Ukrainische griechisch-katholische Kirche

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Die Ukrainische griechisch-katholische Kirche (auch Ukrainische katholische Kirche nach byzantinischem Ritus oder Kyiver katholische Kirche) ist eine seit 1593 mit der römisch-katholischen unierte Kirche des byzantinischen Ritus und bildet daher eine Teilkirche der römisch-katholischen Kirche. Ihr gehören etwa 5,2 Millionen Gläubige in der Ukraine sowie Polen, den Vereinigten Staaten, Südamerika, Australien und Westeuropa an. Das gegenwärtige Oberhaupt der Kirche ist seit 2011 Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk.[1] Der Sitz der Kirche befindet sich in der Auferstehungskathedrale in Kiew.

Geschichte[Bearbeiten]

Die kleine Holzkirche und Glockenturm aus dem 17. Jahrhundert in der Ortschaft Sielec im Westen der Ukraine sind architektonisch typisch für die Gegend

1593 entschlossen sich neun orthodoxe Bischöfe der dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel unterstehenden Ukraine, eine Union mit der katholischen Kirche einzugehen. Die Initiative dazu war vom polnischen König Sigismund III. ausgegangen, der eine konfessionelle Vereinheitlichung Polens anstrebte. Die orthodoxen Bischöfe versprachen sich von der Union die politische Gleichstellung mit den römisch-katholischen, mittelbar die Aufnahme in den polnischen Senat. 1594 unterzeichneten schließlich sechs Bischöfe den Vertrag zur Kirchenunion von Brest, Oktober 1596 ratifiziere der Heilige Synod der Kiewer Rus’ die von Rom approbierte Union.[2] Diese Bischöfe behielten den byzantinischen Ritus bei und versammelten sich um den Erzbischof von Lemberg, der somit zu ihrem Oberhaupt wurde.[3] Nach Widerstand in der Bevölkerung kam es aber schon 1620 zur Wiedererrichtung einer orthodoxen Hierarchie, mit einem eigenen Metropoliten von Kiew, der vom griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem geweiht wurde.[2]

Als die vornehmlich ukrainisch besiedelten Gebiete im Karpatenbogen 1944/45 an die Sowjetunion fielen, versuchte die sowjetische Regierung, die Kirche mit den von Rom getrennten Orthodoxen unter Zwang zu vereinigen, was dazu führte, dass die griechisch-katholische Kirche in den Untergrund ging und Tausende von Priestern, Mönchen und Nonnen sowie Hunderttausende von Gläubigen verfolgt und zahlreiche Gläubige eingesperrt wurden. Alle Bischöfe dieser Kirche wurden inhaftiert und lediglich der Erzbischof von Lemberg 1963 entlassen. Da er fortan im Exil leben musste, ging er nach Rom, wo er den Titel eines Großerzbischofs verliehen bekam. Nach seinem Ableben im Jahr 1984 wurde wieder ein Großerzbischof ins Amt berufen, der schließlich 1990 auf den heimatlichen Bischofssitz zurückkehren konnte. Die Wiedereröffnung der seinerzeit von den Sowjets geschlossenen Akademie in Lemberg folgte 1994. Im Jahr 2002 erhielt diese theologische Ausbildungsstätte, als erste und bislang einzige auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, den Status einer katholischen Universität.[4]

Oberhäupter[Bearbeiten]

Die Sankt-Georgs-Kathedrale (Sobor sv. Jura) in Lemberg war im 18. und 19. Jahrhundert die Mutterkirche der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche

Von der Union an bis etwa 1800 trug das Oberhaupt der (damals sogenannten) Unierten Kirche in der Ukraine den Titel eines Metropoliten von Kiew, obwohl die Stadt Kiew seit 1667 nicht zu Polen gehörte und in ihr kein unierter Metropolit mehr residierte. Vielmehr wurde das Oberhaupt aus dem Kreis der unierten Bischöfe gewählt, trug den Titel Metropolit von Kiew zusätzlich zu seinem bischöflichen Titel und führte die Teilkirche von seinem Bistum aus.

Mit der territorialen Neuordnung Mitteleuropas nach den drei Teilungen Polens und den Napoleonischen Kriegen wurde der bisherige Titel aufgegeben und der Bischof von Lemberg zum Metropoliten erhoben. Von nun an residierte das Oberhaupt der Teilkirche beständig in Lemberg. Der 1944 gewählte, 1945 verhaftete und 1963 nach Rom ausgewiesene Metropolit Jossyf Slipyj trug, obwohl er in Rom residierte, als Oberhaupt seiner Kirche weiterhin den Titel eines Metropoliten und seit 1975 eines Großerzbischofs von Lemberg. Sein zweiter Nachnachfolger, Kardinal Ljubomyr Husar, verlegte im Jahr 2005 den Sitz des Großerzbischofs in die ukrainische Hauptstadt Kiew und trägt seitdem den Titel Großerzbischof von Kiew und Halytsch. Der Großerzbischof wird in der Liturgie mit dem angestrebten, aber nicht amtlichen Titel Patriarch kommemoriert. Lemberg ist weiterhin Sitz eines eigenen Erzbischofs.

Organisation[Bearbeiten]

Die Kirche umfasst 29 Diözesen.

Weitere Diasporagemeinschaften

Kirchliches Leben[Bearbeiten]

Eine Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche in Bielefeld, Deutschland

Die Liturgie wird nach Byzantinischem Ritus gefeiert. Die Sprache im Gottesdienst ist ukrainisch, nicht kirchenslawisch. Der niedere Klerus darf heiraten.

In der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche gibt es den Orden der Basilianer des hl. Josaphat und den der Basilianerinnen vom hl. Basilius dem Großen. In Brasilien ist das Secular Institut Catechists of the Sacred Heart of Jesus (Säkularinstitut) beheimatet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Christian Maner und Norbert Spannenberger (Hrsg.): Konfessionelle Identität und Nationsbildung. Die griechisch-katholischen Kirchen in Ostmittel- und Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert. (=Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa. 25). Stuttgart 2007. ISBN 3-515-09024-X
  • John-Paul Himka: Religion and Nationality in Western Ukraine: The Greek Catholic Church and the Ruthenian National Movement in Galicia, 1867-1900. McGill-Queen's Univ. Press, Montreal 1999. ISBN 0-7735-1812-6
  • Oleh Turij: Das religiöse Leben und die zwischenkonfessionellen Verhältnisse in der unabhängigen Ukraine. Institut für Kirchengeschichte der Ukrainischen Katholischen Universität, Lviv (Lemberg) 2007

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Radio Vatikan: Ukraine/Vatikan: Schewtschuk neues Oberhaupt, rv/kipa 25. März 2011
  2. a b Ukrainisch Griechisch-Katholische Kirche, pro-oriente.at
  3. Ihor Harasim: Die Union von Brest. Voraussetzungen und Motive ihrer Entstehung. In: Internationales Forschungsgespräch der Stiftung Pro Oriente zur Brester Union, hrsg. v. Hans Marte. (= Das östliche Christentum. N.F. 54). Würzburg 2004. ISBN 3-7613-0209-6, S. 11–38.
  4. Johannes Oeldemann: Ukrainische griechisch-katholische Kirche. In: Wolfgang Thönissen (Hrsg.): Lexikon der Ökumene und Konfessionskunde. Im Auftrag des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik. Herder. Freiburg im Breisgau. 2007. ISBN 978-3-451-29500-3. S. 1380-1382.

50.45313330.586624Koordinaten: 50° 27′ 11″ N, 30° 35′ 12″ O