Europäer

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Europäer sind die Bewohner Europas. Da Europa im Osten nach Asien hin keine eindeutige geographische oder geologische Grenze hat, ist die Abgrenzung der Europäer von den Asiaten eine Frage gesellschaftlicher Übereinkunft.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Erstmals schrieb von Europäern ein anonymer spanischer Autor in der Mozarabischen Chronik von 754. Mit dem lateinischen Neologismus Europenses fasste dieser Chronist die Franken, Langobarden, Sachsen und Friesen zusammen, die im Jahr 732 unter dem Kommando von Karl Martell in der Schlacht von Tours und Poitiers eine Operation der islamischen Expansion der Araber (Sarazenen) unter ihrem Heerführer Abd ar-Rachman gestoppt hatten.[1]

Naturwissenschaftlich klassifizierte Carl von Linné die in Europa lebenden Menschen ab 1735 in seinem Werk Systema Naturae zunächst als „Homo europaeus albese“, das heißt als geografische Varietät der Gattung Homo. Zugleich stellte er dem Europäer gemäß ihrer Hautfarbe drei weitere Varietäten zur Seite: „Homo americanus rubese“ (Amerikaner), „Homo asiaticus fuscus“ (Asiat) und „Homo africanus nigr“. Ab der 10. Auflage seines Werkes (1758, Seite 20) wurden diese Varietäten unter der Bezeichnung Homo sapiens zusammengefasst, ferner wurden sie zusätzlich unterschieden anhand von Temperament und Körperhaltung, nunmehr genannt „Homo europaeus albus“, „Homo americanus rufus“ (Amerikaner), „Homo asiaticus luridus“ (Asiat) und „Homo africanus niger“ (Afrikaner).[2]

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird vom Europäertum gesprochen, einer Haltung, einem Wesen des Europäers. Insofern werden auch Menschen, die in anderen Erdteilen wohnen, aber familiär oder kulturell in einem europäischen Land verankert sind, als Europäer bezeichnet. Europäer nannten sich in der Zeit der Apartheid Südafrikas etwa auch die Nachfahren der Buren gegenüber den Schwarzen, „Farbigen“ und „Indern“, während sie sich untereinander und gegenüber weißen Europäern als Afrikaaner (Afrikaners) bezeichneten.[3]

Im 20. Jahrhundert entwickelte sich der Europagedanke, die Idee des Zusammenschlusses der europäischen Nationen und Völker. In den letzten Jahrzehnten werden in diesem Zusammenhang auch Personen, die sich für die europäische Einigung einsetzen, Mitglied der Europäischen Bewegung sind bzw. eine starke europäische Identität zum Ausdruck bringen, als („überzeugte“) Europäer bezeichnet.[4]

Paläoanthropologische und genetische Befunde[Bearbeiten]

Hauptartikel: Ausbreitung des Menschen

Schon bevor der anatomisch moderne Mensch in Europa heimisch wurde, besiedelten enge Verwandte des Homo sapiens Europa: die Neandertaler, die Denisova-Menschen und der als ihr Vorfahre geltende Homo heidelbergensis.

Als älteste paläoanthropologische Belege für die Anwesenheit des Homo sapiens in Europa gelten Steingeräte aus Willendorf, Österreich. Sie wurden auf ein Alter von 43.500 Jahren cal BP datiert.[5] Etwas jünger sind die ältesten Knochenfunde des Homo sapiens aus Europa, beispielsweise aus einer Höhle in Rumänien (Peștera cu Oase).[6] Der Unterkiefer Oase 1 ergab ein radiometrisches Alter von rund 36.000 bis 34.000 BP (kalibriert etwa 40.500 Kalenderjahre),[7][8] der Schädel Oase 2 hat ebenfalls ein Alter von etwa 35.000 BP.[9] Diese Menschen beschafften sich ihre Lebensmittel als Jäger und Sammler und werden – in der europäischen Forschungstradition – als Cro-Magnon-Menschen bezeichnet. Seit den 1980er Jahren gilt als gesichert, dass sie, wie alle heute lebenden Populationen des Homo sapiens, letztlich von afrikanischen Vorfahren abstammen (→ Out-of-Africa-Theorie).

Wesentlich erweitert wurden die Methoden zur Rekonstruktion der Siedlungsgeschichte Europas durch das Humangenomprojekt, das 1990 mit dem Ziel gegründet worden war, das Genom des Menschen vollständig zu entschlüsseln. Nachdem die Abfolge der Basenpaare der heutigen menschlichen DNA im Jahr 2003 publiziert war, eröffnete sich die Möglichkeit, die DNA von Fossilien (→ aDNA) mit der DNA heute lebender Menschen zu vergleichen.[10]

Praktisch alle Europäer weisen demnach genetische Spuren einer Population aus Zentralasien auf, was im Zusammenhang mit archäologischen Funden dahingehend interpretiert wird, dass die erste Besiedelung Europas durch anatomisch moderne Menschen nicht direkt aus dem Süden, sondern aus dem Osten erfolgte. Die Herkunft der frühen Europäer aus Zentralasien erklärt auch die relativ enge genetische Nähe zu den Ureinwohnern Amerikas, die über eine Landbrücke (Beringia) von Asien her nach Nordamerika gelangten.[11]

Ebenfalls bereits aufgrund von archäologischen Funden war bekannt, dass sich vor rund 11.000 Jahren im Nahen Osten eine auf Landwirtschaft stützende, sesshafte Lebensweise entwickelt und sich vor rund 7500 Jahren auch in Europa – aus der heute als Anatolien bekannten Region kommend – verbreitet hatte. Ungeklärt war jedoch geblieben, ob die in Europa lebenden Menschen die neue Lebensweise übernommen hatten oder ob es Zuwanderer waren, die diese sesshafte Lebensweise mitbrachten und sich in Europa neu ansiedelten.[12] Erst genetische Analysen erbrachten starke Hinweise darauf, dass die auf Landwirtschaft beruhende Lebensweise von Zuwanderern nach Europa gebracht wurde, denn vom Genom der ursprünglich in Europa lebenden Jäger und Sammler finden sich im Genom der heute lebenden Europäer allenfalls sehr geringe Anteile, während Erbmerkmale der Zuwanderer vorherrschend sind.[13][14] Die bis dahin in Europa lebenden Populationen starben demnach aus, ohne sich mit den Zuwanderern in größerem Maße vermischt zu haben. Weiter verfeinerte DNA-Analysen erbrachten 2014 Hinweise auf eine dritte archaische Population, deren Gene in das Genom der heute in Europa lebenden Menschen eingingen.[15]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Borgolte: Vor dem Ende der Nationalgeschichten? In: Rolf Ballof (Hrsg.): Geschichte des Mittelalters für unsere Zeit. Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2003, ISBN 3-515-08224-7, S. 34, Fußnote 32 mit Hinweis auf Peter Burke: Did Europe Exist Before 1700? In: History of European Ideas I (1980), S. 21–29
  2. Veronika Lipphardt, Kiran Klaus Patel: Auf der Suche nach dem Europäer. Wissenschaftliche Konstruktionen des ‚Homo Europaeus‘. In: Themenportal Europäische Geschichte. Essay, 2007, abgerufen im Portal europa.clio-online.de am 28. September 2014.
  3. Christoph Marx: „Europeans only“. Europa als Leitbild, Vorbild und Zerrbild in Südafrika, 1948 bis 2008. In: UNIKATE, Heft 34/2009, Universität Duisburg-Essen, Wissenschaftsverlag SSC, ISBN 978-3-934359-34-5, S. 118
  4. Knaur: Das deutsche Wörterbuch, 1985, Lexigraphisches Institut München, Seite 347
  5. Philip R. Nigst et al.: Early modern human settlement of Europe north of the Alps occurred 43,500 years ago in a cold steppe-type environment. In: PNAS. Online-Vorabveröffentlichung vom 22. September 2014, doi:10.1073/pnas.1412201111
  6. Erik Trinkaus: European early modern humans and the fate of the Neandertals. In: PNAS. Band 104, 2007, S. 7367–7372, doi:10.1073/pnas.0702214104
  7. Erik Trinkaus et al.: Early modern human cranial remains from the Peștera cu Oase, Romania. In: Journal of Human Evolution. Band 45, 2003, S. 255–259, doi:10.1016/j.jhevol.2003.08.003
  8. Erik Trinkaus et al.: An early modern human from Peștera cu Oase, Romania. In: PNAS. Band 100, Nr. 20, 2003, S.11231–11236, doi:10.1073/pnas.2035108100
  9. Hélène Rougier et al.: Peștera cu Oase 2 and the cranial morphology of early modern Europeans. In: PNAS. Band 104, Nr. 4, 2007, S. 1165–1170, doi:10.1073/pnas.0610538104
  10. Nick J. Patterson et al.: Ancient Admixture in Human History. In: Genetics. Band 192, Nr. 3, 2012, S. 1065–1093, doi:10.1534/genetics.112.145037
  11. Maanasa Raghavan et al.: Upper Palaeolithic Siberian genome reveals dual ancestry of Native Americans. In: Nature. Band 505, Nr. , 2014, S. 87–91, doi:10.1038/nature12736
  12. Wolfgang Haak et al.: Ancient DNA from European Early Neolithic Farmers Reveals Their Near Eastern Affinities. In: PLoS Biology. Band 8, Nr. 11, 2010: e1000536, doi:10.1371/journal.pbio.1000536
  13. Barbara Bramanti et al.: Genetic Discontinuity Between Local Hunter-Gatherers and Central Europe’s First Farmers. In: Science. Band 326, Nr. 5949, 2009, S. 137-140, doi:10.1126/science.1176869
  14. Pontus Skoglund et al.: Origins and Genetic Legacy of Neolithic Farmers and Hunter-Gatherers in Europe. In: Science. Band 336, Nr. 6080, 2013, S. 466–469, doi:10.1126/science.1216304
  15. Iosif Lazaridis et al.: Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. In: Nature. Band 513, Nr. 7518, 2014, S. 409–413, doi:10.1038/nature13673