Goldene Zwanziger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Roaring Twenties)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Deutschlandlastige Artikel Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.
Die „Goldenen Zwanziger“: Tanztee mit Jazzband, Berliner Hotel Esplanade 1926

Der Ausdruck Goldene Zwanziger bzw. Goldene Zwanziger Jahre bezeichnet für Deutschland den Zeitabschnitt zwischen 1924 und 1929. Der Begriff veranschaulicht den wirtschaftlichen Aufschwung der weltweiten Konjunktur in den 1920er Jahren und steht auch für eine Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die „Goldenen Zwanziger“ wurden von der Weltwirtschaftskrise 1929 beendet.

Als ähnlicher Begriff existiert im US-amerikanischen Sprachraum der Ausdruck Roaring Twenties, der ähnliche Kultur- und Wirtschaftsphänomene bei anderen Rahmenbedingungen besonders in den USA fasst.

Geschichte

1918 bis 1923

Bettelnder Kriegsinvalide in Berlin, 1923

Das Ende des Ersten Weltkrieges hatte durch den Vertrag von Versailles für das zivile Deutschland tiefreichende Erschütterungen gebracht. Hungersnot, Arbeitslosigkeit, Bettelei als einzige Existenzsicherung für verkrüppelte Heimkehrer aus dem ersten industrialisierten Krieg ohne heutige medizinische Möglichkeiten (Prothetik, Antibiotika, Schmerzmittel), mit 14 Prozent die höchste Säuglingssterblichkeit in Europa, Rachitis-Epidemien durch Vitaminmangel und Attentate auf führende Politiker wie Matthias Erzberger und Walther Rathenau, hervorgerufen durch Hasspredigten, prägten das politische Klima am Anfang der Zwanziger Jahre in Deutschland. Eine zunehmende Inflation, die sich zu einer Hyperinflation im Jahr 1923 steigerte, Putschversuche wie der Kapp-Lüttwitz- und Hitler-Ludendorff-Putsch und nachfolgende Niederschlagungen von Massenstreiks (1920: Ruhraufstand im Ruhrgebiet, 1921: Märzkämpfe in Mitteldeutschland) mit Hilfe von Freikorps hinterließen Hunderte von Toten.

Besserungen ab 1924

Erstausgabestelle von Rentenmarknoten in der Oberwallstraße in Berlin am 15. November 1923

Die Einführung der Rentenmark stoppte die Hyperinflation und auch der Versailler Vertrag konnte durch Dawes-Plan und Young-Plan den Möglichkeiten der deutschen Wirtschaft teilweise angepasst werden. Bald setzte eine Phase wirtschaftlicher Aufwärtsentwicklung und politischer Beruhigung ein. Die politischen Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich konnten durch die Verträge von Locarno erheblich gemildert werden. Der überraschende Rapallo-Vertrag mit Sowjetrussland von 1922 hatte Deutschland zurück in die Weltpolitik gebracht. Der Beitritt Deutschlands zum Völkerbund 1926 trug ebenfalls zur politischen Beruhigung bei. In diesem Zeitraum entstand eine allgemeine Entspannungsphase auf den politischen, aber auch wirtschaftlichen Ebenen. Dieses Phänomen ging von den USA aus und wirkte sich nach kurzer Zeit auch positiv auf Deutschland, Frankreich und England aus.

Goldene Zwanziger Jahre

Die Frankfurter Küche (1926-30) als Designleistung im Rahmen des Projekts Neues Frankfurt

Der Begriff Goldene Zwanziger Jahre steht für den wirtschaftlichen Aufschwung der weltweiten Konjunktur und bezeichnet die Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft. Beteiligt am Aufschwung der Konjunktur sind ebenfalls die hohen Kredite, die Deutschland damals aus dem Ausland, besonders aus den USA, erhielt. Deshalb wird unter anderem von einer Scheinblüte gesprochen, da diese Schulden irgendwann zurückgezahlt werden mussten. Nach dem Ersten Weltkrieg begrüßten sich Berliner häufig mit der Frage: Bist Du auch ein Zwanziger?, womit die Gemeinsamkeit der Altersgruppe der um 1900 Geborenen unterstrichen werden sollte.

Für Deutschland kann ein bemerkenswertes Konjunkturhoch strenggenommen zwar allenfalls für die Jahre 1926 bis 1928 festgestellt werden.[1] Gleichwohl prägte sich den Zeitgenossen der Jahre 1924 bis 1929 das Bild einer „Hochkonjunkturperiode mit manchmal erstaunlichen ökonomischen Leistungen“ ein, die sich deutlich von den krisengeschüttelten Jahren davor und danach abhob.[2] Trotz der vergleichsweise günstigen Voraussetzung scheiterte die Absicherung des republikanischen Staates durch fehlende Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten. Hunger und Elend der letzten Kriegsjahre und die Finanzskandale von 1923 und 1929 schürten das Misstrauen in die Weimarer Republik in weiten Teilen der Bevölkerung. Der von Otto Braun fast das ganze Jahrzehnt regierte Teilstaat Preußen blieb zwar ein Hort der politischen Stabilität, dies reichte jedoch schließlich nicht aus, wie mit dem Preußenschlag sichtbar wurde.

Beendet wurden die „Goldenen Zwanziger“ von der Weltwirtschaftskrise 1929, ausgehend vom Börsenkrach am Schwarzen Donnerstag der Wallstreet in New York. Soziale Spannungen brachen wieder auf und resultierten in politischer Radikalisierung und von den Eliten unabgefedert im Aufstieg des Nationalsozialismus.

Trotz aller Spannungen und Konflikte, die die junge Republik zu meistern hatte, schien die Demokratie zunehmend erfolgreich. Die Neuordnung der Währung und die im Gefolge des Dawes-Plans ins Land strömenden US-amerikanischen Kredite leiteten eine Phase relativer wirtschaftlicher und politischer Stabilisierung ein, die so genannten Goldenen Zwanziger Jahre. Dazu trug bei, dass Stresemann unter wechselnden Regierungen Außenminister blieb und mit seinem französischen Kollegen Aristide Briand eine erste noch vorsichtige Politik der Annäherung einleitete. Gleichzeitig versuchte er, schrittweise eine Revision des Versailler Vertrages zu erreichen und Deutschland wieder als gleichberechtigten Partner in die internationale Gemeinschaft zurückzuführen. Die Aufnahme in den Völkerbund und die Verträge von Locarno waren ein erster Erfolg. Mit dem Berliner Vertrag, der ein deutsch-sowjetisches Freundschafts- und Neutralitätsbündnis darstellte, versuchte der Reichsaußenminister Befürchtungen über eine einseitige deutsche Westbindung entgegenzuwirken. Solche Sorgen hatte es in der Sowjetunion, aber auch in Deutschland selbst gegeben.

Weitere Stationen auf dem Weg der Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern bildeten die Unterzeichnung des Briand-Kellogg-Pakts, der die Ächtung des Kriegs als Instrument der Politik zum Inhalt hatte, und – trotz erheblicher Widerstände von rechter Seite, die in einem Volksbegehren mündeten – die Annahme des Young-Plans, der eine endgültige Regelung der Reparationsfrage darstellte und Voraussetzung für die vorzeitige Räumung des Rheinlands von alliierter Besatzung war.

Auch der Abschluss von Wirtschaftsverträgen mit Ungarn, Rumänien und Bulgarien im Jahr 1927 stärkte das Ansehen der Weimarer Republik im Ausland.

Innenpolitisch gelang es, die republikfeindliche Deutschnationale Volkspartei (DNVP) in die Regierungsverantwortung einzubinden. Bei der Reichstagswahl im Dezember 1924 erhielten die völkischen Parteien mit 900.000 Stimmen eine Million Stimmen weniger als noch im Mai. Auch die Wahl des greisen Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten (→ Reichspräsidentenwahl 1925), die nach dem plötzlichen Tod Friedrich Eberts notwendig geworden war, wirkte nicht unmittelbar republikgefährdend. Hindenburg hatte sich zwar vor der Wahl die Zustimmung des abgedankten Kaisers Wilhelm II. eingeholt, den Wahlkampf mit nationalistischen und anti-sozialdemokratischen Argumenten geführt und sich so gegen Wilhelm Marx durchgesetzt, den Kandidaten der Weimarer Koalition. Seine Amtsführung war jedoch verfassungsgemäß und bot eine Chance, die Konservativen nachträglich mit der Republik auszusöhnen. Allerdings war Hindenburgs Wahl Ausdruck einer politischen Gewichtsverschiebung nach rechts. Dies zeigte sich unter anderem an der von ihm 1926 erlassenen Flaggenverordnung, die es deutschen Auslandsvertretungen erlaubte, neben der schwarz-rot-goldenen Reichsflagge die schwarz-weiß-rote Handelsflagge des Kaiserreichs zu hissen. Im selben Jahr wandte er sich gegen den Entwurf eines von der Verfassung angekündigten Ausführungsgesetzes zum Artikel 48 der Verfassung, das seine präsidialen Vollmachten beschränkt hätte.

Propagandawagen zur Fürstenenteignung 1926

Zu einer heftigen Auseinandersetzung kam es 1925 und 1926 um die Behandlung des Vermögens der bis 1918 regierenden Fürstenhäuser (→ Fürstenenteignung). Dieses Vermögen war im Zuge der Revolution beschlagnahmt aber nicht enteignet worden. Es kam zu Gerichtsverfahren, in denen die noch immer monarchistisch geprägte Justiz eher zugunsten der Fürstenhäuser urteilte. Die DDP brachte daraufhin im Reichstag einen Gesetzentwurf ein, der den einzelnen Ländern die Regelung der Auseinandersetzungen unter Ausschluss des Rechtsweges gestattet hätte. Die KPD machte daraufhin das erste Mal in der Weimarer Republik von der Möglichkeit Gebrauch, ein Gesetz durch Volksbegehren und Volksentscheid zu erreichen, die SPD schloss sich ihr an. Der Gesetzentwurf der KPD sah eine entschädigungslose Enteignung der Fürstenhäuser zu Gunsten Bedürftiger vor. Der Entwurf erhielt beim Volksbegehren mit über 12 Millionen Unterschriften die Zustimmung von fast einem Drittel der Stimmberechtigten. Da der Reichstag den Gesetzesentwurf ablehnte, kam es zu einem Volksentscheid, bei dem als Quorum die Mehrheit der Stimmberechtigten benötigt wurde. An diesem Quorum scheiterte der Entscheid, da er nur von 36,4 Prozent der Stimmberechtigten (14,46 Mio. Stimmen, Hindenburg hatte bei seiner Wahl 14,66 Mio. Stimmen erhalten) unterstützt wurde. Nur 1,56 Prozent der Wähler stimmten mit „Nein“. Ein Problem bei der Abstimmung war der Aufruf der rechten Parteien zum Wahlboykott, sodass die Wahl nicht mehr geheim war, da eine Stimmabgabe ein Indiz für die Unterstützung des Vorschlags war. Aus diesem Grund nahmen, vor allem im ländlichen Raum, Stimmberechtigte aus Furcht nicht am Volksentscheid teil. Der Volksentscheid führte zu einer Beteiligung großer Bevölkerungsteile an einer wichtigen Entscheidung, war aber auch eine Misstrauenserklärung an das parlamentarische System und destabilisierte dieses weiter. Auf diesen Effekt zielten die rechten Parteien bei ihrem Volksbegehren.

Zusammenfassung

Insgesamt waren auch diese Jahre nur eine Phase der relativen, nicht der absoluten Stabilisierung. Auch in diesen Jahren besaßen nur zwei Regierungen eine Mehrheit im Parlament, und die Koalitionen mit Mehrheit waren immer in der Gefahr zu zerbrechen, keine Regierung überstand eine komplette Legislaturperiode. Ein weiteres Zeichen für die noch vorhandene Instabilität ist auch, dass weiterhin teilweise mit Hilfe eines Ermächtigungsgesetzes regiert wurde. Die Parteien fühlten sich weniger dem Allgemeinwohl als vielmehr ihrer Klientel oder dem eigenen Erfolg verpflichtet. Auch die Weichen für die Wirtschaftskrise wurden in diesen Jahren gelegt, da es im Außenhandel ein Ungleichgewicht gab, welches durch kurzfristige Auslandkredite ausgeglichen wurde. Die Reparationszahlungen konnten nicht allein aus Steuergeldern finanziert werden, so dass die Kredite zunehmend nicht nur für den Aufschwung sondern auch für die zu leistenden Zahlungen verwendet werden mussten. Als diese Kredite abgezogen wurden, kam es zum Zusammenbruch der Wirtschaft.

Zudem konnten die Arbeitslosenzahlen in der Republik nie unter eine Million gesenkt werden, was vor allem rechtsradikale Gruppierungen durch Propaganda gegen Arbeitslosigkeit und Schulden für sich zu nutzen versuchten.

Berlin

Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz in den 1920er-Jahren

In Berlin manifestierte sich das Lebensgefühl der Jungen an der Gedächtniskirche und Kurfürstendamm im Westen der Stadt. Dort entstanden am Ende der Stummfilmzeit die neuen Großkinos Marmorhaus, Capitol und Ufa-Palast – noch mit siebzigköpfigem Symphonieorchester in braunen Samtjacken – und machten den 'Floh-Kinos' Konkurrenz. Das gesetzte Alter spazierte Unter den Linden, wo Klappstühle für fünf Pfennig aus der Allee eine Kurpromenade machten, so zum Beispiel Gerhart Hauptmann, der häufig im Hotel Adlon wohnte, oder Gustav Stresemann, der versonnen bei Spaziergängen mit seinem Stock im Sand grub. Der Straßenzug zwischen Nollendorfplatz und Olivaer Platz hingegen war Berliner Laufsteg für einen neuen Schick: Mit Erika und Klaus Mann ein Tanz auf dem Vulkan. Max Reinhardt baute seine beiden eleganten Theater am Kurfürstendamm, eingerahmt von Tribüne und Renaissance-Theater.

Expressionisten wie Ernst Toller, Georg Kaiser, Carl Sternheim, Walter Hasenclever sorgten sowohl für Schreie auf der Bühne als auch für Schreie der Entrüstung und Begeisterung im Publikum. Die Bühnenbilder stammen von Avantgardisten wie Panos Aravantinos und Emil Pirchan. Der Berliner Broadway bot auch jede Menge Kleinkunst: Bars, Nachtclubs, Weindielen, russische Teestuben, neue Ballhäuser, wie das Ambassadeur oder die Barberina sowie die kleinere Königin oder das demimondäne Riorita, in denen man nicht nur tanzen, sondern auch soupieren konnte. Neue Tänze wie der Charleston und der neue Jazz waren lange umstritten. Ehemalige Offiziere, nun arbeitslos, verdingten sich als Eintänzer (Schöner Gigolo, armer Gigolo...).

Ferner waren der Alexanderplatz und der Potsdamer Platz Inbegriff der lebhaft pulsierenden Weltstadt Berlin. Viele der den Alexanderplatz begrenzenden Gebäude und Bahnbrücken trugen große Leuchtreklametafeln, die die Nacht zum Tag machten. Sein Gesicht änderte sich von Tag zu Tag.

Die Berliner Secession führten einen impulsiven Diskurs um die Kunst, mit Protagonisten wie Lovis Corinth, Max Liebermann und Ernst Oppler.

Gesellschaftliche Umwälzungen

Durch den seit dem Krieg herrschenden Frauenüberschuss eroberten sich Frauen neue Berufsfelder. Das Schlagwort die neue Frau wurde für konservativ Eingestellte zum Schimpfwort. In dieses Bild ordneten viele auch die sinkende Geburtenrate ein. Frauen rauchten erstmals in der Öffentlichkeit. Der Kubismus der künstlerischen Avantgarde verschreckte viele Bürger. Das Stück Im Dickicht der Städte von Bertolt Brecht wurde von rechten Störern unterbrochen. Das Bauhaus verließ 1926 Weimar nach Dessau, weil die konservative Landesregierung die Mittel gekürzt hatte. 1926 erkannte Deutschland die Abtrennung von Elsass-Lothringen an. 1926 wurde der § 218 StGB geändert: Zuchthaus wurde durch Gefängnis ersetzt und die Haftstrafen bei Schwangerschaftsabbruch verkürzt. In Düsseldorf fand mit der GeSoLei (Gesundheit, Soziales und Leibesübungen) die größte Messe der Weimarer Republik statt, kurz nachdem die französischen und belgischen Truppen das Ruhrgebiet bzw. das Rheinland verlassen hatten. Auf der GeSoLei fuhren die ersten Autoscooter auf einem Rummelplatz. Hindenburg, Reichspräsident des Reiches, welches auch als Zylinderrepublik verspottet wurde, besuchte den Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer.

Kunst

Die Kunstrichtung der Goldenen Zwanziger bezeichnete man auch als „Neue Sachlichkeit“. Sie entstand aus der Erfahrung des Ersten Weltkrieges und des sich anschließenden gesellschaftlichen Wandels. Viele Künstler zeigten sich engagiert und politisch interessiert. Die Kunst befreite sich ein weiteres Stück aus akademischen Zwängen. Man zeigte weniger Scham. Die neuen Themen waren das Leben in der Großstadt, die Kluft zwischen Arm und Reich, die neue selbstbewusste Frau. Das Porträt wurde zum wichtigen Genre. Ein Beispiel: Das „Großstadt-Triptychon“ von Otto Dix stellt unter anderem Prostituierte dar, in teils freizügiger Pose. Ein solches Motiv wäre wenige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen. Berühmte Künstler sind:

Mode

Joan Crawford im typischen Flapper-Look
  • Damenmode: Bei den Accessoires kam es nicht auf den Wert, sondern auf die schockierende Wirkung an. Deshalb war die „endlose“ Zigarettenspitze sehr beliebt. Sie gab den Damen einen leicht mondänen Anstrich. Zur Aufmachung für den Abend gehörten auch Perlenketten, Boas, Stirnbänder und Handtaschen. Die Frisuren der Damen wirkten auf viele aggressiv. Der Bubikopf löste gegen hartnäckigen Widerstand der Elterngeneration die Schnecken mit Haarnadeln ab.
  • Herrenmode: 1919 sah man die Männer noch im Gehrock mit Zylinder. Die Herrenmode in den 1920ern war klassisch, dunkel und korrekt. Zu Beginn des Jahrhunderts war die Form des Sakkos recht breit (mit gepolsterten Schultern). Die Brust war verstärkt, um der männlichen Silhouette einen muskulöseren Eindruck zu verleihen. Im Laufe des Jahrhunderts wurde diese Jackenform leger, leicht tailliert und weniger gepolstert. Der Tagesanzug geht auf den Namen des deutschen Reichskanzlers Gustav Stresemann zurück und wird heute noch zu Festlichkeiten getragen. Die Frisuren der Herren waren streng nach hinten gekämmt, häufig mit Seitenscheitel. Die Schuhe wurden leicht und ließen die Stiefel des Weltkrieges hinter sich. Auch der Stil dieses in einer Fachzeitschrift für chauffeur-lose Selbstfahrer („Herrenfahrer“) 1924 erschienenen Herrenmodeartikels atmet den Aufbruch der Goldenen Zwanziger:

„Jeder mehrfarbige Schuh ist unfein, wenn nicht als Strand- oder Vormittagsschuh. Der Halbschuh beherrscht alles. Stiefel werden wenig getragen. Der schwarze Boxcalf- oder Chevreaux-Schuh kann gelochte Muster haben. Die Kappe kann sogar das Monogramm tragen. Lange, platt abgerundete Spitze. Die beste Bezeichnung für die Form ist: wenn die Schuhe vor dir stehen, darfst du nicht sehen, welches der rechte und welches der linke Schuh ist. Der braune Schuh ist im Winter, wenn überhaupt braune Schuhe getragen werden müssen, aus schwerem Leder. Der braune Schuh mit Gummisohle ohne Absatz ist schon wieder aus der Mode. Höchstens als Golfschuh noch führend. Als Smoking- und Abendschuh ein kappenloser Lackschuh, völlig flach und ohne Verzierung.“

– Der Herrenfahrer – das Blatt vom Auto und anderen Annehmlichkeiten des Lebens, Heft 1, 1924[3]
  • Mode allgemein: Neue erfundene Stoffe (z. B. synthetische Fasern) ließen Seidenstrümpfe geschmeidig und weicher werden. Die Friseure hatten sonntags offen. Die Männer trugen Knickerbocker und Schiebermützen. Ähnlich elegant waren die so genannten Topfhüte der Frauen.

Sport

Ein Tänzchen von Sechstagebummlern in den frühen Morgenstunden beim Berliner Sechstagerennen, 1927

Sport wurde zum Vergnügen der Massen. Propagandistisch begleitet von Zeitungskönigen wie August Scherl und den Brüdern Ullstein wurden Flugtage ein Renner. Ruderregatten, AVUS-Autorennen auf der ersten zweibahnigen Automobilstrecke Deutschlands mit steilster Nordkurve, Turnfeste und Sechstagerennen im Sportpalast zogen mehr Menschen an, als alle anderen Veranstaltungen vorher. Das Berliner Sechstagerennen fand während seiner ersten Hochzeit in den Goldenen Zwanzigern wegen des großen Publikumsandrangs zum Teil zweimal jährlich statt. Es waren nicht nur sportliches, sondern auch gesellschaftliches Ereignis. Bekannte Künstler und später die Sportprominenz - traditionell waren darunter erfolgreiche Boxer wie zum Beispiel Max Schmeling - ließen sich diese Gelegenheit für einen Auftritt in der Öffentlichkeit nicht entgehen und gaben auch den Startschuss ab.

Carl Diem veranstaltete große Sportfeste. Das Rhönrad wurde erfunden und eine neue, unerhörte Nacktkultur überzeugte mit ihrem Motto Licht und Luft nicht jeden. Boxen und Radsport wurden populäre Sportarten.

Neue Medien

Film und Kino

Der Marmorsaal im Zoologischen Garten Berlin, Uraufführungsort von Nosferatu

Schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Deutschland sehr viele Lichtspielhäuser, in denen Stummfilme gezeigt wurden. In den Zwanziger Jahren konnte sich der Film als Massenmedium etablieren, dadurch nahmen die Lichtspielhäuser einen rasanten Aufstieg. Deutschland war der europäische Staat mit den meisten Kinos, deren Anzahl zwischen 1918 und 1930 von 2300 auf 5000 anwuchs. Täglich gingen zwei Millionen Menschen in die Kinos. Für ihr Eintrittsgeld bekamen sie neben dem Hauptfilm kurze Vorfilme, gelegentlich Natur- oder Reisefilme und stets die Wochenschau zu sehen.

Deutschland produzierte in den 1920er und 1930er Jahren mehr Filme als alle anderen europäischen Staaten zusammen. Der deutsche Film brachte einige große Regisseure mit bedeutenden Produktionen hervor, wie zum Beispiel „Das Kabinett des Dr. Caligari“ (1919/1920) von Robert Wiene. Der Rhythmus choreographierter Massenszenen bestimmte Langs 1927 uraufgeführten Stummfilm „Metropolis“. Das millionenteure Spektakel erwies sich an den Kassen jedoch als Misserfolg. Längst hatte die Filmfabrik Hollywood die deutschen Kinos erobert und setzt 1927 mit dem ersten Tonfilm neue Maßstäbe.

Die Film- und Kinomusik ist genauso alt wie die bewegten Bilder in Film und Kino. Bereits in der Frühzeit des Films waren öffentliche Vorführungen mit musikalischer Begleitung üblich. Sogar die Epoche des Stummfilms wurde von Klaviermusik begleitet. In den Anfängen diente die Klaviermusik eher dazu die Projektorengeräusche zu übertönen.

Rundfunk

Radioapparate, die noch Detektoren genannt wurden, besaßen nur wenige Familien und wurden aus Kostengründen häufig selbst zusammengebaut. Telefunken baute preiswerte Kopfhörer, die bei Besuch noch auseinander geschraubt wurden, damit jeder mithören konnte. Richard Tauber war der Starinterpret einer im Rundfunk übertragenen Operette. Musiksendungen, Autorenlesungen und Hörspiele erfreuten sich großer Beliebtheit, politische Sendungen waren hingegen weitgehend tabu.

Rezeption

Die Goldenen Zwanziger als Thema beim Festumzug zur 750-Jahr-Feier Berlins (1987)

Die ausgehenden Goldenen Zwanziger sind unter anderem Schauplatz der Krimireihe um Polizeikommissar Gereon Rath des Autors Volker Kutscher. Ebenfalls werden die Goldenen Zwanziger in Filmen wie zum Beispiel Comedian Harmonists (1997) über das gleichnamige Vokalensemble Comedian Harmonists und im Film Sass (2001) über die Brüder Sass thematisiert.

Literatur

  • Berlin - Die Zwanzigerjahre - Kunst und Kultur 1918-1933, Text: Rainer Metzger, Bildauswahl: Christian Brandstätter, dtv, München 2006, ISBN 978-3-423-34407-4
  • Michael Bienert, Elke Linda Buchholz: Die Zwanziger Jahre in Berlin. Ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin-Story-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-929829-28-2.
  • Gerd Presler: Glanz und Elend der Zwanziger Jahre. Die Malerei der Neuen Sachlichkeit. DuMont Verlag, Köln 1992, ISBN 3-7701-2825-7 (DuMont-Taschenbücher 285).
  • Steffen Raßloff: Bürgerkrieg und Goldene Zwanziger. Erfurt in der Weimarer Republik. Sutton Verlag, Erfurt 2008, ISBN 978-3-86680-338-1.
  • Eberhard Kolb, Dirk Schumann: Die Weimarer Republik. 8., aktualisierte und erweiterte Auflage 2012, Oldenbourg, ISBN 978-3486712674. Darin Kap. 3 (S. 95-111): „Künstlerische Avantgarde und Massenkultur. Zur Physiognomie der ‚goldenen zwanziger Jahre‘“ (auch in: Eberhard Kolb, Deutschland 1918-1933: Eine Geschichte der Weimarer Republik, Oldenbourg 2010, S. 137-160).

Weblinks

 Commons: Deutschland in den 1920er Jahren – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Gerd Hardach: 1929. Wirtschaft im Umbruch. In: Die Welt spielt Roulette. Zur Kultur der Moderne in der Krise 1927 bis 1932. (Hrsg. Werner Möller) Frankfurt 2002, S. 22; Eberhard Kolb: Deutschland 1918-1933. Eine Geschichte der Weimarer Republik. München 2010, S. 134; Günter Könke: Organisierter Kapitalismus, Sozialdemokratie und Staat. Stuttgart 1987, S. 65.
  2. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949 C.H. Beck Verlag, München 2003, S. 252.
  3. Aus Der Herrenfahrer, Heft 1, 1924, Seite 51, Deutsche Nationalbibliothek