Pitralon

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Volle Flaschen „Pitralon Pre Shave“ und „Pitralon After Shave“ (Deutschland, 2017)
„Pitralon Pure“ (Niederlande, 2016)
„Pitralon Polar“ (Deutschland, 2016)
„Pitralon 160 ml“ (Schweiz, 2013)
„Ralon Original“ mit Campher (Kroatien, 2016)

Pitralon [pi.tʀɐ.ˈloːn] (Audio-Datei / Hörbeispiel anhören?/i) ist der Markenname eines Rasierwassers, das 1927 in Deutschland erfunden wurde und seitdem von verschiedenen Herstellern in unterschiedlichen Ländern und wechselnden Zusammensetzungen produziert und vertrieben wird. Die Wortmarke „Pitralon“ wurde bereits 1919 eingetragen; der Markenschutz läuft am 30. April 2019 aus.

Geschichte, Zusammensetzung und Nebenprodukte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Ende des Ersten Weltkrieges entwickelten die vom Unternehmer Karl August Lingner (1861–1916) begründeten „Lingner-Werke“ in Dresden ein antiseptisches Rasurtonikum als nicht marktreifen Vorläufer des späteren Rasierwassers und ließen es am 19. April 1919 trotzdem vorsorglich als Markenname in Deutschland eintragen.[1] Die „Lingner-Werke“ waren zu der Zeit bereits mit dem 1892 entwickelten Mundwasser „Odol“ erfolgreich.

Der Name entwickelte sich aus der Bezeichnung „Pitral“ für ein gereinigtes, geruch- und farbloses Nadelholzöl aus ursprünglich gelbbraunem und ölhaltigem Nadelholzteer. „Pitralon“ wurde zum Namen für eine Verbindung von farblosem Pitral mit Chlorkohlenwasserstoffen. Darauf aufbauend wurde Anfang der 1920er Jahre das „Pitral-Haarwasser“ mit und ohne Cholesterin-Zusatz entwickelt.

„Pitralon“ war eine Produktentwicklung im Zuge der Hygienebewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzte. So wurde das Grundprodukt „Pitralon“ anfänglich nicht als Körperpflegeprodukt, sondern als Arzneimittel gegen Trichophyton (Dermatophytosen, also Pilzerkrankungen der Haut sowie von Kopf- und Barthaaren), eitrige Ekzeme, Impetigo contagiosa und infinzierte Wunden beworben: Die erkrankten Stellen sollten 4- bis 6-mal pro Tag je 5 bis 10 Minuten lang mit einem vollgetränkten Wattebausch bedeckt werden.

Das dann 1927 ebenfalls in Dresden entwickelte Rasierwasser desselben Namens enthielt auch Campher, neben Isopropanol, Menthol, Borsäure und anderen Bestandteilen der seit 1919 entwickelten und getesteten Vorläuferprodukte. Es hatte dadurch einen sehr intensiven, medizinischen und schweren Geruch. Das Original wurde in einer blauen Glasflasche mit schwarzem Etikett verkauft, das in einem roten Ring den weißen Schriftzug „Pitralon“ zeigte.

Weitere Produkte der Lingner-Werke waren die „Pitralon-Lösung“ aus einer alkoholischen Lösung mit 40 % Pitralon zur Behandlung des Gesichts nach dem Rasieren und zur Desinfektion der Hände nach dem Umgang mit infektiösem Material. Ferner wurde die Lösung gegen Akne, Insektenstiche und dergleichen empfohlen. Ein weiteres Produkt war die „Pitralon-Salbe“ als alkoholhaltige Emulsion mit 40 % Pitralon gegen Schuppenflechte, die auch bei Haustieren eingesetzt werden konnte.

Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der DDR wurde in den Leowerken und im „VEB Elbe Chemie“ in Dresden „Pitralon“ ab 1953 nach dem Originalrezept bis zum Jahre 1990 hergestellt. Im „VEB Gerana-Kosmetik“ im „VEB Chemisches Kombinat Miltitzin“, ebenfalls in Dresden, wurde in den 1970er Jahren auch „Pitralon 113“ mit einer neuen Zusammensetzung produziert.

In der Tschechoslowakei wurde ab 1954 ein Rasierwasser mit dem Namen „Pitralon F – voda po holení“ hergestellt, das noch heute in Tschechien vom Hersteller „SpolPharma, s.r.o.“ aus Ústí nad Labem in Drogerien in 100-ml-Flaschen angeboten wird.[2][3]

Auch in der Bundesrepublik Deutschland wurde ab 1950 bei der Firma „Lingner und Fischer“ am Produktionsstandort Düsseldorf ein Rasierwasser unter dem Namen „Pitralon“ hergestellt, das im Wesentlichen der originalen Rezeptur entsprach.[4] Der im vorigen Abschnitt beschriebene herbe, medizinische Duft entsprach ab Ende der 1970er Jahre nicht mehr dem Zeitgeist, weswegen nur das abgewandelte Produkt „Pitralon Classic“ weitergeführt wurde, das mit Zedernöl und einer frischen Zitrusnote ergänzend 1964 hinzugekommen war und seitdem auf dem Markt ist.[5]

Im Jahr 1990 übernahm „SmithKlineBeecham“ (heute „GlaxoSmithKline Deutschland“ mit Sitz in Hamburg) die Marke und verkaufte diese 1993 an das Unternehmen „Sara Lee Deutschland GmbH“ mit Sitz in Mainz. Ab diesem Eigentümerwechsel wurde kurze Zeit eine Variante hergestellt, die sich „Pitralon fresh @ work“ nannte,[6] Zugleich begann die „Sara Lee Household and Body Care Schweiz AG“ in Lupfig (Kanton Aargau) mit der Herstellung einer Variante, die wieder die Rezeptur von „Lingner und Fischer“ aus den 1950er Jahren zum Vorbild nahm. Seit 2010 ist „Sara Lee“ nicht mehr die Produzentin von Pitralon, weil damals die gesamte Körperpflegesparte an „Unilever“ verkauft wurde. Bis auf die Variante „Pitralon fresh @ work“ wurden alle Sara-Lee-Entwicklungen beibehalten; der Standort für die Produktion von „Pitralon 160 ml“ wurde geändert, verblieb aber in der Schweiz. „Unilever“ wiederum trennte sich ein Jahr später von der Marke „Pitralon“, und seit 2011 werden alle Produkte der Pitralon-Linie von „Labori International BV“ mit Sitz in Breda in drei Varianten in den Niederlanden hergestellt, wobei der Unilver-Produktionsstandort in der Schweiz für „Pitralon 160 ml“ als vierte Variante übernommen wurde. Eigentumsrechtlich gehört „Labori International BV“ der Investmentgesellschaft „Glacier Bay Invest BVBA“, die im belgischen Schilde bei Antwerpen ansässig ist.

Das in Kroatien von der Firma „Atlantic Grupa D. D.“ mit Sitz in Zagreb produzierte und in 50- und 85-ml-Flaschen angebotene Rasierwasser „Ralon“ [ˈɾa.lɔn] (Audio-Datei / Hörbeispiel anhören?/i) wird nach der Originalrezeptur von 1927 hergestellt und enthält darum auch Borsäure und Campher, worauf der – aufgrund des bis 2019 bestehenden Markenschutzes verkürzte – Produktname sowie die historisierende Verpackungsgestaltung Hinweise geben sollen. Weitere Produkte der Ralon-Linie sind „Ralon Sport“ (85-ml-Flasche) und die „Ralon Shaving Cream“, eine Rasiercreme in der 70-ml-Tube.[7]

Aktuell erhältliche Pitralon-Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Variante „Pitralon Classic“ (grüner Flaschenverschluss, grünes Etikett) wird nur in Deutschland und den Niederlanden vertrieben. Es ist heute zwar die „dienstälteste“ Pitralon-Variante, tatsächlich aber erst seit den 1960er Jahren auf dem Markt, obwohl sich auf der Verpackung der Hinweis „seit 1927“ befindet, der sich deswegen nur auf den Namen und nicht die Rezeptur beziehen kann. Neben der Aftershave-Lotion gibt es seit den 1970er Jahren ergänzend eine Preshave-Lotion unter demselben Namen und in gleicher Verpackung für den Einsatz vor einer elektrischen Rasur.
  • Die Variante „Pitralon Pure“ (schwarzer Flaschenverschluss, rotes Etikett) wird nur in Deutschland, Österreich (dort unter dem Namen „Pitralon Original“) und den Niederlanden vertrieben.
  • Die Variante „Pitralon Polar“ (schwarzer Flaschenverschluss, hellblaues Etikett) wird nur in Deutschland, Österreich und den Niederlanden vertrieben.

Diese drei Varianten haben nichts mit der Originalrezeptur von 1927 gemeinsam, sondern sind Neuentwicklungen. Charakteristisch für alle ist die Verwendung von natürlichem Zedernöl, das den typischen Duft der modernen „Pitralon“-Varianten ausmacht.

Das Produkt dieses Herstellers, was der Originalrezeptur nachempfunden ist, wird unter der Bezeichnung „Pitralon 160 ml“ in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz vertrieben. Es enthält allerdings, im Gegensatz zum im vorherigen Abschnitt erwähnten kroatischen „Ralon“, weder Borsäure noch Campher, womit zwei Hauptbestandteile der Rezeptur von 1927 fehlen. Die Markteinführung erfolgte 1993, als „Pitralon“ zu „Sara Lee“ gehörte. Während der Unilever-Zeit (2010/2011) wurde dieses Rasierwasser von „Unilever Schweiz“ in Thayngen (Kanton Schaffhausen) produziert. Der jetzige Produzent „Labori International BV“ führt die Herstellung dort weiter. Es kostet etwa dreimal mehr als die zuvor genannten Varianten, ist damit das mit Abstand teuerste Produkt und wird in einer historisierenden bauchigen, braunen Flasche mit einem großen, kreisrunden, roten Etikett und schwarzem Flaschenverschluss verkauft.

Diese Variante wird als „Schweizer Pitralon“ („Berühmtes Schweizer Rasierwasser mit unaufdringlichem Duft.“)[8] oder „Original Schweizer Pitralon“ („[…] diese Original Schweizer Rezeptur des weltbekannten PITRALON unterscheidet sich wesentlich von der modernen deutschen Variante mit Zedernduft.“, die Produktbeschreibung endet mit dem schweizerdeutschen Schlusssatz: „Me gschpüürt, wie’s würkt.“)[9] beworben.

Der aktuelle Hersteller „Labori International BV“ bietet innerhalb der Pitralon-Produktreihe mit „Pitrell von Pitralon – VOR der Elektrorasur“ eine weitere Variante als Pre-Shave an, die nur in Österreich und der Schweiz vertreiben wird.[10]

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das After-Shave „Pitralon“ wird erwähnt

Im Jahr 1982 stutzte sich der deutsche Fußball-Nationalspieler Paul Breitner vor der Fußball-Weltmeisterschaft im Rahmen einer Werbekampagne für „Pitralon“ seinen Vollbart zu einem Schnurrbart und erhielt dafür 150.000 DM.[11][12]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Pitralon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Markenregister-Eintrag für „Pitralon“ beim Deutschen Patent- und Markenamt, abgerufen am 2. Februar 2016.
  2. Datenblatt zu „Pitralon F“ von SpolPharma (Stand: 20. Februar 2013), abgerufen am 1. Februar 2016.
  3. Informationen zum tschechischen Pitralon auf der Website des aktuellen Herstellers, abgerufen am 1. Februar 2016.
  4. Firmengeschichte GlaxoSmithKline, abgerufen am 1. Februar 2016.
  5. Artikel „Über Pitralon“ des aktuellen Herstellers, abgerufen am 31. Januar 2016.
  6. Abbildung einer Verpackung und Flasche der Variante „Pitralon fresh @ work“, abgerufen am 3. Februar 2016.
  7. Produktübersicht der „Ralon-Linie“ von Atlantic Grupa D. D., abgerufen am 31. Januar 2016.
  8. Beschreibung „Schweizer Pitralon“ auf manufactum.de, abgerufen am 1. Februar 2016.
  9. Beschreibung „Original Schweizer Pitralon“ auf nassrasur.com, abgerufen am 1. Februar 2016.
  10. Angaben zu „Pitrell von Pitralon“ auf der Website des Herstellers, abgerufen am 31. Januar 2016.
  11. Scan der Werbung von 1982 in einer Fernsehzeitschrift, abgerufen am 31. Januar 2016.
  12. „Fußballer und Werbung: Breitner, Kirsten und Gascoigne – Wir rülpsen nicht, wir kotzen schon!“, Artikel auf lokalkompass.de vom 9. Februar 2011, abgerufen am 31. Januar 2016.