar wieder zurückgab. Sein Aufenthalt in England 1921 war deshalb eher von Gleichgültigkeit und Distanziertheit geprägt.

Im Juli 1927 begann Thakur eine dreieinhalb Monate dauernde Rundreise durch Südostasien, die ihn nach Singapur, Java, Bali und auf der Rückreise über Siam führte. Ein ideologischer Anknüpfungspunkt war eine der Bengalischen Renaissance vergleichbare Kulturbewegung auf Java, die sich Boedi Oetomo („edelstes Streben“) nannte. Die 1908 gegründete elitäre Organisation, die nur Indonesiern offen stand, sah in Thakur ein Vorbild für die erstrebte Kombination aus westlichem Bildungsideal und eigener nationaler Identität.[9]

Spätwerk, Krankheit, Tod[Bearbeiten]

Thakur und Gandhi (1940)

Trotz der ausgedehnten Reisen und Rabindranaths Verpflichtungen in Shantiniketan entstanden in den Jahrzehnten nach der Nobelpreisverleihung zahlreiche Werke, darunter zwei große Romane (Vier Teile, Zuhause und draußen; jeweils im Jahre 1916) sowie Dramen und Gedichte.

Im Alter von 67 Jahren entdeckte Rabindranath das Zeichnen für sich – es entstanden expressionistische Arbeiten, die in seinem Umfeld auch auf Unverständnis stießen.

Rabindranath reiste, auch als die Zeit der großen Weltreisen hinter ihm lag, noch häufig mit seinen Schülern durch ganz Indien, um Spenden für seine Schule zu sammeln. Die Gedichtbände seiner letzten Jahre gelten auch heute noch als bedeutend.

Zwei schwere Krankheiten (1937 und 1940) ließen bereits um sein Leben fürchten; seine Erfahrungen dieser Zeit beschrieb der Dichter in zwischen 1938 und 1941 erschienenen Gedichtbänden. Der Zweite Weltkrieg entfernte ihn von der europäischen Kultur, in seiner letzten Rede hieß es dennoch:[10]

„Doch es ist eine Sünde, den Glauben an den Menschen zu verlieren; diesen Glauben werde ich bis zuletzt retten.“

Nach einer fehlgeschlagenen Operation im Juli 1941 starb Rabindranath am 7. August 1941 in seinem Geburtshaus und wurde noch am selben Abend unter Anteilnahme von tausenden von Menschen am Ufer des Ganges eingeäschert.

Malerei[Bearbeiten]

Im Alter von über 60 Jahren,[11] nach anderen Quellen bereits um 1907,[12] wandte er sich der Malerei zu. Unbelastet von akademischen Diskursen um Ästhetik und Maltechnik entstanden spontane, phantasiereiche, poetische Zeichnungen und Gemälde. Bei zeitgenössischen Künstlern stießen sie auf Unverständnis und Ablehnung, aber die folgende Künstlergeneration sah ihn als Vorbild an. Inzwischen gilt er als „Vater der modernen Kunst Indiens“.[12]

Literarisches Werk[Bearbeiten]

Büste von Rabindranath Thakur

Dramen[Bearbeiten]

  • 1881 Valmiki Pratibha (বাল্মিকী প্রতিভা, engl. The Genius of Valmiki)
  • 1890 Visarjan (বিসর্জন, dt. Das Opfer, engl. The Sacrifice)
  • 1892 Chitrangada (dt. Chitra 1914)
  • 1910 Raja (রাজা, dt. Der König der dunklen Kammer 1919, engl. The King of the Dark Chamber)
  • 1910 Achalayatan (dt. Das Haus der Starrheit)
  • 1912 Dak Ghar (ডাকঘর, dt. Das Postamt 1918, engl. The Post Office)
  • 1920 dt. Das Opfer und andere Dramen
  • 1922 Muktadhara (মুক্তধারা, engl. The Waterfall)
  • 1926 Raktakaravi (রক্তকরবী, engl. Red Oleanders)
  • 1926 Natir puja (dt. Das Opfer des Tanzmädchens)

Gedichte[Bearbeiten]

  • 1890 Manasi (মানসী, engl. The Ideal One)
  • 1894 Sonar Tari (সোনার তরী, engl. The Golden Boat)
  • 1899 Kalpana (dt. Träume)
  • 1910 Gitanjali (গীতাঞ্জলি, dt. Sangesopfer 1914, engl. Song Offerings 1912)
  • 1913 The Gardener (dt. Der Gärtner 1914)
  • 1914 Gitimalya (গীতিমাল্য, engl. Wreath of Songs)
  • 1916 Balaka (বলাকা, engl. The Flight of Cranes)
  • 1935 Patraput (dt. Eine Handvoll Blätter)
  • 1941 Shesh lekha (dt. Letzte Stücke)
  • 1915 Der zunehmende Mond
  • 1918 Fruchtlese
  • 1920 Die Gabe des Liebenden

Romane[Bearbeiten]

  • 1887 Rajarji (dt. Der heilige König)
  • 1901 Nastanirh (নষ্টনীড়, engl. The Broken Nest, dt. Das zerstörte Nest 1989)
  • 1902 Chokher bali (dt. Sandkörnchen im Auge 1968)
  • 1910 Gora (গোরা, engl. Fair-Faced)
    • Gora, übersetzt von Helene Meyer-Franck, Wolff, München 1924; neu übersetzt von Gisela Leiste, Volk und Welt, Berlin 1980, Neuausgabe bei Beck, München 1988, ISBN 3-406-31738-3
  • 1916 Ghare baire (ঘরে বাইরে, engl.The Home and the World)
    • deutsch: Das Heim und die Welt, übersetzt von Helene Meyer-Franck, Wolff, München 1920; neu übersetzt von Emil und Helene Engelhardt, Hyperion-Verlag, Freiburg 1962
  • 1929 Yogayog (যোগাযোগ, engl. Crosscurrents)

Erzählungen[Bearbeiten]

  • 1894 Megh o raudra (dt. Wolke und Sonne 1963)
  • 1920 Erzählungen
  • 1930 Aus indischer Seele

Essays[Bearbeiten]

  • 1894 Imrajer itanka (dt. Die Furcht des Engländers)
  • 1898 Kantharodh (dt. Geknebelt)
  • 1912 Jivansmriti (জীবনস্মৃতি, engl. My Reminiscences 1943)
  • 1917 Nationalism
    • deutsch: Nationalismus, übersetzt von Helene Meyer-Franck, Neuer Geist-Verlag, Leipzig 1918
  • The Religion of Man,Schriftenreihe The Hibbert Lectures, Allen and Unwin, London 1931; Nachdruck bei Monkfish Press, Rhinebeck, N.Y. 2004
    • deutsch: Die Religion des Menschen,übersetzt von Emil Engelhardt, Hyperion, Freiburg 1962
  • 1941 Sabhyatar sankat (dt. Die Krise der Zivilisation)
  • 1921 Sādhanā. Der Weg zur Vollendung. Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Tagore selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von Helene Meyer-Franck. Kurt Wolff Verlag, München 1921*
  • 1932 Man the Artist, Baroda State Press, Baroda 1932; ein lange verschollener Text, zu lesen auf der Website bei Parabaas
  • 1940 Chhelebela (ছেলেবেলা, engl. My Boyhood Days 1991)

Deutsche Ausgaben, aus dem Original übersetzt[Bearbeiten]

  • Martin Kämpchen (Hrsg.): Rabindranath Tagore: Gesammelte Werke. Lyrik, Prosa, Dramen; Düsseldorf, 2005, ISBN 3-538-05437-1.
  • Martin Kämpchen (Ausgewählt und aus dem Bengalischen): Rabindranath Tagore. Gedichte und Lieder. Insel Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-17501-8.
  • Elisabeth Wolff-Merck (Übersetzerin): Chitra. Ein Spiel in einem Aufzug. Draupadi, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-937603-51-3.

Filme[Bearbeiten]

Regie[Bearbeiten]

Rabindranath Thakur hat 1932 bei der Abfilmung einer Aufführung seines Stückes Nadir Puja selbst Regie geführt.

Musik (Lieder)[Bearbeiten]

Lieder und vertonte Gedichte von Tagore fanden unter anderem Verwendung in:

Werkverfilmungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Kämpchen: Rabindranath Tagore. rororo-Monographie, Rowohlt, Hamburg 1992.
  • Martin Kämpchen, Prasanta Kumar (Hrsg.): Mein lieber Meister. Briefwechsel 1920–1938. Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler, Draupadi Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-937603-44-5.
  • Martin Kämpchen: Rabindranath Tagore und Deutschland. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach 2011, ISBN 978-3-937384-71-9. (Marbacher Magazin. 134)
  • Hamidul Khan (Hrsg.): Universalgenie Rabindranath Tagore. Eine Annäherung an die bengalische Dichtung, Philosophie und Kultur. Draupadi, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-937603-64-3.
  • Heinz Mode (Hrsg.): Rabindranath Tagore. Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen. Insel, Leipzig 1985.
  • Gertraude Wilhelm (Hrsg.): Die Literaturpreisträger. Ein Panorama der Weltliteratur im 20. Jahrhundert. Econ, Düsseldorf 1983, ISBN 3-612-10017-3.
  • Moriz Winternitz: Rabindranath Tagore. Religion und Weltanschauung des Dichters. Verlag der Deutschen Gesellschaft für sittliche Erziehung in Prag, 1936. Neuausgabe 2011, IT-Redaktion, Taufkirchen.
  • Golam Abu Zakaria (Hrsg.): Rabindranath Tagore - Wanderer zwischen Welten. Klemm + Oelschläger, Münster/Ulm 2011, ISBN 978-3-86281-018-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rabindranath Tagore – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Rabindranath Tagore – Quellen und Volltexte
Readings
Texts and analyses
Music
Film
Online-Ausstellung

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Kämpchen, Rabindranath Tagore rororo-Monographie, Hamburg 1992, S. 18.
  2. Rathindranath Tagore, Edges, S. 20.
  3. Martin Kämpchen: Rabindranath Tagore. rororo-Monographie, Hamburg 1992, S. 54.
  4. Martin Kämpchen: Rabindranath Tagore. rororo-Monographie, Hamburg 1992, S. 60.
  5. Martin Kämpchen, Rabindranath Tagore rororo-Monographie, Hamburg 1992, S. 77f.
  6. Eugen Lennhoff u. a.: Internationales Freimaurerlexikon. Art. Tagore, Rabindranath. München 2003, S. 828.
  7. Brief vom 1. Oktober 1913 aus Shantiniketan. In: Imperfect Encounters. zitiert nach: Martin Kämpchen: Rabindranath Tagore; rororo-Monographie; Hamburg: Rowohlt, 1992, S. 80.
  8. Brief vom 20. Dezember 1920 aus New York; in: Letters to a Friend. S. 109; zitiert nach: Martin Kämpchen: Rabindranath Tagore; Hamburg: Rowohlt, 1992; S. 84.
  9. A. Das Gupta: Rabindranath Tagore in Indonesia. An experiment in bridge-building. In: Bijdragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde 158, Nr. 2, Leiden 2003, S. 451–477.
  10. Ashok Mitra: Tagore as a Painter. In: Cultural Forum; Tagore Number, November 1961, S. 33; zitiert nach: Martin Kämpchen: Rabindranath Tagore; Hamburg: Rowohlt, 1992; S. 118.
  11. The Master’s Strokes: Art of Rabindranath Tagore. National Gallery of Modern Art. 9. Mai 2010. Abgerufen am 26. September 2012.
  12. a b Jutta Ströter-Bender: Zeitgenössische Kunst der „Dritten Welt“. DuMont, Köln 1991, ISBN 3-7701-2665-3, S. 165 und S. 208.