Michael Haneke
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Michael Haneke (* 23. März 1942 in München) ist ein österreichischer Filmregisseur und Drehbuchautor. 2005 erhielt er für „Caché“ den Regiepreis in Cannes, den Preis der FIPRESCI, den Preis der ökumenischen Jury und fünffach den Europäischen Filmpreis. 2009 erhielt er für „Das weiße Band“ die Goldene Palme in Cannes.
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[Bearbeiten] Leben
Haneke ist der Sohn des Regisseurs und Schauspielers Fritz Haneke aus Düsseldorf und der österreichischen Schauspielerin Beatrix von Degenschild. Aufgewachsen ist Michael Haneke in Wiener Neustadt, wo die Familie mütterlicherseits einen landwirtschaftlichen Betrieb unterhielt. Der Kontakt zum Vater blieb spärlich, auch wenn Fritz Haneke später bei einer Theaterinszenierung seines Sohnes mitwirkte.
Haneke wollte im Alter von siebzehn Jahren die Schule abbrechen und Schauspieler werden. Nach einer misslungenen Aufnahmeprüfung am Wiener Max-Reinhardt-Seminar, wo ihn eigenen Angaben zufolge ein Teil des Lehrpersonals kannte, weil seine Mutter damals am Burgtheater wirkte, setzte er die Schullaufbahn fort und absolvierte die Matura. In Wien studierte er Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften, schloss das Studium jedoch nicht ab, sondern wechselte zum Fernsehen nach Baden-Baden. Durch seinen Vater hatte Haneke erfahren, dass dort seit zwei Jahren ein TV-Dramaturg für die Fernsehspielabteilung gesucht wurde, und er erhielt diese Stelle. In diesem Rahmen lernte er das Handwerk des Filmemachens und kam in Kontakt mit Personen wie Wolfgang Menge und Ulrike Meinhof, die damals ihr Fernsehspiel Bambule vorbereitete.
Eine enge Beziehung hat Haneke zur klassischen Musik, die er seit seinen Jugendjahren schätzt. Heute noch gibt er an, sein größter Wunsch sei es gewesen, Komponist und Dirigent zu werden. In seinen Filmen hingegen wird Musik höchst spärlich eingesetzt. Es widerspreche, wie er erklärt, seinem realistischen Konzept vom Filmemachen, Musik als Begleitung einzusetzen, so diese nicht in der Szene selbst – etwa aus Quellen wie Radio oder Fernsehgerät – eine Begründung findet.
Haneke, der heute in der Nähe von Wien lebt und seine Filme in Österreich und Frankreich dreht, will mit seinen Filmen weniger unterhalten, als vielmehr den Zuschauer durch Irritation zum Nachdenken bewegen. Seine Universitätsstudien und seine Arbeit als Literatur- und Filmkritiker während jener Zeit legten die Grundsteine einer kritischen Umgangsweise mit dem Medium Film.
An der Wiener Filmakademie lehrt Haneke seit 2002 als Professor für Regie. In seinem regelmäßig zweimal pro Woche abgehaltenen Unterricht versucht er, sein Wissen über filmisches Erzählen an die Studenten weiterzugeben. Den Schwerpunkt dabei setzt Haneke auf Schauspielführung. Grundlegend dabei ist die realistische und emotionale Glaubwürdigkeit einer Spielszene.
Seit 1983 ist Haneke mit der Besitzerin eines Antiquitätengeschäfts im achten Wiener Bezirk verheiratet. Seine Frau bezeichnet er als die schärfste und wichtigste Kritikerin seiner Arbeiten.
[Bearbeiten] Werke
Während seiner Zeit als Redakteur und Fernsehspieldramaturg beim Südwestfunk in Baden-Baden (1967-1971) schrieb Haneke sein erstes Drehbuch mit dem Titel „Wochenende“, das allerdings nicht verfilmt wurde. In den folgenden Jahren arbeitet er als Theaterregisseur zunächst in Baden-Baden (Debüt mit „Ganze Tage in den Bäumen“ von Marguerite Duras), danach in Darmstadt, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Stuttgart, Hamburg, am Bayerischen Staatsschauspiel in München und am Wiener Burgtheater („Das Abendmahl“ von Peter Sichrovsky, Bühnenbild Hans Hoffer, Kostüme Annette Beaufays, 18. März 1988).
„…und was kommt danach? (After Liverpool)“ (1973), nach einem Text von James Saunders, war Hanekes erster Fernsehfilm. Weitere Fernsehproduktionen waren „Sperrmüll“ (1976), „Drei Wege zum See“ (1976) nach einem Text von Ingeborg Bachmann, „Lemminge“ (1979), „Variation“ (1983), „Wer war Edgar Allan?“ (1984) nach einem Roman von Peter Rosei (mit Rolf Hoppe und Paulus Manker), „Fraulein“ (1985) mit Angelica Domröse, „Nachruf für einen Mörder“ (1991), „Die Rebellion“ (1992) und „Das Schloss“ (1997) nach Franz Kafka mit Ulrich Mühe.
Erst mit dem Wechsel zum Kinofilm bei „Der siebente Kontinent“ hat Haneke eigenen Angaben zufolge seine genuine Filmsprache gefunden. Zunächst als Fernsehspiel für Radio Bremen geplant, wurde sein Drehbuch, das erstmals die für ihn charakteristische Protokoll-Form aufwies, abgelehnt, woraufhin Haneke eine Kinoversion in Angriff nahm.
Seine ersten drei Kinofilme fasst er selbst als Trilogie über die „Vergletscherung der Gefühle“ der Menschen zusammen: In „Der Siebente Kontinent“ (1989) begeht eine dreiköpfige Familie Selbstmord, in „Benny's Video“ (1992) filmt der Protagonist, wie er eine Freundin mit einem Bolzenschussgerät tötet, um – wie er es ausdrückt – zu sehen wie das ist, und „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ (1994) handelt von einem Studenten, der Amok läuft.
1997 folgte „Funny Games“, 2000 „Code: unbekannt“. Für seinen siebten Kinofilm „Die Klavierspielerin“, die verstörende Verfilmung von Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“ (La pianiste), wurde Haneke 2001 mit dem Großen Preis der Jury in Cannes geehrt. 2002 drehte er in Frankreich das Endzeitdrama „Wolfzeit“.
2005 wurden ihm für „Caché“ während der Internationalen Filmfestspiele von Cannes am 20. Mai der Prix FIPRESCI der internationalen Filmkritik und der Preis der ökumenischen Jury verliehen. Einen Tag später wurde Haneke in Cannes als „Bester Regisseur“ ausgezeichnet. Ferner wurde Caché 2005 beim Europäischen Filmpreis 2005 fünffach ausgezeichnet, darunter als bester Film und für die beste Regie.
Juliette Binoche, Hauptdarstellerin in „Caché“, sagt über die Arbeit des Filmemachers:
- „Für mich sind Hanekes Filme notwendige Filme. Von Zeit zu Zeit sollte man sie sich ansehen. Aber sicher nicht immer.“
Am 27. Jänner 2006 hat Haneke an der Pariser Oper (Aufführung im Palais Garnier) seine erste Operninszenierung vorgestellt: „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart (Bühnenbild Christoph Kanter, Kostüme Annette Beaufays, Dirigent Sylvain Cambreling). Haneke ließ das Stück in einem modernen Büro mit Ausblick auf Hochhäuser spielen, Don Giovanni porträtierte er als rücksichtslosen jungen Topmanager.
2007 wurde eine US-amerikanisch-international produzierte Neuverfilmung von „Funny Games“ vorgestellt, Naomi Watts, Tim Roth und Darius Khondji für die Kamera zählten zu den Mitwirkenden. Haneke stellte seine Erstversion Szene für Szene nach. Er hatte sich vertraglich ausdrücklich die Kriterien „Final Cut“ und „Shot-by-Shot-Remake“ fest zusichern lassen. Nur daher konnte er verhindern, dass von Produzentenseite statt der Musik von John Zorn die von Marilyn Manson durchgedrückt wurde.“[1]
An der Filmakademie Wien entstand 2007, unter der Leitung von Haneke, die Verfilmung eines Theaterstückes von Ferdinand Bruckner, Krankheit der Jugend.
Zwei Jahre später konkurrierte er mit dem Film Das weiße Band erneut im Wettbewerb der 62. Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Der Film, mit unter anderem Susanne Lothar, Ulrich Tukur und Burghart Klaußner in den Hauptrollen, ist am Vorabend des Ersten Weltkriegs angesiedelt und schildert die mysteriösen Vorfälle in einem dörflichen Schulchor. Seine fünfte Einladung brachte ihm erstmals die Goldene Palme ein.[2]
[Bearbeiten] Zitate
- „Ich glaube aber nicht, dass ein einzelner Film eine Gewaltvorlage sein kann. Die Summe der Gewaltpornografie führt zu einer Herabsetzung der Hemmschwelle. Man gewöhnt sich an Gewalt. Darin liegt die Gefahr.“[1]
- „Natürlich ist es notwendig, über Gewalt zu sprechen. Aber audiovisuelle Medien leben von Bewegung und Attraktion. Gewalt unattraktiv darzustellen, aber trotzdem ihr die Wucht zu lassen, die sie nun einmal de facto hat – das ist extrem schwierig.“[1]
- „Das Mainstream-Kino entrealisiert, überdreht oder ironisiert Gewalt. „Pulp Fiction“ ist dafür ein Musterbeispiel. Wenn da der Kopf weggeblasen wird, herrscht ein Riesengelächter im Saal. Das ist perfekt gemachter Zynismus im Dienste der Verkaufbarkeit.“[1]
- „So wie es gute und schlechte Industriefilme gibt, gibt es gute und schlechte Autorenfilme. Das Problem liegt ja anders. Der Industriefilm wird produziert, um Geld einzuspielen. Das ist sein erster und einziger Grund. Daß dann vielleicht mit sehr viel Kunstverstand gearbeitet wird, ist eine andere Frage. Aber die Definition des Industriefilms ist, der Industrie Geld zu bringen. Die Definition des Autorenfilms ist dem diametral entgegengesetzt. Da geht es um eine Problematik oder was auch immer, einen Gegenstand, um es einmal ganz abstrakt zu sagen, der erzählt sein will. [...] Da werden also zwei Dinge permanent verglichen – und immer in einem polemischen und verzerrenden Sinn –, die nicht zu vergleichen sind. [...] Also diese beiden Dinge zu vermengen, halte ich für äußerst gefährlich, weil es schlußendlich dazu führt, was das besonders Bedauerliche ist, daß wir alle, gerade im deutschsprachigen Bereich, ja dauernd schielende Filme produzieren: Mit einem Auge schielen sie auf den Kommerz, mit dem anderen auf die Kunst, und herauskommen tut 90 Prozent Scheiße. Weil sie sich weder für den Kommerz wirklich entscheiden und den dann wirklich mit professionellem Können auszuüben in der Lage sind, noch für die andere Seite, weil sie wahrscheinlich zu feig sind, weil sie denken, wenn ich etwas mache, was nur persönlich ist, dann will das eh keiner sehen, deswegen machen wir es so, daß es jedem gefällt. Und davor sollte man jeden warnen, in diese Falle zu tappen.“[3]
- „Ich weigere mich, es [das Filmemachen] als Industrieprodukt zu sehen. Wenn ich das tue, wenn ich dauernd mit dem Aspekt im Hinterkopf arbeite: 'Wieviele Zuschauer kann ich erreichen?', dann werde ich nichts Vernünftiges zusammenbringen, also für die Art von Film, die ich meine.[4]
- „Alle Filme, die mich in meinem Leben betroffen haben und die mir wirklich etwas bedeutet haben, waren Autorenfilme. Ich kenne tausend Industriefilme, da könnte ich sagen: Toll gemacht! Super! Unterhaltsam. Aber die sind mir da reingegangen und da raus. Die Filme – das ist ganz persönlich gesagt –, die mich betroffen haben, waren immer Autorenfilme, und die sind unter anderen Voraussetzungen angetreten. Die sind nicht unter der Voraussetzung angetreten, Geld einzuspielen.“[5]
- „[Publikum: Sie haben gesagt, daß Sie nie einen amerikanischen Film gesehen haben, der ...] Der mich berührt hat, ja. Aber trotzdem, ich schaue mir sehr gerne Fred Astaire an und freue mich darüber, wie schön er tanzt. Aber das hat mich nicht wahnsinnig berührt. Und auch die sogenannten Problemfilme amerikanischer Provenienz ändern nichts daran. Da sind sozusagen die Machenden dafür, daß man sich im besten Fall zwei Stunden mit dem Problem auseinandersetzt, mitweint und mitlacht, und es sich dann im nachhinein rausstellt, daß man den Film mehr oder weniger vergessen hat, weil er so schön war.[6]
- „Ja, Scorsese war ein Autorenfilmer und ist jetzt ein Kommerzfilmer, der völlig uninteressant geworden ist. Nur die österreichische Kritik feiert ihn noch. Die sind immer zwanzig Jahre hintennach.[7]
[Bearbeiten] Filmografie
- 1974: After Liverpool (Fernsehfilm)
- 1976: Sperrmüll (Fernsehfilm)
- 1976: Drei Wege zum See (Fernsehfilm)
- 1979: Lemminge (Fernsehfilm)
- 1983: Variation (Fernsehfilm)
- 1984: Wer war Edgar Allan?
- 1985: Fraulein (Fernsehfilm)
- 1985: Schmutz (als Autor der Dialoge)
- 1989: Der siebente Kontinent
- 1991: Nachruf auf einen Mörder (Fernsehfilm)
- 1992: Benny's Video
- 1993: Die Rebellion (Fernsehfilm)
- 1994: 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls
- 1995: Der Kopf der Mohren (als Drehbuchautor)
- 1997: Funny Games
- 1997: Das Schloß (Fernsehfilm)
- 2000: Code: unbekannt (Code inconnu: Récit incomplet de divers voyages)
- 2001: Die Klavierspielerin (La Pianiste)
- 2003: Wolfzeit (Le Temps du loup)
- 2005: Caché
- 2007: Funny Games U.S.
- 2009: Das weiße Band
[Bearbeiten] Auszeichnungen
- 2009: Internationale Filmfestspiele von Cannes: Goldene Palme für Das weiße Band
- 2009: FIPRESCI-Award für Das weiße Band
- 2007: Chlotrudis Award für Beste Regie für Caché
- 2006: International Thriller Award für Bestes Drehbuch für Caché
- 2005: Europäischer Filmpreis für Besten Film und Beste Regie für Caché
- 2005: FIPRESCI Ökumene-Preis für Caché
- 2005: Internationale Filmfestspiele von Cannes für Beste Regie für Caché
- 2004: Billy Wilder Award für seine Verdienste um das Filmland Österreich
- 2003: Chlotrudis Award-Nominierung für Beste Regie für Die Klavierspielerin
- 2002: Goldene Romy Erfolgreichster österreichischer Kinofilm für Die Klavierspielerin
- 2001: Internationale Filmfestspiele von Cannes Großer Preis der Jury für Die Klavierspielerin
- 1992: Wiener Filmpreis für Bennys Video
- 1992: FIPRESCI-Award für Bennys Video
- 1990: Österreichischer Würdigungspreis für Filmkunst für Der siebente Kontinent
- 1989: Internationales Filmfestival von Locarno Bronze Leopard für Der siebente Kontinent
- 1989: Film Festival Ghent Beste Verwendung von Musik und Ton für Der siebente Kontinent
[Bearbeiten] Literatur
- Nahaufnahme: Gespräche mit Michael Haneke von Thomas Assheuer. Alexander Verlag, Berlin 2008. 178 Seiten ISBN 978-3-89581-188-3
- Jörg Metelmann: Zur Kritik der Kino-Gewalt: die Filme von Michael Haneke. Fink, München 2003. 298 Seiten ISBN 3-7705-3825-0
- Alexander Horwath (Hrsg.): Der siebente Kontinent: Michael Haneke und seine Filme. Europaverl., Wien 1991. 215 Seiten ISBN 3-203-51130-4
- Christian Wessely u.a. (Hrsg.): Michael Haneke und seine Filme. Eine Pathologie der Konsumgesellschaft. Schüren, Marburg 2008 (2., erweiterte und verbesserte Auflage). 416 Seiten ISBN 978-3-89472-629-4
[Bearbeiten] Weblinks
- Datenbanken und Homepage
- Literatur von und über Michael Haneke im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Univ. Prof. Michael Haneke an der Wiener Filmakademie
- Michael Haneke in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
- Michael Haneke und seine Filme bei der New York Times (englisch)
- Rezensionen und Interviews
- „Angst ist das tiefste Gefühl“ – Interview in der Zeit vom 19. Januar 2006
- Rezension von Hanekes „Don Giovanni“-Regie in der Welt vom 30. Januar 2006
- Peter Mühlbauer: Haneke als Genre betrachtet – Essay in Telepolis
- Mattias Frey: Michael Haneke bei Senses of Cinema, einige Artikel und Internetadressen (englisch)
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ a b c d Der Tagesspiegel vom 29. Mai 2008, Michael Haneke über Brutalität und Horrorfilme – und wie man damit umgeht
- ↑ vgl. Cannes: Michael Haneke gewinnt die Goldene Palme bei tt.com, 24. Mai 2009
- ↑ Michael Haneke in einer Podiumsdiskussion in Wien im Jahr 1994, abgedruckt in: Gustav Ernst (Hrsg.): Autorenfilm - Filmautoren, Verlag Wespennest, Wien 1996, ISBN 3-85458-513-6 Seite 114 f.
- ↑ Podiumsdiskussion, a.a.O., Seite 116
- ↑ Podiumsdiskussion, a.a.O., Seite 115
- ↑ Podiumsdiskussion, a.a.O., Seite 118
- ↑ Podiumsdiskussion, a.a.O., Seite 116
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Haneke, Michael |
| KURZBESCHREIBUNG | österreichischer Theater- und Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmkritiker |
| GEBURTSDATUM | 23. März 1942 |
| GEBURTSORT | München |

