Wolfgang Neuss

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Hans Wolfgang Otto Neuß (amtl.[1] Schreibweise, * 3. Dezember 1923 in Breslau; † 5. Mai 1989 in West-Berlin) war ein deutscher Kabarettist und Schauspieler.

Wolfgang Neuss (3. v.l.)
bei der Verleihung des
Berliner Kunstpreises für Film und Fernsehen (1964)

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

[Bearbeiten] Jugend und Krieg

Nach der Volksschule beginnt Wolfgang Neuss eine Lehre als Schlachter, geht dann aber mit 15 Jahren nach Berlin, um Clown zu werden. Dieser Ausflug endet in der Jugendverwahranstalt des Berliner Polizeipräsidiums am Alexanderplatz.

Während des Zweiten Weltkrieges ist er zunächst beim Straßenbau im Arbeitsdienst, dann ab 1941 Soldat an der Ostfront. Er wird mehrmals verwundet und umgeht schließlich den Einsatz als MG-Schütze indem er sich selbst verstümmelt.

„Als ich siebzehn war, hab ich mir in Russland vor lauter Angst mal den Finger abgeschossen. War Krieg, und der Russe lag nur'n paar Meter entfernt von mir. Und ich wusste: Ich bin so kurzsichtig, dass ich sowieso nicht treffe. Eine Verletzung war die letzte Chance, aus dem Kessel rauszukommen. Ich nahm also den Karabiner 98K, ließ mich in einen Wassergraben fallen, hielt auf den Zeigefinger der linken Hand und drückte ab. Die Angst trieb mich zum Fortschritt.[2]

Nach anderer Darstellung handelt es sich bei der Geschichte von dem abgeschossenen Finger um eine Legende.[3]

Kurz vor Kriegsende flieht er nach Dänemark. Die letzte Zeit des Krieges erlebt er im Internierungslager in Flensburg.

Bereits während seiner Lazarettzeiten und im Lager organisiert er bunte Abende, erzählt Witze und tritt als Komiker auf. Aus diesem Talent macht er einen Beruf und ist fortan in Deutschland als Kabarettist unterwegs. Erste Engagements folgen und Ende der 1940-er Jahre kommt er als Conférencier im Hamburger Hansa-Theater groß heraus.

[Bearbeiten] Die zwei Wolfgangs

1949 lernt er Wolfgang Müller kennen, mit dem er sich auf Anhieb versteht. Fortan sind die beiden als Duo („Die zwei Wolfgangs“) unterwegs. 1950 gehen sie nach West-Berlin und werden am Kabarett Die Bonbonniere engagiert. Im selben Jahr erhält Neuss seine erste Filmrolle.

Neben Dieter Hildebrandt bekommt Neuss engen Kontakt zu Wolfgang Gruner und arbeitet zwei Jahre später an zwei Programmen des Kabaretts Die Stachelschweine mit. Neuss schreibt Stücke, spielt Theater und führt Regie im Kabarett. Neuss/Müller fallen 1955 nach einer Theateraufführung von Kiss me Kate auf und erhalten fortan ein Filmangebot nach dem anderen. Auch als Schlagersänger werden sie bekannt (unter anderem: „Schlag nach bei Shakespeare“ oder: „Ach, das könnte schön sein…“).

Ein Schicksalsschlag zerstört die Erfolgsgeschichte: Wolfgang Müller stirbt 1960 während der Dreharbeiten zu Das Spukschloss im Spessart bei einem Flugzeugabsturz in der Schweiz. Wolfgang Neuss wird mit den Worten: „Jetzt brauchen wir Sie auch nicht mehr!“ von den Dreharbeiten zu diesem Film entlassen.

[Bearbeiten] Soloprogramme

Wolfgang Neuss machte allein weiter und ging mit Soloprogrammen auf Tournee durch Westdeutschland. 1962 sorgte er für einen Eklat, als er den Mörder mittels einer Zeitungs-Werbeannonce am Vortag der Ausstrahlung des letzten Teils des sechteiligen Durbridge-Krimis Das Halstuch dem Fernseh-Publikum verriet – um so mehr Zuschauer in seinen eigenen Film Genosse Münchhausen ins Kino zu locken. Dies brachte ihm sogar Morddrohungen ein. Er gab später zu, den Mörder allerdings auch nur erraten zu haben.

Die Durbridge-Krimis waren in dieser Frühzeit des deutschen Fernsehens ein großer „Straßenfeger“, von weiten Teilen der Bevölkerung bei einer Einschaltquote von knapp 90 % verfolgt (vgl. →Auswirkungen). Die Bild-Zeitung bezeichnete Neuss wegen des Spoilers gar als „Vaterlandsverräter“.

Trotz des Verlustes seines Kabarettpartners schaffte Neuss es an die Spitze der deutschen Kabarettisten. Er brachte den DDR-Barden Wolf Biermann nach Frankfurt und veranstaltete mit ihm ein gemeinsames Programm.

[Bearbeiten] Schauspielkarriere

Neuss war ein Vieldreher. Er drehte mehrere Filme in einem Jahr, zehn Filme allein 1955. Insgesamt war er in 53 Filmen zwischen 1950 und 1967 und in einem 54. und letzten 1974 zu sehen. Auch im Fernsehen trat er oft auf, zuletzt 1983/84 in der Produktion: „Is' was, Kanzler?“ nach einem Drehbuch von Gerhard Schmidt und Jochen Busse.

[Bearbeiten] Ausstieg

Mitte der 1960-er Jahre geht seine Erfolgssträhne langsam zu Ende. Neuss' Auftritte sind zwar noch ausverkauft, werden aber von der Kritik verrissen. Er fällt durch Drogenkonsum auf. Politisch macht er sich zunächst für die SPD, dann für die APO stark und nimmt an Demonstrationen, Sit-ins und anderen politischen Aktionen teil. Seine Kabarettauftritte sind zunehmend schlechter besucht.

1969 verabschiedet er sich von der Bühne und vom Fernsehen, geht eine Zeit lang nach Chile. Abgesehen von seinem letzten Kinofilm Chapeau Claque (1974) und einem Auftritt als „Mann mit der Pauke“ im laufenden Programm der Stachelschweine (November 1973) sieht und hört man während der 1970-er Jahre fast nichts mehr von Neuss. 1979 macht er Schlagzeilen, als er in West-Berlin wegen Besitzes von Haschisch und LSD zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wird.

[Bearbeiten] Comeback

Initiiert durch ein langes Interview mit Werner Pieper im Humus-Magazin (Ausgabe 3, 1979) Anfang der 1980-er Jahre feiert er sein Comeback auf der Bühne und im Fernsehen, schreibt für Zeitungen (vor allem die TAZ) und nimmt Platten auf. Die Talk-Show Leute am 5. Dezember 1983 mit Richard von Weizsäcker – Zitat: „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen, Richie!“ – ist laut Stern, in dem er in den 80-er Jahren wöchentlich eine Kolumne hat, „die Show des Jahres“. Für sein Kabarett-Programm „Neuss vom Tage“ im WDR erhält er den deutschen Kleinkunstpreis.

1987 wird er erneut wegen Drogenbesitzes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Als „zahnloser Späthippie“ („Indianerfrau“) wird er zur lebenden Legende in West-Berlin. Im Jahr darauf, an seinem 65. Geburtstag, verabschiedet er sich endgültig von seinem Publikum.

Am 5. Mai 1989 – nur ein halbes Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer – verstirbt Wolfgang Neuss, nachdem noch bis wenige Tage vor seinem Tod ein Dokumentarfilm über ihn gedreht worden war. Auf seinen Wunsch hin wird er neben seinem Partner Wolfgang Müller auf dem Waldfriedhof Zehlendorf, Feld UII Grab 112, beerdigt. Er hinterlässt eine Ehefrau und eine Tochter. Franz Josef Degenhardt, einer von Neuss' Partnern beim „67-er Quartett“, widmet ihm mit: „Der Trommler“[4] ein Requiem.

Biografien schrieben 1974 Gaston Salvatore unter dem Titel: „Der Mann mit der Pauke“ und 1981 sein Freund und literarischer Nachlassverwalter Volker Kühn unter dem Titel: „Wolfgang Neuss Buch“.

[Bearbeiten] Zitate

  •  »Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen.« [5]
  •  »Stell’ Dir vor es geht und keiner kriegt's hin.«
  •  »Der Faschismus ist eine Spielart der freien Marktwirtschaft.« [6]
  •  »Wo wir hinspenden, wächst kein Gras mehr.« [7]
  •  »Ich bin kein Beispiel, ich bin ein Vorspiel.«
  •  »Heut' mach ich mir kein Abendbrot, heut' mach ich mir Gedanken.«
  •  »Meine Zeit ist gekommen, wenn die Welt wieder so zum Lachen ist, dass es sich lohnt, dritte Zähne anzuschaffen.«
  •  »Ich rauche den Strick an dem ich sonst hängen würde.«

[Bearbeiten] Filmografie (Auszug)

[Bearbeiten] Filme mit Neuss

[Bearbeiten] Filme über Neuss

  • „Wolfgang Neuss: Ekstase und Melancholie“ Ein Film von Jürgen Miermeister, Produktion: ZDF, 1993, 23 Min.
  • „Narrkose - Von und mit Wolfgang Neuss“, Ein Film von Rüdiger Daniel und Uschi Sixt-Roessler, Erstausstrahlung 4. Dezember 1993, 43 Min, Produktion: WDR
  • „Der Mann mit der Pauke: Wolfgang Neuss“ Dokumentation, Buch und Regie: Jürgen Miermeister, Produktion: ZDF, Erstsendung: 3. Dezember 1998, teilw. s/w und mono
  • „Neuss Deutschland – Querulant der Republik“ von Julia Oelkers & Peter Scholl, Dokumentation, 45 Min., Produktion: rbb, Erstsendung: 4. Dezember 2006  (Inhaltsangabe des rbb, Titel jedoch fehlerhaft mit: „Der Mann mit der Pauke“ angegeben)
  • „Das Neuss Testament" Ein Film von Rüdiger Daniel, Produktion dibsfilm und rbb, 2009, Kinofilm, 72 Min.

[Bearbeiten] Kabarett-Programme

  • Lachkalorien, Ende der 1940-er Jahre
  • Der Mann mit der Pauke, 1951
  • Wer nicht hören will muss fernsehen…, 1959
  • Das jüngste Gerücht, 1963
  • Neuss Testament, 1965
  • Asyl im Domizil, 1967
  • Neuss vom Tage, Mitte der 1980-er Jahre im WDR

[Bearbeiten] Satirische Zeitung Neuss Deutschland

1964 erschien die erste Nummer der Zeitschrift Neuss Deutschland – Organ des Zentralkomiker-Teams der Satirischen Einheitspartei Deutschlands – eine Parodie des SED-Zentralorgans Neues Deutschland.

[Bearbeiten] Literatur

  • Jacques Hartz (Hrsg.): Sehnsucht nach Berlin. Ein Bildband mit einer Einführung von Marianne Eichholz sowie Beiträgen von Wolfgang Neuss und Wolf Biermann, Hamburg, von Schröder 1966, 120 Bl.
  • Neuss' Zeitalter „Der Grüne Zweig 87“, herausgegeben von Werner Pieper, Löhrbach 1982, ISBN 978-3-922708-87-2
  • Das Wolfgang Neuss Buch. Eine Satire-Sammlung, herausgegeben, dokumentiert und kommentiert von Volker Kühn. Satire Verlag, Köln, 1981
  • Wir Kellerkinder. Drei Satiren von Wolfgang Neuss. Syndikat Verlag, Frankfurt/M., 1983
  • Neuss Testament. Eine satirische Zeitbombe von Wolfgang Neuss. Syndikat-Verlag, Frankfurt/M., 1985
  • Tunix ist besser als arbeitslos. Sprüche eines Überlebenden von Wolfgang Neuss. Rowohlt Verlag, Reinbek, 1985
  • Mathias Bröckers (Hrsg.): Der gesunde Menschenverstand ist reines Gift. Paukenschläge von Wolfgang Neuss, München, Heyne, 1985, 159 S., Illustriert
  • Der totale Neuss. Gesammelte Werke. Rogner und Bernhard, Frankfurt 1997

[Bearbeiten] Sekundärliteratur

  • Gaston Salvatore: Der Mann mit der Pauke, Frankfurt am Main, März bei Zweitausendeins 1981, 446 S.
  • Gaston Salvatore: Der Mann mit der Pauke, Rowohlt Taschenbuch (1983) - ISBN 978-3499151552
  • Gaston Salvatore: Wolfgang Neuss – ein faltenreiches Kind. Biographie. (Unveränderte Neuauflage der Erstausgabe, Frankfurt am Main, S. Fischer, 1974) Hamburg, Europäische Verlags-Anstalt 1995, 521 S., Illustriert

[Bearbeiten] Veröffentlichungen auf Tonträger (Auszug)

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. gemäß Eintragung in seinem Personalausweis, gezeigt im rbb-Film »Neuss Deutschland – Querulant der Republik« von Julia Oelkers & Peter Scholl aus 2006
  2. http://www.graswurzel.net/239/neuss.shtml
  3. Vgl. Siegward Lönnendonker, Nachwort zu Gaston Salvatore: Wolfgang Neuss – ein faltenreiches Kind. Biographie, Neuauflage 1995, S. 493:

    „Neuss hat kein Kabarett des linken erhobenen Zeigefingers gemacht, der war nicht mehr dran. Aus dem fehlenden Finger seiner linken Hand hat Wolfgang Neuss jedoch eine Legende geschmiedet, die Legende der Kriegsverletzung als Widerstandshandlung. ‚Rauskommen konnte ich nur als Verletzter,‘ sagt er. Und drei Seiten weiter: ‚Etwas richtig erfunden habe ich nie.‘ Doch, die Geschichte vom abgeschossenen Finger! Es war eine nicht behandelte Infektion, als er Ende der 1940-er Jahre in Hamburg war. Die Krankenschwester und die Ärztin, die ihm in letzter Not den Finger abgenommen hatten (damals gab es noch kein Penicillin), kamen nach Berlin und wollten ihn einfach mal besuchen, ohne zu wissen, daß sich Neuss mit dieser Fingerlegende ein Leben aufgebaut hatte. Dirk Müller war zwar ein bisschen sauer über die Geschichte, weil ich sowas nicht leiden kann und war einen Moment am überlegen, ob ich die Damen zu ihm führe‘. Er hat es dann nicht getan. ‚Ach nein, dann ist doch alles kaputt, lass ihn, reicht, wenn einer das weiß.‘“

  4. Liedtext; auch auf Neuss: "Immer noch grob sinnlich", Liedtext
  5. Quelle: Talksendung „Leute“ vom 5. Dezember 1983
  6. Quelle: Programm „Marxmenschen“
  7. Quelle: Stern, damals immer letzte Seite: „Das Neuss-Wort der Woche“

[Bearbeiten] Weblinks

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