Stefan Mappus

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Stefan Mappus, 2010

Stefan Mappus (* 4. April 1966 in Pforzheim) ist ein ehemaliger deutscher Politiker der CDU. Von Februar 2010 bis Mai 2011 war er Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und von November 2009 bis Juli 2011 Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg.

Inhaltsverzeichnis

Leben[Bearbeiten]

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten]

Von 1972 bis 1976 besuchte Stefan Mappus die Grundschule in Mühlacker-Enzberg und danach bis zum Abitur 1985 das Theodor-Heuss-Gymnasium Mühlacker. Nach der Ausbildung zum Industriekaufmann bei der Standard Elektrik Lorenz in Pforzheim leistete er ab 1987 seinen Grundwehrdienst beim Raketenartilleriebataillon 122 in Philippsburg, das damals der 12. Panzerdivision unterstellt war.

Von 1988 bis 1993 studierte Mappus Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Hohenheim und erwarb den Abschluss Diplom-Ökonom. Von 1993 bis 1995 war er dort wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Wissenschaften.[1] Von 1995 bis 1997 arbeitete er in Teilzeit bei der Siemens AG in Stuttgart im Vertrieb von Telekommunikationsanlagen. Seitdem war er mit einem Rückkehrrecht von Siemens freigestellt.[2] Von 1. September bis Ende Dezember 2011 war Mappus beim Pharma- und Chemiekonzern Merck beschäftigt.[3]

Politische Tätigkeit[Bearbeiten]

Mappus trat 1983 in die Junge Union und zwei Jahre später in die CDU ein. Von 1988 bis 1990 war er Kreisvorsitzender der Jungen Union Enzkreis/Pforzheim und von 1989 bis 2002 Mitglied im Landesvorstand der Jungen Union Baden-Württemberg. Von 1994 bis 2010 war er Kreisvorsitzender der CDU Enzkreis/Pforzheim. Von 2005 bis 2009 war er stellvertretender Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg. Vom 20. November 2009 bis 23. Juli 2011 war Mappus Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg.

Von 1989 bis 1995 war er Mitglied des Gemeinderates der Stadt Mühlacker und von 1994 bis 1995 Kreisrat im Enzkreis. Seit 1996 war Mappus als Inhaber des Direktmandats des Landtagswahlkreises Pforzheim Mitglied des Landtages von Baden-Württemberg. Bei der Landtagswahl 2001 trat die Bundestagsabgeordnete, Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin der SPD Baden-Württemberg für das Amt des Ministerpräsidenten Ute Vogt im selben Wahlkreis an. Die SPD legte zwar in dieser Wahl landesweit um 8,2 Prozentpunkte zu, und Ute Vogt erreichte im Wahlkreis sogar einen Stimmenzuwachs um 13,5 Prozentpunkte, dies reichte aber nicht aus, das Direktmandat oder ein Zweitmandat zu erringen.[4] Vogt, die bei der Bundestagswahl 1998 im Bundestagswahlkreis Pforzheim das Direktmandat erlangt hatte, zog deshalb 2001 nicht in den Landtag ein und blieb bis 2005 Mitglied des Bundestags.

Von 1998 bis 2004 war Mappus politischer Staatssekretär im baden-württembergischen Ministerium für Umwelt und Verkehr und von 2004 bis 2005 Umwelt- und Verkehrsminister; 2000 wurde der damalige Staatssekretär von Ministerpräsident Erwin Teufel zum Interregio-Beauftragten ernannt, um die Deutsche Bahn dazu zu bewegen, einen eigenwirtschaftlichen Regionalverkehr als Ersatz für die entfallenden IR-Züge zu schaffen.[5] Er wurde am 21. April 2005 als Nachfolger von Günther Oettinger, der Ministerpräsident des Landes wurde, in einer Kampfabstimmung gegen Peter Hauk zum Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion gewählt. Nach der Landtagswahl am 26. März 2006 wurde er mit großer Mehrheit in diesem Amt bestätigt. Von Bundeskanzlerin Merkel wurde Mappus ab Januar 2011 zum Bevollmächtigten für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit berufen.[6]

Am 24. Oktober 2009 erklärte Mappus seine Bereitschaft, Nachfolger des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger zu werden, der im Zuge der Bildung der neuen schwarz-gelben Regierungskoalition in Berlin als neuer EU-Kommissar nominiert wurde.[7] Zwei Tage später votierten das Landespräsidium und der Landesvorstand der CDU geschlossen für seine Nominierung.[8] Zudem wurde Mappus zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2011 bestimmt[9] und am 20. November 2009 zum neuen Landesvorsitzenden der CDU Baden-Württemberg gewählt. Am 10. Februar 2010 wurde er im baden-württembergischen Landtag mit 83 von 137 Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt[10]; die Koalition aus CDU und FDP verfügte insgesamt über 84 Sitze.

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2011 erhielt die CDU unter Mappus mit 39 Prozent 5,2 Prozentpunkte weniger als 2006. Nachdem die Grünen und die SPD eine Koalition gebildet hatten, endete Mappus' Amtszeit am 12. Mai 2011 mit der Wahl seines Nachfolgers Winfried Kretschmann. Konsequent trat Mappus auch vom Amt als Landesvorsitzender der CDU zurück.[11] Ende August 2011 legte er auch sein Landtagsmandat nieder. Für ihn rückte die Zweitkandidatin Marianne Engeser nach.[12]

Privates[Bearbeiten]

Mappus ist evangelisch und stammt aus einer Schuhmacherfamilie in Mühlacker-Enzberg.[13] Er ist seit 2001 mit der in Kleve geborenen ehemaligen Landesgeschäftsführerin der CDU Baden-Württemberg, Susanne Verweyen-Mappus, verheiratet. Sie haben zwei Söhne und wohnen in Pforzheim.[14] Stefan Mappus ist Hobbypilot einer Cessna.[15]

Politische Positionen und Kontroversen[Bearbeiten]

Kontroverse um „Neofaschismus“-Ausstellung[Bearbeiten]

Der damalige Staatssekretär Stefan Mappus kritisierte die im Pforzheimer Kulturhaus Osterfeld geplante Ausstellung Neofaschismus in der Bundesrepublik Deutschland in einem offenen Brief scharf[16] und drohte, die Mittel für das öffentlich getragene Kulturhaus zu kürzen, was dessen Aus bedeutet hätte. Mappus begründete dies mit der in der Ausstellung behaupteten Nähe einiger CDU-naher Personen zum Neofaschismus, so z. B. den umstrittenen Historiker und Konrad-Adenauer-Preisträger Ernst Nolte, oder die Tätigkeit Hans Filbingers als Marinerichter in der Zeit des Nationalsozialismus. Aufgrund des Drucks wurde die Ausstellung zunächst abgesagt. Mappus’ Vorgehen wurde von Opposition und Medien als politische Einflussnahme und „Machtmissbrauch“ kritisiert.

Rechtsstreit mit Thomas Knapp[Bearbeiten]

Im Zuge der umstrittenen Trauerrede, die der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger 2007 anlässlich des Todes von Hans Filbinger hielt, machte der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Knapp auf einem Kreisparteitag auch Mappus schwere Vorwürfe, wonach dieser unter anderem „am rechten Rand fische“. Knapp lehnte eine Unterlassungserklärung ab; Mappus stellte einen Antrag auf einstweilige Verfügung; dieser wurde vom Landgericht Karlsruhe am 31. Mai 2007 abgelehnt.[17][18]

Einstellung zu Homosexualität[Bearbeiten]

Mappus hat in der Vergangenheit den Christopher Street Day (CSD) Stuttgart als „abstoßend“ bezeichnet. 2005 äußerte er, 90 Prozent der Fraktion hätten mit ihm zusammen ein Problem „mit dem frivolen, karnevalesken Zurschaustellen von sexuellen Neigungen, wie es bei dieser Veranstaltung geschieht.“[19] So steuerte Mappus auch kein Grußwort zur Veranstaltung bei.[20] Die Schirmherrschaft übernahm Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die in ihrem Grußwort die Entschlossenheit der Bundesregierung zusicherte, „zahlreiche Benachteiligungen von Schwulen, Lesben und Transsexuellen aus der Welt zu schaffen“.[21] Mappus’ Weigerung, ein Grußwort zu verfassen, wurde von seinen politischen Gegnern teils als „beschämend“ und als „Signal der Intoleranz“ heftig kritisiert.[22] In der Vergangenheit war Mappus bereits wegen homophober Äußerungen gegen Parteifreunde aufgefallen. So griff er offen den damaligen Sozialminister Andreas Renner an, als dieser die Schirmherrschaft für den CSD 2005 übernommen hatte.[23]

Als im Sommer 2009 die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare forderte, kritisierte Mappus dies damit, dass Kinder seiner Ansicht nach denkbar ungeeignet für „Experimente“ im Bereich der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften seien.[24] Mappus sprach sich auch dagegen aus, Lebenspartnerschaften in den Trauzimmern der Standesämter zu schließen.

Steuerbetrugsdaten[Bearbeiten]

Im Februar 2010 entschied Mappus in seiner Funktion als Ministerpräsident und auf Drängen der FDP, dass die angebotenen Daten zu Steuerhinterziehungen weder vom Land Baden-Württemberg gekauft noch an das Bundeszentralamt für Steuern weitergeleitet würden. Er musste dafür sowohl aus den eigenen Reihen[25] als auch von der Opposition heftige Kritik einstecken.[26]

Stuttgart 21[Bearbeiten]

Mappus befürwortete das Projekt Stuttgart 21. Als es am 30. September 2010 bei einer Großdemonstration gegen das Projekt zur Eskalation mit der Polizei kam, bei der insgesamt mehr als 100 Demonstranten von Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken verletzt wurden,[27] darunter auch zehn Kinder und Jugendliche,[28] wurde Mappus und seiner Landesregierung die Schuld an den Vorfällen gegeben. Am 8. Oktober 2010 bekam Mappus deshalb vom Satiremagazin Extra 3 des NDR den „goldenen Schlagstock“ verliehen.[29]

Hinweise, dass die Stuttgarter Polizei vor allem auf Druck von politischer Seite einen solch harten Einsatz vollzog, konnten im Untersuchungsausschuss des Landtags nicht bewiesen werden.[30][31] Mappus war am Tag vor dem Polizeieinsatz über die Einsatzpläne informiert worden und genehmigte sie. Laut Aussage des Landespolizeipräsidenten Hammann vor dem Untersuchungsausschuss war die für den 7. Oktober geplante Regierungserklärung von Mappus der Grund, den Polizeieinsatz bereits auf den 30. September vorzuziehen.[27]

Anfang März 2011 warf Mappus dem Stuttgarter OB Wolfgang Schuster (CDU) eine verfehlte Informationspolitik bezüglich Stuttgart 21 vor. Er erklärte in diesem Zusammenhang, dass er als CDU-Landesvorsitzender die Suche nach einem anderen Kandidaten zur Chefsache machen und Schuster bei der OB-Wahl Ende 2012 altersbedingt nicht mehr antreten werde.[32] Nachdem Mappus sowohl von der Opposition als auch aus Reihen der CDU für diese Einmischung in die regionale Autonomie stark und einhellig kritisiert worden war,[33] entschuldigte er sich bei Schuster und der Stuttgarter CDU.[34]

Positionierung der Union[Bearbeiten]

Im Februar 2010 riet Mappus in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung der Union davon ab, traditionelle Wähler vor den Kopf zu stoßen. Er erklärte, die These, „die Kirchgänger und Vertriebenen brauche man nicht mehr“, sei falsch.[35] Er betonte in diesem Zusammenhang, dass für ihn die Devise gelte: „zunächst die Stamm-, dann die Laufkundschaft“. Aus seiner Sicht habe die Union durch eine „modernere“ Politik in der Mitte kaum Wähler hinzugewonnen; „dafür ist uns auf der anderen Seite jede Menge weggebrochen“.[35] Mappus hatte zuvor die Bedeutung der Volksparteien betont und dabei definiert: „Eine Volkspartei, die auf Dauer nicht 40 Prozent holt, ist keine Volkspartei mehr“.[36]

Restlaufzeiten von Atomkraftwerken[Bearbeiten]

Im Juli 2010 erklärte Mappus, der schnellstmögliche Verzicht auf Kohle- und Gasenergie sei wichtiger als der Ausstieg aus der Atomenergie. Zugleich forderte er eine Verlängerung von AKW-Laufzeiten um 15 oder mehr Jahre.[37] Als Bundesumweltminister Norbert Röttgen kurz darauf für eine restriktivere Verlängerung der Laufzeiten älterer AKW eintrat, forderte Mappus sogar den Rücktritt Röttgens.[38] Im Herbst 2010, ein Jahr nach ihrem Amtsantritt, beschloss die schwarz-gelbe Bundesregierung (Kabinett Merkel II) eine erhebliche Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke.

Am 12. März 2011, einen Tag nach dem starken Erdbeben und dem Tsunami, die die Reaktorkatastrophe in Fukushima auslösten, traf sich Kanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten der fünf Bundesländer, in denen zu dieser Zeit Atomkraftwerke liefen (Seehofer; Bayern, CSU, Stefan Mappus, Bouffier; Hessen, CDU, McAllister; Niedersachsen, CDU und Carstensen; Schleswig-Holstein, CDU).[39] Zwei Tage später verkündete Merkel das Atom-Moratorium. Einen weiteren Tag später sagte Mappus im Landtag, das Kernkraftwerk Neckarwestheim I werde „dauerhaft abgeschaltet und stillgelegt“. Dies habe ihm EnBW-Chef Hans-Peter Villis gerade mitgeteilt. Villis begründete diesen Schritt Mappus zufolge mit den „aktuellen Anforderungen“ des Stuttgarter Umweltministeriums in Bezug auf Sicherheitsnachrüstungen. Ein wirtschaftlicher Betrieb des zweitältesten Kernreaktors in Deutschland sei deshalb aus Sicht der EnBW nicht mehr möglich.[40]

EnBW-Übernahme[Bearbeiten]

Hauptartikel: EnBW-Affäre

Anfang Dezember 2010 kündigte Mappus an, das Land Baden-Württemberg wolle für 4,67 Milliarden Euro den von Électricité de France (EdF) gehaltenen Aktienanteil von 45,01 % an die EnBW kaufen.[41] Die Übernahme des Aktienpakets wurde von der Morgan Stanley Bank AG, der deutschen Tochter der Investmentbank Morgan Stanley, begleitet. Deren Vorstandschef (seit Februar 2009) Dirk Notheis[42] war bis Juli 2011 Mitglied des CDU-Landesvorstandes von Baden-Württemberg. Besonders in Frankreich war man verwundert darüber, dass der EdF-Chef Henri Proglio beim Verkauf der gesamten EnBW-Anteile keine offizielle Beraterbank eingesetzt hatte. Eine Erklärung wurde darin gesehen, dass Proglios Zwillingsbruder René[43][44] schließlich seit 2009 Chef von Morgan Stanley Frankreich ist.[45] Diese Bank hatte 2004 bereits die Privatisierung und den Börsengang der EdF betreut. Diesen Umstand und das „besondere Vertrauen der Verkäuferseite“ in diese Bank nannte Mappus als Grund, Morgan Stanley Deutschland beauftragt zu haben.[46] Im Februar 2012 wurde durch einen Bericht der baden-württembergischen Landesregierung bekannt, dass auch die EdF Morgan Stanley als Beraterbank beauftragt hatte und die Investmentbank so teilweise gleichsam mit sich selbst verhandelt habe. Aus der Korrespondenz ergebe sich, dass auf französischer Seite der Chef von Morgan Stanley France, René Proglio (der Zwillingsbruder des CEO der EDF, Henri Proglio) involviert war.[47] So fand bereits am 10. November 2010 in Paris ein gemeinsames Gespräch zwischen Mappus, Notheis und den Proglio-Zwillingen statt. Aus den Unterlagen, die Morgan Stanley dem Untersuchungsausschuss im Juni 2012 zur Verfügung stellte, geht hervor, dass René Proglio eine zentrale Rolle gespielt hat.[48]

Laut Staatsministerium Baden-Württemberg erfolgte die Vergabe an Morgan Stanley ohne Ausschreibung.[49] Kritiker warfen Mappus Machtmissbrauch und mangelnde Transparenz vor. Der Übernahmepreis sei mit einem Aufschlag von 18 Prozent auf den damals aktuellen Börsenwert zu hoch gewesen.[50] Laut Stuttgarter Nachrichten soll Dirk Notheis gesagt haben: „Der EnBW-Deal ist ein Bombengeschäft für das Land Baden-Württemberg – es sei denn, es geht irgendwo noch ein Atomkraftwerk in die Luft.“[51] Laut Stuttgarter Zeitung hat Notheis dies später scharf dementiert: Nie habe er dergleichen gesagt, „ein solcher Zynismus ist mir absolut fremd“.[52]

Das an Morgan Stanley gezahlte Honorar wurde von der damaligen Landesregierung Baden-Württemberg geheim gehalten. Der Betrag soll „weit“ unter den branchenüblichen 0,8 % der Transaktionssumme liegen (d. h. weit unter 37 Millionen Euro;[53] Mitte 2012 wurde bekannt, dass 12,8 Mio. Euro plus MwSt. in Rechnung gestellt wurden).[54]

Die Zustimmung des Landtags für eine Kapitalgarantie des Landes in Höhe von 5,9 Milliarden Euro wurde erst nachträglich – nach Unterzeichnung der Verträge – eingeholt. Mappus begründete dieses Vorgehen mit dem Eintreten eines „(…) unvorhergesehenen und unabweisbaren Bedürfnisses (…)“ laut Artikel 81 der Landesverfassung.[55] Den nach der Verfassung für das Notbewilligungsrecht zuständigen Finanzminister Willi Stächele weihte Mappus erst wenige Stunden vor der Vertragsunterzeichnung ein.[56] Trotz der Vorwürfe reagierte die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf die eingegangenen Anzeigen nicht mit einem Ermittlungsverfahren - jedenfalls nicht vor der Landtagswahl im März 2011.[57]

Kritisiert wurde auch, der Kauf könne ein großes Verlustgeschäft werden, was dann auch tatsächlich zutraf. Der Kauf der Anteile für 4,67 Milliarden Euro plus weiterer Kosten barg erhebliche Risiken, zum Beispiel wegen der Unsicherheit über mögliche Restlaufzeiten von Atomkraftwerken in Deutschland, insbesondere des Kernkraftwerks Neckarwestheim (gehört der EnBW). Das Szenario trat nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 und dem kurz darauf eingeleiteten Atomausstieg in Deutschland tatsächlich ein.[58][59]

Der Finanzausschuss des Landtages bezifferte 2010 die Kosten für die Übernahme von EnBW durch das Land Baden-Württemberg (einschließlich Garantien und Genehmigungen) auf 5,9 Milliarden Euro.[60] Kleinanleger – sie hielten zu dieser Zeit etwa 10 % der Aktien an EnBW – zeigten großes Interesse an einem Pflichtangebot des Landes Baden-Württemberg an die übrigen Aktionäre in Höhe von 41,50 Euro je Aktie, weil die Aktien bis auf einen einzigen Tag (28. Dezember 2010, Schlusskurs = 41,154 Euro) nie über 40 Euro notierten.[61]

Am 6. Oktober 2011 verkündete der Staatsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg sein Urteil zum EnBW-Kauf. Darin hieß es, der damalige Finanzminister Stächele habe mit seiner Unterschrift unter die Notbewilligung zum Ankauf der EnBW-Aktien ohne die Beteiligung des Parlamentes gegen die Verfassung des Landes Baden-Württemberg verstoßen. Stächele trat am 12. Oktober 2011 schließlich als Landtagspräsident zurück.[62][63]

Am 8. Februar 2012 äußerte sich die Staatsanwaltschaft Stuttgart, sie werde gegen Mappus und Stächele keine Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue einleiten.[64]

Im April 2012 gab der Rechtsanwalt Martin Schockenhoff, dessen Kanzlei bei dem fraglichen Geschäft beratend tätig war, vor dem Untersuchungsausschuss zu Protokoll, Mappus sei dazu bereit gewesen, verfassungsrechtliche Bedenken in Kauf zu nehmen, für den Fall, dass dadurch ein Verkauf an Dritte weniger wahrscheinlich würde. Damit widersprach er Mappus’ Darstellung.[65]

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt nun seit Juli 2012 doch gegen Mappus wegen des Verdachts der Untreue. Aus einem Gutachten des Landesrechnungshofes hätten sich „zureichende tatsächliche Anhaltspunkte“ für einen Tatverdacht ergeben. Mappus wird vorgeworfen, für die EnBW-Aktien mindestens 840 Millionen Euro zu viel gezahlt zu haben.[66] Dies geht aus einem weiteren Gutachten hervor, das von der grün-roten Landesregierung in Auftrag gegeben und von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein Grant Thornton erstellt worden ist.[67] Am 11. Juli 2012 wurden die Wohnung von Stefan Mappus sowie weitere Objekte in acht Orten von der Polizei durchsucht.[68][69]

Am 23. August 2012 wurde bekannt, dass sämtliche Daten aus dem Dienstcomputer des ehemaligen Ministerpräsidenten gelöscht worden waren. Dabei sei auf Veranlassung von Stefan Mappus nach der Niederlage der CDU bei der Landtagswahl, aber vor dem Einzug seines Nachfolgers Kretschmann in die Regierungsvilla Reitzenstein in Stuttgart die Festplatte entfernt und physisch zerstört worden.[70] Mappus hat den Rechtsanwalt Stephan Holthoff-Pförtner mit seiner Verteidigung beauftragt.[71]

Mappus scheiterte im November 2012 mit seiner Klage beim Oberlandesgericht Stuttgart gegen die Aushändigung von Unterlagen, die diese bei Mappus beschlagnahmt hatte, an den EnBW-Untersuchungsausschuss des Landtags. Dabei handelt es sich um Sicherungskopien, die im Herbst 2010 nur zur Fehlerbehebung am Computer gemacht worden seien. Die Mails seien privater Natur, erklärten die Anwälte der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Die Klage des Ex-Ministerpräsidenten gegen die Herausgabe einer Kopie der vollständigen Ermittlungsakten sei unbegründet.[72] Ende November 2012 teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass die Ermittlungen noch monatelang dauern würden. [73]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stefan Mappus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikinews Wikinews: Stefan Mappus – in den Nachrichten

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Alumnus an der Landesspitze. Rektor gratuliert Stefan Mappus zur Wahl zum Ministerpräsidenten. In: Pressemitteilung. Universität Hohenheim, 10. Februar 2010, abgerufen am 4. März 2013.
  2. Andreas Müller: Stefan Mappus: Ein Jobangebot von Siemens. Stuttgarter Zeitung Online, 25. August 2010, abgerufen am 3. März 2013.
  3. Stefan Mappus hört bei Merck auf. Handelsblatt, 21. November 2011, abgerufen am 4. März 2013.
  4. Die Landtagswahlen 2001 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und die Kommunalwahlen in Hessen. cosmopolis.ch Nr. 25/2001, 3. April 2001, abgerufen am 3. März 2013.
  5. Meldung IR-Ersatzkonzept im Südwesten. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 3/2001, ISSN 1421-2811, S. 100.
  6. hrsg=Europäische Bewegung Deutschland e.V. Neuer Bevollmächtigte für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit: Stefan Mappus. 15. Dezember 2010, abgerufen am 15. Dezember 2010.
  7. Wechsel in Baden-Württemberg. Mappus will Oettingers Nachfolger werden. Spiegel Online, 24. Oktober 2009, abgerufen am 3. März 2013.
  8. Oettinger-Nachfolge. Klares Votum für Mappus. Focus Online, 26. Oktober 2009, abgerufen am 4. März 2013.
  9. CDU nominiert Mappus als Oettinger-Nachfolger. stern.de, 26. Oktober 2009, abgerufen am 4. März 2013.
  10. Abstimmung im Landtag. Mappus ist neuer Ministerpräsident. Stuttgarter Zeitung, 10. Februar 2010, abgerufen am 4. März 2013.
  11. Wahl-Debakel: Brüderle und Mappus treten von Parteiämtern zurück. Spiegel Online, 28. März 2011, abgerufen am 28. März 2011.
  12. Hanna Hauck: Ex-Ministerpräsident Mappus wechselt von der Politik in die Wirtschaft. Epoch Times Europe, 4. August 2011, abgerufen am 4. März 2013.
  13. Nadine Schmid, Viola Kraus: Enzberger zu Stefan Mappus: "Immer noch einer von uns". Pforzheimer Zeitung, 8. Februar 2010, abgerufen am 10. Februar 2010.
  14. Andreas Müller: Haudrauf muss Harmonie stiften. Stuttgarter Zeitung, 27. Oktober 2009, abgerufen am 10. Februar 2010.
  15. Margarete van Ackeren, Hartmut Kistenfeger, Beate Schindler, Fritz Schwab: Der Kantige. Baden-Württembergs künftiger Ministerpräsident Stefan Mappus liebt klare Ansagen und steht deswegen unter Beobachtung. Focus Magazin 45/2009, 2. November 2009, abgerufen am 2. Oktober 2010.
  16. Neofaschismus in der Bundesrepublik Deutschland. Kulturhaus Osterfeld, archiviert vom Original am 17. Mai 2003, abgerufen am 17. März 2013 (Ausstellungsinformation, Offener Brief der CDU, Reaktion des Kulturhauses).
  17. Mappus mit brauner Soße. ka-news.de, 10. Juni 2007, abgerufen am 17. März 2013.
  18. Mappus muss heftige Attacken hinnehmen – Antrag auf einstweilige Verfügung zurückgewiesen Badische Neueste Nachrichten vom 1. Juni 2007
  19. Andreas Müller: Neuer Ministerpräsident Mappus. Schwule befürchten Intoleranz. Stuttgarter Zeitung, 12. Dezember 2009, archiviert vom Original am 14. Dezember 2009, abgerufen am 17. März 2013.
  20. Kein Grußwort der Landesregierung zum CSD Stuttgart. Die Historie des Schreibens oder Nicht-Schreibens von „warmen Worten“ für das schwul-lesbische Festival lässt tief blicken. IG CSD Stuttgart e.V., 20. Mai 2010, abgerufen am 17. März 2013 (PDF; 59 kB, Pressemitteilung).
  21. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Grußwort für das Programmheft des Christopher Street Day 2010 unter dem Motto „Schön wär’s“ vom 23. Juli bis 1. August 2010 in Stuttgart. Abgerufen am 17. März 2013 (PDF; 169 kB).
  22. Grussworte hrsg=IG CSD Stuttgart e.V. Abgerufen am 17. März 2013.
  23. CDU-Fraktionschef gegen CSD. queer.de, 18. Juli 2005, abgerufen am 17. März 2013.
  24. Norbert Blech: Homo-Feind soll Ministerpräsident werden. queer.de, 26. Oktober 2009, abgerufen am 17. März 2013.
  25. Steuerhinterziehung: Mappus will Steuer-CD nicht kaufen. manager magazin, 28. Februar 2010, abgerufen am 3. Oktober 2010.
  26. Steuerbetrug: Heftige Kritik an Mappus. Stuttgarter Zeitung, 28. Februar 2010, abgerufen am 3. Oktober 2010.
  27. a b Stuttgart 21: Mappus soll harten Polizei-Einsatz gebilligt haben. Der Spiegel, 17. Dezember 2010, abgerufen am 18. Dezember 2010.
  28. Thomas Braun, Markus Heffner: Einsatz vom 30. September: Polizei missachtet ihre eigenen Vorschriften. Stuttgarter Zeitung, 19. März 2011, abgerufen am 19. März 2011.
  29. Extra 3 überreicht Mappus den goldenen Schlagstock. Kessel.tv, 10. Oktober 2010, abgerufen am 17. März 2013.
  30. Stuttgart 21: „Wir lassen uns nicht reinreden“. Badische Zeitung, 17. Dezember 2010, abgerufen am 18. Dezember 2010.
  31. Untersuchungsausschuss Stuttgart 21: Wasserwerfer war „mildestes Mittel“. die tageszeitung, 29. November 2010, abgerufen am 18. Dezember 2010.
  32. Zwist – Kritik an Stuttgarts OB: Mappus empört Parteifreunde. Badische Zeitung, 4. März 2011, abgerufen am 26. März 2011.
  33. Schnelle Entschuldigung. Stuttgarter Zeitung, 3. März 2011, abgerufen am 26. März 2011.
  34. Angriff auf OB Schuster: Mappus auf dem Rückzug. Badische Zeitung, 3. März 2011, abgerufen am 5. März 2011.
  35. a b KNA Katholische Nachrichten-Agentur, zitiert nach domradio: Mappus: Auch Kirchgänger sind Wähler, 15. Februar 2010.
  36. Norbert Wallet: Wählerschwund. Vor allem neue Wähler hinzugewinnen. Kölnische Rundschau, 14. Januar 2010, abgerufen am 3. März 2013.
  37. Stefan Mappus fordert längere AKW-Laufzeiten. Die Welt, 12. Juli 2010, abgerufen am 19. März 2011.
  38. Streit um Atompolitik. Mappus fordert Röttgens Rücktritt. Stuttgarter Zeitung, 11. Februar 2011, abgerufen am 3. März 2013.
  39. Sebastian Fischer, Philipp Wittrock: Schwarz-gelbe Atomwende: Die neue Anti-AKW-Bewegung. Spiegel Online, 15. März 2011, abgerufen am 3. März 2013.
  40. [faz.net vom 15. März 2011:Sieben Kernkraftwerke gehen vorerst vom Netz. faz.net, 15. März 2011, abgerufen am 23. März 2013.
  41. Mappus zu EnBW: Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Stuttgarter Zeitung, 7. Dezember 2010, abgerufen am 12. Dezember 2010.
  42. www.morganstanley.com Pressemitteilung (12. Februar 2009): Morgan Stanley mit neuem Chef für Deutschland und Österreich: Dirk Notheis führt die Bank als neuer Vorstandsvorsitzender
  43. Henri Proglio im Munzinger-Archiv, abgerufen am 7. Januar 2011
  44. Foto Von Henri und René Proglio bei Agence photografique MYOP. Abgerufen am 7. Januar 2011.
  45. Électricité de France: EnBW-Ausstieg sorgt für Wirbel. Stuttgarter Zeitung, 20. Dezember 2010, abgerufen am 7. Januar 2011.
  46. Regierungserklärung von Ministerpräsident Stefan Mappus am 15. Dezember 2010. Landesregierung Baden-Württemberg, 15. Dezember 2010, abgerufen am 7. Januar 2011.
  47. Spiegel-Online: Vertraulicher Bericht zu EnBW-Deal belastet Ex-Ministerpräsident Mappus. Abgerufen am 9. Februar 2012.
  48. Notheis korrigiert Zeugenaussage. Stuttgarter Zeitung, 5. Juni 2012, abgerufen am 5. Juni 2012.
  49. spiegel.de 10. Dezember 2010: Ein Deal, zwei Freunde, viele Fragen, 2. Teil: Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Auftragsvergabe
  50. EnBW-Verlauf: Mappus und die Maultaschen-Connection. Handelsblatt, 10. Dezember 2010, abgerufen am 12. Dezember 2010.
  51. zit. nach  Maria Marquart: Mappus droht die Kernkraftfalle. 16. März 2011
  52. Andreas Müller: EnBW-Deal. Es droht ein böses Erwachen. Stuttgarter Zeitung, 20. März 2011, abgerufen am 13. Oktober 2011.
  53. Mappus wickelte EnBW-Deal mit CDU-Freund ab. Der Spiegel, 10. Dezember 2010, abgerufen am 12. Dezember 2010.
  54. spiegel.de 11. Juli 2012: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Mappus
  55. Opposition zum EnBW-Rückkauf: Machtmissbrauch von Mappus? Stuttgarter Zeitung, 15. Dezember 2010, abgerufen am 15. Dezember 2010.
  56. Andreas Müller: EnBW-Aktienkauf: Stächele spät in EnBW-Deal eingeweiht. Stuttgarter Zeitung, 18. März 2011, abgerufen am 18. März 2011.
  57. EnBW Aktien: Keine Ermittlung gegen Mappus. Stuttgart Journal, 8. März 2011, abgerufen am 8. März 2011.
  58. Stuttgarter Nachrichten, EnBW-Aktien des Landes verlieren drastisch an Wert – der Artikel vom 18. März 2011 errechnet per Analogieschluss einen Marktwert von geschätzt 3,63 Milliarden Euro
  59. Rüdiger Bäßler: EnBW wird für Mappus zur Belastung. Die Zeit, 22. März 2011, abgerufen am 22. März 2011.
  60. EnBW-Einstieg kostet sechs Milliarden. Stuttgarter Zeitung, 16. Dezember 2010, abgerufen am 19. März 2011.
  61. Atomkraft: EnBW-Deal könnte teuer werden. Stuttgarter Nachrichten, 19. März 2011, abgerufen am 19. März 2011.
  62. EnBw-Deal kostet Stächele den Job Südwestrundfunk, 11. Oktober 2011
  63. [1] Pressemitteilung des Landtags, 11. Oktober 2011
  64. [2] EnBW-Deal: Keine Ermittlungen gegen Mappus und Stächele
  65. Zeuge widerspricht Mappus. In: Süddeutsche Zeitung, 20. April 2012. Abgerufen am 20. April 2012.
  66. sueddeutsche.de 11. Juli 2012
  67. Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Mappus. In: Spiegel, 7 Juli 2012. Abgerufen am 7 Juli 2012.
  68. Mappus unter Verdacht. In: Zeitung für kommunale Wirtschaft, 11. Juli 2012. Abgerufen am 11. Juli 2012.
  69. Spiegel Online vom 11. Juli 2012: Umstrittener EnBW-Deal: Razzia in Mappus' Wohnungen
  70. Andreas Müller: Wirbel um Mappus-Computer: Datenvernichtung wird untersucht. Stuttgarter Zeitung, 23. August 2012, abgerufen am 3. März 2013.
  71. spiegel.de 11. Juli 2012: Der tiefe Sturz des Stefan Mappus
  72. Spiegel-Bericht: EnBW-Deal: Staatsanwalt darf Mappus-Akten herausgeben vom 15. November 2012.
  73. spiegel.de: Aufwendige Ermittlungen gegen Mappus dauern auch 2013 an