Christian Jendreiko

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Christian Jendreiko (* 1969 in Recklinghausen) ist ein deutscher Musiker, Komponist, Theaterwissenschaftler, Medienwissenschaftler, Experimental- und Performancekünstler sowie Professor für Design und Strategien digitaler Kommunikation an der Hochschule Düsseldorf. Er arbeitet intermedial mit algorithmusbasierten Experimentalsystemen unter Verwendung von Elementen der Seriellen Kunst.

Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christian Jendreiko wurde im Juni 1969 in Recklinghausen geboren und wuchs in Oer-Erkenschwick auf. Nach einigen Jahren auf der Realschule wechselte er zum Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Recklinghausen, damals Aufbaugymnasium, wo er 1988 sein Abitur ablegte.

Schon in jungen Jahren begeisterte er sich für Jazzgrößen, insbesondere für die zwischen Jazz- und Rockmusik angelegten Klangcollagen von Miles Davis (ab Ende der 1960er Jahre), Josef Zawinul und Frank Zappa. 1985 war er als Gitarrist und Sänger Gründungsmitglied des eher traditionellen, zur Hälfte aus über einem Jahrzehnt älteren Musikern bestehenden Jazz-Sextetts Jazzdate, wo sein langjähriger Weggefährte Stefan Werni Bass spielte. Es folgten eigene Projekte wie das Blue Garden Trio und regelmäßige Sessions mit lokalen Größen wie Werni und dem Keyboarder Christoph Kemper, späterer Gründer der Access Music Electronics und Entwickler des Access Virus, der später auch zu Jendreikos und Wernis Instrumentarium gehören sollte.[1]

Studium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1988, unmittelbar nach seinem Abitur, begann Jendreiko ein Studium der Medien- und Theaterwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, wo er bereits im ersten Semester von Friedrich Kittler entdeckt und eingeladen wurde, dem Doktorandenseminar beizuwohnen.[1] Auch Vilém Flusser gehörte zu seinen Lehrern. Außer Germanistik studierte er im Nebenfach katholische Theologie, wo ihn der Fundamentaltheologe Hermann Josef Pottmeyer maßgeblich beeinflusste.[1] Im Jahr 1994 schloss Jendreiko mit dem Magister Artium ab.[2]

Studienbegleitend arbeitete er am Grillo-Theater in Essen, wo er als Hospitant begann und über die Regieassistenz schließlich auch zur Regie aufstieg.[1] Dort wurde er öfter gefragt, ob er „der Sohn vom Jendreiko“ sei. Nach anfänglicher Irritation gewöhnte er sich an, diese Frage zu bejahen – zumal sein Vater ja, wenig überraschend, den gleichen Nachnamen trug wie er selber. Gemeint haben dürften die Frager indes den Schauspieler und Regisseur Hans-Dieter Jendreyko, mit dem er weder verwandt noch verschwägert ist.

Ogilvy & Mather[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem Jahr in London zog Jendreiko im Jahr 1995 nach Düsseldorf, wo er Texter und Konzeptioner in der renommierten Werbeagentur Ogilvy & Mather wurde.[1]

Trio Infernal; Werni & Jendreiko[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre gründete Jendreiko zusammen mit seinem alten Weggefährten, dem Bassisten Stefan Werni, sowie dem Schlagzeuger und Sänger Hans Kanty (9. August 1964 – 15. Oktober 2005) die Band Trio Infernal – Die gute Band, die sich darauf spezialisierte, Klassiker aller Musikrichtungen unplugged und jazzig in neuem Gewand zu präsentieren. Auffällig an dieser Band war insbesondere, dass sie in Jendreiko und dem nicht minder extrovertierten Kanty gleich zwei Frontmen bei nur drei Mitgliedern hatte. Nach allmählicher Auflösung dieser Band blieben Jendreiko und Werni im Duo Werni und Jendreiko bis heute (2018) Partner, verlagerten sich jedoch auf elektronische Musik. Sie beteiligten sich am Benefizkonzert für Hans Kanty, der 2005 überraschend verstorben war.[3]

Parallel zu diesem Duo verwirklicht Jendreiko auch elektronische Musik mit dem Quartett Beaster.[4]

Hobbypopmuseum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1998 ist Jendreiko Teil des Düsseldorf–Londoner Künstlerkollektivs Hobbypopmuseum, zu dessen Stammbesetzung ferner Thea Djordjadze (* 1971 in Tiflis, Georgien), die Wahl-Londonerin Sophie von Hellermann (* 1975 in München), Nick Laessing (* 1973 in London), Matthias Lahme (* 1974 in Marsberg), Dietmar Lutz (* 1968 in Ellwangen), André Niebur (* 1973 in Rhede) und der Wahl-Londoner Markus Vater (* 1970 in Düsseldorf; Villa Romana-Preisträger 2003) gehörten. Seit 2003 sind Djordjadze, Laessing und Vater nicht mehr dabei, dafür jedoch die in Zhaoqing, China lebende Marie-Céline Schäfer (* 1967), einer (Nr. 74) der 100 Köpfe von morgen.[5][6] Zwischenzeitliche Mitglieder der Anfangszeit (1998/1999 bis 2000) waren Olivia Berckemeyer, Björn Dahlem, Tatjana Doll, Mike Silver sowie Andreas Reihse und Detlef Weinrich (beide von Kreidler) gewesen.[7]

Mit dieser Gruppe konzipierte und organisierte Jendreiko zahlreiche Ausstellungen, Aktionen und Performances im In- und Ausland, was ihr im Jahr 2002 den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler in der Rubrik Bildende Kunst einbrachte.[8]

Aktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christian Jendreiko entwirft aufwendige, oftmals mehrtägige Instrumentalaktionen in Form von Verbalnotationen, die in Museen, Galerien und anderen Kulturinstitutionen in der ganzen Welt kollaborativ aufgeführt werden und die „in vielfacher Hinsicht Anschlüsse an die zeitgenössische Aufführungspraxis Neuer Musik zeigen“[9]. Seine Aktionstexte versteht Jendreiko als fiktionale Theorien des Handelns; in ihrer Begleitung kommen akustische, elektronische und experimentelle Musikinstrumente auf eine eigene, konzentrierte Art zum Einsatz,[9] zu den „Darstellern“ gehören mitunter auch skurrile Gegenstände wie Industrieroboter. Seinen eigenen Worten nach ziehe er als Nomade umher, schlage die Zelte auf, wo die Chemie stimme und richte dort sein Versuchslabor ein.[10] Die Aktionen sieht er nicht als Aufführungen im engeren Sinne, sondern vergleicht sie eher mit Ereignissen wie Fußballspielen oder auch Großbaustellen, die aus ihrer eigenen Dynamik heraus Blicke auf sich ziehen und den Betrachter innerlich partizipieren lassen.[10] Er legt Skripte aus, die Grundanweisungen und Algorithmen skizzieren.

2003 wurde eine Reihe von Jendreikos Arbeiten in die Sammlung des Musée National d’Art Moderne im Pariser Centre Pompidou aufgenommen.[2][9][11]

Seine Werke seit 2003 stellte er im Jahr 2017 in einer gemeinsamen Ausstellung mit der ebenfalls seriell und intermedial arbeitenden Künstlerin Mary Bauermeister, deren Werken 1957 bis 1967 er sie gegenüberstellte, unter dem Titel Pli Score Pli im Kunstmuseum Solingen aus. In der Einladungsschrift der vom Kunsthistoriker Wilfried Dörstel kuratierten Veranstaltung heißt es:

„Einsatzpunkte für Jendreiko sind sprachlich abgefasste Partituren, Aktionstexte genannt, die das Spiel der an Musikinstrumenten agierenden Akteure hinsichtlich Bewegung, Stimmung und Selbstreflektion bestimmen. In diesen sogenannten Bewegungssituationen entfalten sich Klänge nicht im Zuge der konventionellen Organisation auf ein Endprodukt Musik oder Musikstück hin, sondern als Begleiterscheinung einer durch den Künstler initiierten Gestik am Instrument: „Jeder Laut im Raum ist die Folge einer körperlichen Bewegung.“ Die Gesten der vor Publikum spielenden Akteure sind individuell, interagierend und ortsbezogen. Die verwendeten Instrumente und Apparaturen sind Teil der Aktionssituationen und übernehmen in deren Verlauf die Rolle von Installationsobjekten, die auch dann eine zentrale Rolle im Raum spielen, wenn die Akteure noch nicht, oder nicht mehr anwesend sind.“

[12]

Für Soft Revolution, eine Kooperation mit dem Bildhauer Markus Karstieß aus den Jahren ab 2015, konzipierten die beiden Künstler eigens ein Saiteninstrument, das die Tensegrity-Strukturen von Richard Buckminster Fuller und Kenneth Snelson aufgreift. Der Mensch, das Artefakt und das Spiel mit den natürlichen Kräften von Zug/Gegenzug treten als drei Kräftefelder in Interaktion.[13]

Der Philosoph und Politikwissenschaftler Michael Hirsch[14] schrieb im Jahr 2016:

„Christian Jendreikos Aktionen sind Modelle in einem starken Sinne. Sie sind Übungssysteme, konkrete Utopien einer sozialinnovativen, gemeinschaftlichen Lebenspraxis. In ihrem Rahmen geht es darum, hier und jetzt schon mit Vorübungen für ein anderes Leben zu beginnen. Es geht darum, jetzt schon so zu sprechen, zu denken, miteinander zu handeln und zu spielen, als ob wir bereits in einer befreiten Gesellschaft lebten; befreit, erlöst von den Zurichtungen, Rollen- und Identitätszwängen der bürgerlichen Gesellschaft. Es sind Praktiken nicht eines herausragenden (Künstler-)Subjekts, sondern einer Menge, einer kollektiven Intelligenz, eines General Intellect im Sinne von Marx. Das, was in den unterschiedlichen Formen der historischen Avantgarden immer gemeint war, der Übergang der Kunst in ‚das Leben’ und in ‚den ‚Alltag’ – das ist in solchen Aktionen anvisiert oder angedeutet. Es wird ein Kommunismus des Geistes geübt oder eingeübt. Die Modalität seiner Handlungen ist präfigurativ; seine soziale Form nicht die des unabhängigen, autarken Subjekts (und seines Spiegelbilds, des autonomen Kunstwerks), sondern die einer kommende Gemeinschaft singulärer Einzelner, die miteinander neue Formen des Mitseins erproben.“

Michael Hirsch: „Worum es geht – Über Aktionen und Modelle der Kunst: des richtigen Lebens im falschen“, in Jendreiko (2016), S. 9[15]

Aktionen fanden insbesondere statt an der Wesleyan University in Connecticut (2007), beim Kunstverein Düsseldorf (2007), am Musée d’Art Moderne et Contemporain de Strasbourg (2009), beim Kunstverein Nürnberg (2009), an der Baer Ridgway in San Francisco (2010) und bei den Eastside Projects in Birmingham (2010 und 2011).

Akademische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2003 ist Christian Jendreiko als Lehrbeauftragter für Interaktive Systeme am Fachbereich Design an der Hochschule Düsseldorf tätig.

2010 war er Gastdozent am Malta College of Arts, Science and Technology. 2012/13 hatte er eine Gastprofessur für interaktive Kunst und Design an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg inne und 2014 war er Gastdozent an der Leeds Metropolitan University. 2016 übernahm er eine Gastprofessorur für Kommunikation und Bild sowie künstlerische Experimente an der Hochschule Düsseldorf.

Zum 1. April 2018 wurde Jendreiko schließlich auf eine Professur für Design und Strategien digitaler Kommunikation am Fachbereich Design an der Peter Behrens School of Arts der Hochschule Düsseldorf berufen.[2]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christian Jendreikos Werke wurden seit dem Jahr 2000 insbesondere in den folgenden langzeitlicheren Ausstellungen und Festivals performed oder ausgestellt:[5]

Tonträger und Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben einer großen Anzahl frei verfügbarer Videos[18] existieren einige Tonträgeraufnahmen und Bücher:

  • mit Stefan Werni, Hans Kanty: Trio Infernal – Die gute Band. Grauzone Recklinghausen, 1998.
  • Planeten Suite. CD, Edition Hobbypop, Düsseldorf 1999 sowie CD/Maxi, Flesh, UK 2001.
  • mit Stefan Werni, Hans Kanty: Trio Infernal – Die gute Band. ZAuF Studio Marl, 2000.
  • I Love You All. Vinyl-Single, Flesh, UK 2001.
  • mit hobbypopMUSEUM: A Selection Of Sound-Pieces. CD, Düsseldorf 2002.
  • Studio Apartment. CD, Flesh, UK/Düsseldorf 2002.
  • Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf (Hrsg.): hobbypopMUSEUM. König, Köln; CD (von 2002) und Buch 2003; ISBN 978-3-88375-600-4.
  • mit Little Annie, Can Oral: Little Annie & The Legally Jammin'. LP/CD, Italic, Berlin 2003.
  • hobbypopMUSEUM: Werte schaffen. König, Köln 2004, ISBN 978-3-88375-862-6.
  • mit Little Annie und Can Oral: Little Annie & The Legally Jammin' – Mixed Up Little Annie. Vinyl Maxi, Italic, Berlin 2004.
  • als Hrsg.: Alexander Jasch, Jens Ulrich, Florian Baudrexel: Sieben Bücher der Weisheit und Schönheit: Kölnerstraße 334 & Alexanderstraße 35 von 1997 bis 2004. Revolver, Archiv für Aktuelle Kunst, Frankfurt 2005, ISBN 978-3-86588-128-1.
  • mit Stefan Werni und Hans-Joachim Heßler: D.A. CD, Dortmund 2008, DNB 360217001.
  • mit Stefan Werni: Werni & Jendreiko. CD, Dortmund 2008, DNB 999953486.
  • Heterologics. Ausstellungskatalog und Konferenzschrift, Nürnberg 2009, ISBN 978-3-941185-31-9.
  • Aktionen/Actions. 2 CD + Booklet, Apparent Extent, Köln 2011.
  • mit Katinka Bock: Libelle 12°; Katinka Bock / Recto: Danke (rot); Christian Jendreiko / Verso: The old game. Rosascape, Paris 2011.
  • mit Stefan Werni: Werni & Jendreiko: Dou. CD, Duisburg/Dortmund 2011, DNB 1016160771.
  • mit Angela Fette: Vision Vulkano. LP, Apparent Extent, Köln 2011 (= LP 1 des Schwerte Box Sets).
  • 12 kosmische Beispiele. Katalog, Apparent Extent, Köln, 2016.
  • mit anderen Autoren: Hans Ulrich Reck (Hrsg.): Punkt und Passage. Kunsthochschule für Medien Köln 2017, DNB 1154494462.
  • mit Markus Karstieß: Soft Revolution. LP, Apparent Extent, Köln 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Gespräch mit Christian Jendreiko auf michaelundalbert.de
  2. a b c Prof. Christian Jendreiko auf der Website der Hochschule Düsseldorf
  3. Benefizkonzert für Hans Kanty, Ankündigung und Spendenaufruf vom November 2005
  4. Tracklist der Gruppe Beaster auf soundcloud.com
  5. a b Ausstellungsarchiv zu Christian Jendreiko auf kunstaspekte.art
  6. Schäfer ist in den Veranstaltungshinweisen vor 2005 nicht aufgeführt, dennoch aber explizit als eine der neun Preisträger/innen 2002, siehe Liste der Preisträger auf mkffi.nrw (PDF; 1,7 MB)
  7. Francesco Spampinato: Come Together: The Rise of Cooperative Art and Design, New York 2014; hobbypopMUSEUM auf S. 112–117 (Google Books)
  8. hobbypopMUSEUM / DIGITALIA, 2. März bis 13. Mai 2018, Dortmunder Kunstverein
  9. a b c ChezON – Christian Jendreiko, Veranstaltungshinweis von ON – Neue Musik Köln zum 10. Mai 2016
  10. a b Bausteine zu einer Theorie der erosiblen Ästhetik, Video zu einem Vortrag an der Universität Bonn am 16. Dezember 2017
  11. Christian Jendreiko: „Im Anfang war das Wort“, Kunstprojekt der evangelischen Kirche im Rheinland
  12. a b Einladung zur Pli Score Pli, gemeinsam mit Mary Bauermeister, im Kunsthaus Solingen, Anfang 2017 (PDF; 1,1 MB)
  13. a b Picknick am Wegesrand / ÄSoft Revolution; Veranstaltungsankündigung, Dortmunder Kunstverein, Anfang 2016
  14. Biographie von Michael Hirsch auf dessen eigener Website; DNB 133757234
  15. Trockene Kunst (Harburger Fassung), Veranstaltungshinweis des Kunstvereins Harburger Bahnhof für den 28. Februar 2016
  16. Katinka Bock: Tomorrow's Words, Veranstaltungsankündigungsarchiv auf rosascape.com
  17. Diese „Cast“-Auswahl ist explizit aus der Programmankündigung übernommen, inklusiwe der Teilung durch „sowie“.
  18. Werke von Christian Jendreiko auf Youtube