Uwe Mundlos

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Uwe Mundlos (* 11. August 1973 in Jena; † 4. November 2011 in Eisenach) war ein deutscher Neonazi und mutmaßlicher Mörder. Zusammen mit Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe formte er die Terrorzelle des Nationalsozialistischen Untergrunds.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend in Jena[Bearbeiten]

Jena-Winzerla

Uwe Mundlos wuchs in geordneten Verhältnissen in Jena auf. Er hatte einen behinderten Bruder. Seine Mutter war Verkäuferin, sein Vater Siegfried Mundlos Mathematiker an der Universität Jena und seit Beginn der 90er Jahre Informatik-Professor an der Fachhochschule Jena.[1]

Die elterliche Wohnung befand sich in einem Plattenbau in der Max-Steenbeck-Straße im Jenaer Stadtteil Winzerla. Mundlos war Mitglied der Thälmann-Pioniere und der Freien Deutschen Jugend FDJ (1987).[2] Bis zum Sommer 1989 besuchte er die Polytechnische Oberschule POS Magnus Poser.[2] Mundlos hatte gute Schulnoten, besonders die naturwissenschaftlichen Fächer fielen ihm leicht.[3] Nachdem Mundlos die Schule nach der zehnten Klasse verlassen hatte, machte er eine Ausbildung als Datenverarbeitungskaufmann bei Carl Zeiss. Später versuchte er, am Ilmenau-Kolleg das Abitur nachzuholen.[2]

Thüringer Neonazi-Szene[Bearbeiten]

Noch zu DDR-Zeiten wurde Mundlos zum rechtsextremen Skinhead. Ab 1988 kam er mit „kurzgeschorenen Haaren und Springerstiefeln“ in die Schule[2], nach der Wende radikalisierte er sich immer mehr.[4] Im September 1991 öffnete der Jugendclub Winzerclub, der zum Kristallisationspunkt der Jenaer Neonazi-Szene wurde.[3] Hier traf sich Mundlos regelmäßig mit den späteren NSU-Mitgliedern und -Unterstützern Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Holger Gerlach und André Kapke und bildete die Kameradschaft Jena, deren stellvertretender Führer er war. „Sein Weltbild war geprägt vom Nationalsozialismus und der Verehrung von Rudolf Heß.“[1]

Mundlos tauchte immer weiter in die Szene ein: Er besuchte Skinhead-Konzerte, beteiligte sich an Rudolf-Heß-Gedenkmärschen und einer NPD-Demonstration. Außerdem war er mit Mitgliedern von Blood and Honour befreundet und in der Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige (HNG) aktiv. Gemeinsam mit seinen Freunden Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zählte er ab 1995 zum harten Kern der Anti-Antifa Ostthüringen und des Thüringer Heimatschutzes.

Am 29. Juni 1995 verurteilte ihn das Amtsgericht Chemnitz wegen „Herstellen und Vorrätighalten von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ zu 20 Tagessätzen zu je 30 DM Geldstrafe.[1] Am 1. November 1996 erhielt er einen Platzverweis in der Gedenkstätte des KZ Buchenwald, weil er gemeinsam mit Uwe Böhnhardt das Gelände in SA-ähnlicher Uniform betreten hatte.[5]

Mundlos soll bereits Mitte der 1990er Jahre über ein Netzwerk von bundesweiten Kontakten zu neonazistischen Gruppen verfügt haben.[6]

Wehrdienst und MAD-Kontakt[Bearbeiten]

Vom 5. April 1994 bis zum 31. März 1995 diente Uwe Mundlos als Grundwehrdienstleistender in der Bundeswehr beim Panzergrenadierbataillon 381 in der Kyffhäuser-Kaserne in Bad Frankenhausen.[1] Dort setzte er seine rechtsextremistischen Aktivitäten fort und fiel unter anderem wegen des Singens rechtsextremer Lieder auf. Sein Kompaniechef beantragte einen Disziplinararrest von sieben Tagen, u. a., weil Mundlos „eine persönliche Visitenkarte mit dem Kopf von Adolf Hitler und ein Bild des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß bei sich getragen hatte“. Mundlos wurde in Gewahrsam genommen, Beamte ließen seine Wohnung durchsuchen und entdeckten dort 15 Kassetten mit rechter Musik und Flugblätter der NPD.[7] Nach Auffassung der ersten Kammer des Truppendienstgerichts Süd in Kassel erfüllte dies aber „weder einen Straftatbestand noch den Tatbestand eines Dienstvergehens“.[8] Der Arrest wurde abgelehnt.

Gleichzeitig führte der Militärische Abschirmdienst Mundlos als Verdachtsperson. Im März 1995 wurde er vom MAD vernommen und gefragt, „ob er sich vorstellen könne, ihm bekanntgewordene Termine für Anschläge auf Asylbewerberheime der Polizei oder den Verfassungsschutzbehörden zu melden“. Mundlos verneinte. Über die Kontakte zu Mundlos führte der MAD eine Beobachtungsakte, die 15 Jahre nach Beendigung seines Wehrdienstes ordnungsgemäß vernichtet wurde. Der Vorgang wurde erst im September 2012 auf Nachfrage des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele im NSU-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages bekannt [9] und löste einen Eklat aus[10], da das Verteidigungsministerium und Ressortchef Thomas de Maizière schon länger von der Existenz der Unterlagen wussten. Die Akte war zunächst unauffindbar gewesen.[11]

Trotz seiner verfassungsfeindlichen Gesinnung wurde Mundlos von der Bundeswehr zum Gefreiten befördert. Außerdem wurde er an Waffen ausgebildet: am Sturm- und Maschinengewehr und an der Walther P1.[8] Mundlos habe als Richtschütze und Gehilfe des Kompanietruppführers „gute Leistungen gezeigt“, heißt es in einem Zeugnis zum Ende seines Wehrdienstes. Für seine Führung bescheinigte ihm die Bundeswehr „Befriedigend“.[12]

Walther P1

Bombenbau in Jena[Bearbeiten]

Uwe Mundlos und seine Freunde Böhnhardt und Zschäpe fielen ab Mitte der 90er Jahre durch eine Vielzahl gemeinschaftlicher neonazistischer Aktivitäten und zunehmende Militanz auf. So wurden am 9. November 1996, dem Gedenken an die Novemberpogrome 1938, in ihrem Auto Handbeile, Schlagstöcke, eine Gaspistole, ein Wurfstern, Kampfmesser, eine Luftdruckpistole und ein Poster mit Wehrmachts-Motiv gefunden.[1]

  • Am 6. Oktober 1996 wurde im Ernst-Abbe-Stadion des FC Carl Zeiss Jena eine Holzkiste mit aufgemaltem Hakenkreuz und einer Bombenattrappe gefunden.
  • Zum Jahreswechsel 1996/1997 gingen bei der Polizeiwache Jena, beim Jenaer Ordnungsamt und der Lokalredaktion der Thüringischen Landeszeitung Briefbomben-Attrappen ein.
  • Am 2. September 1997 fanden Kinder auf dem Jenaer Theaterplatz einen Koffer, auf dem mit einer Sprühschablone zwei Hakenkreuze angebracht waren. Im Koffer befand sich ein Metallrohr mit einer geringen Menge TNT. Die Bombe war nicht zündfähig und stimmte mit der Stadionbombe überein.[5]
  • Am 26. Dezember 1997 entdeckten Spaziergänger an der Gedenkstätte für Magnus Poser auf dem Jenaer Nordfriedhof einen Koffer mit aufgemaltem Hakenkreuz, der im Nachhinein ebenfalls Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zugeordnet wurde.[13] Poser wurde 1944 im KZ Buchenwald erschossen und war Namensgeber der Schule von Uwe Mundlos.

Am 26. Januar 1998 wurden die Wohnungen von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sowie ein von ihnen benutzter Jenaer Garagenkomplex vom Landeskriminalamt Thüringen durchsucht. Dabei wurden vier scharfe Rohrbomben, 1,4 Kilogramm TNT-Sprengstoff und Nazipropaganda-Material gefunden.[14] In der Garage gefundene Knetmasse war identisch mit der Knetmasse der Theaterplatz-Bombe. Am 28. Januar erließ die Staatsanwaltschaft Gera Haftbefehl.[15] Die Staatsanwaltschaft Gera stellte das Strafverfahren gegen Mundlos im Jahr 2003 wegen Verjährung zu früh ein – die Staatsanwaltschaft Jena hatte im Jahr 2000 die Durchsuchung beantragt.[16]

Nationalsozialistischer Untergrund[Bearbeiten]

Bereits zwei Tage vor dem Erlassen des Haftbefehls waren Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe am 26. Januar 1998 in den Untergrund abgetaucht. Dabei konnten sie bis zu ihrer Enttarnung Ende 2011 auf ein breites Netzwerk alter Bekannter aus der Neonazi-Szene zählen, das sie mit Wohnungen, Waffen, Geld und Papieren unterstützte.[17] So nutzte Mundlos, Spitzname Max, den Personalausweis von Max-Florian B., um sich einen falschen Reisepass ausstellen zu lassen,[18] und besaß dessen Geburtsurkunde.[19] Trotz zahlreicher Erkenntnisse des Landeskriminalamts Thüringen und des Verfassungsschutzes konnte das Trio nicht gefasst werden.[1]

Das Fernsehmagazin Frontal21 berichtete, dass bei einer Observation im Sommer 2000 sächsische Verfassungsschützer die rechtsextreme „Weiße Bruderschaft“ in Johanngeorgenstadt fotografierten. Dabei wurde offenbar auch Uwe Mundlos fotografiert. Nach dessen Tod übermittelte der Verfassungsschutz die Observationsfotos im November 2011 an das Bundeskriminalamt.[20]

Beispiel der bei Mordserie verwendeten Tatwaffe, einer CZ 83 im Kaliber 7,65 mm, hier jedoch ohne Laufgewinde für einen Schalldämpfer

Nach dem Untertauchen kamen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe nach Ansicht des Bundesgerichtshofes darin überein, als Nationalsozialistischer Untergrund „durch Mordanschläge auf ‚Feinde des Deutschen Volkes‘ wie türkischstämmige Einwohner sowie Repräsentanten der herrschenden Ordnung wie etwa Polizeibeamte … ein Klima der Verunsicherung“ zu schaffen, um einen Systemwechsel vorzubereiten.[1] Das Terror-Trio verübte „die größte und blutigste Verbrechensserie seit den Anschlägen der Rote Armee Fraktion“:[21]

  • Zwischen dem 9. September 2000 und dem 6. April 2006 sollen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt acht türkischstämmige und einen griechischen Kleinunternehmer ermordet haben (→ NSU-Morde).
  • Am 27. April 2007 sollen sie in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen und ihren Kollegen schwer verletzt haben.
  • Am 9. Juni 2004 sollen sie in der Kölner Keupstraße durch ein Nagelbomben-Attentat 22 Menschen verletzt haben.
  • Auch der Sprengstoffanschlag auf ein Kölner Lebensmittelgeschäft im Januar 2001 wird ihnen zugerechnet.
  • Zwischen dem 6. Oktober 1999 und dem 4. November 2011 sollen sie 14 Banküberfälle in Chemnitz, Zwickau, Stralsund, Arnstadt und Eisenach verübt haben.[22]

Für ihre mutmaßlichen Taten nutzten sie Mountainbikes und angemietete Wohnmobile. Ab 2007 machte Mundlos gemeinsam mit Böhnhardt und Zschäpe mehrfach Urlaub auf der Insel Fehmarn[23], auf dem Campingplatz Wulfener Hals, wo sie einen Caravan mieteten.

Im Mai 2008 zog das Trio in eine konspirative Wohnung in der Frühlingsstraße 26 im Zwickauer Ortsteil Weißenborn, die der Neonazi Matthias D. angemietet hatte. Uwe Mundlos erstattete diesem einmal jährlich die Kosten für Festnetz- und Internetanschluss, Lisa Pohl alias Beate Zschäpe bezahlte die Miete.[24]

Suizid in Eisenach[Bearbeiten]

Am 4. November 2011 überfielen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Sparkassen-Filiale am Nordplatz in Eisenach und erbeuteten 71.915 Euro. Bei ihrer Flucht wurden sie beobachtet, woraufhin die Polizei ein verdächtiges Wohnmobil, in dem sich die Bankräuber versteckten, in der Straße Am Schafrain entdeckte.[25] Nachdem sie zunächst einen Schuss auf die Polizei abgegeben hätten, töteten sie sich selbst.[26] Dabei, so die Rekonstruktion, soll Uwe Mundlos mit einer Winchester-Pumpgun Uwe Böhnhardt mit einem aufgesetzten Schuss in die Schläfe getötet haben. Anschließend soll er das Fluchtfahrzeug in Brand gesetzt und sich selbst mit der Pumpgun in den Mund geschossen haben.[27]

Literatur[Bearbeiten]

  • Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szene, Hintergründe. Das Neue Berlin, Berlin 2012. ISBN 978-3-360-02149-6.
  • Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle – Rechter Terror in Deutschland. Rowohlt, Reinbek 2012, ISBN 978-3-498-02005-7.
  • Patrick Gensing: Terror von rechts. Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik. Rotbuch-Verlag, Berlin, 2012. ISBN 978-3-86789-163-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g Gerhard Schäfer, Volkhard Wache, Gerhard Meiborg: Gutachten zum Verhalten der Thüringer Behörden und Staatsanwaltschaften bei der Verfolgung des „Zwickauer Trios”. Freistaat Thüringen, der Innenminister, 15. Mai 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012 (PDF; 1,7 MB).
  2. a b c d Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Reinbek bei Hamburg, 2012, S.48 ff.
  3. a b Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szene, Hintergründe. Berlin 2012, S. 24
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatRainer Erb: Das Zwickauer Terror-Trio. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Februar 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012.
  5. a b Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz: Erkenntnisse zu den Personen Zschäpe, Beate; Böhnhardt, Uwe und Mundlos, Uwe. Zusammenfassung für den Generalbundesanwalt, Erfurt, 30. November 2011.
  6. Mundlos: Ein „Macher“ im Neonazi-Netzwerk. Publikative.org am 23. Mai 2013, abgerufen am 24. Mai 2013
  7. Zufrieden mit Soldat Mundlos: Bundeswehr kümmerte sich nicht n-tv.de vom 7. November 2012
  8. a b Uwe Mundlos, ein deutscher Soldat. Stern, 4. Oktober 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012.
  9. Geheimdienst wollte Neonazi Mundlos anwerben. Der Spiegel, 11. September 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012.
  10. Geheimhaltung einer MAD-Akte löst Eklat aus. Deutscher Bundestag, 12. September 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012.
  11. De Maizière war früh über MAD-Kontakt zu Mundlos informiert zeit.de vom 12. September 2012
  12. Zufrieden mit Soldat Mundlos: Bundeswehr kümmerte sich nicht n-tv.de vom 7. November 2012
  13. Frank Döbert: Aus den Anfängen der rechtsradikalen Bombenbastler von Jena. In: otz.de. 9. November 2011, abgerufen am 17. Dezember 2012.
  14. Fuchs, Goetz: Die Zelle, a.a.O., S. 19.
  15. Baumgärtner, Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio, a.a.O., S. 69.
  16. „Weitere Panne der Behörden bei NSU-Fahndung“. In: tagesspiegel.de 12. Februar 2013
  17. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatAndrea Röpke: Im Untergrund, aber nicht allein. Bundeszentrale für politische Bildung, April 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012.
  18. Das Netz der Rechtsterroristen. Die Welt, 20. Dezember 2011, abgerufen am 4. Oktober 2012.
  19. Baumgärtner, Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio, a.a.O., S. 211.
  20. Frontal21 vom 28. Februar 2012: nachgehakt: NSU Terror-Trio: Offenbar weitere Fahndungspanne in Johanngeorgenstadt
  21. Baumgärtner, Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio, a.a.O., S 18
  22. Regierungserklärung des Thüringer Innenministers. Landtag Thüringen, 22. Juni 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012 (PDF; 90 kB).
  23. Baumgärtner, Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio, a.a.O., S 177 ff
  24. Baumgärtner, Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio, a.a.O., S 182
  25. Baumgärtner, Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio, a.a. O., S. 20 ff
  26. Fuchs, Goetz: Die Zelle, a.a.O., S. 231 ff.
  27. Mundlos erschoss Böhnhardt. Hamburger Abendblatt, 21. November 2011, abgerufen am 4. Oktober 2012.