Fieseler Fi 103

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Dieser Artikel behandelt den Flugkörper, der auch als V1 bekannt war. Für weitere Artikel siehe V1.

Die Fieseler Fi 103 war der erste militärisch eingesetzte Marschflugkörper. Sie wurde als eine der „Wunderwaffen“ in der NS-Propaganda des Zweiten Weltkriegs auch V1 (Vergeltungswaffe 1) genannt. Die Entwicklung der Gerhard-Fieseler-Werke in Kassel trug den Tarnnamen FZG 76 für Flakzielgerät 76 und war im Frühjahr 1944 einsatzbereit. Von Juni 1944 bis März 1945 wurden ca. 12.000 Fi 103 von der Wehrmacht hauptsächlich gegen Ziele in England (London) und Belgien (Hafen von Antwerpen) eingesetzt.

Das im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums ab Mitte 1942 entwickelte „Ferngeschoß in Flugzeugform“ war mit fast einer Tonne Sprengstoff bestückt und wurde daher umgangssprachlich auch „Flügelbombe“ genannt.

Marschflugkörper V1 vor Start
V1 auf Startrampe im Imperial War Museum Duxford in England
Links das Triebwerk, rechts eine V1 teilaufgeschnitten

Bezeichnungen[Bearbeiten]

V1 war eine von Joseph Goebbels geprägte propagandistische Bezeichnung, Fieseler Fi 103 die militärische Bezeichnung anhand der Typenliste des Reichsluftfahrtministeriums. Anfangs offiziell Höllenhund genannt, einigte man sich auf Vorschlag von Hans Schwarz van Berk am 17. Juni 1944 auf die Bezeichnung V-Waffe.[1] Die vor allem Richtung Brüssel, Antwerpen und Lüttich von Abschussrampen in der Eifel abgeschossenen V1 wurden wegen der vielen Frühabstürze von der dortigen Bevölkerung als Eifelschreck bezeichnet.[2]

In Großbritannien informierte der zuständige Staatssekretär das Parlament und die Öffentlichkeit und nannte die neue Waffe sowohl "pilotless aircraft" (führerloses Luftfahrzeug) als auch "missile" (Geschoss, Flugkörper).[3] Die umgangssprachliche Bezeichnung für die V1 lautete wegen des charakteristischen knatternden Geräusches des Antriebs doodlebug oder buzz bomb.

Technik[Bearbeiten]

Entwicklung[Bearbeiten]

Die Idee einer mit einem Verpuffungsstrahltriebwerk ausgerüsteten „fliegenden Bombe“ wurde bereits 1934 von Georg Hans Madelung und Paul Schmidt dem Reichsluftfahrtministerium vorgelegt. Obwohl die Vorschläge daraufhin verworfen wurden, entwickelte nach dieser Idee Ende der 1930er-Jahre Fritz Gosslau von der Firma Argus Motoren Gesellschaft in Berlin für das RLM unter dem Codenamen „Fernfeuer“ einen ferngesteuerten unbemannten Flugkörper, der anfangs noch von einem Kolbenmotor angetrieben werden sollte. Ab 1940 wurden die Arbeiten von Schmidt und Gosslau bei Argus koordiniert. Anfang 1942 wurde Robert Lusser von der Firma Fieseler für das Projekt gewonnen, der den Flugkörper der Fi 103 entwarf. Am 19. Juni 1942 wurde vom RLM der Auftrag an die beteiligten Firmen erteilt, das Projekt zur Serienreife zu entwickeln. Zusammen mit dem Team von Argus, die das Pulso-Schubrohr Argus As 014 für den Antrieb lieferten, brachte Lusser das Projekt zur Serienreife. Der erste Test einer Fi 103 erfolgte auf der Insel Usedom am 24. Dezember 1942 in der Erprobungsstelle der Luftwaffe Peenemünde-West auf drei eigens dafür errichteten Startrampen. Weitere Rampen für die Erprobung befanden sich bei Zempin auf Usedom.

Der Flugkörper war für die damalige Zeit ein recht komplexes Gerät: in kugelförmigen Behältern wurde Druckluft für den Betrieb des Kreiselkompasses zur automatischen Kurskorrektur, die Betätigung der Seiten- und Höhenruder und zur Treibstoffförderung mitgeführt; zur Ermittlung der zurückgelegten Strecke trieb ein kleiner Propeller an der Spitze („Luftlog“) ein Zählwerk an, das beim Erreichen einer voreingestellten Strecke durch Abstellen des Triebwerks und Abkippen der Höhenruder den Absturz auslöste. Ein Aufschlagzünder brachte dann die Sprengladung von 850 Kilogramm im Gefechtskopf zur Detonation. In den serienmäßigen V1 kam eine Funk- bzw. radargestützte Steuerung nicht zum Einsatz.

Das Triebwerk war ein als „Schmidt-Rohr“ bezeichnetes Verpuffungsstrahltriebwerk vom Typ As 014, das nach dem von Paul Schmidt erfundenen Prinzip des intermittierenden Pulso-Schubrohrs arbeitete. Es war sehr viel einfacher aufgebaut und damit deutlich billiger als die zu dieser Zeit bereits verfügbaren Turbojet-Triebwerke. Die geringere Lebensdauer und der schlechtere Wirkungsgrad waren bei einem Marschflugkörper akzeptabel.

Die Fi 103 startete normalerweise von einer Startrampe (nach ihrem Konstrukteur, dem Kieler Unternehmer Hellmuth Walter, Walter-Schleuder genannt), die eine Länge von 48 Metern und eine Höhe von bis zu 6 Meter aufwies.[4] Später wurde sie auch von Flugzeugen abgesetzt, vorzugsweise von der He 111H-22.[5] Im Herbst/Winter 1944/45 startete das Kampfgeschwader 53 regelmäßig von norddeutschen Basen zum V1-Einsatz. Den letzten V1-Einsatz auf London am 5. Januar 1945 flog dieses Geschwader.

Zielführung[Bearbeiten]

Technische Daten Fieseler Fi 103
Kenngrößen Daten
Flügelspannweite 5,30 m
Länge 7,742 m
Antrieb Pulsstrahltriebwerk Argus As 014
mit 3,28 kN Maximalschub
Marschgeschwindigkeit 576 km/h in 760 m Höhe
Reichweite 257 bis 286 km
Dienstgipfelhöhe 3000 m
Treffergenauigkeit im Umkreis von 12 km
Besatzung keine
Fluggewicht 2160 kg
Bewaffnung
  • 847,11-kg-Sprengkopf aus Amatol
  • Einige wenige mit Zusatzbewaffnung:
    • 23 × 1-kg-Streubomben
    • Propagandaflugblätter

Eine integrierte Zielsuche gab es noch nicht. Zur Fernlenkung wurden verschiedene Verfahren angewandt:

Kirschkern-Verfahren
Zur Zielführung wurde an Bord ein einfacher MW-Sender „FuG 23“ mit Schleppantenne mit einem Frequenzbereich von 340 bis 500 kHz mitgeführt. Dieser wurde während des Fluges von deutschen Adcock-Peilstationen verfolgt (Fremdpeilung). Die Einschlagstelle ergab sich dann als Ort der letzten Peilung. Die erste V1 einer Abschussserie wurde also eher ungenau verschossen und erst die nachfolgenden mit Hilfe der empfangenen Peilsignale genauer gerichtet. Dieses Lenkverfahren hatte den Decknamen „Kirschkern“, in Anlehnung an das Kirschkern-Weitspucken. Reichweitenänderungen wurden am Wegstreckenzähler, einem kleinen Propeller am Bug, eingestellt, Seitenabweichungen durch Einstellung am Gyro-Kompass.
Fi-103-Verfahren
Auf Vorschlag der C. Lorenz AG aus dem Jahre 1943 sollte die V1 im Flug durch Kreuzpeilung geortet werden und mit Fernlenkkommandos an den Funkmessgeräten FuPeil A70h „Elektrola“ dann zum Ziel gelenkt werden.
DFS-Verfahren
mit verschiedenen Impulsfolgen zur direkten Fernlenkung.
Ewald-Sauerkirsche-Verfahren
Um Störmaßnahmen entgegenzuwirken, wurden die Fernlenkimpulse mehrfach nacheinander ausgesandt. An Bord der Fi 103 wurde die Impulsfernlenkanlage „Mosel“ eingesetzt. Die vom Empfänger kommenden Impulse wurden auf einem Endlos-Magnetband aufgezeichnet. Erst wenn an drei Leseköpfen gleichzeitig derselbe Impuls anlag, wurde das Steuerkommando an die Ruder weitergegeben. Die erhoffte Treffgenauigkeit war ± 2 Kilometer auf 400 Kilometer Kampfentfernung.

Weiterentwicklung zur Cruise-Missile[Bearbeiten]

US-Kopie „Loon“ der V-1 auf der White Sands Missile Range

In den Vereinigten Staaten wurde unter der Bezeichnung JB-2 von Republic Aviation und Ford bereits 1944 eine Kopie entwickelt. Die Testflüge wurden in der Eglin Air Force Base in Florida im Oktober 1944 durchgeführt, die Produktion begann ab 1945. Sie belief sich auf insgesamt 1000 Stück, die aber nie zum Einsatz kamen. Ihr Einsatz war bei der Invasion Japans geplant. Auch die französische Arsenal ARS 5501 Bernadette basierte auf der V1. Sie wurde unter anderem von der Royal Navy ab 1953 als Zieldarstellungsdrohne eingesetzt.

Sowjetische Entwicklungen[Bearbeiten]

Auch in der Sowjetunion wurde mit einer als „10ch“ (russisch 10X – zehnte Modifikation einer geheimen Waffe) bezeichneten, von Flugzeugen sowie von stationären und beweglichen Rampen zu startenden Waffe experimentiert, die von Wladimir Tschelomei entwickelt wurde. Ausgangspunkt für diesen Nachbau der Fi 103 war ein unvollständiges Exemplar, dass bereits im Oktober 1944 von den englischen Verbündeten an die Sowjetunion abgegeben worden war. Hinzu kamen im weiteren Kriegsverlauf noch Teile von einzelnen Baugruppen und Abschussrampen, die beim Vormarsch der Roten Armee in den Produktionsbetrieben in Kattowitz und Speck bei Altdamm erbeutet wurden. Später wurden auch die nach dem Abzug der Amerikaner noch verbliebenen Produktionsanlagen in Nordhausen in die Sowjetunion überführt. Zwar hatten die sowjetischen Entwickler schon vor dem Krieg erfolgreich Raketenantriebe entwickelt und auch in Flugkörpern getestet, in den Kriegseinsatz waren diese aber nur in Form von Reaktivgeschossen wie z. B. dem Raketenwerfer Katjuscha gelangt. Tschelomei entwickelte auf Basis der 10ch noch die mit Holzflügeln und stärkeren D-5-Triebwerk ausgerüstete 14ch, die ihren Erstflug 1947 hatte, sowie die mit „Kobalt“-Bordradar für den ferngelenkten Zielanflug ausgerüstete 16ch (Erstflug 1948), die aber wegen ungenügender Treffergenauigkeit ebenso wie die 10ch nicht in die Bewaffnung der Streitkräfte übernommen wurden. 1954 wurde das Programm schließlich beendet.[6]

Produktion[Bearbeiten]

Unterirdische Produktion der „V1“ im KZ Mittelbau-Dora

Die Herstellungskosten betrugen rund 3500 Reichsmark, für den Bau waren etwa 280 Arbeitsstunden nötig. Die Produktion der Einzelteile fand bei mehr als 50 Herstellern statt.[7] Unter anderem wurden ab Anfang März 1944 in einer „Geheimabteilung“ im Keller der Halle I des Volkswagenwerkes bei Fallersleben die „V1“ in Serie gebaut.[8] Von 1940 bis 1945 mussten dort etwa 20.000 Menschen in Zwangsarbeit die verschiedenen Rüstungsgüter fertigen, darunter Kriegsgefangene und Insassen der Konzentrationslager. Im Sommer 1944 begann der „V1“-Serienbau auch in den unterirdischen Stollen des KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen in Thüringen.[9] Im Zusammenhang mit der Produktion und Montage der verschiedenen Waffen im KZ Mittelbau-Dora starben etwa 20.000 KZ-Häftlinge. Einziger Ingenieur der „V1“-Produktion, der je vor Gericht gestellt wurde, war der DEMAG-Geschäftsführer und Generaldirektor der Mittelwerk GmbH Georg Rickhey. 1947 im „Nordhausen-Hauptprozess“ angeklagt, wurde er freigesprochen, obwohl im Prozess der Mitangeklagte Funktionshäftling Josef Kilian aussagte, dass Rickhey bei einer besonders brutal inszenierten Massenstrangulation von 30 Häftlingen am 21. März 1945 in Mittelbau-Dora anwesend war.[10]

Abwehrmaßnahmen[Bearbeiten]

Foto der Sperrballone über London 1939–1945, Buckingham Palace und das Victoria Memorial groß im Bild

Die Bekämpfung der V1 erfolgte durch Flak, Abfangjäger und Sperrballone.

Flak[Bearbeiten]

Die Flughöhe der V1 lag zwischen 600 und 900 Metern. Die Anflugkorridore der V1 waren weitgehend bekannt und konnten aufgrund der stationären Abschussrampen kaum verändert werden. Daher wurden in den Anflugkorridoren starke Abwehrbatterien stationiert, die beim Anflug einer V1 Sperrfeuer schossen. Diese Maßnahme war am erfolgreichsten, da die V1 durch ihren leuchtenden Abgasstrahl und das charakteristische Motorengeräusch leicht zu orten war und der Flugkörper keine Ausweichbewegungen machte. Später wurde erfolgreich bereits mit Annäherungszündern geschossen. Dank stetiger Verbesserungen erreichte die Flak gegen Ende der V1-Einsätze eine Abschussquote von über 70 Prozent.

Abfangjäger[Bearbeiten]

Eine Spitfire hebt den Flügel einer V1 an

Die V1 hatte eine Fluggeschwindigkeit von 630 km/h. Damit war sie ähnlich schnell wie die damaligen Jagdflugzeuge. Diese konnten nur aus der Überhöhung angreifen, um genügend Geschwindigkeitsüberschuss für einen Angriff zu haben. Anfangs waren nur einige wenige britische Hawker Tempest schnell genug. Neben dem direkten Abschuss, der für den Piloten wegen der möglichen Explosion des großen Sprengkopfes lebensgefährlich war, entwickelten einige Piloten eine andere Methode, um die V1 zum Absturz zu bringen: Gelang es, den Flügel der V1 mit dem Luftwirbel am Ende der eigenen Tragfläche weit genug anzuheben, wurde der Flugkörper, der kein Querruder besaß, instabil, die Kreiselsteuerung versagte, und die Fi 103 stürzte ab.

Sperrballone[Bearbeiten]

Entlang der Einflugschneisen wurden Sperrballone stationiert, da die niedrige Einflughöhe der V1 dies begünstigte. Speziell gegen die Sperrballone gab es den Rüstsatz 1, „Kuto“ mit Messerleisten an Tragflächennasen.[11] Letztlich gingen aber nur etwa 6 Prozent der vernichteten V1 auf deren Konto.

Agenten[Bearbeiten]

Da wegen der Luftüberlegenheit der Briten eine deutsche Luftaufklärung über England nicht möglich war, um die Lage der Einschläge zu kontrollieren, verließ man sich auf Meldungen von Agenten. Diese waren aber fast alle durch ihren Funkverkehr schnell enttarnt worden und arbeiteten bei der Alternative Todesstrafe mit den Briten zusammen. Sie übermittelten falsche Einschlagstellen.[12] Den Meldungen der eigenen Funkpeilung schenkte man weniger Glauben.

Bemannte Version[Bearbeiten]

Hauptartikel: Reichenberg-Gerät
US-Soldaten mit einer erbeuteten V4

Die Version Fieseler Fi 103 Reichenberg, auch als „V4“ bezeichnet, war bemannt. Obwohl 175 Exemplare gebaut wurden, wurde das Vorhaben 1944 aufgegeben.

Es gab ernste Anstrengungen, die V4 als Kamikaze-Waffe zu benutzen. Dazu wurde die Militäroperation Selbstopfer ins Leben gerufen. Die Selbstaufopferungspiloten wurden dem Kampfgeschwader 200 unterstellt. Diese Organisation kam jedoch nach der Intervention des Geschwaderkommandeurs Werner Baumbach bei Hitler nicht mehr zum Einsatz.

Einsatz[Bearbeiten]

Am 13. Juni 1944 schlug die erste V1 bei der Eisenbahnbrücke an der Grove Road in London ein. Eine angebrachte Plakette erinnert an den Bombentreffer.
Eine Fieseler Fi 103 trifft am 15. Juni 1944 London

Der Einsatz der Waffe im Krieg begann ab dem 12. Juni 1944. Aus dem nordfranzösischen Département Pas-de-Calais wurden die ersten zehn Flugkörper gegen die britische Hauptstadt gerichtet. Lediglich vier erreichten Großbritannien: je einer schlug in Gravesend, in Cuckfield, in Bethnal Green in London und in Sevenoaks auf, die anderen gingen über See verloren.[13] In den frühen Morgenstunden des 13. Juni schlug davon erstmals eine Fi 103 in London ein.[14]

V1-Flugkörper kamen in folgendem Umfang zum Einsatz:

  • vom Boden gestartet: 8892
    • davon erfolgreich : 7488
      • 3957 davon von den Briten abgeschossen (52,8 Prozent):
        • durch Abfangjäger 1847
        • durch die Flak 1878
        • durch die Seile der Sperrballone 232
  • aus der Luft gestartet: 1600 von He-111 H-22, Verluste: 80 von 100 Maschinen
  • Ziel London: 2419 trafen und detonierten
  • Ziel Antwerpen/Brüssel: 2488

Bei Bruchhausen und Rheinbreitbach im Stellungsbereich Asberg sind noch Reste von drei Abschussrampen zu sehen, ebenso bei Ruppichteroth, Drabenderhöhe, auf Peenemünde und bei Zempin auf der Insel Usedom.

Wirkung[Bearbeiten]

Zu keinem Zeitpunkt konnte die V1 die Kriegswirtschaft in England schwächen. Allerdings befürchtete die alliierte Führung eine Schwächung der Kriegsmoral durch die V1, so dass bei der Abwehr auf alliierter Seite wesentlich mehr Personal und Material eingesetzt wurden als bei der vergleichsweise billig herzustellenden Waffe auf deutscher Seite.

Schon 1943 hatte die NS-Propaganda als Erwiderung der alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte die Bombardierung Englands mit „Vergeltungswaffen“ angekündigt, um die Moral der deutschen Bevölkerung und den Kampfgeist der Soldaten aufrechtzuerhalten. Durch ständige Beschwörungen von der Wirksamkeit der neuen „Wunderwaffen“ propagierte das NS-Regime den Glauben, die Wehrmacht habe mit neuen überlegenen Waffensystemen ein technologisches Mittel in Händen, um die Wende im Krieg doch noch herbeiführen zu können. Allerdings schlug die nach dem Einsatz der „Vergeltungswaffen” kurzfristig entstandene euphorische Stimmung der Bevölkerung im Sommer 1944 bald in Skepsis um, weil V-Waffen nicht den erhofften Erfolg erzielten.[14]

Trotzdem versprach am 30. Januar 1945 Adolf Hitler in seiner letzten Rundfunkrede schon vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Niederlage durch einen verstärkten Einsatz sogenannter „Wunderwaffen“, zu denen auch die V2 gehörte, immer noch den Endsieg.[14]

Wie wenig die propagierte Bezeichnung Vergeltungswaffe auch auf die V1 zutraf, zeigen die Äußerungen Hitlers im September 1940, als dieser bereits deutlich drohte: „Wir werden ihre Städte ausradieren!“[15]

Zur Hauptzeit des Angriffs gegen England im Juli und August 1944 wurden die Terrorwaffen in Gruppen von bis zu zehn Flugkörpern gleichzeitig gestartet. Die Auswirkung auf die Moral der Londoner Bevölkerung war verheerend. Täglich verließen bis zu 14.000 Einwohner mit der Eisenbahn die Stadt; insgesamt flohen in diesem Sommer bis zu zwei Millionen Menschen.[16]

Opfer[Bearbeiten]

Leichen von KZ-Arbeitern am Boden einer Baracke des KZ Mittelbau-Dora 1945

Bei der Produktion, die zum Teil von KZ-Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen ausgeführt werden musste, kamen viele Menschen ums Leben. Nach Darstellungen der Mahn- und Gedenkstätte Mittelbau-Dora starben bei der Herstellung der Waffe mehr Menschen als bei ihrem Einsatz. Zudem versuchten die zur Herstellung der Waffe gezwungenen Häftlinge vielmals die Flügelrakete zu sabotieren, was auch zu Ausfällen führte. Dafür wurden Häftlinge oft wahllos ermordet und drangsaliert, was wiederum die Produktion verlangsamte.

Durch den Einsatz der Fi 103 gegen London starben 6184 Zivilisten, 17.981 wurden schwer verletzt. In Antwerpen und Umgebung wurden 10.145 Menschen verwundet oder getötet; außerdem waren weitere 4614 Opfer, größtenteils in Lüttich, zu beklagen.

Da beim Erreichen der Zielreichweite das vom Frontpropeller angetriebene Zählwerk die Benzinzufuhr für das Triebwerk abschaltete, ergaben sich zwei Konsequenzen: [17]

  • Nach dem Ausschalten des Triebwerks und dem Ausbleiben des extrem lauten Motorengeräusches verblieben etwa 15 Sekunden bis zum Einschlag. Viele Londoner konnten sich retten, indem sie in diesen Momenten sofort Schutz suchten.
  • Dadurch, dass die V1 mit ausgeschaltetem Motor im Gleitflug schräg auf den Boden traf, breitete sich die Druckwelle der Explosion oft über mehrere 100 Meter aus. Im Fall des Einschlags am Lewisham Market am 28. Juli 1944 belief sich die Explosionswirkung sogar auf bis zu 600 Meter in alle Richtungen.[18]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Theodor Benecke, Karl-Heinz Hedwig, Joachim Hermann: Flugkörper und Lenkraketen. Die Entwicklungsgeschichte der deutschen gelenkten Flugkörper vom Beginn dieses Jahrhunderts bis heute. Bernard & Graefe, Koblenz 1987, ISBN 3-7637-5284-6.
  • Heinz Dieter Hölsken: Die V-Waffen.Entstehung - Propaganda - Kriegseinsatz. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984, ISBN 3-421-06197-1.
  • Benjamin King, Timothy Kutta: Impact: The History Of Germany's V-weapons In World War II. Da Capo Press, 2003, ISBN 0-306-81292-4.
  • Luftfahrt History, Heft 2: Fieseler Fi 103 „Reichenberg“ – Die Geschichte der bemannten V1.
  • Wolfgang Gückelhorn, Detlev Paul: V1 – „Eifelschreck“ Abschüsse, Abstürze und Einschläge der fliegenden Bombe aus der Eifel und dem Rechtsrheinischen 1944/45. Helios-Verlag, Aachen 2004, ISBN 3-933608-94-5.
  • Fritz Trenkle: Die deutschen Funklenkverfahren bis 1945. AEG-Telefunken-Aktiengesellschaft – Geschäftsbereich Hochfrequenztechnik, Ulm 1982, ISBN 3-87087-133-4; 2. Auflage Dr. Alfred Hüthig Verlag, Heidelberg 1987, ISBN 3-7785-1465-2).
  • Fritz Trenkle: Die deutschen Funk-Navigations- und Funk-Führungsverfahren bis 1945. Motorbuchverlag, Stuttgart 1979, ISBN 3-87943-615-0.
  • Gerätehandbuch der Fieseler Fi 103

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: V-1 – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Tagebücher des Joseph Goebbels. Eintrag vom 22. Juni 1944, Anmerkung 132
  2. Wolfgang Gückelhorn, Detlev Paul: V1 – „Eifelschreck“ (s. u. Literatur)
  3. Hansard
  4. Förderverein Peenemünde (16. März 2006): Walter-Schleuder angekommen
  5.  Steven Zaloga: German V-Weapon Sites 1943–1945. Osprey Publishing, Oxford 2007, ISBN 978-1-84603-247-9.
  6. Wilfried Kopenhagen: Die V1 und ihre sowjetischen Kinder. In: Waffen-Arsenal Nr. 24, Podzun-Pallas, Wölfersheim-Berstadt 1999, S. 20–25
  7. kheichhorn.de: Fieseler V1
  8. Rainer Eisfeld: Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. Paperback, 2012, S. 141-142, ISBN 978-3-86674-167-6.
  9. Jens-Christian Wagner: Auschwitz im Harz.
  10. Rainer Eisfeld: Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. Paperback, 2012, S. 164, ISBN 978-3-86674-167-6.
  11. Fieseler Fi-103 Gerätehandbuch. Teil 1, S. 44
  12. R. V. Jones: Most Secret War. New York 1978.
  13. Der Spiegel Nr. 47/1965 vom 17. November 1965, Unternehmen Armbrust, S. 101, abgerufen am 28. Juni 2010
  14. a b c Deutsches Historisches Museum: Die „Wunderwaffen“ V1 und V2, abgerufen am 28. Juni 2010
  15. Rainer Eisfeld: Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. Paperback, 2012, ISBN 978-3-86674-167-6, S. 76–77.
  16. flyingbombsandrockets.com: Doodlebug Summer (engl.)
  17. FZG 76 Gerätehandbuch – Teil 2: Steuerung
  18. flyingbombsandrockets.com: Lewisham Market