Die Känguru-Chroniken

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Die Känguru-Chroniken sind eine Textsammlung des deutschen Autors, Liedermachers, Kleinkünstlers und Kabarettisten Marc-Uwe Kling. Sie entstand in den Jahren vor 2009, zuerst wöchentlich gesendet im Podcast Neues vom Känguru beim Berliner Radio Fritz und wurde danach in Buchform 2009 im Berliner Ullstein-Verlag und als Hörbuchversion veröffentlicht. 2011 folgte der zweite Band der Känguru-Chroniken unter dem Titel Das Känguru-Manifest. Ein dritter Band mit dem Titel Die Känguru-Offenbarung erschien im März 2014.

Inhalt[Bearbeiten]

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Das Buch beginnt damit, dass eines Tages ein Känguru vor der Wohnungstür des Erzählers steht und sich als neuer Nachbar vorstellt, um sich ein paar Eier auszuborgen, da es Eierkuchen machen möchte. Der Autor ist verblüfft über die Begegnung mit einem sprechenden Tier, reagiert aber schnell wie üblich und der Situation angemessen und borgt ihm die Eier. Kurz darauf klingelt das Känguru erneut, weil ihm noch Salz, Milch und Mehl fehlen, Öl und eine Pfanne ebenfalls und um dann erneut vor der Tür zu stehen und resigniert zu sagen: „Kein Herd!“

Der Autor bittet das Känguru in seine Küche, und kurze Zeit später zieht das Känguru, mehr den Autor überrumpelnd als ihn nach seiner Zustimmung fragend, in das noch freie Zimmer in der Wohnung des Autors ein, und die beiden bilden eine Wohngemeinschaft.

Da das Känguru keiner geregelten Arbeit nachgeht und auf die Frage danach lediglich antwortet: „Ich bin Kommunist! Was dagegen?“, kommt der Autor für den Lebensunterhalt des Kängurus auf. Die Gespräche und Erlebnisse der beiden, die in kurzen, in sich abgeschlossenen, jedoch immer wieder aneinander anknüpfenden und aufeinander aufbauenden Kapiteln mit viel wörtlicher Rede erzählt werden, bilden die Chroniken. So zieht der Autor beispielsweise einmal ein Buch aus einer Stoppersocke. In einem vorangegangenen Kapitel wird erwähnt, dass die Bücher nicht mehr vom schiefen Regalbrett rutschen, weil sie nun in Stoppersocken stecken. Solche verbindenden Elemente, in denen vergangene Pointen, ähnlich einem Running Gag, wieder zitiert werden, und die die Kenntnis des bisherigen Geschehens zum Verständnis nötig haben, tauchen immer wieder auf.

Ort der Handlung ist Berlin. Gelegentlich wird der Ortsteil Kreuzberg und Orte wie die U-Bahn-Station Kottbusser Tor als Handlungsorte erwähnt.

In den einzelnen Kapiteln entsteht wie in einem Mosaik ein Bild dieser ungewöhnlichen Wohngemeinschaft, die sich – allerdings nur in Bezug auf Streitereien, Eifersuchtsattacken und Freizeitgestaltung – zu einer fast „eheähnlichen“ Beziehung entwickelt. Die Gesprächsthemen der beiden reichen von der Medien- und Sprachkritik bis zu Problemen von Staat und Kapitalismus, Glaubensfragen, von der zeitgenössischen Protestkultur zu Karl Marx, Bert Brecht, RAF und Vietcong, d. h. es geht um „Gott und die Welt“.

Der Erzähler[Bearbeiten]

Protagonist der Chroniken ist der Kleinkünstler, Sänger und Dichter Marc-Uwe Kling.

Kling ist ein gebildeter, kritischer und reflektierter junger Intellektueller und Künstler, ein typischer Vertreter der Berliner Kleinkunstszene. Geboren und aufgewachsen im Westen Deutschlands, lebt er bis zum Einzug des Kängurus allein in seiner Wohnung. Andere Freunde werden nicht erwähnt, und erst gemeinsam mit dem Känguru lernt er andere Menschen in Berlin kennen, was die Interpretation nahelegt, dass er nicht allzu lange Zeit vor der Begegnung mit dem Känguru erst aus seiner Heimat nach Berlin gezogen ist. Gelegentliche Geldsorgen gehören ebenso zu seinem Alltag wie unverhoffte Auftrittsmöglichkeiten oder Preise für seine Kunst. Mit seiner Band oder alleine geht er immer wieder auf Tour und berichtet dem Känguru nach seiner Rückkehr, er liest ihm seine Gedichte vor und erzählt ihm von seinen Gedanken, Plänen und Ideen, wobei sich das Känguru als schonungsloser und ehrlicher Kritiker erweist. Dabei kommt es gelegentlich zu Streitgesprächen und Diskussionen, in denen sich die beiden aber ebenbürtig sind. Das Känguru, da es dazu neigt, rücksichtslos auch unfaire und boshafte Mittel einzusetzen, gewinnt zwar häufiger, stellt sich damit aber eben gelegentlich auch selbst ein Bein.

Das Känguru[Bearbeiten]

Das Känguru hat nach eigener Aussage im Vietnamkrieg auf Seiten des Vietcong gekämpft und kam nach dem Ende des Krieges mit seiner Mutter als Gastarbeiter in die DDR. Gegenüber Marc-Uwe gibt es an, hauptberuflich Kommunist zu sein, meldet sich jedoch im Verlaufe der Geschichte arbeitslos. Es ist ein schonungsloser Kritiker des Kapitalismus, sein Ziel ist es, „die Weltherrschaft an sich zu reißen“, und es gründet die „Jüdisch-Bolschewistische Weltverschwörung e.V.“ Doch all diese Bestrebungen scheitern logischerweise an der Bedeutungslosigkeit des Kängurus im Weltgeschehen und an seiner Faulheit.

Das Känguru liebt Schnapspralinen, Eierkuchen mit Hackfleisch und Schnitzelbrötchen, es ist belesen und argumentiert radikal und konsequent, benimmt sich aber gleichzeitig oft kindisch, trotzig und bockig, es klaut bei jeder Gelegenheit Aschenbecher und ist gelegentlich boshaft und hinterhältig. In brenzligen Situationen steht es seinem Mitbewohner allerdings selbstlos bei. In seinem Beutel trägt es stets eine Unmenge an Sachen. Oft muss es lange suchen, bis es findet, was es gerade braucht und zieht dann Bücher, Bolzenschneider, Zeitungen, geklaute Aschenbecher und vieles mehr heraus. Häufiger kommen die im Beutel getragenen roten Boxhandschuhe zum Einsatz, welche zumeist zielsicher gefunden werden.

Es arbeitet an seinem unveröffentlichten Hauptwerk, das, so das Känguru, die beiden menschlichen Haupttriebkräfte im Titel trägt: „Opportunismus und Repression“. Gelegentlich zitiert es kürzere Passagen daraus.

Das Känguru liebt Nirvana und Filme mit Terence Hill und Bud Spencer, insbesondere letzterem.

Das Känguru als fiktive Figur – auch wenn vom Autor in Interviews immer wieder dessen Existenz beteuert wird – fungiert als Alter Ego des Autors, als ein nicht an die üblichen Normen gebundenes Wesen, das deshalb aussprechen und tun kann, was dem Autor im realen Leben normalerweise verwehrt wäre und nutzt damit ein in der Literatur bekanntes und häufig angewandtes Stilmittel. Dem Känguru ist es möglich, Beamte zu beleidigen oder kleine Hunde aus dem Weg zu kicken und dabei noch wie selbstverständlich über deren jeweilige Flugeigenschaften zu fachsimpeln. Es kann Jörn Dwigs, dem Gründer einer fiktiven rechtspopulistischen Partei, auf einem Stehempfang ans Bein pinkeln, weil es gerade beschlossen hat, Redewendungen wörtlich zu nehmen. Aus diesen Freiheiten des Kängurus entsteht die Komik der Chroniken. Zudem kann das Känguru auch nicht konventionsgemäße Wahrheiten aussprechen, in etwa wie das Kind im Märchen Des Kaisers neue Kleider. Dabei ist das Känguru ein oft geradezu kindischer und kindsköpfischer Charakter, gerissen und manchmal boshaft, letztlich aber doch zur Versöhnung mit dem Autor bereit, am liebsten allerdings, wenn der dabei verliert. Das Känguru weist Charakterzüge auf, die sowohl als typisch weiblich als auch männlich gedeutet werden können. Das Geschlecht des Kängurus ist daher nicht eindeutig definierbar. Diesbezüglich kann auch trotz des Faktes, dass lediglich weibliche Kängurus einen dauerhaft angelegten Beutel haben – was einen eindeutigen Schluss zuließe –, durch den fiktiven Charakter des Kängurus keine eindeutige Zuweisung des Geschlechtes erfolgen.

Der Pinguin[Bearbeiten]

Der Pinguin zieht Mitte des ersten Teils in der Wohnung gegenüber von Marc-Uwe und dem Känguru ein und werden kurz darauf vom Känguru zum Antagonisten erklärt. Der Pinguin arbeitet als Vertreter. Ab dem zweiten Teil versuchen Känguru und Pinguin, sich gegenseitig u.a. durch Lärm zu terrorisieren.

Friedrich Willhelm und Otto von[Bearbeiten]

Friedrich Willhelm und Otto von sind zwei türkisch-stämmige Brüder, deren Eltern es laut Friedrich Willhelm "ein wenig übertrieben [haben] mit dem Integrationswillen." Sie sind Teil des vom Känguru gegründeten "Asozialen Netzwerkes" und in diesem neben dem Känguru und dem Erzähler die Schlüsselfiguren. Friedrich Willhelm kommt weitaus häufiger vor; über ihn erfährt man, dass er Medizinstudent ist und im Zeitraum zwischen 2. und 3. Teil der Reihe eine Freundin gefunden und mit dieser einen Sohn (Bartholomäus) hat. Sein Name führt im Kreise der Freunde häufig zu Diskussionen über das Königshaus der Hohenzollern. Otto von kommt hauptsächlich im 2. Band vor. Er betreibt einen kleinen Laden namens "Snacks and the City", welcher am Anfang noch dem Verkauf von Dönern und Obst dient, dann aber, einer Geschäftsidee Ottos zufolge, nur noch Billigbier verkauft. Im Laufe des Buches expandiert dieser und entwickelt sich zur Ladenkette.

Axel Krapotke[Bearbeiten]

Krapotke ist ein etwas dümmlicher junger Bundeswehrsoldat, der erstmals im zweiten Teil auftritt und sich später dem "Asozialen Netzwerk" anschließt. Er wird häufig vom Rest der Gruppe ausgeschlossen und bringt das Känguru nicht selten zu spektakulären Wutausbrüchen, etwa weil ihm die Regeln für Maumau zu kompliziert sind. Am Schluss des dritten Bandes wird er aus der Bundeswehr entlassen, da er zum wiederholten Male mit seinem Panzer in Kampfflugzeuge gefahren ist, ein von ihm "Kraputtke" genannter Antiterroranschlag im Auftrag des Assozialen Netzwerkes.

Herta[Bearbeiten]

Herta ist die Besitzerin der Stammkneipe von Kling und dem Känguru. Sie ist offenbar ehemalige Bürgerin von Ostberlin, da sie etwa Westdeutsche bei der Aufstellung ihrer Kneipentoiletten benachteiligt, zudem hat sie einen starken Berliner Dialekt. Nachdem sie ihre Eckkneipe im zweiten Band schließen muss, da sich ein Anwohner über Lärmbelästigungen beschwert, eröffnet sie bei sich zuhause eine illegale Szenekneipe, die hauptsächlich von Mitgliedern des Assozialen Netzwerkes, dem sie auch angehört, und von spanischen Touristen besucht wird. Ihr Lebensmotto lautet: "Es jibt sone und solche, un´ denn jibt´s noch janz andre, aber det sind die Schlimmsten."

Form und Sprache[Bearbeiten]

Das Buch enthält 83 Kurzgeschichten, alle (bis auf eine, welche sich genau dieses Themas annimmt) im Präsens erzählt, die zwischen einer und sechs Seiten lang sind. Einige Kapitel enden mit Textpassagen aus „Opportunismus und Repression“, einem sozialwissenschaftlichen Grundlagenwerk des Kängurus. Es dominiert der Dialog zwischen dem Känguru und dem Chronisten. Die Zwiegespräche in alltäglicher Umgangssprache sind durchsetzt mit Dialektausdrücken, Fremdwörtern, fremdsprachlichen Einsprengseln und Redensarten sowie Fußnoten des Verfassers oder des Kängurus. Einigen Episoden sind – wie in der Literatur zuweilen üblich – Zitate vorangestellt. Diese beziehen ihre Komik aus der Absurdität ihrer Zuordnung; so zum Beispiel von Marx/Engels: "Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten." – Heidi Klum [1] oder von Kant: "Handle stets nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." – Silvio Berlusconi [2].

Gattung[Bearbeiten]

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Die Känguru-Chroniken sind keine Chronik, sondern ein satirischer und komischer, politischer und kritischer Episodenroman. Das Buch ist reich an Anspielungen und Intertextualität, an Wortspielereien, Pointen und Running Gags. Ein Hauptstilmittel sind collagenartige und an Comics erinnernde kurze Geschichten und Episoden.

Die Anspielungen auf den Vietcong, die DDR, die Geschichte der kommunistischen Ideologie und ihrer unterschiedlichsten Strömungen, auf Politik und Zeitgeschichte setzen einerseits ein hohes Maß an historischem und Allgemeinwissen voraus, können andererseits wegen ihres Humors auch ohne das Verständnis jedes Details problemlos konsumiert werden.

Die einzelnen Texte weisen Merkmale einer Kurzgeschichte auf: ein geradliniger, episodenhafter Handlungsverlauf, eine begrenzte Figurenzahl mit starker Typisierungstendenz, ein zielstrebiger Anfang und ein prägnanter, als Pointe konstruierter Schluss, eine stilistisch verknappte und suggestive Sprache sowie inhaltlich eine Hinwendung zum Außergewöhnlichen und Exemplarischen. Allerdings ist im Unterschied zur typischen Kurzgeschichte jede Erzählsituation durch die nahezu ständige Präsenz beider Protagonisten ausgeprägt multi-, genauer: bi-perspektivisch angelegt. Das Gesamtwerk hat Poetry-Slam-Charakter, aufgrund der Witzelemente und der Vortragskompatibilität. Ein Fabelcharakter entsteht durch die Tier-Protagonisten mit menschlichen Eigenschaften und die kritisch-erzieherische Grundhaltung, wodurch auch eine Wirkung als Satire erreicht wird.

Rezeption[Bearbeiten]

Im Falle der „Känguru-Chroniken“ gibt es von Seiten der Presse ausschließlich positive Resonanz: Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet das Buch als „der neue Überflieger der deutschen Kabarettszene“, die Frankfurter Allgemeine Zeitung bewertet die Kolumnen als „wortgewaltig, amüsant und temporeich“, der Radiosender Deutschlandradio Kultur mit „Kling schreibt feinsinnig überspitzt und radikal direkt.“[3]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Die Känguru Chroniken: Ansichten eines vorlauten Beuteltiers. Ullstein, Berlin 2009, ISBN 978-3-548-37257-0.
  •  Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken. Hörbuch Hamburg, Downtown, Hamburg 2009, ISBN 978-3-86909-017-7 (2 CDs).
  •  Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken. Live und ungekürzt. Hörbuch Hamburg, Downtown, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86909-108-2 (4 CDs; 291 min).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Marc-Uwe Kling: Das Känguru-Manifest. Ullstein-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-548-37383-6, S. 169.
  2. Marc-Uwe Kling: Das Känguru-Manifest. Ullstein-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-548-37383-6, S. 163.
  3. weltbild.de
  4. Seite des Ullsteinverlags
  5. Deutscher Hörbuchpreis 2013 in der Kategorie »Das besondere Hörbuch / Beste Unterhaltung«, deutscher-hoerbuchpreis.de