Museum Morsbroich

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Museum Morsbroich, Leverkusen, im Juli 2016

Das Museum Morsbroich ist ein Museum für Gegenwartskunst in Leverkusen. Es wurde im Januar 1951 als erstes Museum für moderne Kunst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Bundesrepublik Deutschland eröffnet. Träger ist die Stadt Leverkusen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 30. September 1949 beschloss der Hauptausschuss der Stadt Leverkusen einstimmig, in dem barocken Schloss Morsbroich ein Museum einzurichten.[1] Es wurde ein Kuratorium gebildet, das die Aufgabe des Museums definierte: „ständige Ausstellungen lebender Künstler zu veranstalten, und allen Kunstrichtungen ohne Voreingenommenheit und einseitige Bevorzugung einzelner Gelegenheit zu geben, ihr Können zu zeigen und sich der Kunstkritik und auch dem Publikum zu stellen.“[2] Mit der Gründung eines Museums für Gegenwartskunst wollte sich die erst 1930 gegründete Industriestadt ein modernes Gesicht geben und vor allem nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft die „starre Einstellung“ aufbrechen, wie es J.B.H. Hundt 1951 formulierte.[3]

Curt Schweicher (1952–1958)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum 1. August 1952 wurde der Kunsthistoriker Curt Schweicher als Direktor berufen. Schweicher setzte den Gründungsauftrag konsequent um und zeigte 1. Ausstellungen Rheinischer Künstler und Künstlervereinigungen wie zum Beispiel Rheinische Sezession Düsseldorf (1951), Xaver Fuhr – Aquarelle (1952), Anton Raederscheidt. Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen 1922–1952 (1952) oder das Werk von F.M. Jansen (1955), 2. Kunst anderer Länder wie zum Beispiel Schweizer Graphik der Gegenwart (1951), Das neue Bauen in Holland (1953), Japaner in Paris (1954), Fantastische Basler Malerei (1955), Brasilien baut (1956) oder Italienische Malerei heute (1956) und 3. Kunst der Klassischen Moderne wie zum Beispiel Deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung Haubrich (1953), Oskar Moll (1954), Fernand Léger (1955) oder Robert Delaunay (1956). Schweichers Programm verlieh dem Museum internationale Anerkennung und schuf die Basis für die Experimente der späten 1950er bis in die frühen 1970er Jahre hinein, in denen Morsbroich seinen Ruf als Labor der Avantgarde festigte.

Udo Kultermann (1959–1964)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 1959 nach Morsbroich berufene junge Kunsthistoriker Udo Kultermann (1927–2013) verfolgte ein radikales Konzept der Grenzüberschreitung und verband die Bildende Kunst mit der Architektur, dem Film, der angewandten Kunst und der Wissenschaft. Er organisierte 1961 die »Morsbroicher Kunsttage« unter Beteiligung von Theodor W. Adorno, Max Bense, Heinz-Klaus Metzger, der Tänzerin Kaluza, Frei Otto, Norbert Kricke, Gerhard v. Graevenitz, Franz Mon u. v. a. und beschrieb als Ziel der Kunsttage, dass dort „untersucht werden soll, wie weit auch die anderen schöpferischen Disziplinen, wie Literatur, Theater, Musik, Film und Tanz sich dem neuen, in Bewegung geratenen Raum der gegenwärtigen künstlerischen Situation einfügen.“[4] Kultermann eröffnete sein Programm 1959 mit einer Ausstellung des Schweizer Architekten, Künstlers und Designers Max Bill und zeigte 1960 die erste Ausstellung zur Monochrome(n) Malerei. Er zeigte u. a. Roberto Crippa (1960), Ad Reinhardt, New York', – 'Francesco Lo Savio, Rom, – Jef Verheyen, Antwerpen (1961), eine Ausstellung über Mobile Architektur (1961; Kurator: Yona Friedman), die erste Retrospektive des Werks von Lucio Fontana (1962), Kasimir Malewitsch (1962), Konstruktivisten (1962), Die gläserne Kette. Visionäre Architekten aus dem Kreis um Bruno Taut 1919–1920 (1963; Kurator: Oswald Mathias Ungers) oder das zeichnerische Werk des sowjetischen Filmregisseurs Sergei Eisenstein zusammen mit einer Retrospektive seiner Filme (1964). Kultermann hat das Museum zu einem zentralen Ort der Avantgarde ausgebaut und einen progressiven Ansatz verfolgt, wie er in Deutschland zu dieser Zeit lediglich von Paul Wember in Krefeld vertreten wurde.[5] Ähnlich wie sein Vorgänger Curt Schweicher wurde Kultermann immer wieder für sein avanciertes Programm und seinen unbedingten Qualitätsanspruch angegriffen. Im Juni 1964 kündigte er daher in Leverkusen seine Stelle, übersiedelte in die USA und nahm dort eine Professur an der Washington University in St. Louis an, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994 bekleidete. Von den rückwärtsgewandten Angriffen auf seinen Museumsleiter beschädigt, sah sich die Verwaltung der Stadt Leverkusen zu einer Erklärung veranlasst, „daß in Leverkusen die Möglichkeiten für eine verantwortungsvolle Museumstätigkeit ohne Einengung der geistigen Freiheit und ohne bürokratische Hemmnisse gegeben sind.“[6]

Rolf Wedewer (1965–1995)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf der Grundlage dieser Ehrenerklärung gewann man den Kunsthistoriker und Journalisten Rolf Wedewer (1932–2010) als neuen Museumsdirektor, der das Haus von 1965 bis 1995 leitete. Wedewer eröffnete sein Programm mit der Ausstellung Metamorphosen. Surrealismus heute (1965) und knüpfte mit Projekten an die glanzvolle Zeit Kultermanns an. Er zeigte sozialpolitisch und philosophisch motivierte Ausstellungen wie Realismus der Symptome (1966), Tradition und Gegenwart (1966), Fetisch-Formen (1967) beziehungsweise Fetisch Jugend. Tabu Tod (1972) und präsentierte große Einzelausstellungen zu Bernard Schultze (1966), Francis Picabia (1967), Lee Bontecou (1968), Richard Lindner (1968) oder Michael Buthe (1977). Im Jahr 1969 zeigte er in Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Galeristen Konrad Fischer die erste umfassende, europäische Ausstellung zur Konzeptkunst auf musealer Ebene (Konzeption – Conception) und die Ausstellung Räume – environments, für die jeder Künstler einen eigenen Raum im barocken Schloss bespielte. 1973 wurde das dem Museum für eine Wanderausstellung zur Verfügung gestellte Kunstwerk Joseph Beuys’ Badewanne während einer Parteiveranstaltung zerstört.[7] 1992 organisierte Wedewer von Leverkusen aus eine Retrospektive des Werks von Wolf Vostell, die im Museum Morsbroich und zugleich auf fünf weitere Museen verteilt gezeigt wurde.

Susanne Anna (1995–2000)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Susanne Anna verfolgte in ihrer Amtszeit (1995–2000) ein pluralistisches Ausstellungsprogramm und zeigte Die Informellen. Von Pollock bis Schumacher (1998) genauso wie das Museum Vitale (1996), ein Projekt über die Zukunft der Museen, oder Global Fun (1998), mit der sie auf die Verbindung zwischen Design und Bildender Kunst in den 1990er Jahren zurückblickte.

Gerhard Finckh (2001–2006)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gerhard Finckh (2001–2006) gelang es, das Museum für wichtige deutsche Privatsammlungen zu öffnen. Er zeigte 2001 Freestyle. Die Sammlung Boros (Christian Boros), 2003 Franz von Lenbach und die Kunst heute (Alfred Neven DuMont, ein Enkel von Lenbachs), 2005 Art and Politics. Erró, Fahlström, Köpcke, Lebel (Harald Falckenberg) und YES YES YES YES. Differenz und Wiederholung in Bildern der Sammlung Olbricht (Thomas Olbricht). Mit Ausstellungen zu Andy Warhol (2001) und Robert Motherwell (2004) versuchte Finckh, historische Positionen in die Programmatik des Museums zu integrieren.

Markus Heinzelmann (2006–2018)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 2006 bis 2018 leitete Markus Heinzelmann das Museum und verfolgte gemeinsam mit Fritz Emslander und Stefanie Kreuzer ein ortsspezifisches Ausstellungsprogramm. Künstler wurden eingeladen, sich mit der Geschichte, Bedeutung und Architektonik des Morsbroicher Parks und des barocken Schlosses auseinanderzusetzen. Ann Veronica Jannsens (An den Frühling, 2007), Albrecht Schäfer (Ein Tag, 2010), Rosemarie Trockel und Paloma Varga Weisz (Maison de Plaisance, 2012), Thomas Grünfeld (homey – Werke von 1981–2013, 2013), Gert & Uwe Tobias (2014) und andere entwickelten ihre Ausstellungen präzise auf die Besonderheiten des Ortes hin. Themenausstellungen, die sich mit dem Charakter des Gebäudes auseinandersetzen, beziehen sich auf seine Bauform als Jagdschloss (Jäger und Sammler in der zeitgenössischen Kunst, 2014), das Raumprogramm (Frauenzimmer, 2011) oder assoziative Felder (Zeitgespenster. Erscheinungen des Übernatürlichen in der zeitgenössischen Kunst, 2011). Nachdem Heinzelmann Anfang März 2018 das Haus verlassen hat, wird das Programm durch Fritz Emslander und Stefanie Kreuzer fortgesetzt.

Sammlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Lauf der 65 Jahre seit seiner Gründung im Jahr 1951 hat das Museum systematisch eine Sammlung internationaler Gegenwartskunst aufgebaut. Meist schon bald nach ihrer Entstehung wurden Arbeiten erworben (so etwa 1968 der Tiger, für Gerhard Richter einer der ersten musealen Ankäufe). Viele Werke hat das Museum auch als Geschenke von Künstlern und Sammlern erhalten, die dem Haus oft über viele Jahre verbunden waren. Heute verfügt die Sammlung über etwa 400 Gemälde und Skulpturen sowie knapp 5000 Zeichnungen und druckgrafische Werke. Nachdem in der Gründerzeit des Museums einzelne Werke des Expressionismus und der klassischen Moderne, die in Deutschland zwölf Jahre lang verfemt waren, bewusst angekauft und gezeigt wurden, setzt die Kernsammlung in den 1950er und dann gezielt Anfang der 1960er Jahre an. Über die folgenden Jahrzehnte richtete sich die Ankaufspolitik auf die je aktuelle Kunstproduktion junger Künstler. Mit wichtigen Einzelwerken und bedeutenden Werkgruppen sind Nouveau Realisme und Fluxus (Décollagisten, Burhan Dogancay, Daniel Spoerri, Wolf Vostell), geometrisch-minimalistische (Ad Reinhardt) und analytische Malerei (Antonio Calderara, Raimund Girke), Op-Art (Victor Vasarely) und kinetische Kunst (Alexander Calder, Adolf Luther) vertreten. Schwerpunkte der Sammlung bilden die monochrome Malerei (Yves Klein, Piero Manzoni, Francesco Lo Savio), die Mitglieder der ZERO-Gruppe sowie die Kunst des Informel (Sam Francis, K. O. Götz, Norbert Kricke, Emil Schumacher, Bernard Schultze). In späteren Jahren finden in Ergänzung des abstrakten Kernbestands vermehrt auch figurative Positionen Eingang in die Sammlung, die somit ein abwechslungsreiches Panorama von der Nachkriegskunst bis in die Gegenwart vermittelt. Die bedeutende grafische Sammlung mit Zeichnungen und Druckgrafiken zeitgenössischer Künstler umfasst große Sammlungsblöcke von Blinky Palermo, Gerhard Richter, Fred Sandback und Markus Oehlen. Von Georg Baselitz besitzt das Museum das weltweit umfangreichste Konvolut an druckgrafischen Werken. Das Museum zeigt keine Dauerausstellung. Stattdessen werden die Sammlungsbestände in wechselnden Ausstellungen mit thematischem Fokus präsentiert (2013/14: Eine Handvoll Erde aus dem Paradies. Magische Bilder und Objekte aus dem Museum Morsbroich; 2016/17: Drama Queens. Die inszenierte Sammlung; in der 2008 wieder eröffneten Grafiketage 2014: Blinky Palermo. Das grafische Werk; 2015: Lichtsplitter. Holzschnitte aus der Sammlung des Museum Morsbroich; 2016: Sigmar Polke – Gerhard Richter. Schöne Bescherung).

Skulpturengarten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jeppe Hein, Water Island, 2010

Seit dem Jahr 2008 wird der Morsbroicher Park, eine ursprünglich barock gestaltete und später teilweise romantisierte Gartenarchitektur, mit ortsspezifischen Skulpturen bespielt. 2008 brachte Jonathan Monk seine Leuchtschrift CLOSED an der Fassade des Museums an, die sich einschaltet, sobald das Museum geschlossen ist und den Besucher des Parks humorvoll darauf hinweist, was ihm entgangen ist. Jeppe Hein installierte 2010 sein begehbares, computergesteuertes Wasserspiel Water Island in der Auffahrt des Schlosses. Werner Reiterer platzierte 2012 zwei Luftballone in den Bäumen vor und hinter dem Hauptgebäude: Der eine hängt schlaff herunter und verkündet durch eine Aufschrift Life isn‘t funny, während der andere prall mit Luft gefüllt nach oben zieht und Life is great verkündet. Im Jahr 2014 hat Straßen NRW das Ensemble aus Museum und Skulpturenpark zu einem „touristischen Ziel von überregionaler Bedeutung“ erhoben und wird es nach dem Ausbau der A 3 mit einem Hinweisschild ausschildern.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2008 Ausstellung des Jahres in NRW für Gerhard Richter. Übermalte Fotografien (WamS)
  • 2009 Wahl des Museum Morsbroich zum „Museum des Jahres in Deutschland“ durch den Internationalen Kunstkritikerverband (aica)
  • 2010 Justus-Bier-Preis für Kuratoren an Markus Heinzelmann und Doreen Mende für die Ausstellung Projects: Done. Eine Ausstellung von Candida Höfer mit Kuehn Malvezzi im Museum Morsbroich
  • 2015 Wahl des Jahresprogramms des Museum Morsbroich zum besten Programm aller Kunstmuseen in NRW (WamS)

Förderverein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem Jahr 2001 unterstützt der Museumsverein Morsbroich e.V. die Arbeit des Museums. „Zweck des Vereins ist die Förderung und finanzielle Unterstützung des Museums Morsbroich.“ [Vereinssatzung] Vorsitzender des Vorstands ist Gottfried Zaby. Etwa 30 Ehrenamtliche betreiben den Museumsshop und finanzieren mit ihren Gewinnen die ortsbezogenen Skulpturen im Außenraum.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schloss Morsbroich in Leverkusen. [Rheinische Kunststätten, Heft 538]. Köln 2012
  • Museum Morsbroich (Hg.): Blattgold. Meisterwerke der Grafischen Sammlung des Museum Morsbroich Leverkusen. Leverkusen 2008, ISBN 978-3-925520-75-4
  • Museum Morsbroich (Hg.): Museum Morsbroich, Leverkusen. 50 Jahre Museum Morsbroich. Leverkusen 2005
  • Hermann J. Mahlberg: Schloss Morsbroich in Leverkusen. Vom Rittersitz zum Avantgarde-Museum. Wuppertal 1995, ISBN 978-3-928766-17-3
  • Museum Morsbroich (Hg.): Museum Morsbroich. Malerei – Plastik – Objekte. Band 2: Neuerwerbungen 1985–1995. Leverkusen 1995, ISBN 978-3-925520-00-6
  • Museum Morsbroich (Hg.): Museum Morsbroich. Malerei – Plastik – Objekte. Leverkusen 1985, ISBN 3-925520-00-7 / 3-925520-00-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Skulpturengarten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stadtarchiv Leverkusen, Hauptausschuss 1351.2, 30. September 1949, Pkt. 13
  2. Wilhelm Dombois, in: Ausstellungskatalog Rheinische Künstlergemeinschaft, Museum Morsbroich 1951, o. S.
  3. Johann Baptist Hermann Hundt, in: Ausstellungskatalog Rheinische Sezession Düsseldorf, Museum Morsbroich 1951, o. S.
  4. Udo Kultermann, in: Ausstellungskatalog 30 Junge Deutsche. Architektur, Plastik, Malerei, Graphik, Museum Morsbroich 1961, o. S.
  5. Vgl. Paul Wember und das Hyperaktive Museum. Die Kunstmuseen Krefeld 1947–1975, hrsg. von Sylvia Martin und Sabine Röder, Nürnberg 2013
  6. Erklärung der Stadtverwaltung Leverkusen zur Kündigung des Museumsdirektors Dr. Kultermann, Stadtarchiv Leverkusen, 5190.00, 07.1964.
  7. Spiegel Online, 9. Dezember 2011: Gescheuerte Kunst, abgerufen 19. März 2018

Koordinaten: 51° 2′ 10″ N, 7° 2′ 0″ O