Woyzeck

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Woyzeck (Begriffsklärung) aufgeführt.
Daten des Dramas
Titel: Woyzeck
Gattung: Soziales Drama
Dramenfragment
Originalsprache: Deutsch
Autor: Georg Büchner
Erscheinungsjahr: 1879
Uraufführung: 8. November 1913
Ort der Uraufführung: Residenztheater München
Personen
  • Franz Woyzeck
  • Marie
  • Christian, ihr Kind, etwa einjährig
  • Hauptmann
  • Doktor
  • Tambourmajor
  • Unteroffizier
  • Andres
  • Margreth
  • Marktschreier, Ausrufer einer Bude
  • Alter Mann
  • Tanzendes Kind
  • Erster Handwerksbursch
  • Zweiter Handwerksbursch
  • Narr Karl
  • Der Jude
  • Großmutter
  • Erstes Kind
  • Zweites Kind
  • Erste Person
  • Zweite Person
  • Wirt
  • Käthe
  • Gerichtsdiener
  • Barbier
  • Arzt
  • Richter
  • Polizeidiener
  • Soldaten, Handwerksburschen, Leute, Mädchen und Kinder
Büchners Woyzeck-Manuskript mit Skizze des Arztes und des Hauptmanns
1. Seite der „Vorläufigen Reinschrift“

Woyzeck ist ein Dramenfragment des deutschen Dramatikers und Dichters Georg Büchner, der mit der Niederschrift vermutlich zwischen etwa Ende Juli und Anfang Oktober 1836 begann. Bei seinem frühen Tod im Jahr 1837 blieb das Werk als Fragment zurück. Das Manuskript ist in mehreren Entwurfsstufen überliefert. Im Druck erschien Woyzeck erstmals 1879 in der stark überarbeiteten und vom Herausgeber veränderten Fassung von Karl Emil Franzos. Erst am 8. November 1913 wurde Woyzeck im Residenztheater München uraufgeführt. Seitdem ist es in zahlreiche Sprachen übersetzt und viele Male neu interpretiert worden. Es verkörpert, vor allem seiner lockeren Episoden-Folge wegen, den Typus des offenen Dramas und gehört heute zu den meistgespielten und einflussreichsten Dramen der deutschen Literatur, das zahlreiche Künstler zu eigenen Werken inspirierte.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Quellen, historische Vorbilder[Bearbeiten]

Historisches Vorbild für den Büchnerschen Woyzeck ist der am 3. Januar 1780 in Leipzig als Sohn eines Perückenmachers geborene Johann Christian Woyzeck. Aus Eifersucht erstach er am 21. Juni 1821 die 46-jährige Witwe Johanna Christiane Woost in einem Hausflur in der Leipziger Sandgasse. Im Prozess erstellte der Medizinprofessor Johann Christian August Clarus zwei Gutachten über die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten. Woyzeck wurde nach einem langen Verfahren, in dem sich sogar der sächsische Thronfolger mit einem Gutachten für ihn einsetzte, verurteilt und am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig öffentlich hingerichtet. Diese historische Vorlage ist in jüngerer Zeit editorisch umfangreich bearbeitet worden.[1] So sind heute alle den historischen Woyzeck betreffenden Urteile und Gutachten im Volltext zugänglich und sowohl rechts- als auch psychiatriehistorisch ausgewertet.

Clarus’ Gutachten mit dem Titel Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders J. C. Woyzeck, nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen erschien in dem Fachblatt Henkes Zeitschrift für die Staatsarzneikunde. Büchners Vater hatte die Zeitschrift abonniert und veröffentlichte darin selbst Fälle aus seiner Praxis als Arzt.

Aus dieser Zeitschrift hat Georg Büchner wahrscheinlich auch Informationen über den Tabakspinnergesellen Daniel Schmolling, der am 25. September 1817 seine Geliebte Henriette Lehne in der Hasenheide bei Berlin umbrachte, und über den Leinenwebergesellen Johann Dieß, der am 15. August 1830 seine Geliebte Elisabeth Reuter in der Nähe von Darmstadt erstach.

Eine neuere Quelle[2] weist auf eine weitere Vorlage hin: Am 15. April 1816 ermordete der Schustergeselle Johann Philipp Schneider, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte, den Druckereigesellen Bernhard Lebrecht vor dem Rheintor in Darmstadt. Anschließend reinigte er Hände und Gesicht am Bessunger Tor in Darmstadt und wusch seine Kleider im Großen Woog, einem am Rand der Innenstadt von Darmstadt gelegenen See. Nach der Tat erholte sich Schneider in einem Wirtshaus. Ein Barbier fand Lebrechts Leiche und verständigte die Polizei. Schneider wurde anhand der Mordwaffe überführt, verurteilt und hingerichtet. Parallelen zu Büchners Drama sind offensichtlich. Als Separatdruck wurde dieser Fall 1816 vom Stabs-Auditeur Friedrich Schenk veröffentlicht und vom Darmstädter Hofgerichts-Advokat Philipp Bopp 1834 in einen Sammelband ausgewählter Fälle aufgenommen. Es lässt sich nicht nachweisen, dass Büchner die Veröffentlichung kannte, doch könnte er Bopp über gemeinsame Bekannte aus dem Kreis radikaler Demokraten in Darmstadt begegnet sein.

Eingearbeitet in das Drama wurde eine weitere historische Tatsache, nämlich die Erbsbrei-Experimente des Gießener Wissenschaftlers Justus von Liebig. Objekte dieser Menschenversuche waren Soldaten, die drei Monate lang Erbsbrei essen mussten und zwar nichts als Erbsbrei. Ziel dabei war herauszufinden, ob man das Militär und das Proletariat nicht viel billiger verköstigen könne, wenn man eiweißreiche Hülsenfrüchte verabreichte statt gelegentlichen Fleisches. Diese Ernährungsforschung ging gründlich schief: die Probanden litten bald unter Halluzinationen, verloren die Kontrolle über ihre Muskeln einschließlich des Schließmuskels und des Harndrangs. Die neurologischen Krankheitssymptome, die Woyzeck beim einseitigen Erbsenessen entwickelte, sind dabei tatsächlich die Folgen einer Vergiftung mit einem Übermaß an sogenannten „nicht proteinogenen Aminosäuren“. In Anbauländern wie Bangladesch oder Äthiopien kommt es noch heute manchmal zu solchen Vergiftungserscheinungen bei armen Leuten, die sich nur extrem einseitige Kost leisten können.[3]

Die Handschriften[Bearbeiten]

Georg Büchner begann im Verlauf des Jahres 1836 in Straßburg mit der Arbeit an Woyzeck. Fertigstellen konnte Büchner das Drama wegen seines frühen Todes nicht.

Insgesamt liegen dem Drama – Streichungen und verworfene Passagen nicht eingerechnet – 31 Szenen aus der Hand Büchners zugrunde, die wahrscheinlich vier Entwicklungsstadien zugeordnet werden können. Es ist nicht erkennbar, wie Büchner diese Szenen anordnen wollte. Die Manuskriptseiten haben keine Seitenzahlen, die Szenen des nicht in Akte gegliederten Stücks sind nicht nummeriert. Viele Szenen sind sehr kurz und trotzdem eigenständig. Die Tinte des Manuskripts ist so stark verblasst, dass Büchners Bruder Schwierigkeiten hatte, das Werk zu entziffern; auch deshalb nahm er es nicht in die erste Gesamtausgabe von 1850 auf.

Das Woyzeck-Fragment liegt handschriftlich in mehreren Entwurfsfassungen vor, die heute im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv aufbewahrt werden. Eine Faksimileausgabe der Handschriften veröffentlichte 1981 Gerhard Schmid (s. Literatur).

Das Manuskript ist folgendermaßen überliefert:

  • fünf Blätter im Kanzleiformat, gefaltet zu Doppelblättern im Folioformat mit zwei Szenengruppen zu 21 (heute als Entwurfsstufe H1 bezeichnet) und 9 Szenen (Gruppe H2).
  • ein Einzelblatt im Quartformat mit zwei einzelnen Szenen.
  • sechs Blätter im Folioformat, gefaltet zu sechs Doppelblättern im Quartformat (letzte Entwurfsstufe H4). Diese „vorläufige Reinschrift“ des Dramas ist als am weitesten fortgeschrittener Entwurf die Grundlage heutiger Lese- und Bühnenfassungen.

Editionsgeschichte[Bearbeiten]

Der fragmentarische Charakter des Stücks hatte für seine Veröffentlichung – wie auch für die Inszenierungen – weitreichende Folgen. Die Handschriften mussten wieder lesbar gemacht, transkribiert, die Szenenfolge für die Aufführung auf der Bühne festgelegt werden. Für die Interpreten des Woyzeck wie auch für die Büchner-Gelehrten bot sich reichlich Gelegenheit zu Diskussionen.

Vierzehn Jahre nach Georg Büchners Tod brachte sein Bruder Ludwig 1850 die Nachgelassenen Schriften heraus. Woyzeck wurde nicht aufgenommen, da das Manuskript stark verblasst und weitgehend unleserlich war. Der österreichische Schriftsteller Karl Emil Franzos konnte das Manuskript mit chemischer Behandlung wieder lesbar machen (s. Franzos’ Textkritik). Er publizierte 1879 das Fragment in einer stark überarbeiteten Fassung in Georg Büchner: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß (s. Weblinks). Die Hauptperson heißt nach Franzos’ Lesart Wozzeck. An den Anfang des Stückes hat Franzos nicht die Szene auf dem freien Feld vor der Stadt, sondern die Rasierszene gesetzt (s. Szenenfolge: 5. Szene). Entscheidungen, die bis heute nachwirken: Werner Herzogs Woyzeck-Film beispielsweise beginnt mit der Rasierszene, genau so, wie die im Projekt Gutenberg veröffentlichte Fassung.[4] Diese Reihenfolge wird u.A. auch vom Oldenbourg-Verlag verwendet.

Auf die von Franzos herausgegebene Fassung bezog sich Paul Landau, der 1909 in Georg Büchners gesammelte Schriften eine weitere Fassung herausgab, die sich lediglich in der Szenenanordnung von Franzos’ Ausgabe unterschied. Diese Version benutzte Alban Berg als Grundlage für seine Oper „Wozzeck“.

Fritz Bergemann gab Sämtliche Werke und Briefe heraus. Die nicht abgeschlossene Kritisch-historische Ausgabe von Werner R. Lehmann war auch die Grundlage der Münchner Ausgabe im Carl Hanser Verlag im Jahr 1980.

Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden, herausgegeben von Henri Poschmann, ist die jüngste Edition von Büchners Gesamtwerk (seit 2002 als Taschenbuch im Insel-Verlag). Burghard Dedner ist zusammen mit Thomas Michael Mayer verantwortlich für die Studienausgabe bei Reclam (s. Literatur).

2001 erschien im K.G.Saur Verlag, München, Georg Büchner: Woyzeck. Faksimile, Transkription, Emendation und Lesetext – Buch- und CD-Rom Ausgabe, herausgegeben von Enrico De Angelis. (ISBN 3-598-11457-5)

Im Januar 2006 ist als aktuelle Edition der Woyzeck als Band 7 der Historisch-kritische(n) Ausgabe der Sämtlichen Werke und Schriften Georg Büchners, der Marburger Ausgabe, erschienen. Der Textband (Band 7.1) wurde von Burghard Dedner und Gerald Funk herausgegeben, der Erläuterungsband (Band 7.2) von Burghard Dedner. Die Marburger Ausgabe ist seit September 2013 abgeschlossen.

Das Drama[Bearbeiten]

Handlung im Überblick[Bearbeiten]

Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind finanziell zu unterstützen versucht, arbeitet als Bursche für seinen Hauptmann. Um sich einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold, den er restlos an Marie abgibt, zu sichern, lässt er sich von einem skrupellosen Arzt zu Versuchszwecken auf Erbsendiät setzen. Hauptmann und Arzt nutzen Woyzeck nicht nur physisch und psychisch aus, sondern demütigen ihn obendrein in aller Öffentlichkeit.
Als Marie heimlich eine Affäre mit einem Tambourmajor beginnt und Woyzecks aufkeimender Verdacht sich bestätigt, nachdem er Marie im Wirtshaus beim Tanz mit dem Nebenbuhler beobachtet hat, glaubt er, innere Stimmen zu hören, die ihm befehlen, die treulose Marie umzubringen. Weil sein Geld für den Kauf einer Pistole nicht ausreicht, besorgt er sich ein Messer, führt Marie auf einem abendlichen Spaziergang in den nahegelegenen Wald und ersticht sie dort am Ufer eines Sees.

Szenenfolge[Bearbeiten]

Es gibt bis heute mehrere Lese- und Bühnenfassungen von Woyzeck. Werner R. Lehmann (s. Literatur) hat folgende Szenenfolge auf der Grundlage von Büchners Handschriften konstruiert:

  • 1. Szene: Freies Feld, die Stadt in der Ferne
Woyzeck, der mit seinem Kameraden Andres Weidenstöcke schneidet, fühlt sich von übernatürlichen Mächten bedroht: Es geht hinter mir, unter mir – hohl, hörst du? Alles hohl da unten. Die Freimaurer! – Andres versucht seine durch Woyzecks Halluzinationen ausgelöste Angst mit dem Volkslied von den „zwei Hasen“ zu verdrängen.
Randzeichnung aus Büchners Manuskript zur Straßenszene – Ausschnitt
  • 2. Szene: Die Stadt
Die Militärkapelle marschiert auf der Straße vorbei. Die Nachbarin Margreth bekommt das mit. Woyzeck besucht seine Geliebte und das Kind. Er spricht geheimnisvoll. Marie zeigt kein Verständnis.
  • 3. Szene: Buden, Lichter, Volk
Alter Mann singt zum Leierkasten. Marie und Woyzeck hören einem Ausrufer zu, der Kuriositäten präsentiert. Unteroffizier und Tambourmajor schwärmen von Marie.
  • 4. Szene: Mariens Kammer
Marie betrachtet sich im Spiegel. Der Tambourmajor hat ihr Ohrringe geschenkt. Woyzeck überrascht sie und gibt ihr Geld. Eilt wieder davon.
  • 5. Szene: Beim Hauptmann
Woyzeck rasiert den Hauptmann. Der verhöhnt ihn. Als der Hauptmann auf Woyzecks Moral und dessen uneheliches Kind, das ohne den Segen der Kirche geboren sei, zu sprechen kommt, gibt Woyzeck seine Wortkargheit auf und klagt über die Ungerechtigkeit der Welt: Ich glaub’, wenn wir [arme Leute] in den Himmel kämen, müssten wir donnern helfen!
  • 6. Szene: Mariens Kammer
Der Tambourmajor macht Marie Avancen. Sie weist ihn erst zurück, gibt dann jedoch nach.
  • 7. Szene: Auf der Gasse
Woyzeck hat eine Ahnung, dass Marie ihm untreu ist. Er will seine Vermutung von der Untreue Maries bestätigt wissen.
  • 8. Szene: Beim Doktor
Woyzeck hat sich dem Doktor für Versuche zur Verfügung gestellt, um Geld zu verdienen. Der Doktor verabreicht ihm die tägliche Erbsenration. Woyzeck spricht über seine Visionen. Für den Doktor ist Woyzeck ein interessanter casus.
  • 9. Szene: Straße
Der Hauptmann belästigt den Doktor mit seinen Ansichten. Der sagt dem Hauptmann einen Schlaganfall voraus. Als Woyzeck ihren Weg kreuzt, lassen beide ihre Aggressionen an ihm aus und deuten eine Affäre zwischen Marie und dem Tambourmajor an. Woyzeck ist getroffen.
  • 10. Szene: Die Wachtstube
Woyzeck teilt Andres seine innere Unruhe mit.
  • 11. Szene: Wirtshaus
Soldaten vergnügen sich, Handwerksburschen und junge Frauen tanzen. Unter ihnen auch Marie und der Tambourmajor. Woyzeck sieht das Paar, kann es nicht fassen.
  • 12. Szene: Freies Feld
Woyzeck hört Stimmen, die ihm auftragen, Marie zu töten: „… stich die Zickwolfin [Marie] tot.“
  • 13. Szene: Nacht
In der Nacht versucht sich Woyzeck Andres mitzuteilen und spricht von den Stimmen, die ihm befehlen zu töten, doch Andres will nur schlafen.
  • 14. Szene: Kammer
Woyzeck und der Tambourmajor treffen aufeinander. Im Zweikampf unterliegt der physisch schwächere Woyzeck.
  • 15. Szene: Kramladen
Woyzeck besorgt sich im Laden eines Juden ein Messer.
  • 16. Szene: Kammer
Marie empfindet Reue und sucht in der Bibel Trost.
  • 17. Szene: Kaserne
Woyzeck teilt Andres mit, wer seine Habseligkeiten nach seinem Tod bekommen soll, dieser erkennt seine psychische Lage nicht und geht von einer simplen Fiebererkrankung aus, die mit Medizin geheilt werden kann: Franz, du kommst ins Lazarett. Armer, du musst Schnaps trinken und Pulver drin, das töt’ das Fieber.
  • 18. Szene: Der Hof des Doktors
Studenten nehmen an einer Vorlesung teil. Woyzeck wird vom Doktor als Versuchsobjekt vorgeführt und gedemütigt.
  • 19. Szene: Marie mit dem Mädchen vor der Haustür/Straße
Marie sitzt mit mehreren kleinen Mädchen und der Großmutter vor dem Haus. Die Großmutter erzählt das Märchen vom Sterntaler in abgewandelter Form als Anti-Märchen mit bösem Ende. Woyzeck kommt hinzu und fordert Marie auf, ihm zu folgen. Marie wir wolln geh’n. ’s ist Zeit.
  • 20. Szene: Abend. Die Stadt in der Ferne
Woyzeck und Marie sind vor der Stadt. Marie folgt ihm unwillig und versucht der Situation zu entkommen. Ich muss fort, das Nachtessen richten. Anstatt sie gehen zu lassen, sticht Woyzeck plötzlich in einem Blutrausch auf Marie ein: Nimm das und das! Kannst du nicht sterben? So! so! Ha sie zuckt noch, noch nicht, noch nicht? Immer noch? (Stößt zu.) Bist du tot? Tot! Tot!
  • 21. Szene: Es kommen Leute
Zwei Personen hören aus der Ferne, was passiert und suchen den Tatort auf.
  • 22. Szene: Das Wirtshaus
Woyzeck sucht ein Wirtshaus auf, um sich auszuruhen. Eine Frau im Wirtshaus erkennt Blutspuren an Woyzeck, woraufhin dieser die Flucht ergreift.
  • 23. Szene: Abend. Die Stadt in der Ferne
Woyzeck sucht das Messer am Tatort in der Nähe eines Teiches, um die Indizien für den Mord zu vernichten.
  • 24. Szene: Woyzeck an einem Teich
Woyzeck versenkt das Messer im Teich und wäscht sich das Blut ab.
  • 25. Szene: Straße
Kinder teilen einander mit, dass vor der Stadt eine Leiche gefunden wurde.
  • 26. Szene: Gerichtsdiener, Arzt und Richter
Die gefundene Leiche wird als spektakulär angesehen – Gerichtsdiener: Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord, so schön als man ihn nur verlangen kann, wir haben schon lange so kein gehabt.
  • 27. Szene: Karl (Idiot), Woyzeck und das Kind
Karl hält Maries Kind auf dem Schoß. Woyzeck verspricht ihm ein Gebäck (Reuter). Karl läuft mit dem Kind weg.

Besonderheiten von Büchners Stil[Bearbeiten]

Im Gegensatz zur Sprache des klassischen Dramas herrscht im Woyzeck die Umgangssprache vor: „WOYZECK: Aber mit der Natur ist’s was anders, sehn Sie; mit der Natur, das ist so was, wie soll ich doch sagen, zum Beispiel …“ – Durch bewusst eingebaute Satzbrüche, Ellipsen und Interjektionen vermittelt Büchner Authentizität. Gleichzeitig dient diese Form der Umgangssprache als Spannung steigerndes Mittel. Das Aneinandervorbeireden der Menschen versinnbildlicht die Einsamkeit Woyzecks und seine zerbrechende Beziehung zu Marie. Darüber hinaus gelingt es Büchner, durch verschiedene Sprachebenen den gesellschaftlichen Rang der Sprecher anzudeuten. Der Doktor spricht hochsprachlich, während die Sprache Woyzecks und Maries, die den untersten Gesellschaftsschichten angehören, dialektgefärbt und fehlerhaft ist.

Die sozial Höherstehenden sprechen zwar meistens grammatikalisch korrekter, ergehen sich aber häufig in hohlen Phrasen (z. B. der Doktor: … der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit, 8. Szene) oder formulieren vage und unpräzise in Form von Tautologien (z. B. der Hauptmann: Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er!, 5. Szene). Woyzeck dagegen äußert sich, wenn er einmal den Mut fasst und aus sich herausgeht, sehr konkret und anschaulich. Durch zahlreiche Metaphern entsteht der Eindruck, dass er nicht in logischen Begriffen, sondern ausschließlich in Bildern denkt (z. B. Über der Stadt is alles Glut! Ein Feuer fährt um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen, 1. Szene; … der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist, eh er gemacht wurde, 5. Szene; … so ein schöner, fester, grauer Himmel; man könnte Lust bekommen, ein’ Kloben hineinzuschlagen und sich daran zu hängen, 9. Szene; Wenn man kalt is, so friert man nicht mehr. Du wirst vom Morgentau nicht frieren, 20. Szene; Nein, keine Schuh, man kann auch ohne Schuh in die Höll gehn, 22. Szene). Und das überaus anschauliche, poetisch anmutende „Märchen“ (19. Szene) wird von der Großmutter erzählt, die ebenfalls der Unterschicht angehört.

Auch die Bezeichnungen der Rollen sind aussagekräftig: Viele Personen, die der unteren Gesellschaftsschicht entstammen (Woyzeck, sein Stubenkamerad Andres, Marie, das Mädchen Käthe, Maries Nachbarin Margreth und der Narr Karl) wurden vom Autor mit Namen versehen und erscheinen, obwohl nur skizzenhaft gezeichnet, als Charaktere, zum Teil sogar als Identifikationsfiguren. Die meisten übrigen Rollen dagegen sind lediglich nach ihren beruflichen bzw. sozialen Funktionen benannt: „Tambourmajor“, „Hauptmann“, „Doktor“, aber auch „Großmutter“, „Budenbesitzer“, „Jude“ u.a. Ihre Rollen sind oft flacher und eindimensionaler, sie scheinen daher eher Typen als Charaktere zu sein.

Auffallend und oft rätselhaft sind die literarischen Bezüge des Dramenfragments: die zahlreichen Anspielungen auf die Bibel, auf Goethes Faust (19. Szene, Entwurfsstufe 1, Louis: Was hast du eine rote Schnur um den Hals), auf Shakespeares Hamlet (1. Szene: der rollende Kopf, der Igel und der hohle Boden unter den Füßen verweisen auf die Friedhofs- und die Geistszene) und nicht zuletzt auf Büchners eigene Werke (Dantons Tod und Lenz).[5]

Interpretation[Bearbeiten]

Woyzecks Motive[Bearbeiten]

Bemerkenswert ist, dass das Drama verschiedene Mordmotive Woyzecks anbietet, die je nach Ausgabe und Abfolge der Szenen unterschiedlich gewichtet werden:

  • Das Eifersuchtsmotiv: Das offensichtlichste Mordmotiv ist die Eifersucht auf den Tambourmajor, da Marie mit ihm ein Verhältnis eingeht, obwohl Woyzeck sich für sie und das gemeinsame Kind gleichsam aufopfert. Woyzeck ist dem Major in physischer, gesellschaftlicher und sexueller Hinsicht unterlegen (besonders deutlich in der Szene, in der die beiden kämpfen) und lenkt seine Aggression deswegen auf Marie.
  • Die psychische Störung: Woyzeck hört immer wieder Stimmen, ein Symptom für Schizophrenie. Hervorgerufen oder verschlimmert wird seine Krankheit durch den Vertrag mit dem Arzt. Anstatt Woyzeck zu heilen, benutzt er ihn als Versuchskaninchen und ermahnt ihn, eine extrem einseitige Ernährung (Erbsen-Diät) beizubehalten, und verstärkt so Woyzecks Mangelerscheinungen noch. Seine Symptome weisen auf eine Vergiftung durch die einseitige Ernährung mit Erbsenbrei hin. Das egoistische Motiv des Doktors ist allein der Ehrgeiz, seine pseudo-wissenschaftlichen Experimente voranzubringen. Somit erscheint der Mord zum Teil auch als Folge der durch Fehlernährung begünstigten psychischen Instabilität Woyzecks, die sich schon zu Beginn des Dramas abzeichnet.
  • Die Befreiung von der Gesellschaft: Woyzeck wird von der Gesellschaft, repräsentiert von Hauptmann, Doktor und Tambourmajor, ausgenutzt und gedemütigt. Sein Mord an Marie ist somit auch eine Form des Protests gegen die bestehenden Verhältnisse, der Ausbruch seiner aufgestauten Aggression gegen die etablierte Klasse, der er ausgeliefert ist.

Der Kern des Dramas[Bearbeiten]

Um den Kernpunkt des Dramas Woyzeck zu erfassen, ist es wichtig, auf das Mordmotiv einzugehen. Es reicht jedoch nicht, sich auf Woyzecks Eifersucht gegenüber dem Tambourmajor zu beschränken. Eine große Rolle spielen auch die gesellschaftlichen Hintergründe, ganz besonders die ständische Gliederung der Gesellschaft. Deutlich wird dies vor allem mit einem Blick auf die Personenkonstellation und die Sprache von Büchners Figuren.

Woyzeck wird in dieser Gesellschaft unterdrückt und gedemütigt, was sich in den Beziehungen zu dem Hauptmann, dem Doktor, aber auch dem Tambourmajor widerspiegelt: zum Hauptmann, der Woyzeck aufgrund seiner ärmlichen Herkunft als „unmoralisch“ bezeichnet; zum Doktor, der ihn als Versuchsobjekt ansieht und zur gesundheitsschädigenden Ernährung zwingt, dessen Experimenten sich Woyzeck jedoch nicht entziehen kann, da er auf diesen Nebenverdienst angewiesen ist, um seine Familie zu ernähren; zum Tambourmajor, der Woyzeck gegenüber keinen Respekt erweist und ihn sowohl öffentlich als auch privat lächerlich macht.

Woyzeck ist zudem nicht nur physisch, sondern auch psychisch labil. Das hat zur Folge, dass er sich der Willkür anderer Menschen unterordnet, obwohl deren Unterdrückung in ihm Wut und Verzweiflung auslösen. Allein die Beziehung zu Marie gibt ihm Halt und vermittelt ihm das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein. Maries Untreue ist demnach als Anlass für den Mord zu betrachten, nicht aber als Ursache: Durch den Verlust ihrer Treue kann Woyzeck dem gesellschaftlichen Druck, der auf ihm lastet, nicht länger standhalten. Der Mord an Marie kann als ein Akt der Selbstzerstörung Woyzecks und als eine Befreiung von der Gesellschaft interpretiert werden.

Rezeption des Woyzeck[Bearbeiten]

Auf Künstler, Regisseure, Maler, Musiker und Filmemacher in der ganzen Welt hatte Woyzeck erheblichen Einfluss.

Dichter, Kritiker, Dramatiker über „Woyzeck“[Bearbeiten]

„… der Woyzeck Georg Büchners … Eine ungeheure Sache, vor mehr als achtzig Jahren geschrieben … nichts als das Schicksal eines gemeinen Soldaten (um 1848 etwa), der seine ungetreue Geliebte ersticht, aber gewaltig darstellend, wie um die mindeste Existenz, für die selbst die Uniform eines gewöhnlichen Infanteristen zu weit und zu betont erscheint, wie selbst um den Rekruten Woyzeck, alle Größe des Daseins steht, wie er’s nicht hindern kann, dass bald da, bald dort, vor, hinter, zu Seiten seiner dumpfen Seele die Horizonte ins Gewaltige, ins Ungeheure, ins Unendliche aufreißen, ein Schauspiel ohnegleichen, wie dieser missbrauchte Mensch in seiner Stalljacke im Weltall steht, malgré lui, im unendlichen Bezug der Sterne. Das ist Theater, so könnte Theater sein.“

Rainer Maria Rilke, Brief an Maria von Thurn und Taxis, 9. Juli 1915

„Woyzeck ist der Mensch, auf dem alle rumtrampeln. Somit ein Behandelter, nicht ein Handelnder. Somit ein Kreisel nicht eine Peitsche. Somit ein Opfer nicht ein Täter. Dramengestalt wird sozusagen die Mitwelt – nicht Woyzeck. Kernpunkt wird sozusagen die quälende Menschheit – nicht ihr gequälter Mensch. Bei alle dem bleibt wahr, dass Woyzeck durch seine Machtlosigkeit justament furchtbarsten Einspruch erhebt. Dass er am tiefsten angreift – weil er halt nicht angreifen kann.“

Alfred Kerr, Theater-Kritik, 15. Dezember 1927

„Letztlich – und das ist das Entscheidende – geht es im „Woyzeck“ wie zuvor im „Landboten“ und im „Danton“ um die stets gleiche Frage: um die Abhängigkeit menschlicher Existenz von Umständen, die ‚außer uns liegen‘. Den „grässlichen Fatalismus der Geschichte“ und seine „zernichtende“ Gewalt hatte Büchner schon in seiner frühesten Gießener Zeit empfunden. Das Studium der Geschichte, vor allem der großen politischen Umwälzungen, hatte ihm die Frage gestellt, die er als Schicksalsfrage menschlicher Existenz empfand: „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“. Das aber war nichts anderes als die Frage nach den bestimmenden und verursachenden Faktoren des menschlichen Schicksals; es war die Frage nach Freiheit oder Vorherbestimmtheit menschlicher Willensentscheidungen, nach der Möglichkeit oder auch nur Sinnhaftigkeit, durch Handeln und Planen in den Geschichtsverlauf und den Verlauf des Einzellebens eingreifen zu können.“

Hans Mayer, Theater-Kritik, 15. Dezember 1927[6]

„Ein vielmal vom Theater geschundener Text, der einem Dreiundzwanzigjährigen passiert ist, dem die Parzen bei der Geburt die Augenlider weggeschnitten haben, vom Fieber zersprengt bis in die Orthografie, eine Struktur, wie sie beim Bleigießen entstehen mag, wenn die Hand mit dem Löffel vor dem Blick in die Zukunft zittert, blockiert als schlafloser Engel den Eingang zum Paradies, in dem die Unschuld des Stückeschreibers zu Hause war. Wie harmlos der Pillenknick der neueren Dramatik, Becketts Warten auf Godot, vor diesem schnellen Gewitter, das mit der Geschwindigkeit einer anderen Zeit kommt, Lenz im Gepäck, den erloschenen Blitz aus Livland, Zeit Georg Heyms im utopielosen Raum unter dem Eis der Havel, Konrad Bayers im ausgeweiteten Schädel des Vitus Bering, Rolf Dieter Brinkmanns im Rechtsverkehr vor SHAKESPEARES PUB, wie schamlos die Lüge vom POSTHISTOIRE der barbarischen Wirklichkeit unserer Vorgeschichte.“

Heiner Müller[7]

„Woyzeck hat mehrere Teilzeitjobs, das geht letzten Endes nicht gut, weil er über die dafür notwendigen übermenschenlichen Kräfte nie und nimmer verfügen kann. Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt dort an, wo das Gebiet der weltlichen Gesetze endet.“

Dževad Karahasan, Meine Sicht auf Woyzeck, 2007[8]

Woyzeck auf dem Theater[Bearbeiten]

Der Regisseur der Uraufführung des Woyzeck (unter diesem von Karl Emil Franzos so eingeführten Titel), am Münchner Residenztheater (8. November 1913), die auf beharrliche Anregung Hugo von Hofmannsthals zustande kam, war Dr. Eugen Kilian. Die Bühnenbilder und die Kostüme schuf Alfred Roller. Den Woyzeck spielte Albert Steinrück. Die Inszenierung brachte es auf 20 nachweisbare Vorstellungen. Dernière war am 21. August 1919. Bis zum Juni 1915 erschien es in vier Inszenierungen. In dreien von ihnen spielte Albert Steinrück den Woyzeck, außer in der Uraufführung in München, in Berlin am Lessingtheater und in Wien an der Residenzbühne (Premiere am 5. Mai 1914).

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Stück zu einem vielbeachteten, geradezu modisch sensationellen Spieltext für die deutschsprachigen Theater, mit dem man sich vielfach an ein speziell literatur- und theaterinteressiertes Publikum wandte und der in den Feuilletons im Pro und Contra eine wahre Büchnereuphorie weckte.

Den eigentlichen Durchbruch als Bühnentext brachte dem Werk dessen 14. Inszenierung, die Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin (Premiere am 5. April 1921) mit Eugen Klöpfer als Woyzeck herausbrachte.

In der dichten Folge der Woyzeck-Inszenierungen während der 1920er Jahre schälten sich als Regiekonzeptionen vier szenische Lesarten heraus:

  • Der Woyzeck als Gleichnis für ein unerklärliches, unausweichlich und schicksalhaft über den Menschen auf Erden verhängtes Leiden.
  • Der Woyzeck als soziales Drama, als Proletariertragödie. Woyzeck wird durch gesellschaftliche Gegebenheiten und Zwänge zum Mörder und Selbstmörder. Hier wird das Werk zum politischen Kampftheater im Klassenkampf.
  • Der Woyzeck als Repräsentant jener hochsensiblen, intensiv fühlenden Menschen, die in eine triebbestimmte, gefühllos kalte Welt gestellt sind. Woyzeck hält die Spannung zwischen seinem inneren Leben und einer rohen Umwelt nicht aus, er fällt in Wahnsinn, wird zum Mörder und Selbstmörder. Er erleidet das immer wiederkehrende Schicksal der Menschen mit den „empfindlicheren Nervensystemen“ (Franz Theodor Csokor, der Verfasser des „Versuchs einer Vollendung“ des Woyzeck, der 1928 am Raimundtheater in Wien uraufgeführt wurde.) in ihrem Kampf mit den stumpfen Empfindungslosen.
  • Der Woyzeck als Eifersuchtsdrama, als Moritat und szenische Volksballade in der Tradition der deutschen Volksdichtung, der Volksballade und des Volksliedes.

So begeistert der Woyzeck von der Theaterpublizistik bejubelt wurde, ein Publikumserfolg wurden die Inszenierungen der Zwischenkriegszeit nur selten, und wenn, dann lediglich als ein Erfolg für die Schauspieler als Träger ergiebiger Rollen. Hingegen gab es oft massive, teils turbulente Proteste im Publikum.

Die dichte Folge der Woyzeck-Inszenierungen in den 1920er Jahren wurde nicht, wie vielfach angenommen, durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten gewaltsam beendet, sondern sie endete bereits mit der 63. ihrer Inszenierungen zwischen 1918 und 1930, in Erfurt am 21. März 1930. Ihr folgte am 15. Oktober 1932 noch eine einzige Vorstellung an einem Studio 33 in Berlin. In den weitaus meisten Städten, deren Theater sich das nach ihrer Struktur und nach ihrem Publikumsumfeld erlauben konnten, hatte man das Stück gesehen. Dort galt es als abgespielt. Zudem konnten sich die Theater in wirtschaftlich katastrophalen Krisenzeiten kein Stück mehr leisten, das nach aller Erfahrung als Publikumsrisiko gelten musste.

Das häufig erwähnte Verbot des Stückes durch die Nationalsozialisten hat es nicht gegeben. Es erschien vor dem Zweiten Weltkrieg im Reichsgebiet nochmals an zwei Gauhauptstädten, in Frankfurt am Main zum 100. Todestag Büchners (1937) und in Hannover (1939).

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien der Woyzeck sehr bald wieder auf den Spielplänen deutscher Theater. So schon am 27. September 1945 in einem Nottheater im Weißen Saal des Zoos in Leipzig unter der Regie von Hans Schüler mit Peter Lühr als Woyzeck und am 6. Oktober 1945 unter Fred Schroer an den Kammerspielen des Neuen Theaters in Stuttgart mit Kunibert Gensichen als Woyzeck.

In den folgenden Jahren wurde der Woyzeck zu einer beliebten Spielvorlage des autonomen Regietheaters. (Prägnante Beispiele: Die Inszenierung einer eigenen Kroetz’schen Fassung durch Franz Xaver Kroetz in Hamburg am Schauspielhaus 1996 und die Michael Thalheimers in Salzburg 2003.) Alle Theater, die ihn bis dahin gespielt hatten, brachten – teils mehrfach – Neuinszenierungen. Auch in kleineren Theaterstädten, an den gastierenden Landesbühnen, auf Freilichtbühnen inszenierte man das Stück und mit Vorliebe an den Studentenbühnen und an den Bühnen der vielschichtigen alternativen Szene (Prägnantes Beispiel: Das Obdachlosentheater Ratten 07 in der Volksbühne, Berlin 1995). Das im Lauf seines inzwischen über 30-jährigen Bestehens bundesweit bekannt gewordene regionale Theater Lindenhof aus der etwa 1000 Einwohner zählenden Ortschaft Melchingen erhielt 1992 für seine schwäbische Interpretation des Woyzeck den Theaterpreis der Stuttgarter Zeitung.[9] Der Woyzeck, der seine Bühnenlaufbahn als Text für ein Elitepublikum begonnen hatte, gehörte nun zum Standardrepertoire.

Bis zum Ende der Spielzeit 1999/2000 sind 420 Inszenierungen nachweisbar.

Woyzeck in der Musik[Bearbeiten]

Ein Meilenstein in der Auseinandersetzung mit Büchners Fragment war Alban Bergs 1921 vollendete Oper Wozzeck. Eine Aufführung dreier Ausschnitte im Jahr 1924 brachte Berg den ersten öffentlichen Erfolg. Doch erst Erich Kleiber, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, erkannte die Genialität der Partitur und brachte den Wozzeck am 14. Dezember 1925 zur Uraufführung. Eine weitere Opernfassung unter demselben Titel schuf Manfred Gurlitt. Sie wurde 1926 in Bremen uraufgeführt.[10]

Die Band Subway to Sally hat Woyzecks Mord an Marie in dem Lied Element des Verbrechens aus dem Album Bannkreis thematisiert.

Im November 2000 brachte Robert Wilson das Stück am Betty Nansen Theater in Kopenhagen mit Musik von Tom Waits auf die Bühne. Blood Money heißt das Album mit den Songs aus dieser Inszenierung.

Im Jahre 2003 veröffentlichte die italienische Neofolk-Band Rose Rovine e Amanti ein Woyzeck betiteltes Album, dessen Titelsong auf dem Büchner’schen Drama basiert.

Woyzeck im Film[Bearbeiten]

Georg Klaren war der erste Filmregisseur, der „Woyzeck“ in die Kinos brachte (Titel: „Wozzeck“). Klaren hatte schon 1930 die Idee für den Film, konnte sie aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg umsetzen. Die Rahmenhandlung des Filmes spielt in einem Anatomiesaal einer deutschen Universität. Dort ist der Körper des Füsiliers Woyzeck aufgebahrt, der gehenkt wurde. Dem Professor gilt er als Mörder, der Student Büchner antwortet: … den wir ermordet haben. Im weiteren Verlauf der Handlung erzählt er dann seinen Kommilitonen die Geschichte, die dem Drama zu Grunde liegt. Kurt Meisel spielte den Woyzeck, Paul Henckels den Doktor und Helga Zülch die Marie. In weiteren Rollen: Max Eckard, Karl Hellmer, Rotraut Richter und Willi Rose.

Bei dieser Arbeit, so Klaren in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung am 18. Mai 1947, sehe ich wiederum meine Auffassung über die Verfilmung literarischer Themen bestätigt: Fragmente wie Woyzeck oder Novellen eignen sich viel besser für die Verfilmung als Theaterstücke oder Romane. Fragmente deshalb, weil sie der optischen Phantasie jeden Spielraum lassen, weil ihre Zuspitzung auf eine einzige Pointe der Wesensform des Films ganz besonders entspricht.

Nach der Fertigstellung galt der Film als künstlerisch sehr beachtenswert, da er ein an den Expressionismus angelegtes Filmwerk darstellt. Doch er wurde wegen Bedenken an der marxistischen Grundhaltung bald nach der Premiere zurückgezogen und kam erst 1958 (andere Quellen nennen 1964) in die bundesrepublikanischen Lichtspieltheater. Dort hieß er Der Fall Wozzeck.

Seit Klarens Woyzeck haben eine ganze Reihe von Regisseuren das Fragment verfilmt. Die bekannteste Verfilmung ist Werner Herzogs Woyzeck aus dem Jahr 1979, in der Woyzeck von Klaus Kinski gespielt wird. 2013 wurde eine moderne Woyzeck-Adaption unter Regie von Nuran David Calis veröffentlicht, die die Handlung in einen Berliner Kiez in der Gegenwart verlagert.[11]

Woyzeck-Interpretationen[Bearbeiten]

Die Theatergruppe „PENG! Palast“ erstellte auf Basis des Woyzecks eine komplett neue Fassung des Fragments und nannte diese „Woyzeckmaschine“. Zentrales Bühnen- und Spielelement bot dabei ein Kasten, der als eigenlebige Maschine die vier Figuren-Interpretationen aus „Woyzeck“: „Marie“, dem „Tambourmajor“ und dem „Arzt“ in nicht festgelegten Improvisationsfragmenten gegeneinander ausspielt. Spielanlage war dabei die Überlegung, dass die vier Figuren die letzten vier Menschen auf der Erde sind. Die Gruppe erhielt mit dem Stück den Hauptpreis des Schweizerischen Nachwuchspreis für Theater und Tanz PREMIO, der mit 22000,– Franken dotiert war.[12]

Der gehörlose Schauspieler Werner Mössler übersetzte 2007 die Fassung des bosnischen Dichters Dževad Karahasan in die österreichische Gebärdensprache.[13]

Literatur[Bearbeiten]

Werkausgaben (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Georg Büchner: Werke und Briefe – Nach der historisch-kritischen Ausgabe von Werner R. Lehmann. Hanser Verlag, München 1980, ISBN 3-446-12883-2.
  • Georg Büchner: Woyzeck. Faksimileausgabe der Handschriften. Bearbeitet von Gerhard Schmidt, Leipzig, 1981.
  • Georg Büchner: Dichtungen. Hg. v. Henri Poschmann unter Mitarb. v. Rosemarie Poschmann. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M. 1992, ISBN 3-618-60090-9, S. 145–219. (Georg Büchner: Sämtl. Werke. Briefe u. Dokumente, Bd. 1).
  • Georg Büchner: Woyzeck. Studienausgabe. Reclam, Stuttgart 1999, ISBN 3-15-018007-4.
  • Georg Büchner: Woyzeck. Leonce und Lena. Reclam (Nr. 18420), Stuttgart 2005, ISBN 3-15-018420-7.
  • Georg Büchner: Woyzeck. Leonce und Lena. In: Hamburger Lesehefte. Nr. 148, Husum/Nordsee, ISBN 978-3-87291-147-6.
  • Georg Büchner: Sämtliche Werke und Schriften. (Marburger Ausgabe), Bd. 7: Woyzeck. Teilband 1: Text. hrsg. von Burghard Dedner und Gerald Funk unter Mitarb. von Per Röcken, Teilband 2: Text, Editionsbericht, Dokumente und Erläuterungen. hrsg. von Burghard Dedner unter Mitarb. von Arnd Beise, Ingrid Rehme, Eva-Maria Vering und Manfred Wenzel. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-15603-X.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Wozzeck – Quellen und Volltexte
 Wikisource: Clarus-Gutachten – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Holger Steinberg, Adrian Schmidt-Recla, Sebastian Schmideler: Forensic Psychiatry in Nineteenth-Century Saxony. The Case of Woyzeck. in Harvard Review of Psychiatry 15 (2007), S. 169–180; Adrian Schmidt-Recla: Daß ein solcher Zustand jede Zurechnung ausschließe, ist an sich klar … Ein Beitrag zur Monomanielehre und eine Quellenlese zu Georg Büchners Fragment „Woyzeck“, in Michael Kilian (Hrsg.): Jenseits von Bologna – Jurisprudentia literarisch, Berlin 2006, S. 305–357; Holger Steinberg, Sebastian Schmideler: Die Todesurteile des Leipziger Schöppenstuhls im Fall Woyzeck: Zwei bedeutende gerichtspsychiatrische Quellen erstmals vorgestellt, in Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie 74 (2006), S. 575–581; Holger Steinberg, Sebastian Schmideler: Nach 180 Jahren wieder entdeckt: Das Gutachten der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig zum Fall Woyzeck in Der Nervenarzt 76 (2005), S. 626–632.
  2. Burghard Dedner, Eva-Maria Vering: Es geschah in Darmstadt. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 23. Dezember 2005, Nr. 299, S. 35.
  3. Im Erbsenwahn Ein fragwürdiges Ernährungsexperiment im 19. Jahrhundert, Lebensmittelchemiker Udo Pollmer im Deutschlandradio Kultur vom 26. Oktober 2013, abgerufen 29. Oktober 2013
  4. Georg Büchner: Woyzeck. In: Projekt Gutenberg-DE.
  5. In diesem Zusammenhang ist auch auf die 1969 von Volker Klotz beschriebenen Bild- und Metaphernketten hinzuweisen, die sämtliche Szenen durchziehen (heißkaltSonne, Messerstechen, AugeFenster und die Tiermetaphorik und -motivik).
  6. Georg Büchner und seine Zeit, Hans Mayer, Suhrkamp; Auflage: 9., Aufl. (1972), ISBN 3-518-36558-4.
  7. Die Wunde Woyzeck, Heiner Müller, 1985
  8. Meine Sicht auf Woyzeck, Dževad Karahasan, ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater 2007
  9. vgl. Chronik des Theaters Lindenhof unter 1992
  10. Heinz Wagner, Das große Handbuch der Oper, Verlag Florian Noetzel, Wilhelmshaven, 2. (Lizenz)-Auflage, Hamburg 1995, S. 276.
  11. arte.tv: Woyzeck, abgerufen am 14. Oktober 2013.
  12. http://www.presseportal.ch/de/pm/100009795/100583882/migros_genossenschafts_bund_direktion_kultur_und_soziales
  13. http://video.google.de/videoplay?docid=-9206625892408721971&hl=de#