Bundestagswahl 1990
Die Bundestagswahl 1990 fand am 2. Dezember 1990 statt. Die Wahl zum 12. Deutschen Bundestag stand ganz im Zeichen der am 3. Oktober 1990 erreichten deutschen Wiedervereinigung.
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Hintergrund [Bearbeiten]
Als Bundeskanzler hatte Helmut Kohl, zum vierten Male Spitzenkandidat der Union, maßgeblichen Anteil am Zustandekommen der staatlichen Einigung Deutschlands im vergangenen Jahr gehabt. Er konnte daher mit einem erheblichen Amtsbonus in die Wahlentscheidung gehen. Kohl wurde mit der schwarz-gelben Koalition bestätigt und berief im Januar 1991 das Kabinett Kohl IV.
Hauptstreitpunkt zwischen ihm und dem SPD-Kanzlerkandidaten, dem saarländischen Ministerpräsidenten und SPD-Vize Oskar Lafontaine, war die Frage der Finanzierung der Deutschen Einheit.
Während Kohl Steuererhöhungen ablehnte, nannte Lafontaine diese unausweichlich. Aus dem damaligen Wahlkampf stammt auch Kohls bekannt gewordene Aussage:[3]
„Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.“
Neben den Bürgern der ehemaligen DDR waren erstmals auch die West-Berliner wahlberechtigt. Die gesetzliche Mitgliederzahl des Bundestages wurde auf 656 Abgeordnete erhöht.
Die alten und die neuen Bundesländer (inkl. Berlins) bildeten jeweils ein Wahlgebiet. Um in den Bundestag einzuziehen, genügte es, in einem der beiden Wahlgebiete die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen. Infolge dieser Sonderregelung gelang der PDS der Einzug in den Bundestag, obwohl die Partei bundesweit die fünf Prozent deutlich verfehlte. Die Mandatsberechnung und -verteilung auf die Landeslisten erfolgte jedoch auf gesamtdeutscher Ebene, sodass eine PDS-Abgeordnete aus Nordrhein-Westfalen (Ulla Jelpke) in den Bundestag einzog.
Im Gegensatz dazu verfehlten die Grünen mit 4,8% im Wahlgebiet Westdeutschland den Einzug in den Bundestag. Zusammengezählt erreichten die westdeutschen Grünen und die ostdeutsche Listenvereinigung Bündnis 90/Grüne, bestehend aus den Bürgerbewegungen des Bündnis 90, der Grünen Partei in der DDR und weiteren Gruppierungen, ein gesamtdeutsches Ergebnis von 5,1%. Da beide Parteien jedoch getrennt antraten, wurden nur die Stimmen der ostdeutschen Bündnis 90/Grüne (6,2 % im Wahlgebiet Ost) für die Sitzverteilung gezählt. Die Grüne Partei in der DDR, die zwei der acht Bundestagsabgeordneten stellte, fusionierte am Tag nach der Bundestagswahl, dem 3. Dezember 1990, mit den westdeutschen Grünen.
Endergebnis [Bearbeiten]
Die Wahlbeteiligung betrug 77,8%.
Das Endergebnis lautete:[1]
| Partei | Zweitstimmen | Prozent | Sitze | Verschiebung1 | Verschiebung2 | Wahlkreise | Überhang- mandate |
Landeslisten |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) | 17.055.116 | 36,71 | 268 | +94 | +20 | 192 | 6 | nicht in Bayern |
| Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) | 15.545.366 | 33,46 | 239 | +53 | +13 | 91 | – | – |
| Freie Demokratische Partei (FDP) | 5.123.233 | 11,03 | 79 | +33 | +22 | 1 | – | – |
| Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU) | 3.302.980 | 7,11 | 51 | +2 | +2 | 43 | – | nur in Bayern |
| Die Grünen | 1.788.200 | 3,85 | – | −42 | −41 | – | – | nur in Westdeutschland |
| Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) | 1.129.578 | 2,43 | 17 | +17 | −7 | 1 | – | – |
| Die Republikaner | 987.269 | 2,13 | – | – | – | – | – | – |
| Bündnis 90/Grüne | 559.207 | 1,20 | 8 | +8 | +1 | – | – | nur in Ostdeutschland |
| Die Grauen – Graue Panther (GRAUE) | 385.910 | 0,83 | – | – | – | – | – | – |
| Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) | 205.206 | 0,44 | – | – | – | – | – | – |
| Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) | 145.776 | 0,31 | – | – | – | – | – | – |
| Deutsche Soziale Union (DSU) | 89.008 | 0,19 | – | – | −8 | – | – | nur in Ostdeutschland |
| Christliche Liga (Liga) | 39.640 | 0,09 | – | – | – | – | – | in 5 Ländern[4] |
| Christliche Mitte (CM) | 36.446 | 0,08 | – | – | – | – | – | in 7 Ländern[5] |
| Bayernpartei (BP) | 31.315 | 0,07 | – | – | – | – | – | nur in Bayern |
| Frauenpartei (Frauen) | 12.077 | 0,03 | – | – | – | – | – | nur in NRW |
| Patrioten für Deutschland (Patrioten) | 4.687 | 0,01 | – | – | – | – | – | in 6 Ländern[6] |
| Öko-Union | 4.661 | 0,01 | – | – | – | – | – | nur in Niedersachsen |
| Vereinigung der Arbeitskreise für Arbeitnehmerpolitik und Demokratie (VAA) | 4.530 | 0,01 | – | – | – | – | – | in 3 Ländern[7] |
| Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) | 1.630 | 0,00 | – | – | – | – | – | in 2 Ländern[8] |
| Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands (SpAD) | 1.610 | 0,00 | – | – | – | – | – | in 4 Ländern[9] |
| Bund der Deutschen Demokraten (DDD) | 1.009 | 0,00 | – | – | – | – | – | nur in Berlin |
| Bund Sozialistischer Arbeiter (BSA) | 826 | 0,00 | – | – | – | – | – | in 2 Ländern[8] |
| Mündige Bürger | 492 | 0,00 | – | – | – | – | – | nur in Brandenburg |
| gültige Zweitstimmen | 46.455.772 | 100,00 | 662 | +165 | +2 | 328 | 6 | – |
1 Die erste Verschiebungsangabe bezieht sich auf die Wahlergebnisse der vorhergehenden Bundestagswahl von 1987.
2 Die zweite Angabe bezieht die Mandatverschiebung auf die Zusammensetzung des elften Bundestages zum Ende der Legislaturperiode. Die Unterschiede zwischen den beiden Angaben haben drei Ursachen: Erstens waren im Laufe der elften Bundestagsperiode drei Politiker der Grünen aus der Partei ausgetreten. Zweitens waren die 22 Berliner Bundestagsabgeordneten seit dem 8. Juni 1990 stimmberechtigt. Drittens war der Bundestag ab dem 3. Oktober 1990 um 144 Abgeordnete erweitert worden, die zuvor von der Volkskammer der DDR gewählt worden waren.
Regionale Unterschiede [Bearbeiten]
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Konsequenz [Bearbeiten]
Die Union erlitt insgesamt leichte Verluste, blieb aber stärkste Fraktion. Aufgrund des guten Ergebnisses der FDP behielt die schwarz-gelbe Koalition ihre Mehrheit.
Die SPD musste zum dritten Mal in Folge ebenfalls Verluste hinnehmen.
Die FDP errang erstmals seit 1961 ein Direktmandat (Uwe Lühr im Wahlkreis Halle-Altstadt). Dies war vor allem den Wahlkampfauftritten des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher, der aus Halle stammt, zuzuschreiben.
Die Grünen verfehlten im Westen die Fünf-Prozent-Hürde und waren in der darauffolgenden Legislaturperiode nur durch acht Abgeordnete des Ost-Wahlbündnisses Bündnis 90/Grüne vertreten. West-Grüne und Ost-Wahlbündnis kamen bundesweit zusammen auf 5,1%.
Die PDS zog erstmals durch direkte Wahl in den Bundestag ein und gewann in Berlin ein Direktmandat. Dem Bundestag hatten bereits seit der Wiedervereinigung 24 PDS-Abgeordnete angehört. Diese waren jedoch von der letzten Volkskammer der DDR gewählt worden.
Am 17. Januar 1991 wurde Helmut Kohl vom Bundestag als Bundeskanzler wiedergewählt. Nach weiteren drei Wochen beschloss die Bundesregierung, die Steuern zwecks Finanzierung der deutschen Einheit deutlich zu erhöhen.
Siehe auch [Bearbeiten]
- Liste der Bundestagswahlkreise 1990
- Liste der Mitglieder des Deutschen Bundestages (12. Wahlperiode)
Literatur [Bearbeiten]
- Max Kaase, Wolfgang G. Gibowski: Deutschland im Übergang. Parteien und Wähler vor der Bundestagswahl 1990, in: APuZ 37-38/1990, S. 14–26.
- Max Kaase (Hg.): Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlaß der Bundestagswahl 1990, Westdeutscher Verlag, Opladen 1994, ISBN 3-531-12452-8. (Schriften des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin, 72)
Weblinks [Bearbeiten]
- Ergebnisse der Wahl zum 12. Deutschen Bundestag am 2. Dezember 1990 beim Statistischen Bundesamt
- "Jetzt geht es erst richtig los" (Der Spiegel 49/1990 vom 3. Dezember 1990, S. 6–16)
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ a b Wahl zum 12. Deutschen Bundestag am 2. Dezember 1990, Der Bundeswahlleiter
- ↑ Wahl zum 11. Deutschen Bundestag am 25. Januar 1987, Der Bundeswahlleiter
- ↑ Helmut Kohl: Fernsehansprache von Bundeskanzler Kohl anlässlich des Inkrafttretens der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, 1. Juli 1990. In: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Nr. 86, 3. Juli 1990, S. 741f. (helmut-kohl.de, abgerufen am 13. November 2008).
- ↑ Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Bayern, Baden-Württemberg
- ↑ Hamburg, Niedersachsen, NRW, Rheinland-Pfalz, Bayern, Baden-Württemberg, Saarland
- ↑ Berlin, NRW, Sachsen, Thüringen, Bayern, Baden-Württemberg
- ↑ Berlin, NRW, Sachsen
- ↑ a b Berlin, Sachsen
- ↑ Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Berlin, Sachsen