Erdbeben in Haiti 2010

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Erdbeben in Haiti 2010


Epizentrum des Erdbebens

Magnitude 7,0 MW Vorlage:Infobox Erdbeben/Wartung/Vorlage mit Magnitude
Epizentrum 18° 27′ 25″ N, 72° 31′ 59″ W18.457-72.533Koordinaten: 18° 27′ 25″ N, 72° 31′ 59″ W
Land Haiti

Das Erdbeben in Haiti 2010 war ein schweres Erdbeben, das sich am 12. Januar 2010 um 21:53 UTC (16:53 Uhr Ortszeit)[1] ereignete. Das Epizentrum lag etwa 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Haitis, Port-au-Prince, das Hypozentrum etwa 17 Kilometer darunter. Die Stärke des Erdbebens wurde vom United States Geological Survey (USGS) mit 7,0 Mw auf der Momenten-Magnituden-Skala gemessen.[1]

Eine Erfassung und Identifizierung der Opfer fand aufgrund der chaotischen Verhältnisse meist nicht statt, sodass die Opferzahlen nur geschätzt werden können. In den Monaten nach dem Beben bewegten sich die Schätzungen der verschiedenen Organisationen zwischen 220.000 und 500.000 Todesopfern.[2][3] Premierminister Bellerive gab ein Jahr nach dem Beben abschließend bekannt, dass sich die Zahl der Toten auf etwa 316.000 beläuft.[4] Damit handelt es sich um das schwerste Beben in der Geschichte Nord- und Südamerikas sowie um das weltweit verheerendste Beben des 21. Jahrhunderts.[5] Über 310.000 weitere Personen wurden verletzt und schätzungsweise 1,85 Millionen Menschen obdachlos. Insgesamt sind etwa 3,2 Millionen Menschen, das heißt ein Drittel der Bevölkerung Haitis, von der Naturkatastrophe betroffen.[6] Die haitianische Regierung schätzt, dass durch das Erdbeben 250.000 Wohnungen und 30.000 Geschäfte zerstört wurden.[7] Der entstandene wirtschaftliche Schaden wird mit etwa 7,8 Milliarden US-Dollar, umgerechnet 5,4 Milliarden Euro, angegeben.[6] Dieser Betrag übersteigt das jährliche Bruttoinlandsprodukt des Landes.[8]

Betroffene Regionen[Bearbeiten]

Zerstörter Präsidentenpalast

Am stärksten betroffen vom Erdbeben waren die Departements Ouest (Westen; mit der Hauptstadt Port-au-Prince), Sud-Est (Südosten) und Nippes (auf der Halbinsel Tiburon, Nordküste). Sie liegen im Süden des Landes auf der Tiburon-Halbinsel am Golf von Gonâve und im südöstlichen Landesteil, der Grenzregion zur Dominikanischen Republik. Bezogen auf die Insel Hispaniola ist das der südwestliche Inselteil.

Die am schwersten betroffene Stadt war Léogâne, 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince mit einem Zerstörungsgrad von 90 Prozent.[9][10] Wegen ihrer Größe gab es in der Hauptstadt Port-au-Prince und ihren Vororten aber die meisten Todesopfer und die meisten Opfer des Bebens durch Wohnungsverlust und Verletzungen.

Tektonischer Hintergrund[Bearbeiten]

Lage der Karibischen Platte

Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 ereignete sich in der Grenzregion zwischen der Karibischen Platte und der Nordamerikanischen Platte. Diese Plattengrenze wird von einer linksseitigen Blattverschiebung dominiert, an der wegen des unregelmäßigen Verlaufs der Grenze die Platten nicht nur aneinander vorbeigleiten, sondern auch in Bereichen gestaucht werden. Die Platten verschieben sich hier um etwa 20 Millimeter jährlich, wobei sich die Karibische im Verhältnis zur Nordamerikanischen Platte ostwärts bewegt.[11]

Die grüne Linie zeigt die EPG-Verwerfung auf der Tiburon-Halbinsel

Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola zwischen Puerto Rico und Kuba. Im Gebiet der geographischen Länge des Erdbebens vom 12. Januar ist die Bewegung zwischen den Platten zwischen zwei größeren von Westen nach Osten laufenden Verwerfungen aufgeteilt – die Septentrional-Verwerfung im Norden und die Enriquillo-Plantain-Garden-Verwerfung (Enriquillo-Plantain Garden Fault Zone, EPGFZ) im Süden der Insel. Ort und Herdmechanismus des Erdbebens lassen sich durch die seitliche Verschiebung an der EPGFZ erklären. An dieser Verwerfung erfolgt eine mittlere jährliche Bewegung von etwa 7 Millimetern,[11] was nach Einschätzung der USGS-Experten vermutlich der Grund für die historischen großen Erdbeben in den Jahren 1860, 1770, 1761, 1751, 1684, 1673 und 1618 ist – bestätigende Feldstudien dafür liegen nicht vor.[11] An der nördlicheren Verwerfung ereignete sich das Erdbeben von 1946 mit einer Magnitude von 8,0.

In einer Forschungsarbeit aus dem Jahr 2008 war auf Grund der tektonischen Spannungen, die sich seit dem bis dahin letzten schweren Erdbeben an der Enriquillo-Plantain-Garden-Verwerfung im Süden der Dominikanischen Republik im Jahr 1751 aufgestaut hatten, für ein Einzelbeben eine zu erwartende Stärke von 7,2 Magnituden abgeschätzt worden.[12]

Der Abschnitt der Verwerfung, an dem sich zuletzt das Beben von 1751 ereignet hatte, war seit 40 Jahren auffallend ruhig, typisch für eine voll geblockte Verwerfung.

Tatsächlich haben sich nun die beiden Plattenränder um rund zwei Meter gegeneinander verschoben und recht genau die vorausgesagte Energie freigesetzt.[13]

Verlauf des Bebens[Bearbeiten]

Karte des US Geological Survey zum Erdbeben
Verlauf der Haupt- und Nachbeben mit Magnituden über 4,0 nach den Daten des USGS[14]

Das Hauptbeben ereignete sich nach den Angaben des United States Geological Survey (USGS) am Dienstag, 12. Januar, um 16:53:10 Uhr Ortszeit (21:53 Uhr UTC). Das Hypozentrum des Erdbebens lag etwa 25 Kilometer westsüdwestlich der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince in einer Tiefe von etwa 13 Kilometern und besaß die Stärke von 7,0 auf der Momenten-Magnituden-Skala[1] (laut Angaben des USGS). Das Geoforschungszentrum Potsdam ermittelte eine Magnitude von 7,2 und eine Tiefe von 17 Kilometern.[15] Das Erdbeben dauerte eine Minute.

Durch die flache Lage des Erdbebenherdes lag die Beschleunigung im Epizentrum deutlich oberhalb der Erdbeschleunigung, so dass große Teile der Bebauung zerstört und Autos in die Luft geworfen wurden. Auch in der Dominikanischen Republik war das Erdbeben zu spüren, richtete aber dort keine großen Schäden an.[16] Es folgten mehrere Nachbeben mit einer Stärke bis zu 6,1.[17] Für Kuba, Haiti, die Bahamas und die Dominikanische Republik wurde zehn Minuten nach dem Hauptbeben vorsorglich eine Tsunami-Warnung ausgegeben,[18] nach einigen Stunden aber wieder aufgehoben.[19] Mindestens zwei Tsunamis, ausgelöst vermutlich durch unterseeische Rutschungen, haben die Küsten Haitis an der Bucht von Port-au-Prince beziehungsweise an der Südküste getroffen. Angaben zufolge soll die Wellenhöhe bis zu 3 m betragen haben.[20]

Die Auswirkungen des Erdbebens waren vor allem in Haiti und der Dominikanischen Republik, den Turks- und Caicosinseln, im Südosten Kubas und im Osten Jamaikas sowie in Teilen von Puerto Rico und den Bahamas zu spüren, aber auch in Tampa (Florida) und Caracas (Venezuela) bemerkbar.[11]

Haupt- und stärkere[* 1] Nachbeben[21]
Zeitpunkt (UTC) Magnitude Koordinaten Tiefe in km
12. Januar 2010, 21:53:11 Uhr 7,0 18,37° N, 72,55° W 17
12. Januar 2010, 22:00:42 Uhr 5,6 18,37° N, 72,78° W 14
12. Januar 2010, 22:12:04 Uhr 5,7 18,39° N, 72,55° W 10
12. Januar 2010, 23:12:05 Uhr 5,9 18,41° N, 72,44° W 10
20. Januar 2010, 11:03:45 Uhr 6,1 18,42° N, 72,85° W 16
  1. 5,5 Magnituden
    Im Laufe des 13. Januar 2010 traten neun weitere Nachbeben mit Magnituden über 5,0 auf.
    Der USGS gibt für das Beben vom 12. Januar 2010 23:12 Uhr abweichend eine Stärke von 5,3 Magnituden an
    und listet für den 13. Januar 2010 05:02 Uhr ein stärkeres Nachbeben mit 5,8 Magnituden.

Schäden[Bearbeiten]

Zerstörungen an der Kreuzung von Rue Pavée und Boulevard Jean-Jacques Dessalines im Zentrum von Port-au-Prince (Blick nach Westen)
Christopher Hotel, bisheriges UN-Hauptquartier
Luftbild von Erdbebenschäden in Léogâne
Zerstörte Kathedrale

Gemäß einer Einschätzung der Vereinten Nationen war die Ausgangslage wegen mangelnder Infrastruktur verheerender als die der Tsunami-Katastrophe 2004 im Indischen Ozean.[22]

In Port-au-Prince selbst wurden neben Tausenden von anderen Bauwerken auch die katholische Kathedrale von Port-au-Prince, bei deren Einsturz auch der Erzbischof von Port-au-Prince, Joseph Serge Miot, getötet wurde[23], die anglikanische Holy Trinity Cathedral, und ein ehemaliges Kinderkrankenhaus[24] zerstört.

Unter den Opfern sind auch Angehörige der UN-Friedensmission MINUSTAH. Deren genaue Anzahl war Mitte Januar 2010 ungeklärt, die Vereinten Nationen konnten bis zum 29. Januar 84 Todesfälle bestätigen, darunter drei deutsche Staatsbürger, sowie 30 Verletzte und 44 weiterhin Vermisste. Betroffen waren Blauhelm-Soldaten und Polizisten aus über einem Dutzend Ländern sowie Dutzende von zivilen Mitarbeitern.[25] Bereits in den ersten Tagen nach dem Beben wurde bekannt, dass der Leiter der Mission und UN-Sondergesandte für Haiti, Hédi Annabi (Tunesien) sowie dessen Stellvertreter Luiz Carlos da Costa (Brasilien) und der Leiter der internationalen Polizeieinheiten, Doug Coates (Royal Canadian Mounted Police), beim Einsturz des fünfgeschossigen Christopher Hotels, des Hauptquartiers der Friedensmission, getötet worden waren.[26]

Ebenfalls weitgehend in sich zusammengestürzt ist der haitianische Präsidentenpalast;[27] der Präsident des Landes, René Préval, überlebte das Beben trotz der Zerstörung der oberen Etagen des Gebäudes.[28] Unter den Todesopfern waren neben Miot[29] mehrere Politiker, darunter der Oppositionsführer Michel Gaillard,[30] die katholische Medizinerin Zilda Arns und der Schriftsteller Georges Anglade.

Die Rettung der Verschütteten und die schnelle Hilfeleistung für die Bevölkerung direkt nach dem Beben wurden durch mehrere Faktoren erschwert. Das Erdbeben geschah eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit und Strom- und Telefonnetze fielen aus. Vorsorgeplanungen für einen derartigen Katastrophenfall gab es in Haiti nicht, und die medizinische Infrastruktur wurde von den Zerstörungen mitbetroffen oder durch den Hilfsbedarf überfordert.[31] Die Ermittlung der genauen Opferzahlen erweist sich als schwierig, weil viele der Opfer nicht identifiziert und ohne genaue Zählung in Massengräbern verscharrt[32] oder von ihren Angehörigen an Ort und Stelle begraben wurden.[33]

Nach Angaben der IKRK sind bis zu drei Millionen Menschen von dem Erdbeben betroffen, dies entspricht einem Drittel der Bevölkerung Haitis.[34]

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen teilte in Deutschland mit, dass ihre Traumaklinik in Port-au-Prince schwer beschädigt worden sei.[28][35] Nach Augenzeugenberichten lag unmittelbar nach dem Erdbeben eine Staubwolke über der Hauptstadt, tausende Gebäude seien eingestürzt. Schlimm traf es die Slums der Millionenstadt, da die Hänge, an denen sich die Hütten befinden, zum Großteil abgerutscht sind.[36] Nach dem Beben herrschen in der Hauptstadt katastrophale und chaotische Verhältnisse. Kabelverbindungen sind unterbrochen, und bei der Suche nach verschütteten Personen haben die Helfer meist nur ihre bloßen Hände zur Verfügung.[37]

Absehbare unmittelbare Folgen[Bearbeiten]

Wegen des desolaten Gesundheitssystems drohte eine unzureichende Versorgung der Verletzten, des Weiteren waren dringend benötigte Medikamente knapp.[36]

Die innere Sicherheit in der Krisenregion brach zusammen. Es kam zu Gewalt und Plünderungen.[38] Zahlreiche Kinder haben das Land nach dem Beben verlassen. Die haitianischen Behörden gehen von erheblich gestiegenem Kinderhandel aus.[39]

Die für Ende Februar in Haiti anstehende Parlamentswahl wurde bis auf weiteres verschoben, da ein Wahlkampf nicht stattfinden kann. Die Büros der Wahlkommission wurden durch das Beben ebenfalls zerstört und Wahlunterlagen verschüttet.[40]

Hilfsmaßnahmen[Bearbeiten]

US-Hilfsgüter treffen am Flughafen von Port-au-Prince ein.

Unmittelbar nach dem Erdbeben liefen internationale Hilfsmaßnahmen für die betroffene Bevölkerung an. Der Staat Haiti war bei diesem Ausmaß an Zerstörungen nicht in der Lage Selbsthilfekräfte zu organisieren.

Als erste hilfeleistende Nation war das Nachbarland, die Dominikanische Republik, seit den frühen Stunden des 13. Januar mit acht mobilen Kliniken und acht Krankenwagen, medizinischem Personal und Ausrüstung in Port-au-Prince. Ebenso wurden entlang der Grenze alle Gesundheitseinrichtungen aufgerüstet um Verletzte aufzunehmen.[41] Als Sofortmaßnahme wurde die Entsendung von Lebensmittelrationen, Matratzen und Decken angeordnet.[42] Weiter genehmigte der Präsident Leonel Fernandez die tägliche Verteilung von 300.000 Rationen ungekochter und 10.000 Rationen warmer Mahlzeiten, die über zehn mobile Küchen ausgegeben wurden. Ebenso wurden 40 Baumaschinen wie Bagger, Planierraupen und Muldenkipper für Räumungsarbeiten nach Port-au-Prince entsandt und acht 7.500 l Zisternenwagen waren im Einsatz, um die Bevölkerung mit Wasser zu versorgen. Die Einwanderungsbehörden und die Streitkräfte wurden angewiesen, sich nach besten Kräften an der Kanalisierung der Hilfe und Unterstützung der Opfer zu beteiligen. So wurden zum Beispiel Militärhubschrauber für Verletztentransporte eingesetzt.[43] Um die Telekommunikation wieder herzustellen, waren 20 Techniker des Instituto Dominicano de las Telecomunicaciones (Indotel) in Zusammenarbeit mit verschiedenen privaten Anbietern im Einsatz.[44]

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschloss am 19. Januar die Aufstockung der Friedensmission um 3.500 Personen, die sich aus Soldaten und Polizisten zusammensetzen sollten.[45]

Flugzeuge mit Hilfsgütern werden am Flughafen entladen, 17. Januar 2010

US-Präsident Barack Obama bat seine Amtsvorgänger George W. Bush und Bill Clinton, private finanzielle Mittel für die US-Nothilfe einzuwerben;[46] für die Organisation militärischer Hilfe setzte er P. K. Ken Keen ein.[47] Die US-Regierung und die Weltbank gaben jeweils 100 Millionen US-Dollar an Finanzhilfen frei.[48] Die Vereinigten Staaten setzten rund 6000 Soldaten und mehrere mit Hilfsgütern beladene Schiffe in das Krisengebiet in Marsch. Der Name der US-Operationen lautet Unified Response.

Die Vereinigten Staaten entsandten in großem Umfang Hilfskräfte aus ihren Streitkräften,[49] darunter ein Hospitalschiff der United States Navy, die USNS Comfort sowie den Flugzeugträger USS Carl Vinson und weitere Schiffe, die insbesondere mit Hubschraubern die Rettungsarbeiten unterstützten.[50] Am 24. März verließ mit der USS Bataan (LHD-5) das letzte Schiff der US Navy Haitis Küste.

Auch die ehemalige Kolonialmacht Frankreich entsandte Hilfskräfte.

Die Republik Kuba hatte zuvor schon über 400 Ärzte in Haiti stationiert, die unmittelbar nach der Katastrophe damit begannen, sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu kümmern. Kurz nach dem Beben wurden die Brigaden um 32 Helfer aufgestockt. Auch Venezuela entsandte Hilfsbrigaden. Bis 20. Januar wurden über 18.000 Patienten von kubanischen Ärzten behandelt.[51][52][53] Die finanziellen Mittel für Kubas Hilfe wurden in wesentlichen Teilen von Norwegen bereitgestellt.[54]

Während die Hilfskräfte der meisten Länder nicht länger als zwei Monate in Haiti blieben, stieg die zahlenmäßige Stärke der kubanischen Brigaden stetig an, so dass bei Ausbruch der Choleraepidemie im Oktober 900 Helfer aus Kuba auf 40 Stützpunkten im ganzen Land tätig waren. Nach einem Hilfeaufruf der UNO Anfang Dezember, dass nicht einmal zehn Prozent der mit Dringlichkeit erbetenen 164 Millionen US-Dollar an Hilfsgeldern erreicht werden konnten, schickte Kuba weitere 300 Ärzte. Zwischen 30 und 40 Prozent aller behandelten Erkrankten werden seit dem Ausbruch der Cholera von Kubanern behandelt.[55]

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton teilte mit, es gäbe nach dem Erdbeben „zahlreiche EU-Bürger, die vermisst werden“. In den meisten EU-Ländern wurden unterdessen Spendenkonten eingerichtet.[56]

Der Hafen wurde durch die Auswirkungen des Erdbebens unbrauchbar.

Internationale Hilfsaktionen wurden durch mangelnde Abfertigungskapazität am Aéroport international Toussaint Louverture stark behindert, so dass viele Flugzeuge mit Hilfsgütern Ausweichflughäfen anfliegen mussten und Hilfsgüter per Fallschirm abgeworfen wurden. Auch der Hafen von Port-au-Prince war durch die Zerstörung praktisch nicht mehr dazu in der Lage, internationale Hilfslieferungen anzunehmen.[57] Zur Verbesserung der Lage hat die Regierung die Kontrolle des Flughafens und des Hafens in der Hauptstadt Port-au-Prince vorübergehend an das US-Militär übertragen.[58] Der CEO der Royal Caribbean Cruises, Adam Goldstein, kündigte an, dass der gepachtete Privathafen Labadee zur Anlandung von Hilfsgütern zur Verfügung gestellt wird. Von dort sind es allerdings etwa 200 km Luftlinie bis zur Region um Port-au-Prince.[59]

Wesentlich erschwert wurden die internationalen Hilfsmaßnahmen nach verschiedenen Berichten durch anarchische Verhältnisse. Schwere Kriminalität, Korruption und fehlende staatliche Strukturen waren schon vor dem Erdbeben weit verbreitet.[60]

Bis zur offiziellen Einstellung der Suche nach Überlebenden am 22. Januar wurden 132 Personen lebend aus den Trümmern geborgen,[61] doch auch danach wurden noch einige Personen lebend aus den Trümmern befreit, zuletzt am 27. Januar.[40]

Etwa drei Monate später fand auf Einladung der UNO am 28. März eine Haiti-Geberkonferenz in New York statt, um Zukunftskonzepte zu erörtern. Die Schäden des Bebens wurden mittlerweile auf acht Milliarden Dollar geschätzt. 1,3 Millionen Personen waren obdachlos. Für die kommenden zwei Jahre sagten die Teilnehmer Hilfen in Höhe von 5,3 Milliarden Dollar (3,9 Milliarden Euro) zu und über einen 10-Jahres-Zeitraum ca. 9,9 Milliarden Dollar finanzielle Unterstützung. Dabei stellte Haitis Regierung den zahlreichen Organisationen und Staaten auch einen „Aktionsplan für nationalen Wiederaufbau und Entwicklung“ vor.[62]

Unterbringung der Obdachlosen[Bearbeiten]

Etwa eineinhalb Monate nach dem Beben fehlen für viele Opfer noch die Obdachlosenheime. Es gibt zwar bereits Hunderte provisorischer Lager neben den Haustrümmern, an Straßenrändern, auf Fußballplätzen. Allerdings fehlen den meisten Camps (engl: „refugee camp“) Latrinen und Stromanschlüsse. Das größte Camp hat sich auf dem Champs de Mars in Port-au-Prince ausgebreitet, auf dem zentralen Platz gegenüber dem zerstörten Präsidentenpalast. Rund 30.000 Menschen leben dort schätzungsweise. Nach Angaben des Roten Kreuzes hat zu Beginn des Monats März 2010 erst die Hälfte der rund 1,3 Millionen Obdachlosen eine Notunterkunft gefunden. Damit drohen weitere gesundheitliche Schäden durch Epidemien etc.[63]

Finanzierung der Hilfen, Spendensammlungen[Bearbeiten]

Zahlreiche Staaten kündigten Finanzhilfen für die Notversorgung der Opfer an, darunter Kanada, Australien, Kolumbien, Venezuela, Panama, Deutschland[35] Österreich und die Schweiz.[56] Ebenfalls haben viele Hilfswerke Sofortmaßnahmen angekündigt und führen diese zum Teil noch weiter durch.[64][65] Am 22. Januar 2010 wurde eine erste Telethon Hope for Haiti Now: A Global Benefit for Earthquake Relief international gesendet, die unter den Fernsehzuschauern Spenden für die Opfer einsammeln sollte (CBS Los Angeles, Kaufman Astoria Studios New York und The Hospital in London).

Am 21. Juli 2010 beschloss der Internationale Währungsfonds, dem Land sämtliche Schulden, in Höhe von 268 Millionen Dollar, zu erlassen. Gleichzeitig erhielt die Zentralbank Haitis einen Drei-Jahres-Kredit über 60 Millionen Dollar um exzessiven Währungsschwankungen entgegentreten zu können.[66]

Finanzielle Unterstützung durch Staaten und Institutionen
Land/Institution Beträge in Millionen Euro
staatlich privat insgesamt
ÄquatorialguineaÄquatorialguinea Äquatorialguinea 1,41 (2 Mio. USD)[67] noch offen noch offen
AustralienAustralien Australien 9,7 (15 Mio. AUD)[68] noch offen noch offen
BotswanaBotswana Botswana 0,104 (1 Mio. BWP)[69] noch offen noch offen
BrasilienBrasilien Brasilien 10[70] noch offen noch offen
Jungferninseln BritischeBritische Jungferninseln Britische Jungferninseln 0,057 (80.000 USD)[71] noch offen noch offen
China VolksrepublikChina Volksrepublik China 3,84 (5,40 Mio. USD)[72][73] noch offen noch offen
Kongo Demokratische RepublikDemokratische Republik Kongo Demokratische Republik Kongo 1,76 (2,5 Mio. USD)[74] noch offen noch offen
DeutschlandDeutschland Deutschland 17[75] >27,86 >44,86
Europäische Kommission Europäische Kommission 420 420
FrankreichFrankreich Frankreich 10[76] noch offen noch offen
IrlandIrland Irland 20[77] noch offen noch offen
ItalienItalien Italien 45[78] noch offen noch offen
JapanJapan Japan 4,73 (5,33 Mio. USD)[79] noch offen noch offen
KosovoKosovo Kosovo 0,05[80] noch offen noch offen
KambodschaKambodscha Kambodscha 0,042 (60.000 USD)[81] noch offen noch offen
LiberiaLiberia Liberia 0,035 (50.000 USD)[82] noch offen noch offen
LuxemburgLuxemburg Luxemburg 0,7[83] noch offen noch offen
NamibiaNamibia Namibia 0,69 (7,4 Mio. NAD)[84] 0,40 (402.000 NAD)[85]
0,06 (58.120 NAD)[86]
~1,10
NiederlandeNiederlande Niederlande 41,72[87] 41,72 ~83,45
NorwegenNorwegen Norwegen 12,26 (100 Mio. NOK)[88] noch offen noch offen
OsterreichÖsterreich Österreich 2,8[89] 14,5[90] 17,3
Saudi-ArabienSaudi-Arabien Saudi-Arabien 50 Mio. US-Dollar[91] noch offen noch offen
SchweizSchweiz Schweiz 5,1 (7,5 Mio. CHF)[92] 34,8 Mio. Euro (51.3 Mio. CHF)[93] >56,4
TurkeiTürkei Türkei 0,705 (1 Mio. USD)[94] noch offen noch offen
HaitiHaiti Haiti 3,39 (5 Mio. CHF), vakant[95] noch offen noch offen
Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten 69,52 (100 Mio. USD) >148 (>210 Mio. USD) >217,52
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich 23 (20 Mio. GBP)[96] noch offen noch offen
Weltbank Weltbank 69,52 (100 Mio. USD) 69,52 (100 Mio. USD)
gesamt ca. 764,75 ca. 259,18 ca. 1023,93

Kritik am Krisenmanagement[Bearbeiten]

Der venezolanische Präsident Hugo Chávez erklärte Ende Januar 2010 seine Sichtweise, die USA hätten das Beben zur „Invasion und militärischen Übernahme Haitis“ genutzt.[97] Auch andere Länder und in der Nothilfe bekannte Personen äußerten Kritik über das Vorgehen der Vereinigten Staaten.[98][99][100]

Cholera-Erkrankungen[Bearbeiten]

Ende Oktober 2010 rief Haiti nach dem Ausbruch von Cholera-Erkrankungen landesweit den sanitären Notstand aus. Die Infektionen traten zunächst in der ländlichen Provinz Artibonite, nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince, auf. Am 9. November 2010 wurden erstmals Cholera-Erkrankungen in der Hauptstadt gemeldet. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehr als 550 Menschen an der Krankheit gestorben, mehr als 8000 Haitianer waren infiziert.[101] Erschwert wurde die medizinische Versorgung der Bevölkerung durch die einsetzende Regenzeit und durch schwere Überschwemmungen in der Provinz Artibonite infolge des Hurrikans Tomas Anfang November 2010.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • D. Bayard: Haiti Earthquake Relief, Phase Two — Long-Term Needs and Local Resources. In: New England Journal of Medicine, 362:15, vom 15. April 2010
  • Yanick Lahens: Und plötzlich tut sich der Boden auf. Haiti, 12. Januar 2010: ein Journal, aus dem Französischen von Jutta Himmelreich, Rotpunkt Verlag, Zürich 2011 ISBN 978-3-85869-439-3

Film[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Erdbeben in Haiti 2010 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Magnitude 7.0 - Haiti region - Earthquake details (Englisch) United States Geological Survey. 12. Januar 2010. Abgerufen am 13. Januar 2010.
  2. Ein Land kämpft ums Überleben, tagesschau.de. 12. Januar 2011. Archiviert vom Original am 14. Januar 2011. Abgerufen am 13. Januar 2011. 
  3. Meldungen vom 1.3.2010, Radio Vatikan. 1. März 2010. Abgerufen am 13. März 2010. 
  4. Haití eleva a 316.000 el número oficial de fallecidos por el terremoto, europapress.es. 12. Januar 2011. 
  5. Liste von Erdbeben
  6. a b Damaging Earthquakes 2010, earthquake-report.com. 31. Dezember 2010. Abgerufen am 13. Januar 2011. 
  7. Haitians angry over slow aid, The Age. 5. Februar 2010. Abgerufen am 13. Januar 2011. 
  8. BIP 2009 nach Ländern
  9. In Leogane wurden 90 Prozent der Häuser zerstört. FocusOnline. Abgerufen am 23. Januar 2010.
  10. Haiti Population Affected. OCHA. Archiviert vom Original am 7. Juli 2012. Abgerufen am 23. Januar 2010.
  11. a b c d Magnitude 7.0 - HAITI REGION – Earthquake Summary (Englisch) United States Geological Survey. 12. Januar 2010. Abgerufen am 13. Januar 2010.
  12. Paul Mann, Calais, Eric; Demets, Chuck; Prentice, Carol und Wiggins-Grandison, Margaret: Enriquillo-Plantain Garden Strike-Slip Fault Zone: A Major Seismic Hazard Affecting Dominican Republic, Haiti And Jamaica (Englisch) Jackson School of Geosciences, The University of Texas at Austin. Abgerufen am 23. Dezember 2010.
  13. Sven Stockrahm: Unter Haiti rumort die Erde, Die Zeit. 13. Januar 2010. 
  14. Datenbankabfrage USGS abgerufen am 29. Januar 2010
  15. GFZ Potsdam - Earthquake Bulletin. GEOFON. Abgerufen am 14. Januar 2010.
  16. Ganze Slums rutschten die Hügel hinunter, FAZ.net. 13. Januar 2010. 
  17. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatM7.0 Haiti Earthquake and Aftershocks. USGS, 25. Januar 2010, abgerufen am 27. Januar 2010 (englisch).
  18. Tsunami Message Number 1 (Englisch) NOAA. Pacific Tsunami Warning Center. 12. Januar 2010. Abgerufen am 14. Januar 2010.
  19. Tsunami Message Number 3 (Englisch) NOAA. Pacific Tsunami Warning Center. 12. Januar 2010. Abgerufen am 14. Januar 2010.
  20. Richard A. Lovett: Haiti earthquake produced deadly tsunami. In: Nature News. Februar 2010. doi:10.1038/news.2010.93.
  21. Datenbankabfrage, Haiti. GEOFON, 12. Januar 2010, abgerufen am 20. Januar 2010.
  22. Lage in Haiti schlimmer als Tsunami, ORF-Online
  23. Joseph Serge Miot, archbishop of Port-au-Prince, killed in Haiti quake. Yahoo. 13. Januar 2010. Archiviert vom Original am 16. Januar 2010. Abgerufen am 16. Januar 2010.
  24. Erdbeben in Haiti: ehemaliges Kinderkrankenhaus zusammengestürzt, hilfefuerwaisenkinder.de
  25. Confirmed UN Peacekeeping Fatalities of 12 January 2010, Vereinte Nationen. Abgerufen am 29. Januar 2010. 
  26. Ban mourns deaths of top UN officials in Haiti quake (Englisch) United Nations. 16. Januar 2010. Abgerufen am 17. Januar 2010.
  27. Hunderte Tote nach Erdbeben befürchtet, FAZ.net. 13. Januar 2010. 
  28. a b Jahrhundertbeben verwüstet Haiti - hunderte Tote erwartet, Yahoo News
  29. Papst bittet um Hilfe für Haiti - Erzbischof unter den Toten, Radio Vatikan. 13. Januar 2010. 
  30. Boschafter: Mehrere Minister unter den Toten, Deutsche Presse-Agentur. 15. Januar 2010. Archiviert vom Original am 17. Januar 2010. 
  31. Erdbebenopfer bekommen kaum Hilfe, Spiegel Online. 13. Januar 2010. 
  32. Beatriz Lecumberri: Nameless corpses pile up in Haiti mass graves (Englisch), Agence France-Presse. 15. Januar 2010. Archiviert vom Original am 17. Januar 2010. Abgerufen am 17. Januar 2010. 
  33. Lush: Haitian families struggle to find, bury their dead (Englisch), The Washington Post. 14. Januar 2010. 
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