Orchester

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Dieser Artikel behandelt den musikalischen Klangkörper. Zur deutschsprachigen Zeitschrift für Musiker und Management siehe Das Orchester.
Blasorchester in Eindhoven
Philharmonisches Orchester Rotterdam

Ein Orchester (griechisch ὀρχήστρα orchēstra ‚Tanzplatz‘, d. h. ein halbrunder Platz vor der Bühne eines griechischen Theaters, auf dem ein Chor tanzte) ist ein größer besetztes Instrumentalensemble, das dadurch gekennzeichnet ist, dass zumindest einzelne Stimmen mehrfach („chorisch“) besetzt sind. Im Bereich der klassischen Musik unterscheidet man das groß besetzte Sinfonieorchester vom kleineren Kammerorchester. Daneben gibt es Orchester, die nur aus Instrumenten einer bestimmten Gattung bestehen, z. B. Blasorchester, Streichorchester, Zupforchester oder das Gamelan Indonesiens. Jazz-Orchester und ähnliche Formationen der Tanz- und Unterhaltungsmusik werden meist als Big Band bezeichnet.

Sinfonieorchester[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sinfonieorchester: typische Aufstellung der Einzelstimmen, amerikanische Aufstellung
Ein Sinfonieorchester stimmt vor einem Konzert auf den Ton a ein

Das Sinfonieorchester (alternative Schreibweise: Symphonieorchester) ist der übliche Klangkörper zur Wiedergabe von Orchesterwerken ab etwa der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Die Streicher, deren Stimmen mehrfach besetzt sind (z. B. Berliner Philharmoniker: 23 erste Violinen, 20 zweite Violinen, 16 Bratschen, 13 Celli, 11 Kontrabässe), stehen den anderen, solistisch besetzten Instrumentengruppen gegenüber.

Die Instrumente sind auf dem Podium nach einer bestimmten Anordnung aufgestellt. Üblich ist heutzutage die sogenannte Amerikanische Aufstellung, einige Orchester spielen aber auch in der Deutschen Aufstellung, insbesondere auch im Rahmen der historischen Aufführungspraxis. Die Deutsche Sitzordnung war bis Anfang des 20. Jahrhunderts die gängige.

Generell änderte sich die Zusammensetzung des Orchesters über die verschiedenen, musikalischen Epochen stetig. Somit wuchs der Orchesterapparat von dem Barockzeitalter bis zur Spätromantik bzw. Moderne immer weiter an, verkleinerte sich dann aber im 20./21. Jahrhundert aus Kostengründen und nicht zuletzt auch wegen der historischen Aufführungspraxis teilweise wieder. Z.B. verschwand das Cembalo, unter anderem auch im Zuge der Abkehr zur Generalbasspraxis begründet, ab der Romantik der damaligen standardisierten Orchesterbesetzung fast völlig. Der Naturtrompete sowie dem Naturhorn folgten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die jeweiligen Ventilinstrumente. Die generelle Besetzung der Blech- und Holzbläser wurde bis zur Spätromantik stetig vielfach vergrößert und um neue Instrumente (wie Tuba oder Bassklarinette) erweitert. Als Beispiel wären hier die Hörner zu nennen; waren in der Wiener Klassik noch 2 der Standard, verlangen Wagner oder Richard Strauss häufig 6 oder 8. Um der Kraft des vergrößerten Bläserkorpus stand zuhalten, bzw. diese auszugleichen, wurde folge dessen auch der Streichapparat deutlich aufgestockt. So verlangt beispielsweise Arnold Schönberg in seinen voluminös orchestrierten Gurre-Liedern alleine 80 Streicher, um der enormen Anzahl der Bläser (alleine 10 Hörner, 7 Trompeten und 7 Posaunen) standzuhalten.[1]

Ab dem späten 19. aber besonders im späteren 20. Jahrhundert wurden, mitunter auch aufgrund der Globalisierung, zahlreiche zu diesem Zeitpunkt völlig neue Instrumente ethnischen Ursprungs entdeckt. Hierzu zählt auch eine immense Vielfalt an Percussioninstrumenten. Des Weiteren wurden viele bereits bekannte Instrumente, wie das Saxophon oder die Klarinette, um neue Stimmlagenregister erweitert, die aber praktisch im Orchester eher selten eingesetzt wurden, nicht zuletzt wohl auch wegen ihren teilweise schon fast grotesk anmutenden äußerlichen Proportionen.

Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg gesellten sich noch weitere neuartige Instrumente zum Orchester, die zunächst eher aus den damals neu entstandenen Genres wie Rock und Pop bekannt waren, wie das Schlagzeug und nicht zuletzt zahlreiche elektronische Klangerzeuger wie der Synthesizer, der E-Bass sowie die E-Gitarre, die u. a. auch in einigen orchestralen Werken der seriellen und aleatorischen Musik dieser Zeit ihren Platz fanden.

Als weiteres herausragendes Extrembeispiel des frühen 20. Jahrhunderts bis heute mit dem größten jemals genutzten Orchesterkorpus gilt Havergal Brians zwischen 1919 und 1927 komponierte 1. Symphonie (die sog. Gotische), die eine 200-köpfige Orchesterbesetzung sowie 500 Gesangsstimmen verlangt.[2]

Nachfolgend eine Auflistung von Instrumenten eines möglichen spätromantischen oder modernen Orchesters, geordnet nach der Anordnung in der Partitur:

**Sehr selten kann auch nach einer Viola d’amore, einer speziellen Bauform der Bratsche verlangt sein.

Daneben können noch weitere Instrumente dazukommen, die jedoch selten in deutschen Berufsorchestern fest besetzt sind. Dazu gehören zum Beispiel

Auch ein hinzugefügter Chor und/oder solistische Gesangsstimmen werden in einigen symphonischen Kompositionen verlangt. Ähnlich dem Orchester selbst kann dieser jedoch in Form und Größe enorm variieren. Der Chor wird in der Regel nicht zu der Definition „Orchester“ gezählt und eher gesondert behandelt und genannt (beispielsweise spricht man in aller Regel von einem Stück für Orchester und Chor). Für Weiteres siehe den Artikel Chor.

Seit dem späteren Barockzeitalter sind üblicherweise alle verlangten Instrumente akribisch ausnotiert. Ausgenommen von dieser Tradition sind lediglich die Streichinstrumente (zumindest in einem größeren Teil der Partituren), da die genaue Größe des Streicherapparats von Orchester zu Orchester relativ variabel sein kann, aber selbstverständlich auch immer an die restliche Instrumentation angepasst werden muss – Selbiges trifft auch auf einen verlangten Chor zu. Dazu fällt eine größere oder kleinere Ensemblegröße bei Streichern oder Sängern in der Regel weitaus weniger ins Gewicht als bei Bläsern oder Perkussionsinstrumenten. Einige Komponisten notieren dennoch auch Streicher und/oder Chor genau aus, so z. B. besonders in einigen Partituren ab der Romantik (etwa in Hector Berlioz’ Symphonie Fantastique oder Wagners Ring des Nibelungen). Auch für die Partituren von beispielsweise Filmmusik werden häufig die verlangten Streicher genaustens vorgegeben.

Die letztendliche Gesamtgröße des Orchesters kann sich wie oben bereits angedeutet sehr stark unterscheiden und von eher kammermusikartigen Ensembles (ca. 20 Spieler) hin zu sehr großen Besetzungen (100 oder mehr Spieler) reichen.

Im Folgenden einige Beispiele, geordnet von klein zu groß (zur Erklärung der Kurzschrift siehe Kurzschrift Orchesterbesetzung; die Gesamtanzahl der Spieler kann aus obengenannten Gründen nur in etwa angegeben werden):

  • 1.1.2.1 - 2.1.0.0, str: 1.1.1.1.1 (kammerorchesterartige Instrumentation – aus Wagners Siegfried-Idyll, 13 Spieler; später folgte eine zweite Fassung mit 35 Spielern)
  • 1.1.1.1 - 3.1.1.0, timp, 2 perc, str (kammerorchesterartige Instrumentation – aus Prokofjews Peter und der Wolf, ca. 40 Spieler)
  • 2.2.0.2 - 2.0.0.0, timp, str (häufige Besetzung für die Epoche der Wiener Klassik, wie z. B. zahlreiche Haydn-Sinfonien, ca. 46 Spieler)
  • 0.2.3.0 sop-, alt-, ten-sax - 0.3.2.1, timp, 2 perc, banjo, 2 pno, str („amerikanisierte“, eher ungewöhnliche Instrumentation – aus George Antheils Jazz Symphony, ca. 55 Spieler)
  • 1.0.0.0 - 4.2.4.0, timp, pno, 2 perc, hp, str (Instrumentation aus Marco Beltramis Soundtrack zum Film Repo Men[3], ca. 58 Spieler; bemerkenswert ist hier, dass das Holz nur mit einer einzigen Flöte besetzt ist, was nicht unüblich ist für moderne Filmmusik)
  • 2.2.2.2 - 4.2.3.1, timp, 3 perc, hp, str (häufige „Standardinstrumentation“ seit der Spätromantik, ca. 75 Spieler)
  • 0.0.0.0 - 0.0.0.0, str: 24.0.14.42.8 (ungewöhnliche Instrumentation eines Stückes aus dem Soundtrack von Hans Zimmer zu Batman Dark Knight mit ausschließlich riesigem Streichorchester und extrem vielen Celli, 88 Spieler[4])
  • 3.3.3.3 - 8.4.4.1, timp, 3 perc, hp, str („Standardinstrumentation“ der Spätromantik mit expandiertem Bläserapparat, ca. 90 Spieler)
  • 4.4.4.3 - 8.4.4.1, 2 timp, 4 perc, 6 hp, str (Instrumentation aus Wagners Ring des Nibelungen, ca. 100 Spieler + Gesangsstimmen)
  • 6.5.6.5 - 8.4.4.1, timp, 3 perc, 4 hp, cel, pno, harm, org, 2 mand, str - Fernorchester: 4 tpt, 3 tbn (sehr große Instrumentation – aus Mahlers 8. Sinfonie, ca. 135 Spieler + zahlreiche Chor-/Gesangsstimmen)
  • 8.5.7.5 - 10.6.6.1, timp, 8 perc, 4 hp, cel, str - Fernorchester: btrp, bpos (extrem große Instrumentation – aus Schönbergs Gurre-Liedern, ca. 150 Spieler + zahlreiche Chor-/Gesangsstimmen)

Namenszusatz spezifischer Orchester[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Sinfoniker“, „philharmonisches Orchester“ oder „Philharmoniker“ sind häufige Namensbestandteile von Sinfonieorchestern; sie bezeichnen keinen Unterschied in Besetzung oder Rolle eines Orchesters, können aber helfen, verschiedene Orchester einer Stadt zu unterscheiden (zum Beispiel die Berliner Philharmoniker von den Berliner Symphonikern).

Kammerorchester[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Münchener Kammerorchester bei einem Konzert in der Pinakothek der Moderne, München

Ein Kammerorchester ist deutlich kleiner als ein Sinfonieorchester, da in der Regel die Instrumente nur einfach, also solistisch besetzt sind bzw. wegfallen (Tuba, Posaune). Die Grenzen zum großbesetzten Ensemble sind fließend. Eine andere Form bildet das Streichorchester, das häufig nur aus einem kleinen Streicherchor, z. B. aus fünf ersten und vier zweiten Violinen, vier Bratschen, zwei Celli und einem Kontrabass besteht.

Die ersten Kammerorchester moderner Prägung entstanden in den 1920er Jahren. Auslöser war hauptsächlich eine Gegenbewegung zu den ausufernden Klangmassen der spätromantischen Musik und den dafür notwendigen riesigen Orchestern; auch die Wiederentdeckung „Alter“ Musik und die prekäre wirtschaftliche Situation, die den Unterhalt sehr großer Klangkörper erschwerte, spielten eine Rolle. Auch die Filmorchester (zur Begleitung von Stummfilmen) hatten meist Kammerorchestergröße.

Wegen des geringeren wirtschaftlichen Risikos war es möglich, mit einem Kammerorchester auch verstärkt zeitgenössische Musik zur Aufführung zu bringen. So gründete z. B. Paul Sacher 1926 das Basler Kammerorchester mit dieser Zielsetzung. Bis zu seiner Auflösung 1987 spielte das Orchester zahlreiche, oft von Sacher in Auftrag gegebene Werke von Komponisten wie Béla Bartók, Igor Strawinsky, Hans Werner Henze oder Witold Lutosławski.

Die zunehmende Abkehr des Publikumsgeschmacks von der Romantik und die passende Besetzung machten das Kammerorchester zum idealen Ensemble für die Aufführung der weitgehend vergessenen Musik des Barocks und der Klassik. In dieser Beziehung machte sich insbesondere Karl Münchinger mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Stuttgarter Kammerorchester und seinem schlanken, „unromantischen“ Interpretationsstil verdient.

Seit den 1950er Jahren entstanden Spezialistenensembles, die sich intensiv mit den besonderen Besetzungs-, Notations- und spieltechnischen Anforderungen der Avantgarde-Komponisten auseinandersetzen, die von einem klassischen Kammerorchester nur schwer zu bewältigen sind.

Schließlich ließ die wieder aufkommende Beschäftigung mit Alter Musik ab etwa den 1970er Jahren zahlreiche Formationen entstehen, die in wechselnden Besetzungen – vom solistischen Trio bis zum Kammerorchester mit Bläsern – und häufig ohne Dirigent auftreten. Als Beispiele seien die Musica Antiqua Köln und das Collegium Aureum genannt.

Filmorchester[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[5] Filmorchester entstanden während der Stummfilmzeit, um während der Kinovorführungen einerseits die Handlung zu untermalen, andererseits das Geräusch des Projektors zu übertönen. Aufgeführt wurden sowohl Originalkompositionen als auch Potpourris aus bekannten Stücken. In Deutschland waren 1929 über 6000 Musiker in solchen Kinoorchestern tätig. Mit der Einführung des Tonfilms 1930 wurden Kinoorchester überflüssig. Dagegen begannen die Studios in Hollywood, sich eigene Orchester aufzubauen. Da viele der engagierten Filmkomponisten von der europäischen spätromantischen Musik beeinflusst waren, hatten diese Orchester oft umfangreiche Sinfoniebesetzung. Ihre Bedeutung ging erst in den 1970er Jahren zurück, als die Pop-Musik zunehmend Eingang in die Soundtracks von Filmen fand. In Deutschland existiert mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg, das aus den Orchestern der UFA und DEFA hervorging, derzeit nur ein professionelles Filmorchester.

Leitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heutzutage werden die Musiker normalerweise von einem Dirigenten geleitet, während in der Anfangszeit dem ersten Geiger (Konzertmeister) oder dem Generalbass spielenden Cembalisten diese Rolle zukam. Auch einige moderne Orchester kommen ohne einen Dirigenten aus, besonders kleinere Orchester, die sich auf die historische Aufführungspraxis von Alter Musik spezialisiert haben.

Als erster moderner Dirigent gilt der Komponist und Kapellmeister Carl Maria von Weber (1786–1826), der anfangs mit einer Notenrolle, später mit einem Taktstock das Orchester leitete.

Hierarchie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 1. Konzertmeister ist in musikalischer Hinsicht primus inter pares. Er interagiert während der Proben und Vorstellungen sowohl mit den Stimmführern der anderen Streichergruppen als auch den Solobläsern, der Solopauke und der Soloharfe.

Die übrigen Instrumentengruppen werden von Stimmführern (in Blasorchester auch Registerführer genannt) geleitet, die in der Regel (wie auch der Konzertmeister) einen Stellvertreter haben, mit dem sie sich das erste Pult teilen. Bei den Bläsern ist derjenige, der die 1. Stimme spielt, der Stimmführer der jeweiligen Instrumente. Werden Holz- und Blechbläser zusammengefasst, gelten die 1. Oboe und die 1. Trompete als Stimmführer. Beim Schlagwerk steht der Paukist der Instrumentengruppe vor.

Daneben gibt es bei den Streichern noch sogenannte Vorspieler, die sich in der Hierarchie zwischen den Konzertmeistern bzw. Stimmführern und den Tuttispielern befinden.

Orchester sind die einzigen Organisationseinheiten in der deutschen Arbeitswelt, bei denen möglichst die Gesamtheit der Kollegen über die Aufnahme und Anstellung neuer Mitglieder demokratisch entscheidet. Da sich um eine freie Stelle mitunter bis zu 300 Musiker bewerben, ist ein umfangreiches Auswahlverfahren notwendig, um die Qualität des Ensembles weiterhin zu bewahren. Zu diesem Zweck werden Probespiele abgehalten, bei denen nacheinander alle Bewerber die Beherrschung ihrer Instrumente in mehreren Runden beweisen müssen. Am Ende jeder Runde wird geheim abgestimmt, welche Kandidaten in die nächste Runde kommen. Am Ende dieses Wettbewerbs wird das neue Mitglied mit einer qualifizierten Mehrheit vom Orchester engagiert. Zum Teil finden diese Probespiele anonym statt, so dass die anwesenden Orchestermitglieder nicht sehen, wer hinter einem blickdichten Vorhang spielt. Dadurch soll erreicht werden, dass ausschließlich musikalische Aspekte in die Entscheidung einfließen, nicht jedoch Dinge wie Geschlecht, Alter oder ethnische Herkunft. Nach dem gewonnenen Probespiel beginnt für das neue Mitglied eine meistens einjährige Probezeit, die verlängert werden kann. In dieser Zeit werden die tatsächliche Eignung für den Orchesterdienst sowie die menschlichen Qualitäten wiederum von möglichst allen Kollegen beurteilt. Am Ende dieser Frist entscheidet wiederum das gesamte Kollegium über den Kandidaten. Erst, wenn diese Abstimmung positiv ausfällt, wird der neue Musiker in das Orchester aufgenommen. Entscheidungen über die Besetzung einer Orchesterstelle sind gelegentlich Anlass für Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern des Ensembles und dem Dirigenten. Bekanntestes Beispiel ist der Streit zwischen den Berliner Philharmonikern und ihrem Dirigenten Herbert von Karajan um die Klarinettistin Sabine Meyer im Jahr 1983.

Auch der (Chef-)Dirigent wird häufig von den Mitgliedern eines Orchesters gewählt. Dabei geht bei den Berliner Philharmonikern die Tradition so weit, dass die Mitglieder des Orchesters jeden beliebigen lebenden Dirigenten auf der Welt vorschlagen und ihn wählen können, ohne dass dieser zuvor gefragt wurde oder seine Bereitschaft erklärt hätte. Es wird ganz einfach davon ausgegangen, dass der Gewählte die Wahl auch annimmt.[6]

Probenbetrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überwiegend finden Orchesterproben in voller Besetzung statt (Tuttiprobe). In seltenen Fällen gibt es jedoch zunächst separate Proben einzelner Instrumentengruppen (Registerproben). Diese werden von den jeweiligen Solostreichern oder Solobläsern angesetzt und geführt. Teilproben in größerer Besetzung wie Proben der gesamten Streicher oder aller Bläser werden vom jeweiligen Dirigenten oder seinem Assistenten abgehalten. All dies soll dazu führen, dass bei extremen instrumentalen Anforderungen oder neu einzustudierenden Werken auch jene Stimmgruppen mit besonders schwierigem Part diesen weitestgehend beherrschen, um den weiteren Probenprozess nicht wegen permanenter spieltechnischer Herausforderungen stocken zu lassen.

Öffentlich finanzierte Orchester in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das älteste ununterbrochen bestehende deutsche Orchester ist das Orchester des Staatstheaters Kassel, gegründet im Jahr 1502.

Bis Anfang der 1930er Jahre war die Tätigkeit eines deutschen Orchestermusikers hinsichtlich der Ausbildung und der existenziellen Absicherung uneinheitlich geregelt. Einige Musiker kamen von der Stadtpfeiferei, andere hatten eine Musikschule, einige auch eine Musikhochschule besucht. Die existentielle Absicherung wurde 1938 mit dem jetzt eingeführten Tarifvertrag geregelt. Der Begriff des Kulturorchesters wurde mit diesem Tarifvertrag zu einem kulturpolitischen Terminus.[7] Der Begriff, die Struktur und die beabsichtigte künstlerische Ausrichtung dieses öffentlich finanzierten Klangkörpers wurde von dem damaligen Präsidenten der Reichsmusikkammer, Peter Raabe, geprägt. Eng verknüpft mit diesem Begriff war die strikte Trennung des Musiklebens in einen Bereich der „ernsten Konzertunternehmungen“ (Peter Raabe 1928) und einen Bereich der sonstigen europäischen und außereuropäischen Konzertveranstaltungen.[8] Die angebliche Ernsthaftigkeit der klassischen (deutschen) Musik wurde als Begründung für deren Förderungswürdigkeit angegeben, denn Raabe nahm seine „Rolle als Vermittler und Verteidiger des deutschen Kulturguts sehr ernst.“[9] Diese von Raabe durchgesetzte Auffassung vom besonderen Wert der „ernsten Musik“ spiegelte sich auch im musikalischen Urheberrecht wider, das ebenfalls von dem Präsidenten der Reichsmusikkammer zentral verantwortet wurde. Deshalb entsprach es beispielsweise diesem Kulturbegriff, die Verpflichtung eines Jazzorchesters bei einer kommunalen Einrichtung zu verhindern, denn Raabe wollte mit dem Begriff des Kulturorchesters einen Gegenbegriff zur „Unkultur“ des Jazz schaffen.[10] Wiewohl gelegentlich Big Bands im Rahmen von pädagogischen Einrichtungen gegründet wurden, gibt es in Deutschland bis heute eine kulturpolitische Bevorzugung von Streichern gegenüber den Jazzsaxophonisten, unabhängig von der jeweiligen künstlerischen Qualifikation. Auch die Beibehaltung des NS-Begriffs Kulturorchester bis zur heutigen Zeit muss als höchst unglücklich bezeichnet werden.[11] Raabes Philosophie, der sinfonischen Musik müsse bei der Förderung des kommunalen Musiklebens eine Priorität eingeräumt werden, ist bis heute nicht nennenswert infrage gestellt worden.[12] Die Orchester wurden in Deutschland in tariflicher Hinsicht nach einem hierarchischen Prinzip unterschiedlich gewertet, die auch die Größe des Klangkörpers beinhaltete. Im Zusammenhang mit der historischen Aufführungspraxis ist die in diesem Tarifsystem verankerte Philosophie, Größe und Qualität miteinander zu verbinden, fraglich geworden. Zunächst gab es die drei Einstufungsgruppen A-, B- und C- Orchester. Später wurden sieben verschiedene Tarifgruppen unterschieden.

Aktuelle Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die professionelle öffentlich finanzierte Kulturorchesterlandschaft Deutschlands mit gegenwärtig 133 Kulturorchestern mit 9922 Planstellen[13] gliedert sich in vier Gruppen:

  • 84 Theaterorchester, die überwiegend die Sparten Oper, Operette, Musical der Stadt- und Staatstheater bedienen. Das Spektrum reicht von den großen, international renommierten Opernhäusern in Berlin, Hamburg, Dresden, Frankfurt, Stuttgart oder München bis hin zu den kleinen Bühnen in Lüneburg, Annaberg, Coburg oder Hildesheim.
  • 30 Konzertorchester, die ausschließlich oder überwiegend im Konzertsaal arbeiten oder mit einer eigenständigen Konzerttradition auch im Opernhaus tätig sind. Einige gehören zu den führenden Ensembles weltweit. Ein renommiertes Expertenpanel wählte folgende deutsche Orchester in die Internationalen Top Ten: die Berliner Philharmoniker, das Gewandhausorchester Leipzig, die Staatskapelle Berlin und die Sächsische Staatskapelle Dresden.
  • 12 Rundfunk- bzw Radiosinfonieorchester sowie vier Bigbands der ARD-Anstalten und der Rundfunkorchester und -Chöre GmbH (Berlin), die ebenfalls Konzertorchester sind und einen Schwerpunkt in Musikaufnahmen haben. Sie pflegen besonders die zeitgenössische Musik in Deutschland mit zahlreichen Auftragskompositionen und Uraufführungen. Ensembles wie die Symphonieorchester des Bayerischen, Norddeutschen oder Westdeutschen Rundfunks genießen hohes internationales Ansehen.[14]
  • Sieben Kammerorchester, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden und die in der Regel ohne eigene Bläserbesetzung als reine Streichorchester ganzjährig arbeiten, wie z. B. das Stuttgarter Kammerorchester, das Württembergische Kammerorchester Heilbronn oder das Münchener Kammerorchester.

Kleine Sinfonieorchester gibt es schon in einer Besetzung ab ca. 30 Mitgliedern, wobei teilweise einige Bläser nur einfach besetzt sind. Mittlere bis große Orchester haben in der Regel zwischen 66 und über 100 Mitglieder. Das größte deutsche Orchester ist das Gewandhausorchester Leipzig mit 185 Planstellen; es spielt allerdings auch in drei Formationen: als Konzertorchester im Leipziger Gewandhaus, als Opernorchester in der Oper Leipzig und als Kantatenorchester in der Leipziger Thomaskirche, der langjährigen Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach. Das mit derzeit 159 Planstellen zweitgrößte Orchester ist die Sächsische Staatskapelle Dresden. Die Anzahl der Planstellen ist nicht zwangsläufig identisch mit der Anzahl der dort beschäftigten Musiker, denn durch die Einrichtung von halben Stellen wurde das ursprüngliche Konzept erweitert. Viele Kulturorchester verpflichten zur Erweiterung ihrer Besetzung Mitglieder anderer Kulturorchester, die in ihren jeweiligen Nachbarstädten dann jeweils nebenberuflich tätig sind.

Die Deutsche Orchestervereinigung e. V. (DOV) ist eine einflussreiche kulturpolitische Institution, die schwerpunktmäßig als bundesweite Interessenvertretung der Kulturorchestermusiker tätig ist. Außerdem setzt sich die DOV dafür ein, die finanziellen Bedingungen für die Nebenbeschäftigung von Kulturorchestermusikern als Lehrbeauftragte an Musikhochschulen zu verbessern.[15]

Amateurorchester, Jugendsinfonieorchester[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Raabe: Stadtverwaltung und Chorgesang, Rede bei einem Chorkongress in Essen (1928), in: Peter Raabe: Kulturwille im deutschen Musikleben, Kulturpolitische Reden und Aufsätze, Regensburg, 1936, S. 26–41.
  • Malte Korff (Hrsg.): Konzertbuch Orchestermusik 1650–1800. Breitkopf und Härtel, Wiesbaden 1991, ISBN 3-7651-0281-4.
  • Nina Okrassa: Peter Raabe – Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945), Köln 2004, ISBN 3-412-09304-1.
  • Orchester, Spezialensembles und Musiktheater. In: Deutscher Musikrat (Hrsg.): Musik-Almanach. Daten und Fakten zum Musikleben in Deutschland, Bd. 7 (2007/08), 2006, S. 733–823, ISSN 0930-8954.
  • Gerald Mertens: Kulturorchester, Rundfunkensembles und Opernchöre, Deutsches Musikinformationszentrum 2014 (Volltext; PDF; 471 kB)
  • Arnold Jacobshagen: Musiktheater, Deutsches Musikinformationszentrum 2013 (Volltext; PDF; 594 kB)
  • Arnold Werner-Jensen: Die großen deutschen Orchester, Laaber-Verlag, Laaber 2015, ISBN 978-3-89007-867-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Orchester – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Orchester – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gurre-Lieder (Schoenberg, Arnold) – IMSLP/Petrucci Music Library: Free Public Domain Sheet Music. In: imslp.org. Abgerufen am 21. März 2016.
  2. http://newsok.com/article/3955220
  3. Repo Man score. Abgerufen am 28. April 2016.
  4. Hans Zimmer and James Newton Howard's The Dark Knight: A Film Score Guide. Abgerufen am 13. Juni 2016.
  5. Colin Lawson (ed.): The Cambridge Companion to the Orchestra. Cambridge University Press, ISBN 0-521-00132-3.
  6. http://www.rbb-online.de/kultur/beitrag/2015/03/berliner-philharmoniker-wahl-nachfolger-simon-rattle-11-mai.html
  7. Tarifordnung für die deutschen Kulturorchester vom 30. März 1938.
  8. Der Aachener Generalmusikdirektor Peter Raabe sprach 1928 in höchsten Tönen von den „ernsten Konzertunternehmungen“ und beklagte, dass man dem Feinde der ernsten Musik ganz machtlos gegenüberstehe, denn dieser lasse sich regelmäßig mit der „erbärmlichen Jazzbrühe“ übergießen (Raabe 1928, S. 38), vgl. auch Frieder W. Bergner: Das U und das E in der Musik
  9. Okrassa 2004, S. 156.
  10. Raabe begrüßte 1935 ausdrücklich das Verbot des „Niggerjazz“ im Rundfunk des NS-Staats, denn der Jazz sei ein „hässliches und den Geschmack des Volkes verseuchendes Gift“ (Okrassa 2004, S. 333).
  11. Mertens 2010 bzw. Raabes Musikkonzept
  12. Raabe äußerte 1934 in seiner Eigenschaft als GMD Aachens bei einem Vortrag, den er bei der ersten Arbeitstagung der Reichsmusikkammer híelt, ein neues Geschlecht von Orchestermusikern und Opernmitgliedern sei als eine Generation beim Neuaufbau der deutschen musikalischen Kultur heranzuziehen, „die die Trägerin dieser Kultur sind“. (Peter Raabe, „Vom Neubau der deutschen musikalischen Kultur“, in: Peter Raabe, Die Musik im dritten Reich, Regensburg 1943, S. 49 f.). Als Präsident der Reichsmusikkammer hat er diesen Plan 1938 umgesetzt.
  13. Quelle: Das Orchester 2010 Heft 2, Beilage
  14. Gerald Mertens, Kulturorchester, Rundfunkensembles und Opernchöre, hier: Punkt 2. Überblick
  15. Von diesem Engagement der DOV profitieren auch Lehrbeauftragte, die keinen kommunalen Angestellten-Status besitzen.
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