Alliance Israélite Universelle

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Symbol auf der Eingangstür der Mikwe-Israel-Synagoge für das Motto der AIU Kol Jisrael arevim se ba-se („Ganz Israel bürgt füreinander“)
Adolphe Crémieux

Die Alliance Israélite Universelle (hebräisch כל ישראל חברים; kurz AIU) ist eine französisch geprägte jüdische Kulturorganisation, die international etabliert ist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schulen der Alliance Israélite Universelle (1912)

Die Alliance Israélite Universelle wurde 1860[1] im Frankreich des Second Empire gegründet. Anlass dazu gaben die als Damaskusaffäre bekannt gewordenen antisemitischen Ausschreitungen von 1840 sowie die 1858 erfolgte Zwangstaufe eines jüdischen Kindes (Edgardo Mortara, 1851–1940, wurde katholischer Theologe). Die erste öffentliche Initiative der Alliance war im Juli 1860 jedoch eine Spendensammlung[2] zugunsten maronitischer Christen im Mutesarriflik Libanonberg, die das Ziel drusischer Übergriffe[1][3] geworden waren. Die Loyalität zum christlichen Frankreich, das im August 1860 im Libanon einmarschierte,[1] wurde damit betont.[2] Zentrales Ziel der Alliance war auch eine „Regeneration“[1] des Judentums in den jüdischen Diasporagemeinden.

Daraufhin beschlossen in Frankreich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und jüdische Intellektuelle, eine Organisation zu schaffen, um Juden in der ganzen Welt zu unterstützen und antijüdischen Hass zu bekämpfen. Sie richteten einen Hilfsfonds ein, schufen zahlreiche Arbeitsplätze und kämpften für die Jüdische Emanzipation. Erster Präsident des Bundes wurde Adolphe Crémieux, der diese Funktion bis zu seinem Tod 1887 behielt. In Istanbul setzte sich Abraham Camondo[2] (1780–1873) als Förderer für die Alliance ein, in Bagdad die Familien Sassoon[2] und Kadoorie.[2] Die Schulen der Alliance führten auf deren Weg zur angestrebten Emanzipation zu einer Verwestlichung der Juden in den muslimischen Ländern. Der Historiker Michel Abitbol nennt diesen Akkulturationsprozess eine „Dearabisierung“ („désarabisation“[2]). Die kulturelle Gedankenwelt,[2] Kleidung[2] und Küche[2] Europas, insbesondere Frankreichs, wurden angenommen.

Um 1900 war Narcisse Leven[4] Präsident der Alliance in Paris. Die Aktivität des Weltbundes erreichte Ende des Ersten Weltkriegs einen Höhepunkt, als die Alliance polnische Juden (1919) und russische Juden (1922), als Opfer von Hungersnöten, unterstützte.

Schulen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Alliance profilierte sich mit der Gründung von Schulen in zahlreichen Ländern, besonders in der muslimischen Welt. Zur Finanzierung trug Maurice de Hirsch maßgeblich bei. Sie war jedoch mit französischer Bildungsarbeit im Osmanischen Reich nicht allein. Auch der französische Staat betrieb bis vor dem Ersten Weltkrieg Schulen mit 65.000[5] bis 90.000[5] Kindern. Deren Budget belief sich auf 2,5[5] Millionen Francs (0,1[5] % des Staatshaushalts). Während der französische Staat seine Schulen mit Blick auf die dort lebenden Christen eröffnete,[5] sah die Alliance ihre Aufgabe darin, die jüdische Jugend im modernen, abendländischen Sinn zu bilden. Schulen beider Träger standen Kindern aus Notabelnfamilien und aus der höheren muslimischen Dienstklasse[5] offen.

Seit 1867[2] hatte die Alliance ein eigenes Lehrerseminar in Paris. In Marokko waren zwischen 1870 und 1912 fast ein Drittel[2] des AIU-Lehrpersonals Frauen. Im Osmanischen Reich unterrichtete die Alliance an ihren Schulen auch Türkisch und vermittelte osmanisch-patriotisches Gedankengut.[2] Mehrere Mitglieder des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt[6] hatten Schulen der Alliance besucht. Auch der spätere türkische Oberrabbiner Haim Nahum[2] besuchte diese.

Auf Initiative von Charles Netter, Mitglied im Zentralrat der Alliance, wurde 1870 die Landwirtschaftsschule Mikwe Israel in Palästina gegründet. Zu Beginn verfasste die Alliance einen ambivalenten Bericht über das zionistische Projekt. In Palästina eröffnete sie auch Volksschulen in Jerusalem, Haifa, Tiberias und Jaffa. Die Jerusalemer Niederlassung leitete um 1900 Albert Antébi.[4] Nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 wurden in den 1950er Jahren die Schulen und Mikwe Israel vom israelischen Erziehungsministerium enteignet. Die Alliance finanziert diese pädagogischen Institutionen weiter.

Niederlassungen 1914 nach Georges Bensoussan und Schülerzahlen 1913 nach Michel Abitbol[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(heutige Staatsgrenzen und Ortsnamen)

Algerien ab 1865 (1858 Schüler)

Ägypten ab 1896 (823 Schüler)

Bulgarien

Frankreich ab 1860

Griechenland

Iran ab 1898 (2844 Schüler)

Irak ab 1865 (4396 Schüler)

Israel/Palästina ab 1870 (1691 Schüler)

Libanon (mit Syrien: 2286 Schüler)

Libyen ab 1889 (397 Schüler)

Marokko ab 1862 (5049 Schüler)

Schweiz

Syrien ab 1880 (mit Libanon: 2286 Schüler)

Tunesien ab 1878 (3135 Schüler)

Türkei ab 1867 (heutiger europäischer Teil: 8523 Schüler/asiatischer Teil 2676 Schüler)

Deutschland und die Alliance[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein deutscher Name konnte sich nicht dauerhaft etablieren. Die Zeitschrift Ost und West führte ab 1912 die Bezeichnung „Organ der AIU“ und vereinzelt als zusätzlichen Namen dieses Herausgebers: „Deutsche Conferenz-Gemeinschaft“.

Im Berner Prozess um die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ benutzte der deutsche antisemitische Gutachter Ulrich Fleischhauer die Bezeichnung „Israelitischer Weltbund“ für die AIU. Die Unterlagen zu diesem Berner Prozess im Archiv der AIU in Paris hat Catherine Nicault gesichtet.[7]

Die Nationalsozialisten nutzten dementsprechend die Existenz der AIU als Beweis für die „jüdische Weltverschwörung“ und dafür, dass, jedenfalls aus der Sicht der Besatzer in Paris, diese Stadt das europäische Zentrum der Verschwörung ist und deshalb hier die härtesten Verfolgungsmaßnahmen stattfinden müssten. Im Nürnberger Prozess zitierte der Ankläger 1946 im Prozess gegen den Pariser Judenreferenten Theodor Dannecker diesen und Herbert Hagen wie folgt:

Die Auswertung des in Deutschland, Österreich, ČSR und Polen sichergestellten Materials ließ den Schluß zu, daß die Zentrale des Judentums für Europa und damit die Hauptverbindung nach den überseeischen Ländern in Frankreich zu suchen sei. Aus dieser Erkenntnis heraus wurden daher zunächst die bereits bekannten großen jüdischen Organisationen, wie "Weltjudenkongreß" ... durchsucht und versiegelt.[8]

Am Salomon Ludwig Steinheim-Institut an der Universität Duisburg-Essen gibt es einen Forschungsschwerpunkt zur Tätigkeit der AIU in deutschsprachigen Ländern. Die Ergebnisse werden in der Zeitschrift Kalonymos publiziert.[9] Den Forschungsbereich koordiniert Carsten Wilke von der Central European University. Das Archiv der AIU befindet sich nach einer kriegsbedingten Verschleppung (1940 Abtransport nach Berlin und 1945 in das Sonderarchiv Moskau des sowjetischen Sicherheitsdienstes) seit 2001 wieder in Paris.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitdokumente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alliance Israélite universelle. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 1, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 379.
  • Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Silberfiche-Edition. Hg. D. Trietsch (zeitweise) & L. Winz. 8 Jahrgänge. Charlottenburg 1901–1908. Fortgesetzt als Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. Hg. L. Winz. 15 Jahrgänge. Charlottenburg 1909–1923. – Ab 1912 mit dem Zusatz: „Organ der Alliance israélite universelle.“ Olms, Hildesheim 1999.

Sachbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Björn Siegel: Zwischen Paris und Gondar. Die Missionen der Alliance Israélite Universelle 1867 und 1907 - 1908 nach Äthiopien, In: Orient als Grenzbereich? Rabbinisches und außer-rabbinisches Judentum. Hgg. Annelies Kuyt, Gerold Necker. Reihe: Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes, 60. Harrassowitz, Wiesbaden 2007, S. 249–264.
  • Carsten L. Wilke: Völkerhass und Bruderhand. Ein deutsch-französischer Briefwechsel aus dem Jahr 1871 (Zwischen Moritz Landsberg und Isidore Loeb). In Kalonymos. H. 4, 2008, 11. Jg., S. 1–5 Online.
  • Wolfgang Treue: Jüdisches Weltbürgertum oder nationales Judentum? Die AIU und der Zionismus in Deutschland. In: Kalonymos 13. Jg., 2010, H. 3, S. 9–12 Online.
  • Rafael Arnold: Anschluss an die moderne Welt. 150 Jahre AIU. In: Dokumente-Documents. Zs. für den deutsch-französischen Dialog. No. 1, Bonn, März 2010, ISSN 0012-5172 S. 100–102 (Lit.).
  • Ost und West. Band 1. Nabu Press (das ist: Bibliobazaar), Charleston (South Carolina), 2010, ISBN 1-146-87939-3.
  • Björn Siegel:[10] Österreichisches Judentum zwischen Ost und West. Die Israelitische Allianz zu Wien 1873–1938. Campus, Frankfurt 2010.
    • Bearbeitet erneut veröffentlicht als: Die Israelitische Allianz zu Wien 1873–1938. In: Europäische Traditionen. Enzyklopädie jüdischer Kulturen. Projekt des Simon-Dubnow-Instituts. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2012.
  • Björn Siegel: Das ‘Es werde Licht ist gesprochen…’. Die Bildungsmissionen der Israelitischen Allianz zu Wien, der Baron Hirsch Stiftung und der Alliance Israélite Universelle im Vergleich 1860 - 1914, In: Transversal. Jg. 12, 2011, H. 1–2, S. 83–112.
  • Carsten L. Wilke: Alliance israélite universelle. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 1: A–Cl. Metzler, Stuttgart/Weimar 2011, ISBN 978-3-476-02501-2, S. 42–50.
  • Dominique Trimbur: Alliance Israélite Universelle (Frankreich). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus, Band 5, De Gruyter-Saur 2012, ISBN 978-3598240782, S. 14–16.
  • Georges Bensoussan: L’Alliance Israélite Universelle (1860–2020). Juifs d’Orient, Lumières d’Occident, Paris 2020.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Anne-Laure Dupont, Catherine Mayeur-Jaouen, Chantal Verdeil: Histoire du Moyen-Orient du XIXe siècle à nos jours. In: Collection U Histoire. Éditions Armand Colin, Malakoff 2016, ISBN 978-2-200-25587-9, S. 67, 105 ff.
  2. a b c d e f g h i j k l m Michel Abitbol: Histoire des juifs – De la genèse à nos jours. In: Marguerite de Marcillac (Hrsg.): Collection tempus. 2. Auflage. Nr. 663. Éditions Perrin, Paris 2013, ISBN 978-2-262-06807-3, S. 543, 546 f., 548.
  3. David Hirst: Une Histoire du Liban 1860–2009. In: Marguerite de Marcillac (Hrsg.): Collection Tempus. 2. Auflage. Éditions Perrin, Paris 2016, ISBN 978-2-262-06516-4, S. 29 (Originalausgabe: Beware of Small States. Lebanon, Battleground of the Middle East. Faber and Faber, London 2010; übersetzt von Laure Stephan).
  4. a b Vincent Lemire, avec Katell Berthelot, Julien Loiseau et Yann Potin: Jérusalem, histoire d’une ville-monde des origines à nos jours. In: Collection Champs histoire. Éditions Flammarion, Paris 2016, ISBN 978-2-08-138988-5, S. 344.
  5. a b c d e f Vincent Cloarec, préface de Henry Laurens: La France et la question de Syrie (1914–1918). 3. Auflage. CNRS Éditions (Centre national de la recherche scientifique), Paris 2010, ISBN 978-2-271-07066-1, S. 12 (der Autor zitiert bezüglich des Budgets in: Pierre Guillen: L’Expansion (1881–1898), Imprimerie nationale, Paris 1984, S. 27–32).
  6. Michelle U. Campos: Ottoman Brothers – Muslims, Christians, and Jews in Early Twentieth-Century Palestine. Stanford University Press, Stanford (California) 2011, ISBN 978-0-8047-7068-2, S. 84.
  7. Catherine Nicault: Le procès des protocoles des sages de sion, une tentative de riposte juive à l'antisémitisme dans les années 1930. In: Vingtième Siècle. Revue d'histoire, #53, Janvier-mars 1997, p.68–84. Cf. Artikel Nicault, online.
  8. Online ČSR wurde hier durch Computerfehler zu ÈSR verschrieben. Ein Nazi-Dokument mit dem Titel „Aktionen der Sipo und des SD, (SS-Einsatzkommando Paris) gegen diese Organisationen und führende jüdische Personen“. An der Stelle der Auslassungen standen weitere jüdische Organisationen, die hier nicht gelistet sind. Auch das Faksimile ist an dieser Stelle nicht zugänglich.
  9. Annette Sommer: Weltbürgerliche Utopie. Die AIU in Deutschland 1860–1914. Kalonymos, Heft 1, Essen 2015, S. 10 (mit 2 Abb.), auch online.
  10. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für die Geschichte der deutschen Juden Universität Hamburg; seit 2014 DAAD-Fachlektor für deutsch-jüdische Geschichte am Center for German Jewish Studies an der University of Sussex.