Kulturgeschichte der Kartoffel

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Verschiedene Kartoffelsorten

Die spanischen Entdecker und Eroberer fanden in der Neuen Welt zahlreiche ihnen bisher unbekannte Pflanzen und Früchte, die heute ein selbstverständlicher Teil der Ernährung des Menschen in der alten Welt sind, wie Tomaten, Bohnen, Paprika und Mais. Für Europa erlangte die Kartoffel die größte Bedeutung.

Etymologie[Bearbeiten]

Das Nachtschattengewächs Kartoffel stammt ursprünglich aus dem Inkareich. Dort hieß sie papa (Quechua pápa).[1] Bei den Inkas lernten die Spanier die Kartoffel in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kennen und brachten sie mit ihren Schiffen nach Europa. Die Ähnlichkeit zur Batate führt zur Vermischung der beiden Begriffe, so dass ab dem 17. Jahrhundert beide Pflanzen (und ihre jeweiligen Früchte) als patata bezeichnet werden. Erst ab dem 18. Jahrhundert wird wieder zwischen der Kartoffel (spanisch: patata in Spanien und papa in Hispanoamerika) und der Batate (spanisch: batata) unterschieden. Die englische Bezeichnung potato leitet sich von patata ab.

In Italien erhielt die Kartoffel wegen ihrer Ähnlichkeit mit Trüffeln den Namen Tarathopholi, auch Taratouphli. Bereits 1591 erwähnte der deutsche Landgraf Wilhelm IV. (Hessen-Kassel) diese Bezeichnung in seinem Briefen. Um 1800 waren in Deutschland die abgeleiteten Wörter Tartuffeln oder Artoffel üblich.[1] Daraus hat sich durch eine Dissimilation das Wort Kartoffel entwickelt. Dagegen hat das italienische Wort tartufolo an Bedeutung verloren, an seine Stelle ist patata getreten.[2]

Den französischen Ausdruck pommes de terre hat man als Erdäpfel übersetzt. Die Kartoffel hat regionale und dialektale unterschiedliche Bezeichnungen, zum Beispiel Erdäpfel, Erdbirnen, Töften, Schocken, Mäusle oder Tuffeln. Eine deutsche historische Bezeichnung ist auch Ertüffel.[3] In der Pfalz und angrenzenden Regionen wie Saarland, Hunsrück und Nordbaden ist ebenso wie in einigen Bundesländern Österreichs[4] die Bezeichnung Grumbeer oder Grundbirne für die Kartoffel allgemein geläufig.

Geschichte der Kartoffel[Bearbeiten]

Von Südamerika nach Europa[Bearbeiten]

In den Anden Südamerikas kultivierten die einheimischen Völker Kartoffeln in zahlreichen Sorten bereits seit Jahrhunderten. Die Termine der meisten religiösen Feste der Inka entsprachen im Kalender den Pflanz- und Erntezeitpunkten dieser Erdfrucht. Die angebauten Sorten waren bereits hoch entwickelt, den verschiedensten Anbaulagen und unterschiedlichen Verwendungszwecken angepasst und weit entfernt von den Urformen, wie sie von der Natur hervorgebracht wurden. In den kargen Bergen war die papa die Hauptnahrung der Einheimischen. In Peru lässt sich die Kartoffel in bis zu viertausend Meter Höhe anbauen, dort wo Mais nur noch in den günstigsten, frostfreien Lagen gedeihen kann. Den Inkas war auch bekannt, dass in diesen Höhenlagen Kartoffeln virusfrei gehalten werden können.

Die Entdeckung der Kartoffel durch die Spanier[Bearbeiten]

Juan de Castellanos
  • 1532: Im Verlauf der Eroberungskampagne des Inkareiches (1531–1536) stieß der spanische Conquistador Francisco Pizarro bis zu den Anden, dem Areal der Kartoffel, vor. Einen konkreten Beweis, dass Pizzaro sich neben Gold auch für die Kartoffel interessiert hat, gibt es nicht.
  • 1536: Eine von Gonzalo Jiménez de Quesada in die Hochebene von Kolumbien geführte Expedition lernte im Jahre 1537 in dem Dorf Sorocotá (in der heutigen Provinz Vélez) die Kartoffel kennen. Die Kunde von diesem ersten Kontakt mit der Kartoffel wurde 1601 in einem Manuskript von Juan de Castellanos festgehalten, das aber erst im 19. Jh. veröffentlicht wurde.
  • 1552: Francisco López de Gómara machte in seiner Historia general de las Indias als erster die Existenz der Kartoffel publik. In diesem Werk berichtet er, der selbst nie in Amerika war, dass die Einheimischen der Collao Hochebene (Altiplano, Titicacasee) sich von Mais und papas (Kartoffeln) ernähren und „hundert und mehr Jahre alt” werden.
  • 1553: Pedro Cieza de Léon, ein Augenzeuge, der weite Teile der Anden gegen Ende der 1530er und im Laufe der 1540er Jahre durchquert hatte und dabei des Öfteren auf die Kartoffel gestoßen war, berichtet in seiner Chronik von Peru (1553), wie die Kartoffel in der Gegend von Quito verwendet wurde: gekocht und dann verspeist, oder durch Gefriertrocknen zu chuño verarbeitet und haltbar gemacht. [5]

Aus Peru über die Kanaren nach Spanien[Bearbeiten]

  • Um 1562: Auf ihrem Weg von Südamerika nach Spanien machte die Kartoffel Zwischenstation auf den (spanischen) Kanarischen Inseln. Dies weiß man, weil im November 1567 drei Fässer, die Kartoffeln, Orangen und grüne Zitronen enthielten, von Gran Canaria nach Antwerpen, und im Jahre 1574 zwei Fässer mit Kartoffeln von Teneriffa via Gran Canaria nach Rouen verschifft wurden. Geht man davon aus, dass mindestens fünf Jahre nötig waren, um so viele Kartoffeln zu erhalten, dass sie zum Exportartikel werden konnten, so fand die Einbürgerung der Pflanze auf den Kanaren spätestens 1562 statt.
  • Um 1570: Der früheste Beleg dafür, dass die Kartoffel Spanien erreicht hat, findet sich in den Büchern des Hospital de la Sangre in Sevilla, das im Jahre 1573 Kartoffeln eingekauft hat. Man nimmt an, dass die Kartoffel Spanien spätestens 1570 und frühestens 1564/65 erreicht hat, da ansonsten der Botaniker Clusius, der das Land 1564 auf der Suche nach neuen Pflanzen bereiste, sie wohl bemerkt hätte.

Von Spanien aus gelangte die Kartoffel nach Italien und breitete sich dann langsam auf dem europäischen Festland aus.[5]

England und Irland[Bearbeiten]

  • Auf die britischen Inseln soll die Kartoffel ohne den Umweg über Spanien gelangt sein. Wer die Kartoffel dorthin gebracht hat, ist unbekannt. Francis Drake war es jedenfalls nicht, wahrscheinlich auch nicht Walter Raleigh, auch nicht Thomas Harriot, Namen, die immer wieder in diesem Zusammenhang genannt werden.
  • Historisch belegt ist, dass die Kartoffel spätestens 1596 in England angekommen war, denn in dem Jahr erschien in London der Katalog der Pflanzen, welche der Botaniker John Gerard in seinem Garten in Holborn züchtete, und darin kam auch die Kartoffel vor.
  • Was Irland anbelangt, hält man vor allem in der Gegend von Cork daran fest, die Kartoffel verdanke man Walter Raleigh, dessen Wappen einen Kartoffelzweig erhielt. Nach einer anderen Theorie sollen bei der Plünderung der an der Küste gestrandeten Wracks der von Drake 1588 besiegten spanischen Armada auch zur Verpflegung der Mannschaft mitgeführte Kartoffeln erbeutet worden sein. Tatsächlich scheint die Kartoffel zwischen 1586 und 1588 in Irland angekommen zu sein. Ihr Anbau ist ab 1606 nachgewiesen, und noch vor dem Ende des 17. Jahrhunderts hatte sie sich zum Grundnahrungsmittel der Iren entwickelt.[6]

Botanische Werke[Bearbeiten]

  • Neben Gerards oben erwähntem Katalog erschien im Jahre 1596 der Phytopinax des Basler Botanikers Gaspard Bauhin, der in diesem Werk eine der ersten Beschreibungen der Kartoffel geliefert und ihr den botanischen Namen Solanum tuberosum gegeben hat. Bauhin schreibt, er habe von dem berühmten Dr. Laurentius Scholtz (Scholz), in dessen Garten die Kartoffel wachse, [im Jahre 1590] eine Zeichnung dieser Pflanze erhalten, auf welcher jedoch weder die Blüten noch die Knollen dargestellt seien. Scholz soll bereits im Herbste 1587 in seinem Garten zu Breslau die Kartoffel angebaut haben.
  • Im Dezember 1597 publizierte Gerard The Herball or Generall Historie of Plantes (Kräuterbuch), in dem er der Kartoffel ein ganzes Kapitel widmete und das die erste Abbildung einer Kartoffelpflanze enthielt. Er nannte sie Virginia-Kartoffel.
Abbildung der Kartoffelpflanze in Gerards Kräuterbuch (1597)
  • Im Jahre 1601 erschien in Antwerpen das Buch Rariorum Plantarum Historia (Naturgeschichte seltener Pflanzen) von Carolus Clusius (Charles de l’Écluse) mit einer Beschreibung und einer Abbildung der Kartoffel. Im Januar 1588 hatte er seinen ersten Kontakt mit der Kartoffel, als ihm Philippe de Sivry, der Gouverneur von Mons (Belgien), zwei Knollen als Geschenk zukommen ließ. De Sivry hatte seine Kartoffeln im Vorjahr von einem Freund des päpstlichen Legaten in Belgien unter dem Namen Taratoufflo erhalten. Clusius lebte Anfang 1588 noch in Wien, zog dann aber im Laufe desselben Jahres nach Frankfurt, wo er die Knollen in seinem Garten anpflanzte. Ob die Kartoffel dann wirklich von dort aus Deutschland eroberte und in die Schweiz sowie nach Frankreich (Franche-Comté, Dauphiné, Vivarais) vordrang, wie dies behauptet wurde, ist unklar. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass es um das Jahr 1600 in den meisten europäischen Ländern Botaniker oder Liebhaber gab, welche die Kartoffel als kostbare Rarität in ihren eigenen Gärten oder jenen ihrer vornehmen und reichen Dienstherren züchteten. [5]

So sandte Wilhelm IV. von Hessen-Kassel Knollen aus seinem Lustgarten an den Kurfürsten Christian I. von Sachsen. Kartoffelblüten erregten damals die Aufmerksamkeit des französischen Hofes. So trug Marie-Antoinette auf Bällen einen Kranz zarter Kartoffelblüten im Haar.

Kartoffelblüte

Das Verkosten der oberirdischen Früchte endete oft mit Bauchschmerzen oder Vergiftungserscheinungen, und so entstanden bald zahlreiche Vorurteile gegenüber dieser schön blühenden Pflanze aus Übersee. Die Kartoffel erhielt auch den Ruf einer "Giftpflanze".

Es gibt viele auch widersprüchliche Geschichten und Anekdoten, wie die Kartoffel in Europa zur Agrarfrucht wurde. Die zeitgenössischen Berichte sind sehr ungenau, wurde doch die Kartoffel von damaligen Berichterstattern oft mit Süßkartoffel und vor allem Topinambur verwechselt. Diese Bodenfrüchte haben zwar ein wenig Formähnlichkeit, sind aber biologisch nicht miteinander verwandt.

Verbreitung der Kartoffel im europäischen Raum[Bearbeiten]

König Friedrich II. begutachtet den Kartoffelanbau auf einer seiner Inspektionsreisen

Es dauerte einige Generationen, bis aus der botanischen Kostbarkeit eine Hauptnahrungsquelle der breiten Bevölkerung in Europa wurde. Viele Vorurteile und traditionsbedingte Hemmnisse standen ihr zu Beginn im Weg. Außerdem war ein Problem, dass alle ursprünglichen Wildkartoffeln für die Knollenbildung ausreichend lange Zeiten nächtlicher Dunkelheit („Nachtschatten“) benötigen. Unter den Bedingungen des europäischen Langtag-Sommers brachten sie deshalb nicht Knollen der Größe hervor, die man im ursprünglichen Verbreitungsgebiet nahe dem Äquator ernten konnte. Dieses Problem musste zunächst verstanden und durch entsprechende Pflanzenzüchtung behoben werden.

Auf Irland wurden Kartoffeln allerdings schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts angebaut, da sie die ideale Frucht für diese karge Insel zu sein schien. Ausbringung und Ernte waren auch ohne besondere Werkzeuge möglich, Wild und weidendes Vieh pflegten dem Kartoffelkraut keinen Schaden zuzufügen und man konnte auch auf schlechten und steinigen Böden und in steilen Hanglagen Kartoffeln anbauen. Der wichtigste Vorteil war der anderthalbfache Flächenertrag im Vergleich zum Anbau von Getreide. Zum Schluss war auch die häusliche Zubereitung viel einfacher als beim Getreide: Kartoffeln muss man weder dreschen noch mahlen, noch zu Brot backen. An dem bescheidenen Torffeuer, das die Hütten wärmte, wurden auch Kartoffeln gar gekocht. Irland war damals eine englische Kolonie, die Vieh und Getreide ins Mutterland exportieren musste. Die Kartoffeln blieben den Bauern oft als einzige Nahrungsquelle.

350 Jahre Kartoffelanbau in Deutschland, Sonderbriefmarke 1997.
Kartoffeldenkmal südlich von Braunlage

Im Kloster Seitenstetten in Niederösterreich verfasste der Benediktinerabt Caspar Plautz ein Kochbuch mit Kartoffelrezepten, das 1621 in Linz erschien.[7] Kartoffeln baute man in Bayern spätestens um 1647 in dem von den fränkischen Hohenzollern regierten Pilgramsreuth bei Rehau an, dann wieder 1649 im Berliner Lustgarten. [8] Der Lustgarten war auf Weisung des „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg von seinem Hofgärtner Michael Hanff zusammen mit dem Hofbotanicus Johann Sigismund Elsholtz 1647 anstelle eines bereits im 16. Jahrhundert angelegten, aber nach dem Dreißigjährigen Krieg verwüsteten Nutz- und Küchengartens angelegt worden. Elsholtz bezeichnete in seiner Schrift „Flora marchica“ die Kartoffeln, die damals noch als Zierpflanzen angesehen wurden, als „Holländische Tartuffeln“ und schrieb in seinem „Diaeteticon“ über sie: „Diese Wurzeln wachsen von sich selbst in America / und denen nahe daran belegenen Inseln [..] Diese anmuthige Wurzeln kommen selten zu uns […] Alsdan aber uebergehen sie die liebligkeit der Castanien und der gemeinen Zuckerwurz gar weit / und waeren wehrt / dass man sie auch bey uns zu ziehen vermoechte.“

Als Nahrungspflanze angebaut wurden Kartoffeln 1701 in der Waldensersiedlung Ötisheim-Schönenberg durch Pfarrer Henri Arnaud.[9]

1747 begann Johann Georg von Langen südlich von Braunlage im Oberharz den Kartoffelanbau.

Eine ‘Elisabeth Käsefreundinn’ verfasste 1768 einen Beitrag über Käserei in den Braunschweigischen Anzeigen/Gelehrten Beyträgen und stellte ein Rezept für 'Tartuffelkäse' aus Sauermilch und geriebenen, gekochten Kartoffeln vor. Rezepte für mit Kartoffeln gestreckte Käsemasse werden auch später teils als Armenspeise, teils zum Haltbarmachen überliefert.[10]

In Preußen hatte Friedrich II. große Mühe, den Anbau von Kartoffeln durchzusetzen. Am 24. März 1756 erließ er an seine Beamten eine Circular-Ordre und damit den ersten der sogenannten Kartoffelbefehle mit dem Auftrag „denen Herrschaften und Unterthanen den Nutzen von Anpflantzung dieses Erd Gewächses begreiflich zu machen, und denselben anzurathen, dass sie noch dieses Früh-Jahr die Pflantzung der Tartoffeln als einer sehr nahrhaften Speise unternehmen“. Es wird erzählt, dass Friedrich II. seine Bauern regelrecht ins Kartoffelglück prügeln ließ.

In die Schweiz kam die Kartoffel wegen ihrer Blütenpracht zuerst als seltene Topfpflanze. Erst hundert Jahre später, am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, wurde sie als Speisekartoffel angebaut. Die Anbaubedingungen waren ähnlich wie im Ursprungsland Peru. Die Kartoffel wurde allerdings nicht bis in viertausend Meter Höhe wie in den südamerikanischen Anden angepflanzt, sondern höchstens bis knapp über der Waldgrenze bei etwa zweitausend Meter. Kartoffeln wurden dann rasch zur beliebten Volksspeise: Als Rösti fanden sie Einzug in die traditionelle Schweizer Küche.

Der aus dem Herzogtum Luxemburg (damals ein Teil der Österreichischen Niederlande) stammende „Erdäpfelpfarrer“ Johann Eberhard Jungblut steht im Rufe, im Jahre 1761 Kartoffeln aus seiner Heimat in Niederösterreich eingeführt zu haben.[11] In Luxemburg selbst wurde die Kartoffel Anfang des 18. Jahrhunderts angepflanzt. Siehe: Kulturgeschichte der Kartoffel (Luxemburg)

Wappen mit der weißen Kartoffelblüte in Unserfrau-Altweitra in Niederösterreich

Unter Maria Theresia wurde der Anbau gefördert. So wurde er erstmal in Pyhrabruck, einem Ort in der Gemeinde Unserfrau-Altweitra, im Kaiserthum Österreich befohlen.[12] Populär wurde die Kartoffel in Österreich aber erst während der Napoleonischen Kriegen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.[13]


In Schwedisch-Pommern verbreitete sich der Kartoffelanbau ab der Mitte des 18. Jahrhunderts. 1788 schrieb Thomas Heinrich Gadebusch darüber im 2. Teil seiner Schwedischpommerschen Staatskunde:[14]

„Artoffeln werden seit einigen dreißig Jahren, und in den letztern sehr häufig, auch im Großen gebauet und ihr Anbau vermehret sich noch immer. Sie sind ein wahrer Seegen des Landes geworden, nur wäre zu wünschen, daß man sich häufiger um frische Saat bemühet.“

Hungersnöte[Bearbeiten]

Vincent van Gogh: Kartoffeln erntende Frau (1885)
Hungernde Bevölkerung beim "Kartoffelstoppeln" unmittelbar nach Beendigung der Ernte am Dresdner Stadtrand (um 1946)

Die Einführung der Kartoffel in Europa blieb nicht ohne Schattenseiten: Als Hauptnahrungsquelle des Volkes verbesserte die Kartoffel zwar die Ernährungsmöglichkeiten in Europa für die Landbevölkerung nach der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges (1618−1648) und nach zahlreichen Seuchen zunächst stark. Für breite Bevölkerungsschichten wurde die Kartoffel allerdings zur praktisch einzigen Ernährungsgrundlage, am deutlichsten in Irland. Wenn die Kartoffelernte gering war, stiegen die Getreide- und Brotpreise und die Menschen mussten hungern. Dies geschah lokal häufiger, meist als Folge von Schlechtwetterperioden, wegen Trockenheit oder zu viel Regen.

Als dann am Anfang des 19. Jahrhunderts aus Amerika auch Kartoffelkrankheiten eingeschleppt wurden, waren diese Monokulturen schutzlos. Eine Missernte folgte der anderen und verursachte Hunger bei einem Großteil des Volkes. Viele Millionen Menschen verhungerten in Europa, besonders in Irland während der Großen Hungersnot zwischen 1845 und 1852. Denn die Abhängigkeit von der Kartoffel als Nahrungsmittel war besonders groß, weil das Land die finanziellen Erlöse aus den Getreidexporten benötigte. In Irland starben innerhalb von zwei Jahren über eine Million Menschen an Hunger. Sie hätten sich auch das Brot nicht kaufen können, denn die meisten sahen ihr Leben lang kein Bargeld. Wer es sich irgendwie leisten konnte, wanderte aus, meist in die USA.

In den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkriegs wurden in Deutschland zahlreiche öffentliche Grünanlagen umgenutzt, um darauf statt Blumen und Rosen Kartoffeln und anderes Gemüse anzubauen. Auch in der Schweiz wurden während der sogenannten Anbauschlachten auf jedem kultivierbaren Quadratmeter Land Kartoffeln angebaut.

Kunst, Literatur[Bearbeiten]

Vincent van Gogh: Die Kartoffelesser (Nünen, April 1885, Öl a. Leinwand)

Zahlreiche Sprüche um die Kartoffel werden bis heute tradiert: „Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln.“, „Kartoffelessen macht dumm.“, „Jetzt musst du eine Zeit lang Kartoffeln essen.“ (Jetzt musst du ganz sparsam leben.), "Er wird dich fallen lassen, wie eine heisse Kartoffel."(absetzen, verjagen), "Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln!"(wenn es erst so und dann wieder umgekehrt heißt).

Wenn ein Maler das Leben der Armen abbilden wollte, wenn ein Schriftsteller eine bäuerliche Familie schilderte, waren ab dem 19. Jahrhundert Kartoffeln ein beliebtes Thema, um das einfache Leben zu beschreiben. Das Bild L'Angélus (Abendgebet auf dem Feld) von Jean-François Millet entstand 1855 und wurde etwa ab der Jahrhundertwende massenhaft reproduziert. Es zeigt eine Frau und einen Mann beim Gebet auf dem Feld; im Vordergrund steht ein gefüllter Korb mit frisch geernteten Kartoffeln, hinter dem Paar eine Schubkarre mit gefüllten Säcken.[15] Auch Vincent van Goghs Gemälde Die Kartoffelesser von 1885 ist weltbekannt. In der ersten Schaffensperiode von Max Liebermann entstand 1874 das Bild "Kartoffelernte in Barbizon". Die Schönheit eines blühenden Kartoffelfeldes hat 1876 der deutsche Maler Wilhelm Trübner in seinem Gemälde "Kartoffelacker in Weßling" eingefangen. Als Teilnehmer an einer Schlacht erscheinen Kartoffeln auf Raoul Michaus surrealistischem Bild La Bataille des Pommes de Terre 1948.

Wilhelm Trübner: Kartoffelacker in Weßling

Industrialisierung[Bearbeiten]

Für die aufkommende Industrialisierung in England und später dann auch auf dem europäischen Kontinent war die Ernährung der zunehmenden städtischen Bevölkerung von zentraler Bedeutung. Im Gegensatz dazu konnte die Landbevölkerung den größten Teil ihrer Nahrung selber produzieren. Selbst Landlose hatten mindestens einen Pflanzplatz, einen Minigarten, um wenigstens das Gemüse nicht kaufen zu müssen. Für das Stadtproletariat waren Obst und Gemüse praktisch unerreichbar. Gerade die Hauptnahrung Kartoffel lieferte neben den notwendigen Kalorien auch Spurenelemente und Vitamine, wie es wohl kein anderes Hauptnahrungsmittel hätte tun können.

In der Schweiz fand die Industrialisierung zuerst vor allem im ländlichen Raum statt. Auch hier hatten die meisten Arbeiterfamilien neben ihren Kosthäusern noch Gemüse und vor allem Kartoffeln angebaut. Als auch in der Schweiz die Städte wuchsen, war die städtische Arbeiterschaft viel schlechter ernährt als die Landbevölkerung. Die ersten städtischen Sozialsiedlungen sorgten für Pünt oder Schrebergärten, wo die Familie ihr Gemüse, vor allem Kohl und Kartoffeln, selber züchten konnte. Zahlreiche Reformer empfahlen die Gartenarbeit für den Arbeiter als eine Erholung. In der Kolonie Monte Verità oberhalb Ascona bauten um die Jahrhundertwende selbst wohlhabende Städter barfuß, ja sogar nackt in der Sonne ihre Kartoffeln und ihr Gemüse an, um sich mit der Mutter Erde wieder zu versöhnen und ihren Körper und Geist zu heilen.

Auswanderung[Bearbeiten]

Nicht nur in Irland, überall in Europa stiegen die Bevölkerungszahlen dank besserer Ernährung im neunzehnten Jahrhundert rasch an. Bald haben aber auch die gesteigerten Erträge nicht ausgereicht, um alle Menschen zu ernähren. Wer dem Hunger entgehen wollte und die Überfahrt im Zwischendeck bezahlen konnte, wanderte nach Amerika aus.

Gegenwart und Zukunft[Bearbeiten]

Vincent van Gogh: Korb mit Kartoffeln (1885)

Die große Zeit der Kartoffelanbaukultur in Europa war sicher das 19. Jahrhundert. Bemerkenswert ist immerhin, dass die Kartoffel das einzige pflanzliche Massenprodukt des Agrarmarkts der Europäischen Union ist, für das es keine Marktordnung gibt bzw. je gab. Das Fehlen einer „Europäischen Kartoffelmarktordnung“ macht deutlich, dass dieses Produkt in Europa nach wie vor zu nicht-subventionierten Weltmarktbedingungen produziert werden kann.

Schnellgerichte und Fertignahrung werden sicher auch dann noch Spuren von Kartoffeln enthalten, auch wenn andere Ausgangsstoffe auf dem Weltmarkt noch billiger zu beschaffen sind. Das gilt wohl auch für die großindustrielle Verwertung, wie auch für die Kartoffel als Vieh-Futtermittel. In vielen Ländern der Welt, wo jedoch Unterernährung oder Fehlernährung herrscht, könnte der Kartoffelanbau einen Beitrag zur Lösung dieser Probleme leisten.

In Österreich lag der Selbstversorgungsgrad im Jahr 2006 bei etwa 96 %, wobei die Hauptanbaugebiete in den beiden Bundesländern Nieder- und Oberösterreich liegen. Im Durchschnitt aß der Österreicher im selben Zeitraum 53,6 kg Kartoffeln.[16] Im Hintergrund des Traditionellen Wissens wurden in Österreich einige Sorten im Register der Traditionellen Lebensmittel eingetragen, wie die Sauwald Erdäpfel[17] oder die Waldviertler Erdäpfel[18] oder andere in weniger bekannten Anbaugebieten in anderen Bundesländern.

Literatur[Bearbeiten]

  • Armin Bollinger: So nährten sich die Inka. Rüegger, Grüsch 1986, ISBN 3-7253-0283-9.
  • Ingrid Haslinger: Es möge Erdäpfel regnen: eine Kulturgeschichte der Kartoffel. Mandelbaum, Wien 2007, ISBN 978-3-85476-216-4.
  • Klaus Henseler: Die Kartoffel auf der Briefmarke. Die Entdeckung eines alltäglichen Nahrungsmittels. Rauschenplat, Cuxhaven 2001, ISBN 3-935519-01-X.
  • Henry Hobhouse: Sechs Pflanzen verändern die Welt. Chinarinde, Zuckerrohr, Tee, Baumwolle, Kartoffel, Kokastrauch. 4. Auflage, Klett-Cotta, Hamburg 2001, ISBN 3-608-91024-7.
  • Alexander Moutchnik: Soziale und wirtschaftliche Grundzüge der Kartoffelaufstände von 1834 und von 1841–1843 in Russland. In: Heinz-Dietrich Löwe (Hrsg.): Volksaufstände in Russland. Von der Zeit der Wirren bis zur „Grünen Revolution“ gegen die Sowjetherrschaft. Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05292-9, S. 427-452 (= Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Band 65).
  • Helmut Ottenjann: Die Kartoffel. Geschichte und Zukunft einer Kulturpflanze. Museumsdorf, Cloppenburg 1992, ISBN 3-923675-30-5.
  • Larry Zuckerman: Die Geschichte der Kartoffel von den Anden bis in die Friteuse (Originaltitel: The Potato, übersetzt on Charlotte Breuer und Norbert Möllemann), Claassen, Berlin 2004, ISBN 3-546-00364-0.
  • Rainer Crummenerl, Franz Persch: Rund um die Kartoffel, Fachbuchverlag, Leipzig 1985 / 1988, ISBN 3-343-00437-5.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin/New York 1975, Lemma Kartoffel
  2. Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim 2007. Lemma Kartoffel.
  3. Wilhelm F. K. Fuess: Die Geschichte der Kartoffel. Forschungsinstitut für Stärkefabrikation, Berlin 1939, S. 70; S. 73 (Karte 8: Die volkstümlichen Namen der Kartoffeln)
  4. Sedlazek am Mittwoch: Blaue Kartoffeln sind am wertvollsten in der Wiener Zeitung vom 6. Januar 2009 abgerufen am 15. Januar 2012
  5. a b c Massard 2009, Nr. 15 (siehe Literatur).
  6. Massard 2009, Nr. 16 (siehe Literatur).
  7. Honorius Philoponus [= Pseudonym von Caspar Plautz], Nova Typis Transacta Navigatio. Novi Orbis Indiae Occidentalis ..., [Linz] 1621.
  8. Max Wirsing: Der feldmäßige Kartoffelanbau in Bayern - früheste Hinweise aus Rehau, Ortsteil Pilgramsreuth. Stadt Rehau, 2003.
  9. http://www.holz-schimmel.de/seignoret.html
  10. http://www.reisen-leben.com/rezepte/historische-rezepte-fuer-kartoffelkaese/
  11. Massard 2009, Nr. 19 (siehe Literatur).
  12. Unserfrau-Altweitra abgerufen am 17. Oktober 2011
  13. Kartoffel: die kraftvolle Knolle auf Medizin populär abgerufen am 17. Oktober 2011
  14. Thomas Heinrich Gadebusch: Schwedischpommersche Staatskunde. Zweyter Theil, Greifswald 1788, S. 20.
  15. Museum für Volkskultur in Württemberg, Außenstelle des Württembergischen Landesmuseum [sic!] Stuttgart, 13 Dinge. Form Funktion Bedeutung. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Museum für Volkskultur in Württemberg Waldenbuch Schloß vom 3. Oktober 1992-28. Februar 1993, Stuttgart 1992, ISBN 3-929055-24-4, S. 182
  16. Österreicher lieben Erdäpfel auf der seite des Lebensministeriums vom 20. September 2007 abgerufen am 17. Oktober 2011
  17. Sauwald Erdäpfel. Eintrag im Register der Traditionellen Lebensmittel des österreichischen Lebensministeriums.
    Sauwald Erdäpfel beim Verein Genuss Region Österreich.
  18. Waldviertler Erdäpfel. Eintrag im Register der Traditionellen Lebensmittel des österreichischen Lebensministeriums.
    Waldviertler Erdäpfel beim Verein Genuss Region Österreich.
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Dieser Artikel wurde am 24. September 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.