Toni Erdmann

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Filmdaten
OriginaltitelToni Erdmann
ProduktionslandDeutschland,
Österreich
OriginalspracheDeutsch, Englisch
Erscheinungsjahr2016
Länge162 Minuten
AltersfreigabeFSK 12[1]
Stab
RegieMaren Ade
DrehbuchMaren Ade
ProduktionJanine Jackowski,
Maren Ade,
Jonas Dornbach
KameraPatrick Orth
SchnittHeike Parplies
Besetzung

Toni Erdmann ist ein Spielfilm der deutschen Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade aus dem Jahr 2016. Peter Simonischek und Sandra Hüller spielen Vater und Tochter in dem komödiantischen Familiendrama. Der Film hatte seine Premiere im Mai 2016 beim Wettbewerb des 69. Filmfestivals von Cannes. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehören der Europäische Filmpreis und eine Oscar-Nominierung. Der deutsche Kinostart war am 14. Juli 2016.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der pensionierte und alleinlebende Musiklehrer Winfried Conradi aus Aachen ist ein Alt-68er mit Hang zu skurrilen Scherzen. Nachdem sein Hund gestorben ist, besucht er seine von ihm entfremdete Tochter Ines in Bukarest, die dort als Unternehmensberaterin bei Morrison Karriere macht.

Schon seit Wochen arbeitet Ines an einer Präsentation für den Auftraggeber Herrn Henneberg. In dessen Ölfirma soll die Wartung kostengünstiger vorgenommen werden. Ines lädt ihren Vater ein, sie auf einen Empfang zu begleiten. Dort ist auch Herr Henneberg anwesend. Winfried kommt mit ihm ins Gespräch und erzählt, dass er nun eine „Ersatztochter“ engagiert habe, da seine eigene beruflich stark eingebunden sei. Diese würde ihm auch immer die Fußnägel schneiden. Zu Ines’ Entsetzen findet Henneberg dies amüsant und lädt Winfried und Ines später in einen Club ein.

Nach einigen Tagen reist Winfried wieder ab. Als Ines abends mit zwei Freundinnen auf einen freien Tisch im Restaurant wartet, erscheint er allerdings mit dunkelhaariger Perücke und vorstehenden, falschen Zähnen und beginnt, – von den Freundinnen unerkannt – sich blendend mit ihnen zu unterhalten. Von da an taucht er als Toni Erdmann wiederholt in Ines’ Alltag auf und gibt sich wahlweise als Coach und Tennisfreund von Ion Țiriac oder als deutscher Botschafter in Rumänien aus.

Nach einigen Irritationen nimmt Ines ihren Vater schließlich zu einem Treffen mit Illiescu mit, dem Manager der abzubauenden Abteilung, und stellt ihn als erfahrenen Berater vor. Winfrieds Unterhaltung mit Ölarbeitern nimmt jedoch eine fatale Wendung, als Illiescu darauf aufmerksam wird, dass einer der Arbeiter gegen Sicherheitsvorschriften verstößt, und diesen an Ort und Stelle entlässt.

Es kommt zum Eklat, woraufhin Winfried der Einladung einer flüchtigen Bekanntschaft folgt, der Tradition des Ostereierfärbens in privatem Rahmen beizuwohnen. Ines folgt ihm und wird von ihrem Vater, der sich als „deutscher Botschafter“ vorstellt, als dessen Sekretärin „Miss Schnuck“ eingeführt. Nur widerwillig lässt sich Ines die Technik der Eiermalerei erklären. Als sie schließlich gehen will, entdeckt Winfried ein Keyboard und bringt Ines dazu, zum Abschluss ein Lied zu singen. Winfried bittet um einen Applaus für die „fabelhafte Whitney Schnuck“, die für die Familie dann Greatest Love of All zum Besten gibt. Kurz darauf verlässt Ines wortlos die Wohnung.

Am nächsten Tag will Ines ihren als Teambuilding-Maßnahme angekündigten Geburtstagsbrunch mit Freunden und Kollegen feiern. Alles steht bereit, jedoch reißt Ines den Reißverschluss ihres Kleids ab, welches so eng anliegt, dass sie die High Heels nicht schließen kann. Als sie versucht, das Kleid auszuziehen, steckt sie fest; es läutet an der Tür, während sie mit ihrem Kleid kämpft. Sie gibt auf, öffnet lediglich in Strumpfhose und erklärt den Brunch kurzerhand zur Nacktparty. Nach und nach erscheinen ihre Kollegen, die sich jeweils konsterniert wieder verabschieden, als sie zu verstehen gibt, eine Nacktparty zu veranstalten. Ines’ beflissene rumänische Assistentin Anca kommt tatsächlich – mit sichtlichem Unbehagen – unbekleidet. Plötzlich erscheint Winfried im Kukeri-Kostüm, das aus dunklen langen Haaren besteht. Damit erschreckt er Ines’ Chef Gerald, der inzwischen doch unbekleidet zur Party gekommen ist. Winfried verlässt die Feier, woraufhin Ines ihm folgt. In einem Park ruft sie „Papa!“ und wirft sich in seine Arme.

Einige Zeit später treffen sich Winfried und Ines bei der Beerdigung von Winfrieds Mutter. Man erfährt, dass Ines ihr Ziel verwirklichen konnte, Rumänien zu verlassen, und nun für McKinsey in Singapur arbeitet. Anspielend auf ein kurzes Gespräch seinerzeit in Bukarest sagt Winfried, er könne die für ihn wichtigen Momente des Lebens nicht festhalten. Ines stibitzt die falschen Zähne aus Winfrieds Hemdtasche und setzt sie sich selbst ein. Dazu nimmt sie sich eine Mütze ihrer Oma. Um diesen Moment festzuhalten, will Winfried eine Kamera holen und lässt Ines allein im Garten zurück.

Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dreharbeiten zu Maren Ades drittem Langfilm fanden von Juni bis September 2014 in Aachen und überwiegend in Bukarest statt.[2] Dabei entstanden über 120 Stunden Material. Die Postproduktion dauerte bis kurz vor der Premiere.[3]

Als Vorbilder für die Figur des Toni Erdmann nannte Ade den amerikanischen Entertainer Andy Kaufman mit seiner Figur Tony Clifton sowie ihren eigenen Vater, dem sie einst ein Scherzgebiss geschenkt habe.[4] Das Scherzgebiss hatte Ade als Werbegeschenk bei der deutschen Premiere eines Austin-Powers-Films erhalten.[5]

Veröffentlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Toni Erdmann erhielt als erster deutscher Film seit Wim WendersPalermo Shooting im Jahr 2008 eine Einladung in den Hauptwettbewerb des Filmfestivals von Cannes und wurde dort sehr positiv aufgenommen.[6] Der Film galt in der Presse als ein Favorit auf die Goldene Palme, wurde aber bei den Wettbewerbspreisen der Jury nicht berücksichtigt. Noch während des Festivals vermeldete der Weltvertrieb The Match Factory Verkäufe in zahlreiche Länder weltweit. Für Nordamerika erwarb Sony Pictures Classics die Rechte.[7] Die deutsche Erstaufführung fand am 23. Juni 2016 im Rahmen des Filmfests München statt, das Toni Erdmann als Eröffnungsfilm wählte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Verleihrechte des Filmes in 55 Länder verkauft.[8]

Nach dem deutschen Kinostart am 14. Juli 2016 belegte Toni Erdmann neun Wochen lang Platz eins in den Arthouse-Kinocharts der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater[9] und erreichte bis Ende Februar 2017 über 860.000 Besucher in Deutschland.[10]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Toni Erdmann erreichte in der internationalen Kritikerumfrage der Zeitschrift Screen während des Filmfestivals von Cannes mit 3,7 von 4 möglichen Punkten einen neuen Höchstwert.[11] In einer internationalen Kritikerumfrage der BBC von 2016 kam der Film auf Platz 100 der 100 besten Filme des 21. Jahrhunderts.

Thomas Assheuer betont in seiner Rezension des Films in der Zeit vom 21. Juli 2016, die „ästhetische Artistik“ von Toni Erdmann – „Maske, Spiel und Umkehr“ – rufe alte kulturkritische Figuren auf, die teils fast zweitausend Jahre alt seien.[12]

Christina Tilmann bezeichnet in ihrer Kritik von Toni Erdmann in der Neuen Zürcher Zeitung vom 20. Juli 2016 Ades Film als einen „in der deutschsprachigen Kinolandschaft höchst ungewöhnlichen Film“, der verdienterweise beim Filmfestival Cannes auf Anhieb zum Kritiker- und Publikumsliebling geworden sei. Ade zeige in ihrem Film „in allen Nuancen der Ausbeutungs- und Abhängigkeitsmechanismen […] eine Vampirwelt des modernen Turbokapitalismus“, in der Ines sich einen Panzer zugelegt habe, der so leicht nicht zu durchbrechen sei, wenn ihr Vater nicht wäre.[13]

Michael Meyns von Filmstarts sah „eine Familiengeschichte, wie man sie in dieser Komplexität und Wahrhaftigkeit selten zu sehen bekommt“, und kommt zu dem Schluss, dass es ein „präzise beobachteter, mutiger, brillant gespielter“ Film sei. Er stelle seine Protagonisten trotz peinlicher Situationen nicht bloß, sondern „dringt zu ihrem emotionalen Kern vor“. Es gehe nicht „um einen banalen Wandel“ mit einer „emotionalen Versöhnung“, sondern um die Schilderung „latenter Depression, versteckter Vorwürfe und unterdrückter Wut“.[14]

Demgegenüber äußerte sich Jan Küveler in der Welt am Sonntag am Tag vor der Oscar-Verleihung kritisch: Eine Auszeichnung für den Film „wäre ein entsetzlicher Irrtum, eine fatale kulturelle Fehlinvestition.“ Küveler zufolge ist Toni Erdmann „Schrott, Schund, ein als Komödie verkleidetes Trauerspiel, eine unterirdische Sketchparade, die, um der zu Tode optimierten Tochter zu zeigen, dass Ehrgeiz nicht alles ist, ungelogen auf Perücke und falsche Zähne setzt. Harald Juhnke und Eddi Arent würden sich im Grab umdrehen. Toni Erdmann ist Charleys Tante in ernst gemeint.“[15]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter Simonischek mit dem Öster­reichischen Film­preis 2017

Bei der Oscarverleihung 2017 sowie beim Critics’ Choice Movie Award,[24] den Golden Globe Awards,[25] dem César 2017 und den British Academy Film Awards 2017 war Toni Erdmann jeweils für den Preis als bester fremdsprachiger bzw. ausländischer Film nominiert.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung für Toni Erdmann. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (PDF).Vorlage:FSK/Wartung/typ nicht gesetzt und Par. 1 länger als 4 Zeichen
  2. Toni Erdmann bei filmportal.de, abgerufen am 16. Mai 2016.
  3. Janine Jackowski: „Die Teilnahme im Wettbewerb ist der Wahnsinn!“ In: mediabiz.de. Blickpunkt:Film, 21. April 2016; abgerufen am 21. April 2016.
  4. Manohla Dargismay: The Director of ‘Toni Erdmann’ Savors Her Moment at Cannes, The New York Times, 22. Mai 2016
  5. Simone Meier: So machte Regisseurin Maren Ade aus den Zähnen von Austin Powers «Toni Erdmann». In: watson. 23. Juli 2016; abgerufen am 9. Januar 2017.
  6. Comeback in Cannes. In: Handelsblatt. 15. Mai 2016; abgerufen am 16. Mai 2016.
  7. Scott Roxborough: Cannes: Competition Crowdpleaser 'Toni Erdmann' Sells Wide. In: The Hollywood Reporter. 19. Mai 2016; abgerufen am 22. Mai 2016.
  8. David Steinitz: Es endet in einer famosen Nacktparty. In: Süddeutsche Zeitung. 23. Juni 2016; abgerufen am 25. Juni 2016.
  9. Arthouse-Kinocharts: „Tschick“ verdrängt „Toni Erdmann“. Blickpunkt:Film vom 20. September 2016. Abgerufen am 21. September 2016.
  10. Filmhitliste Februar 2017. Filmförderungsanstalt; abgerufen am 6. Mai 2017 (PDF).
  11. Cannes: 'Toni Erdmann' tops final Screen Jury Grid. In: Screendaily. 22. Mai 2016; abgerufen am 22. Mai 2016.
  12. Wer lacht, der lebt noch. In: Die Zeit, 21. Juli 2016. Abgerufen am 25. Juli 2016.
  13. Der Widerspenstigen Zähmung. In: Neue Zürcher Zeitung, 20. Juli 2016. Abgerufen am 25. Juli 2016.
  14. Michael Meyns: Filmkritik auf Filmstarts.de, abgerufen am 25. August 2016.
  15. Jan Küveler: German Schrott. In: Welt am Sonntag, 26. Februar 2017 (Nr. 9), S. 53.
  16. John Hopewell: Cannes: ‘Toni Erdmann’ Wins Fipresci Competition Award. In: Variety. 21. Mai 2016; abgerufen am 21. Mai 2016.
  17. Belga News: Brussels Film Festival 2016: le film „Toni Erdmann“ remporte le Golden Iris. In: rtbf.be. 24. Juni 2016; abgerufen am 25. Juni 2016.
  18. The 2016 LUX Prize winner is Toni Erdmann. Meldung vom 23. November 2016, abgerufen am 23. November 2016.
  19. Film: „Toni Erdmann“ als „Film des Jahres“ ausgezeichnet. In: Zeit Online. 23. August 2016; abgerufen am 23. August 2016.
  20. ‘La La Land’ Named Best Film by New York Film Critics Circle auf Variety.com, abgerufen am 1. Dezember 2016
  21. orf.at - Montreal: „Toni Erdmann“ und Simonischek ausgezeichnet. Artikel vom 17. Oktober 2016, abgerufen am 17. Oktober 2016.
  22. Toni Erdmann. In: Deutsche Filmbewertung und Medienbewertung FBW. Abgerufen am 6. November 2016.
  23. Die Gewinner der Schnitt Preise 2017. Artikel vom 17. Oktober 2017, abgerufen am 17. Oktober 2017.
  24. „Toni Erdmann“ geht beim US-Kritikerpreis leer aus. In: haz.de vom 12. Dezember 2016.
  25. „Toni Erdmann“ für Golden Globe nominiert. Die Zeit, 12. Dezember 2016; abgerufen am 12. Dezember 2016.