Stay-behind-Organisation

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Stay-behind-Organisationen (deutsch: Rücklassorganisationen oder Überrollgruppen) sind militärische Widerstandsorganisationen, die für den Fall der Besetzung eines Staates oder von Teilen seines Territoriums durch feindliche Truppen nachrichtendienstliche Aufklärung in den besetzten Gebieten leisten und Sabotageakte im Hinterland verüben sollen. Während sich die reguläre Armee vor einem Angreifer zurückzieht, lassen sich diese militärisch ausgebildeten Einheiten von der Front überrollen, um dann im Rücken des Feindes zu operieren.

Historische Beispiele sind die als Gladio bekannt gewordene, intern stay behind genannte Organisation der NATO, die P-26 in der Schweiz , die von der DKP betriebene Gruppe Ralf Forster[1] oder der „Österreichische Wander-, Sport- und Geselligkeitsverein (ÖWSGV)“, der von MI6 und CIA in Österreich aufgebaut worden war. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR betrieb die Spezialeinheit AGM/S mit ähnlichem Aufgabengebiet.[2][3]

Auch die nationalsozialistische Freischärlertruppe Werwolf hatte ähnliche Aufgabenstellungen. Nach dem Ende des Kalten Krieges haben Stay-behind-Organisationen in ihrer Bedeutung abgenommen, bekamen andere Zuständigkeitsfelder oder wurden aufgelöst.

Eine exemplarische Stay-behind-Organisation, die auch unter diesem Namen operierte, waren die unmittelbar nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges durch alliierte Geheimdienste gegründeten paramilitärischen Einheiten im Nachkriegseuropa. Die in 16 europäischen Ländern klandestin agierenden Partisanengruppen, sollten im Falle einer Invasion der Warschauer Pakt-Truppen als Aufklärer, Waffenbeschaffer und Saboteure hinter den feindlichen Linien eingesetzt werden.[4][5]

Im Jahr 1990 veröffentlichte die deutsche Regierung einen “Stay-behind-Bericht”, der vom Staatsminister im Bundeskanzleramt, Lutz Stavenhagen, verfasst wurde. Dort wurde eingeräumt, dass die Aufgaben, die in der Verantwortung der nationalen Geheimdienste lagen, seit den Jahren 1954/55 unter der Ägide des militärischen Hauptquartiers der NATO, dem sogenannten SHAPE koordiniert wurden. Dementsprechend unterstanden deutsche Einheiten wie der Geheime Widerstand, Kibitz, Gruppe 27 oder der Bund Deutscher Jugend zunächst der Organisation Gehlen und ab 1956 dem Bundesnachrichtendienst (BND). Die Größenordnung der Stay-behind-Organisation des BND war einem ständigen Wechsel unterworfen. Ende der 1950er Jahre umfasste die Organisation ca. 75 hauptamtliche Mitarbeiter. Ihr Bestand an nachrichtendienstlichen Verbindungen betrug zeitweise bis zu 500 Personen. 1983 wurde das Personal auch darin ausgebildet, Sabotageakte in feindlich besetzten Gebieten gegen Angreifer durchzuführen.[6][7][8][9]

Die ausgebildeten Einheiten legten geheime Waffen- und Versorgungsdepots verteilt über die ganze BRD an. Neben Waffen, Sprengstoff, Funk- und Morsegeräten beinhalteten einige dieser Depots auch Listen mit zu internierenden oder zu liquidierenden Personen (z.B. Politiker der KPD, DKP und SPD). Zwei vollständig erhaltene Depots wurden im Frühjahr 1996 im Berliner Grunewald entdeckt. Der Geheimdienst der DDR (Ministerium für Staatssicherheit) hatte bis 1980 weit über 50 Einheiten, ihre Funkverbindungen, Waffendepots und Mitglieder in der BRD aufgedeckt.[10][11]

Die über ganz Westeuropa verstreuten, geheim und außerhalb parlamentarischer Kontrolle autonom voneinander agierenden Einsatzgruppen wie Gladio in Italien, Plan Bleu in Frankreich, SDRA8 / Glaive in Belgien, Absalon in Dänemark, I&O in den Niederlanden, Counter-Guerilla in der Türkei, Red Sheepskin in Griechenland, sowie Einheiten aus Schweiz, Österreich, Spanien, Portugal, Finnland, Schweden, Norwegen und Luxemburg wurden nach ihrer Enthüllung 1990 durch den italienischen Ministerpräsident Giulio Andreotti in der Berichterstattung als Operation Gladio zusammengefasst.

Nach dem Ende des Kalten Krieges und der UdSSR sollen alle Stay-behind-Organisationen aufgelöst worden sein. Der Historiker des BND Bodo Hechelhammer bestätigt, "daß in Absprache mit den assoziierten Partnern die deutsche Einheit zum dritten Quartal 1991 aufgelöst und die Kontakte zu den nachrichtendienstlichen Verbindungen eingestellt wurden." [11]

Dokumentationsfilme[Bearbeiten]

  • „Stay behind – Die Schattenkrieger der Nato“, Dokumentation von Ulrich Stoll, Erstausstrahlung 25. März 2014, 45 Min., ZDFinfo, ZDF-Mediathek
  • „Gladio - Geheimarmeen in Europa“, Dokumentation von Wolfgang Schoen und Frank Gutermuth, Erstausstrahlung 16. Februar 2011, 85 Min., Koproduktion Arte/SWR [1]

Literatur[Bearbeiten]

Forschung
  •  Daniele Ganser: NATO-Geheimarmeen in Europa: Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung. Orell Füssli, Zürich 2008, ISBN 978-3-280-06106-0.
  • Daniele Ganser: The CIA in Western Europe and the Abuse of Human Rights. In: R. Gerald Hughes, Len Scott (Hrsg.): Intelligence, Crises and Security: Prospects and Retrospects. Routledge, 2007, ISBN 0415464307, S. 108-129
  • Frans Kluiters: R-Netz: The stay-behind network of the Abwehr in the Low Countries. In: Ben De Jong, Wies Platje, Beatrice De Graaf (Hrsg.): Battleground Western Europe: Intelligence Operations in Germany and the Netherlands in the Twentieth Century. Het Spinhuis, 2008, ISBN 9789055892815, S. 71–94
  • Christopher Simpson: Blowback: America's Recruitment of Nazis and Its Effects on the Cold War. Random House, New York 1993, ISBN 0517110091
  • J. Patrice McSherry: The European Stay-Behind Armies. In: derselbe: Predatory States: Operation Condor and Covert War in Latin America. Rowman & Littlefield Publishers, 2012, ISBN 0-7425-6870-9, S. 38–42
Quellen
  • United States Departement of the Army (Hrsg.): The Tank and Mechanized Infantry Battalion Task Force. Field Manual 1988, S. 47-50

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bernd Stöver: Zuflucht DDR: Spione und andere Übersiedler, C.H. Beck Verlag, 2009, S. 106
  2. Regine Igel: Terrorismus-Lügen, SWR 2 Buchkritik, 28. Dezember 2012
  3. Regine Igel: Paramilitärische Gladio-Einheiten auch im Osten in den Terrorismus involviert, Teil 5: Über die Wurzeln des deutschen und italienischen Terrorismus im Kalten Krieg, Telepolis, 20. Februar 2010
  4. Die Schattenkrieger der NATO, ZDF-Info vom 25. März 2014
  5. Manuskript zur ZDF-Sendung Frontal 21: Geheimnisse im Kalten Krieg – Die Schattenkrieger des BND
  6. Das blutige Schwert des Westens, Der Spiegel, 19. November 1990
  7. Untergrundtruppen in Nato-Staaten, Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010
  8. Antwort der Bundesregierung zur „Stay-Behind-Organisation“ vom 16. Mai 2013
  9. Reinhard Jellen: „Es wird noch viel Aufklärungsarbeit nötig sein“, Telepolis, 31. Juli 2010 (Teil 3 eines Interviews mit Tobias von Heymann)
  10. Antwort der Bundesregierung zu Gladio vom 3. März 2014
  11. a b Manuskript zur ZDF-Sendung Frontal 21: Geheimnisse im Kalten Krieg – Die Schattenkrieger des BND, 3. Dezember 2013