Labour Party

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Labour-Party)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Labour Party (Begriffsklärung) aufgeführt.
Labour Party
Arbeitspartei
Logo der Labour Partei
Parteivorsitzender Jeremy Corbyn
Partei­vorsitzender Jeremy Corbyn MP
Stell­vertretender Vorsitzender Tom Watson MP
Gründung 27. Februar 1900
Gründungs­ort London
Haupt­sitz Labour Central
Kings Manor
Newcastle upon Tyne NE1 6PA
Jugend­organisation Young Labour
Aus­richtung Sozialdemokratie,
Demokratischer Sozialismus,
Progressivismus
Farbe(n) Rot
Britisches Unterhaus
231/650
Britisches Oberhaus
210/802
London-Versammlung
12/25
Mitglieder­zahl 640.000 (Stand: August 2016)[1][2][3]
Internationale Verbindungen Progressive Allianz,
Sozialistische Internationale (Beobachter)
Europaabgeordnete
20/73
Europapartei Sozialdemokratische Partei Europas (SPE)
EP-Fraktion Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament (S&D)
Website www.labour.org.uk

Die Labour Party [ˈleɪbə ˈpɑːti][4] (engl. für ‚Arbeitspartei‘ oder ‚Partei der Arbeit‘; auch nur Labour genannt) wurde neben der Conservative Party und den Liberal Democrats bald nach ihrer Gründung 1900 zu eine der drei großen politischen Parteien des Vereinigten Königreiches. In letzter Zeit hat Labour den höchsten Mitgliederzuwachs aller britischen Parteien. Vom 6. Mai 2015 bis August 2016 stieg sie um rund 400.000 auf rund 640.000 an und damit auf den höchsten Wert seit Ende der 1970er Jahre.[3][1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Logo der Labour Party unter Kinnock und Blair.

Von der Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Partei wurde 1900 als Labour Representation Committee (LRC) gegründet und setzte sich zu diesem Zeitpunkt aus Gewerkschaften, den sozialistisch orientierten Parteien Independent Labour Party (1893 gegründet), Social Democratic Federation sowie der Fabian Society zusammen. Sie entstammt damit dem später so benannten Tradeunionismus. Individuelle Mitglieder wurden erst im Anschluss an die Parteireform nach dem Ersten Weltkrieg aufgenommen.

Die Debatten vor allem der Gründungsphase waren von grundsätzlichen ideologisch verschiedenen Ansichten der Gründungsorganisationen geprägt. Vor allem die Diskussion um eine explizit sozialistische Ausrichtung, wie sie von der ILP und später der SDF angestrebt wurde, traf auf heftigen Widerstand aus den Reihen der Gewerkschaften. Im Vergleich zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) verfügte die organisierte Arbeiterbewegung im Vereinigten Königreich nie über große theoretische Verankerung, sondern orientierte sich an tagespolitischen Lösungsvorschlägen. Der Marxismus, die programmatische Klammer der SPD, spielte in der Labour Party praktisch keine Rolle.

Nach den Unterhauswahlen 1906, die einen Zugewinn um 25 Sitze auf nun 29 brachten, wurde das LRC in Labour Party umbenannt. Zu diesem Zeitpunkt dominierten im Vereinigten Königreich vor allem die Conservatives sowie die Liberals. Die Liberale Partei stand dem LRC bzw. der Labour Party jedoch näher als die Conservatives, so dass sich eine Zusammenarbeit anbot. Diese drückte sich unter anderem in Absprachen zur Vermeidung von Wahlkämpfen zwischen Labour/Liberal-Kandidaten (Wahl-Entente) aus. Dies war in den ersten Jahren ein Überbleibsel aus der sogenannten „Lib-Lab“-Zusammenarbeit, während der Vertreter der Trade Unions für die Liberalen bei Wahlen kandidierten. Im Gegensatz zu beispielsweise Deutschland verfügte die britische Arbeiterbewegung so schon früh über eine milieuübergreifende Verankerung und Anerkennung und war von repressiven Angriffen des Staates weitestgehend verschont.

Wie die SPD im Deutschen Kaiserreich, so spaltete sich auch die Labour Party in England 1914 während des Ersten Weltkriegs an der Kriegsfrage. Der pazifistische Flügel um Ramsay MacDonald konkurrierte mit dem patriotischen Flügel Arthur Hendersons. Dennoch kam es nicht zum Bruch, was dem föderativen Aufbau der Labour Party zugerechnet werden kann: im War Emergency Workers National Committee arbeiteten die verschiedenen Flügel trotz ihrer Differenzen zusammen, obwohl die Kriegsgegner langsam an Einfluss gewannen.[5]

Infolge des Bedeutungsverlustes der Gewerkschaften, insbesondere durch gescheiterte Streikversuche („Triple Alliance“ 1921), gelang es der Führung der Labour Party um Henderson, den Einfluss der Gewerkschaften allmählich einzudämmen. Die Gewerkschaften organisierten daraufhin ihre Vorfeldorganisationen und fassten z.B. den seit 1891 (CCC = Clarion Cycling Clubs, die Arbeiterradfahrer) in einzelnen Clubs bestehenden Arbeitersport in einem eigenen Arbeitersportverband (British Workers' Sports Federation) zusammen.[6] Die Partei wurde für breitere Volksschichten wählbar und nahm auch den abgespaltenen linken Flügel der liberalen Partei auf. Spätestens mit der Wahl von 1924, nach der die Labour Party für kurze Zeit in Koalition mit den Liberals erstmals mit Ramsay MacDonald die Regierung stellen konnte, kann die Labour Party als etabliert angesehen werden.

Die Labour Party konnte in den Jahren 1929 bis 1931 unter MacDonald erneut die Regierung stellen.

Die Labour Party in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Reformpolitik Clement Attlees, der in der Nachkriegszeit von 1945 bis 1952 der nächste Labour-Premierminister war, hatte langfristige Bedeutung für das Vereinigte Königreich. Attlee verstaatlichte wichtige Industriezweige, der moderne Sozialstaat wurde gebildet. Attlees Gesundheitsminister, Nye Bevan baute den Nationalen Gesundheitsdienst auf. 1964 bis 1970 sowie 1974 bis 1976 war Harold Wilson an der Macht. Die Versuche von Wilson, den Haushalt in Ordnung zu bringen und neue Arbeitsgesetze durchzusetzen, brachten ihn teilweise in starken Gegensatz zu den Gewerkschaften. Die Aufnahme des Vereinigten Königreichs in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft fiel in seine Amtszeit. Von 1976 bis 1979 folgte James Callaghan als weiterer Premierminister der Labour Party. 1979 unterlag Labour den Konservativen unter Margaret Thatcher, es folgten langanhaltende Richtungskämpfe innerhalb der Labour Party. Der Reformflügel der Partei wurde von Parteichef Neil Kinnock angeführt, der nach der Wahlniederlage 1992 gegen Premier John Major zurücktrat. Der Nachfolger als Parteichef John Smith starb 1994 unerwartet an einem Herzinfarkt.

New Labour[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Anfang der 1990er Jahre änderte die Partei vor allem unter Tony Blair, der ab 1994 Parteivorsitzender war, ihre Ausrichtung.[7]

Statt für Klassenkampf bis hin zum Fernziel Sozialismus oder Verstaatlichung von Schlüsselindustrien, der Umverteilung von Reich zu Arm und der Gewerkschaftsnähe steht New Labour heute für eine pragmatische Politik (von Blair auch als Third Way bezeichnet) und die Befürwortung der Marktwirtschaft, die Wohlstand und soziale Sicherung durch Wirtschaftswachstum zu erreichen versucht.

Der inhaltliche Bruch mit klassisch-sozialdemokratischen oder gemäßigt marxistischen Ideen drückte sich auch in der Abschaffung von Traditionen wie dem Singen der Internationale auf Parteitagen aus. Kritiker werfen New Labour vor, damit linke Ideale verraten zu haben und eine Politik zu verfolgen, die sich kaum von der der Konservativen Margaret Thatcher unterscheidet. Insbesondere die Unterstützung der US-geführten Invasion des Irak im Jahre 2003 rief auch an der Parteibasis großen Unmut hervor; prominente innerparteiliche Kritiker des Blair-Kurses waren/sind etwa Tony Benn oder Ken Livingstone.

Die Labour Party gewann mit Tony Blair als Vorsitzendem die Unterhauswahlen 1997. Blair wurde daraufhin am 2. Mai 1997 britischer Premierminister und beendete damit eine achtzehnjährige konservative Regierungszeit. Unter Blair gewann die Labour Party die Unterhauswahlen 2001 und 2005. Am 24. Juni 2007 übergab Tony Blair auf einem Sonderparteitag in Manchester die Führung der Labour-Partei an Gordon Brown. Vom 27. Juni 2007 bis zum 11. Mai 2010 führte Brown als Premierminister auch die Regierungsgeschäfte. Nach Niederlage der Labour Party bei den Unterhauswahlen 2010 trat Gordon Brown vom Parteivorsitz zurück.

Am 25. September 2010 wurde Ed Miliband zum neuen Vorsitzenden der Labour Party gewählt. Er erhielt in der letzten Runde der als Instant-Runoff-Voting durchgeführten Wahl 51 Prozent der Stimmen, während sein ebenfalls kandidierender älterer Bruder David Miliband auf 49 Prozent kam. Dieser hatte in den vorangehenden Runden geführt. An der Wahl des Vorsitzenden hatten sich drei Millionen Wähler, unter ihnen die Abgeordneten der Partei sowie Mitglieder der Labour Party und der Gewerkschaften, beteiligt. Als Vorsitzender der größten Partei in der Opposition wurde Miliband mit seiner Wahl auch Oppositionsführer. Unter seinem Vorsitz rückte Miliband die Partei programmatisch nach links. Er distanzierte sich von den marktliberalen Inhalten von New Labour. Dies spiegelte sich auch im Wahlprogramm 2015 wider.

Nach der überraschend deutlichen Niederlage bei der Unterhauswahl 2015 trat Ed Miliband am 8. Mai 2015 als Vorsitzender der Labour Party zurück. Harriet Harman war bis zur Wahl eines neuen Vorsitzenden kommissarische Parteivorsitzende.[8] Am 12. September 2015 wurde Jeremy Corbyn neuer Vorsitzender. Corbyn war zuvor als Vertreter des linken Flügels der Partei und langjähriger Abgeordneter im Unterhaus als entschiedener Gegner von New Labour in Erscheinung getreten. Obwohl er zunächst als Außenseiter ins Rennen um den Vorsitz ging, zeichnete sich in Umfragen bald eine breite Zustimmung für Corbyn ab, während sich Teile des Parteiestablishments seiner Kampagne entschlossen entgegenstellten. Unklar bleibt, wie weit Jeremy Corbyn die Partei politisch nach links rücken kann und will. Die Labour Party bildet erneut die offizielle Opposition im House of Commons und stellt den Oppositionsführer.

Bei einer Urwahl, bei der auch registrierte Unterstützer mit abstimmen durften, wurde Corbyn am 24. September 2016 als Parteivorsitzender bestätigt[9].

Mitgliedschaft und Mitgliederzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwicklung der Mitgliederzahl der britischen Labour Party seit 1928[10]

Im Verlauf ihrer Parteigeschichte erlebte die Labour Party mehrere Phasen, in denen sich ihre Mitgliederzahl innerhalb kurzer Zeit stark änderte.[10] Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Labour Party unter Clement Attlee die Unterhauswahl 1945 und legte anschließend ein großangelegtes Sozialprogramm auf, das sehr populär war. Die Mitgliederzahl stieg vom Vorkriegswert von 200.000 auf über eine Million im Jahr 1952. In den folgenden 3 Jahrzehnten sank sie wieder kontinuierlich auf knapp 700.000. Eine massive Austrittswelle erlebte die Partei nach dem winter of discontent („Winter der Unzufriedenheit“) 1978/79, in dem vielfache Streikaktionen der mit Labour verbundenen Gewerkschaften das Land lahmlegten und die Labour-Regierung unter James Callaghan unfähig schien, die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. 1979 gewannen die Konservativen unter Margaret Thatcher die Unterhauswahl und es folgten 18 Jahre konservativer Regierungen. Mit dem Aufkommen von New Labour in den 1990er Jahren stieg die Mitgliederzahl von ungefähr 260.000 im Jahr 1991 auf etwa 405.000 im Jahr 1997 an. Während der Labour-Regierungen ab 1997 unter Tony Blair und seines Nachfolgers Gordon Brown (ab 2007) sank sie wieder und erreichte mit 156.000 einen Tiefpunkt zum Jahresende 2009. Eine Eintrittswelle ereignete sich, nachdem Jeremy Corbyn am 12. September 2015 zum neuen Parteivorsitzenden gewählt wurde.

Labour in Nordirland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über viele Jahre hinweg konnten Bewohner Nordirlands nicht Labour-Parteimitglied werden. Stattdessen arbeitete die Labour Party mit der nordirischen Social Democratic and Labour Party (SDLP) zusammen. Die gewählten SDLP-Abgeordneten unterstützten dafür in Westminster die Labour-Politik. Seit 2003 ist es Bewohnern Nordirlands erlaubt, Labour-Mitglied zu werden, jedoch hat die Partei bisher keine eigenen Kandidaturen bei Wahlen betrieben.[11][12] Spätestens seit 2015 gibt es jedoch eine intensive Diskussion unter den Labour-Mitgliedern und -Anhängern in Nordirland, ob nicht eigene Kandidaten aufgestellt werden sollten.[13][14]

Parteivorsitzende (Leaders)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Clement Attlee (1956/57), Nachkriegspremier und 20 Jahre Parteiführer.
Tony Blair (2007), Initiator von New Labour.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die inoffizielle Hymne der Partei (und die offizielle der Social Democratic and Labour Party in Nordirland sowie der Irish Labour Party) ist The Red Flag. Einige der 16 Strophen des Liedes werden üblicherweise zum Ende von Parteitagen oder bei anderen Großveranstaltungen der Partei zur Melodie von O Tannenbaum gesungen.[15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Henry Pelling: The Origins of the Labour Party. 2nd Edition. Oxford 1965.
  • Alastair Reid/Henry Pelling: A short History of the Labour Party. 12th Edition. Basingstoke 2005 ISBN 1-4039-9313-0.
  • Hilary Wainwright: Labour: a Tale of two parties. London 1987 ISBN 0-7012-0778-7.
  • Stefan Berger: Ungleiche Schwestern? Die britische Labour Party und die deutsche Sozialdemokratie im Vergleich 1900–1931. Bonn 1997.
  • Christian Krell: Sozialdemokratie und Europa. Die Europapolitik von SPD, Labour Party und Parti Socialiste. VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16498-4; darin Kapitel B.2: Die Integrationspolitik der britischen Labour Party, S. 210–290.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Labour Party (UK) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b https://www.theguardian.com/politics/2016/aug/22/scottish-labour-leader-kezia-dugdale-backs-owen-smith-against-jeremy-corbyn
  2. http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/labour-party-gains-60000-new-members-following-attempted-coup-against-corbyn-a7112336.html
  3. a b https://www.theguardian.com/politics/live/2016/jul/08/theresa-may-next-prime-minister-andrea-leadsom-politics-live
  4. Lexikon der Geschichte, Orbis Verlag, 2001, ISBN 3-572-01285-6
  5. Vgl. André Keil: Zwischen Kooperation und Opposition - Die britische Arbeiterbewegung und das "War Emergency Workers National Committee" während des ersten Weltkrieges, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2014.
  6. Stephen Jones: The British Workers' Sports Federation: 1923 - 1935. Arnd Krüger & James Riordan: The story of worker sport. Human Kinetics, Champaign, Ill. 1996, S. 97 - 116; ISBN 0-87322-874-X
  7. Die Transformation der Labour Party - aus: Großbritannien – ein Erfolgsmodell? Die Modernisierung unter Thatcher und New Labour (1999).
  8. Labour Party: Paying tribute. Auf: Website der Labour Party, 8. Mai 2015. (Aufgerufen am 9. Mai 2015.)
  9. Labour leadership: Jeremy Corbyn defeats Owen Smith, The Guardian, 24. September 2016
  10. a b Richard Keen: Membership of UK political parties. House of Commons, 30. Januar 2015, abgerufen am 13. März 2016 (PDF, englisch).
  11. Labour NI ban overturned. BBC News, 1. Oktober 2003, abgerufen am 13. März 2016 (englisch).
  12. Chris Page: Labour peer calls for party to run in Northern Ireland elections. BBC News, 3. März 2016, abgerufen am 13. März 2016 (englisch).
  13. Kathryn Johnston: Why it’s time to stand Labour candidates in Northern Ireland. labourlist.org, 14. Dezember 2015, abgerufen am 13. März 2016 (englisch).
  14. David Young: Labour Party could field candidates in next Northern Ireland Assembly election. The Belfast Telegraph, 9. Dezember 2015, abgerufen am 13. März 2016 (englisch).
  15. The Red Flag ends Labour rally, BBC News, 1. Oktober 1999, abgerufen am 30. September 2015.