Astroturfing

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Der Begriff Astroturfing, auch Kunstrasenbewegung, bezeichnet – insbesondere im US-amerikanischen Sprachraum – politische Public-Relations- und kommerzielle Werbeprojekte, die darauf abzielen, den Eindruck einer spontanen Graswurzelbewegung vorzutäuschen. Ziel ist es dabei, den Anschein einer unabhängigen öffentlichen Meinungsäußerung über Politiker, politische Gruppen, Produkte, Dienstleistungen, Ereignisse und ähnliches zu erwecken, indem das Verhalten vieler verschiedener und geographisch getrennter Einzelpersonen zentral gesteuert wird.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie [Bearbeiten]

Der Begriff Astroturfing ist ein im Englischen beheimatetes Wortspiel mit dem Ausdruck Graswurzelbewegung, der wirklich spontane, in erster Linie von Privatpersonen getragene Initiativen bezeichnet. AstroTurf ist hingegen ein Markenname für Kunstrasen, wie er in manchen Sportstadien Verwendung findet. Astroturfing ist mithin nichts anderes als eine vorgetäuschte Graswurzelbewegung, die von Politikern, Regierungen, Konzernen oder Public-Relations-Firmen statt von Privatpersonen ausgeht.

Methoden [Bearbeiten]

Wie die meisten Formen von Propaganda versucht Astroturfing, die Emotionen der Öffentlichkeit gezielt zu beeinflussen und eine starke öffentliche Meinung mit einer bestimmten Ausrichtung vorzutäuschen. Die meisten bekannt gewordenen Fälle von Astroturfing stammen aus dem Bereich der Politik.

Die übliche Methode besteht dabei darin, dass sich wenige Personen als große Zahl von Aktivisten ausgeben, die für eine bestimmte Sache eintreten. Sie verschaffen sich Aufmerksamkeit, indem sie beispielsweise Leserbriefe und E-Mails schreiben, Blogeinträge verfassen, Crossposts verbreiten oder Trackbacks setzen. Sie erhalten von einer Zentrale Anweisungen darüber, welche Meinungen sie wann und wo äußern sollen und wie sie dafür sorgen können, dass ihre Empörung oder Anerkennung, ihre Freude oder ihre Wut vollkommen spontan und unbeeinflusst erscheint, so dass die zentral gesteuerte Kampagne den Eindruck echter Gefühle und Anliegen hinterlässt. Oftmals werden Lokalzeitungen Opfer von Astroturfing, indem sie Leserbriefe veröffentlichen, die mit identischem Inhalt auch an andere Zeitungen gesandt wurden.

Die Kosten von Astroturfingkampagnen sind durch die Effizienz von Internet und E-Mail stark gesunken. Es wird auch an Software gearbeitet, die es einzelnen Aktivisten vereinfachen soll, eine größere Anzahl Benutzerkonten in Blogs, Internetforen und sozialen Netzwerken zu verwalten und mit ihnen scheinbare Meinungsmehrheiten zu erzeugen.[1][2]

Astroturfing kann als Übernahme der Methoden des Grassrootscampaigning durch Akteure beschrieben werden, die nicht einen als demokratisch-legitim angesehenen Bottom-up-Ansatz beanspruchen können, sondern durch zentrale Koordination und Finanzierung eine Top-down-Prägung besitzen (→ Top-down und Bottom-up), dies jedoch verheimlichen. In Anlehnung an das Grassrootscampaigning wurde Astroturfing auch als Grassrootslobbying bezeichnet.[3] Da heimlichem Lobbyismus wie Astroturfing die Legitimität von Basisbewegungen fehlt, gilt es als Problem, wenn Astroturfing als solches identifiziert wird:

„Einmal aufgedeckt, ernten solche Aktionen fast durchweg ein negatives Presseecho. Den Medien kommt eine wichtige Kontrollfunktion zu, wenn es darum geht, vorgetäuschte Grassrootskampagnen offenzulegen. Die genannten negativen Beispiele zeigen, dass Grassrootscampaigning für Unternehmen und Wirtschaftsverbände nur funktionieren kann, wenn von Anfang an mit offenen Karten gespielt wird. Nur wenn die Quelle und Financiers von Kommunikationsaktivitäten transparent sind, ist die Legitimität des Grassrootslobbying gegeben.“[3]

Beispiele [Bearbeiten]

Deutschland [Bearbeiten]

Beispiele für Astroturfing bieten unter anderem die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM),[4] die Gesellschaft zur Förderung umweltgerechter Straßen- und Verkehrsplanung (GSV),[3] der Bundesverband Landschaftsschutz,[5][6] das Aktionsbündnis „meine Wahl!“ des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVmed)[7] und Bürger für Technik.[8]

Im Juni 2010 wurde die Freie Demokratische Partei (FDP) dabei ertappt, wiederholt FDP-freundliche Kommentare im Blogforum ruhrbarone.de abgesetzt zu haben. Der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) sprach daraufhin eine öffentliche Mahnung[9] in Richtung der Bundesgeschäftsstelle der FDP aus, da durch dieses Verhalten „vor allem das Transparenzgebot zur Kontaktpflege im politischen Raum verletzt“ worden sei.[10]

Auch Unternehmen wie die Deutsche Telekom haben allem Anschein nach Kundenbewertungen von einer Textagentur fingieren lassen, um so eine angeregte Kundendebatte über diverse Produkte in dem eigenen Shopping-Portal vortäuschen zu können.[11]

Eine Reihe von weiteren Fällen von Astroturfing legte die Bürgerrechtsorganisation LobbyControl offen: Beispielsweise wurden im Auftrag der Deutschen Bahn Blogeinträge platziert, die Stimmung gegen Streiks der Lokführer 2007 und für die Privatisierung schaffen sollten.[12] In einem ähnlichen Fall gab die Lobbyorganisation EPPA GmbH verdeckte PR zum Thema Biokraftstoff in Auftrag, bei der die PR-Agentur Berlinpolis in den Zeitungen Junge Welt, FAZ, Frankfurter Rundschau und auf Focus Online vorgebliche Leserbriefe von Berliner Bürgern veröffentlichte.[13][14]

Schweiz [Bearbeiten]

Das Zürcher Unternehmen Poolside AG hatte Anfang Dezember 2012 im Auftrag der Werbeanstalt Schweiz AG fünf Studenten angeworben, welche über mehrere Wochen hinweg dafür bezahlt wurden, in gängigen Schweizer Nachrichtenportalen unter einer Reihe von falschen Identitäten gezielt Stimmung gegen eine Volksinitiative zur Begrenzung der Vorstandsbezüge von Schweizer Aktiengesellschaften zu machen. Die Sockenpuppen-Kampagne wurde nach einigen Wochen durch Recherchen des Tages-Anzeigers aufgedeckt und daraufhin eingestellt. Die Werbeanstalt Schweiz AG war zuvor vom Schweizer Wirtschaftsverband Economiesuisse dafür bezahlt worden, eine Plakat-Kampagne gegen die Volksinitiative durchzuführen, die Kampagnenleiterin des Wirtschaftsverbandes leugnete aber einen Zusammenhang.[15]

Andere Länder [Bearbeiten]

Xiao Qiang, Professor für Journalistik an der University of California, Berkeley, erläuterte 2008 anhand von internen Regierungsdokumenten, wie staatliche Stellen in der Volksrepublik China mit speziell trainierten Internetkommentatoren, der 50-cent party (so benannt nach dem Betrag, der ihnen für ein Posting gezahlt wird), virtuelle Debatten manipulieren.[16]

Dem Blogger Richard Silverstein übermittelte einer seiner Leser während der Operation Gegossenes Blei Anfang 2009 einen Diskussionsleitfaden des israelischen Außenministeriums für Freiwillige, die in den Internetforen internationaler Medien die Militäroffensive Israels in Gaza verteidigen sollten.[17][18]

Auch Microsoft verwendete bereits Astroturfing. Bekannt geworden sind zahlreiche Fälle, in denen unterstützende Briefe im amerikanischen Anti-Trust-Verfahren gefälscht oder zumindest vorformuliert wurden, einige dieser Briefe sogar im Namen von Verstorbenen.[19] Studentenvertretungen an zahlreichen deutschen Universitäten bekamen darüber hinaus im Januar 2011 E-Mails gleichlautenden Inhalts von einer angeblichen Studentin, welche für einen Einsatz eines Microsoft-Produktes ähnlich wie Tomboy oder Zim warb. Diese Mails wurden jedoch nicht von einer Universitätsadresse abgeschickt, sondern aus einem IP-Subnetz von Microsoft.[20]

Der Vorwurf des Astroturfing wurde auch gegenüber der Bewegung Occupy Wall Street laut. Die Bewegung sei nach L. Gordon Crovitz, Herausgeber des Wall Street Journal, ein gelungenes Beispiel für Social Marketing einer globalisierungskritischen Stiftung und deren Medien, namentlich der Adbusters Media Foundation, und weniger als Graswurzelbewegung zu charakterisieren. Es sei zudem unredlich, Aspekte von Astroturfing bei der amerikanischen Tea-Party-Bewegung zu kritisieren und diese bei Occupy Wall Street zu ignorieren.[21] Dabei wird auch auf deren einflussreiche Fürsprecher, so Nancy Pelosi und die Ökonomen Jeffrey Sachs und Joseph E. Stiglitz, verwiesen.

Siehe auch [Bearbeiten]

Film [Bearbeiten]

  • (Astro) Turf Wars (Australien 2010), Dokumentarfilm von Taki Oldham über Astroturfing-Kampagnen gegen Barack Obama

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Detlef Grell: Security-Firma entwirft Tools zur Meinungsmache mit Kunstfiguren. In: heise online. 20. Februar 2011
  2. Darlene Storm: Army of fake social media friends to promote propaganda. In: Computerworld. 22. Februar 2011
  3. a b c Kathrin Voss: Grassrootscampaigning und Chancen durch neue Medien. In: Das Parlament. Nr. 19, 10. Mai 2010.
  4. Velten Schäfer: Pflege des Kunstrasens: Die »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« wird im Sommer zehn Jahre alt. In: Neues Deutschland. 15. Juli 2010
  5. Claudia Peter: Bürgerinitiativen von der Industrie gesteuert? („Wattenrat“ – „Bundesverband Landschaftsschutz“ Nachtrag). In: BUND.net. 10. März 2010, abgerufen am 8. Oktober 2011.
  6. Anna Irmisch: Astroturf. Eine neue Lobbyingstrategie in Deutschland? VS Research, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-18179-0, S. 28 f.
  7. BVMed benutzt Patientenverbände. In: Stationäre Aufnahme. 27. Juni 2008, abgerufen am 8. Oktober 2011.
  8. Philip Banse: Lobbyismus gut getarnt. Wie Firmen verdeckt die öffentliche Meinung beeinflussen. In: Deutschlandfunk. 22. November 2008.
  9. Pressemitteilung. In: drpr-online.de. 26. Juli 2010 (PDF; 76 kB).
  10. Mehrdad Amirkhizi: Deutscher PR-Rat mahnt FDP ab. In: Horizont. 26. Juli 2010.
  11.  Markus Brauck: Die kritische Masse. In: Der Spiegel. Nr. 41, 2010, S. 188–190 (online).
  12. Andreas Bühler: Die gekaufte Bewegung? Stuttgart 21-Befürworter im Netz. In: andreas-buehler.eu. 13. September 2010. Vgl. John F. Nebel: Stuttgart 21: Mit PR-Agenturen gegen Demonstranten. In: Metronaut.de. 22. September 2010.
  13. Erneut verdeckte Meinungsmache – heute: Biosprit. In: lobbycontrol.de. 10. Juli 2009, abgerufen am 8. Oktober 2011
  14. Peter Nowak: Greenwashing für Biosprit aufgedeckt. In: Telepolis. 14. Juli 2009, abgerufen am 8. Oktober 2011.
  15. Mario Stäuble: Wie Gegner der Abzockerinitiative die Debatte manipulieren. In: Tages-Anzeiger. 29. Dezember 2012
  16. Michael Bristow: China’s internet „spin doctors“. In: BBC News. 16. Dezember 2008.
  17. Richard Silverstein: Hasbara spam alert. In: The Guardian. 9. Januar 2009
  18. Faksimile (PDF; 89 kB) des Memorandums auf der Website von Richard Silverstein
  19. Microsoft funded “grass roots” campaign. In: USA Today. 23. August 2001. Vgl. Thor Olavsrud: Microsoft Supported by Dead People. In: internetnews.com. 23. August 2001.
  20. Linus Neumann: Verdacht auf Microsoft-Astroturfing an deutschen Unis. In: Netzpolitik.org. 24. Januar 2011.
  21. L. Gordon Crovitz: Occupy AstroTurf. In: Wall Street Journal. 29. Januar 2012