Evo Morales

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Evo Morales 2006

Juan Evo Morales Ayma (* 26. Oktober 1959 in Isallawi im Cantón Orinoca im Departamento Oruro, Bolivien) ist seit dem 22. Januar 2006 Präsident Boliviens. Er ist Führer der sozialistischen bolivianischen Partei Movimiento al Socialismo (MAS) und der Bewegung für die Rechte der Coca-Bauern.

Evo Morales gewann mit 54 Prozent der Stimmen die vorgezogenen Präsidentschaftswahlen am 18. Dezember 2005. Er wurde damit als erster Indígena Staatsoberhaupt von Bolivien und errang den deutlichsten Wahlsieg seit Ende der letzten Militärregierung 1982. Bei der Präsidentenwahl vom Dezember 2009 übertraf er mit einer Zustimmung von 64 Prozent der Bürger das Ergebnis von 2005. 2014 wurde Morales abermals mit großer Mehrheit von 61 Prozent wiedergewählt.[1]

Morales’ Markenzeichen sind sein Pullover (Chompa) und eine gerne lässig darübergeworfene traditionelle Lederjacke (Chamarra), die er zur Betonung seiner indigenen Wurzeln auch bei seiner Weltreise zu Staatsoberhäuptern anlässlich seiner Einführung als Präsident trug.

Im Oktober 2009 wurde Morales von der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum „World Hero of Mother Earth“ ernannt.[2]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten]

Morales verbrachte seine Jugend im Departamento Oruro im Altiplano in schwerster Armut. Vier seiner Brüder starben in jungen Jahren. Er entstammt einer Aymara-Familie aus dem kleinen Dorf Orinoca auf dem bolivianischen Altiplano. Oft gab es für ihn und seine Geschwister nur dreimal täglich Maissuppe zum Essen. Während der Schulzeit arbeitete Morales in einer Bäckerei und verkaufte Süßigkeiten in der Schule, die er selbst nur bis zur sechsten Klasse besuchte. Am Wochenende spielte er zusätzlich in einer Band, um seinen Unterhalt zu verdienen. Als der Frost wieder einmal die gesamte Ernte zerstört hatte, beschloss sein Vater, in die Yungas zu gehen. Doch da das Land für seine Familie unerschwinglich war, blieb sie ab dem Jahre 1978 in Chapare, dem bolivianischen Zentrum des Cocaanbaues. Nachdem Morales seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, ging er zurück in den Chapare.

Politische Karriere[Bearbeiten]

Morales übernahm mit der Zeit immer mehr Verantwortung im Sindicato, wo das Leben in den Dorfgemeinschaften organisiert wurde. Dort wurde Geld gesammelt, Steuern sozusagen, um Schulen zu bauen, Wege und Gesundheitsstationen. Der junge Evo wurde schließlich zum Dirigente (Leiter) seines Sindicato gewählt, später auch zum Dirigente der nächsthöheren Einheit, des Central.

Morales war seit 1993 Parlamentsabgeordneter, zuerst für die Izquierda Unida.[3] In den neunziger Jahren gründete er mit Freunden das IPSP (Politisches Instrument für die Souveränität der Völker). Nachdem das Wahlgericht mehrmals eine Aufstellung der Partei bei den Wahlen verhindert hatte, übernahmen sie mit MAS (Movimento al Socialismo) den Namen einer Partei, die kurz vor der Auflösung stand. Dank dieser List konnte die Partei an den Wahlen teilnehmen und ins Parlament einziehen. Morales konnte den Wahlkreis Chapare mit über 60 Prozent der Stimmen für sich entscheiden und als Direktkandidat wieder ins Parlament einziehen.[3]

Wahlen 2002[Bearbeiten]

Im Januar 2002 wurde Morales seines Sitzes im Kongress enthoben, angeblich wegen einer Anklage auf Terrorismus im Zusammenhang mit Unruhen in Sacaba gegen die vollständige Vernichtung der Cocapflanzen, hierbei waren vier Cocabauern, drei Soldaten und ein Polizeioffizier getötet worden.

Morales kündigte dennoch seine Kandidatur für die folgenden Präsidentschafts- und Kongresswahlen am 27. Juni 2002 an. Im März 2002 wurde der Ausschluss von Morales aus dem Kongress als verfassungswidrig erklärt, doch beanspruchte er seinen Kongresssitz nicht, bevor der neue Kongress am 4. August vereidigt war. Seine Partei hatte einen mageren Anteil von vier Prozent bei den allgemeinen Wahlen, aber benutzte ihre knappen Ressourcen, um einen phantasievollen Wahlkampf zu führen, der eine große Anziehungskraft ausübte. Seine Partei brach mit den traditionellen Wahlkampfmitteln, bei denen zahlreiche T-Shirts, Baseball-Kappen, Kalender und weiteres politisches „Konfetti“ verteilt werden. In einem kontroversen Fernsehspot trat ein indigenes bolivianisches Mädchen auf, das die Massen belehrte, dem Gewissen und nicht den Befehlen ihrer „Bosse“ folgend zu wählen. Die MAS erhielt eine kleine staatliche Wahlkampfkostenerstattung von weniger als 200.000 US-Dollar, die jede politische Partei erhielt.

Die Ressentiments gegen die US-Präsenz im Allgemeinen und gegen den US-Botschafter in Bolivien Manuel Rocha im Besonderen nutzend, ließ die MAS ein Plakat in den bolivianischen Städten mit einem enormen Foto von Morales in der Mitte zirkulieren mit den Großbuchstaben: „Bolivianer: Ihr entscheidet. Wer regiert? Rocha oder die Stimme des Volkes.“ Das Plakat hatte einen großen Einfluss – es mussten Hunderttausende mehr als geplant gedruckt werden.

Alle Kandidaten von Boliviens herrschenden neoliberalen Parteien lehnten es ab, mit Morales als dem Kandidaten einer Minderheitspartei überhaupt zu diskutieren. Im Juni erklärte Morales den Medien, dass er ebenso wenig an einer öffentlichen Diskussion mit ihnen interessiert sei: „Der Einzige, mit dem ich diskutieren möchte, ist Botschafter Rocha – ich ziehe es vor, mit dem Eigentümer des Zirkus zu sprechen statt mit den Clowns.“

Wenige Tage vor der Wahl in einer Rede in Anwesenheit des scheidenden bolivianischen Präsidenten Jorge Quiroga warnte Rocha die bolivianischen Wähler, dass, falls sie Morales wählen sollten, die USA ihre Entwicklungshilfe streichen und ihre Märkte für Bolivien schließen würden. Zweifellos wählten die Indígenas, speziell die in den indigenen Departamentos des Altiplano, die Partei Morales' in Massen, die ihnen einen Anteil von 20,94 Prozent der Stimmen, nur wenige Punkte hinter der siegenden Partei verschafften. Später schrieb Morales den Sieg seiner MAS dem US-amerikanischen Botschafter zu: „Jede Bemerkung, die Rocha gegen uns machte, half uns, stärker zu werden und ließ das Bewusstsein des Volkes erwachen.“

Wegen seiner Weigerung zu einem Kompromiss (was von einigen als Uneinsichtigkeit angesehen wurde) wurden Morales und sein MAS aus der Koalition derer ausgeschlossen, die letztlich bestimmten, wer Präsident wurde: Gonzalo Sánchez de Lozada. Die von Morales geführte MAS trat deshalb als starke Oppositionspartei in den Kongress ein. Selbst ihre glühendsten Anhänger mussten zugeben, dass dies das denkbar beste Ergebnis war. Viele waren der Ansicht, dass Morales und seine Partei noch nicht reif genug seien, um ein modernes kapitalistisches Land zu regieren. Morales wurde kritisiert, weil er kein klares Programm habe; es sei klar, wogegen er ist, aber noch unklar, worin seine Alternativen bestehen. Morales legte wenig Wert auf die damalige Form der Regierung auf Basis einer parlamentarischen Demokratie, die er für gefährdet hielt, von innen korrumpiert und von außen manipuliert zu werden. Aus seiner Sicht benötigten Boliviens improvisierende Kleinbauern vor allem Autonomie, Chancengleichheit und Zugang zu Land und Boden.

Kontroverse um Gas-Förderabgaben (2003 bis 2005)[Bearbeiten]

Als der bolivianische Gewerkschaftsverband COB einen unbefristeten Generalstreik am 29. September 2003 als Antwort auf den Tod von sieben Demonstranten ausrief, die durch die Streitkräfte während der Auseinandersetzungen um das bolivianische Erdgas ausbrachen, entschieden Morales und die MAS, teilzunehmen und auf die Erlangung der Macht bei den Regionalwahlen 2004 zu setzen.

Ebenso wie Venezuela verfügt Bolivien über reiche Erdgasvorkommen. Gleichwohl gilt Bolivien zugleich als das Armenhaus des Subkontinents – ein Zustand, den viele der Ausbeutung ihrer Bodenschätze durch ausländische Konzerne zuschreiben: Die Privatisierung der Erdgasförderung wurde in den 1990er Jahren von Weltbank und IWF unter Führung der USA zur Bedingung für Entwicklungshilfe und Kreditzusagen gemacht.

Da die erdgasfördernde Industrie im Wesentlichen auf bereits ausgebildete ausländische Gastarbeiter setzt, verbleibt gegenwärtig als einzige bedeutende Einkommensquelle der Indígenas, die rund 70 Prozent der Bevölkerung stellen, der Anbau von Coca. Da dieses traditionelle Produkt der bolivianischen Landwirtschaft jedoch auch zu Kokain weiterverarbeitet werden kann, wird Coca unter US-amerikanischem Druck immer stärker reglementiert und sein Handel eingeschränkt. Im Ergebnis fühlen sich Landwirte kriminalisiert und weite Teile des Volkes ihrer Entwicklungschancen beraubt.

Die Konsequenz ist ein weit verbreiteter Anti-US-Amerikanismus, der im vergangenen Jahrzehnt in zunehmendem Maße seinen Niederschlag auch im politischen System findet.

Die MAS forderte Förderabgaben in Höhe von 50 Prozent für Öl- und Gaskonzerne, um der verarmten Landbevölkerung eine Teilhabe am Rohstoffreichtum Boliviens zu ermöglichen. „Welchen Sinn hat ein Geschäft für unser Land, wenn Repsol-Bolivien mit Repsol-Argentinien verhandelt? Es hat keinen Sinn“, so Morales zur argentinischen Zeitung Página 12. Die in Bolivien tätigen internationalen Gasunternehmen der britischen BG Group, die französische Total, die spanisch-argentinische Repsol YPF und die brasilianische Petrobrás drohten mit Abwanderung und Schadensersatzklagen.

Rücktritt Mesas und vorgezogene Wahl 2005[Bearbeiten]

Aufgrund des Drucks der MAS-Anhänger, die mit Straßenblockaden und Demonstrationen gegen den amtierenden Präsidenten Carlos Mesa protestierten, kündigte dieser am 6. März 2005 seinen Rücktritt an.

Mesas Rücktritt wurde vom Kongress am 9. März 2005 einstimmig abgelehnt. In der gleichen Sitzung stimmte eine Parlamentsmehrheit für einen Sozialpakt, der unter anderem zusätzlich zu den 32 Prozent Steuern Förderabgaben in Höhe von rund 18 Prozent vorsieht. Morales’ MAS stimmte im Parlament gegen den Pakt; die Anhänger von Morales gingen weiter mit Blockaden gegen Mesa vor. Daraufhin erklärte Mesa am 7. Juni 2005 erneut seinen Rücktritt, erklärte die Suche nach einem Konsens in der durch die Blockaden aufgeheizten politischen Atmosphäre für nicht möglich und forderte Neuwahlen. Morales’ Partei forderte hingegen die Ernennung des nach der Verfassung an dritter Stelle nachfolgenden Präsidenten des Obersten Gerichts zum Präsidenten der Republik.

Nachdem der Präsident des Obersten Gerichts Eduardo Rodríguez Übergangspräsident geworden war, setzte er den Wahltermin auf den 18. Dezember 2005 fest. Schon im ersten Wahlgang errang Evo Morales die absolute Mehrheit der Stimmen (54 Prozent). Bei seiner Vereidigung am 22. Januar 2006, der indigene religiöse Zeremonien vorausgegangen waren, rief er dazu auf, „500 Jahre Diskriminierung zu beenden“. Zum Vizepräsidenten ernannte Morales Álvaro García Linera.

Amtszeit[Bearbeiten]

Erste Jahre[Bearbeiten]

Morales in einer Chompa gekleidet, die er nach seiner Wahl auch bei offiziellen Anlässen trägt.

Anfang Mai 2006 leitete Morales in Erfüllung eines Wahlversprechens die Verstaatlichung des Erdöl- und Erdgassektors in Bolivien ein. Er erließ ein Dekret, das die ausländischen Gesellschaften verpflichtet, ihre gesamte Produktionskette innerhalb von sechs Monaten der staatlichen Ölgesellschaft zu unterstellen. Weitere Verstaatlichungen sind angekündigt. Nach eigenen Aussagen betrachtet Evo Morales Fidel Castro als „Symbol für den Wandel zu einem neuen Südamerika“.

Die Amtszeit des Präsidenten in Bolivien beträgt fünf Jahre und kann nicht direkt im Anschluss verlängert werden. In einem Interview mit der Zeitschrift „Politique Internationale“ deutete Morales im Frühjahr 2006 allerdings an, eine Verfassungsänderung zu erwägen.

Im Juli 2006 begann Morales mit den Vorbereitungen für eine Verfassungsreform. Diese strebte eine Verstaatlichung der Bodenschätze, der Eisenbahn und der Industrie, eine Reform des damals liberal geprägten Wirtschaftssystems, eine Landreform und die Schaffung eines laizistischen Staats durch Abschaffung der Staatsreligion an.

Autonomie-Kontroverse und Referendum 2008[Bearbeiten]

Ein zentraler Diskussionspunkt war die Frage nach der zukünftigen Staatsform: während in den vier östlichen Departamentos des „Media Luna“ (Beni, Pando, Santa Cruz und Tarija) die Bevölkerung die Einführung einer föderalen Staatsstruktur mit regionaler Autonomie verlangt, lehnten die Einwohner in den fünf westlichen Departamentos im Hochland (Chuquisaca, Cochabamba, Oruro, La Paz und Potosí) Autonomiebestrebungen ab.

Nachdem sich im Verlauf des Jahres 2008 die Departamentos des „Media Luna“ in Volksabstimmungen für eine Autonomie nach spanischem Vorbild ausgesprochen hatten, erklärte sich Evo Morales im Mai zu einem Referendum über seine Amtsführung bereit. Am 10. August 2008 wurde Boliviens Präsident bei dieser Volksabstimmung in seinem Amt klar bestätigt. Über 67 Prozent der Wahlberechtigten – und damit bedeutend mehr Menschen als bei der Wahl 2005 – stimmten für Morales und seinen Vizepräsidenten Álvaro García Linera. In einer Rede nach dem Votum kündigte Morales an, seine Verstaatlichungspolitik fortsetzen zu wollen.[4]

Die Verfassungsreform wurde durch den Konflikt verzögert. Nachdem in Verhandlungen seitens der Regierung mehrere Zugeständnisse in Richtung Opposition beim Verfassungsentwurf gemacht wurden, nahm die bolivianische Bevölkerung die Verfassung schließlich im Januar 2009 an.

Wiederwahl 2009[Bearbeiten]

Bei den Präsidentschaftswahlen am 6. Dezember 2009 vereinigte Evo Morales 64 Prozent der Wählerstimmen auf sich; die Wahlbeteiligung lag bei 94 Prozent. Die Polarisierung des Landes, die sich sowohl beim Abberufungsreferendum im August 2008 als auch beim Referendum über die Annahme der neuen Verfassung im Januar 2009 noch sehr deutlich gezeigt hatte, war diesmal weniger stark ausgeprägt. Nur im Departamento Santa Cruz und im Departamento Beni lag Morales' Herausforderer Manfred Reyes Villa deutlich vor Evo Morales, im Departamento Tarija stellte Morales' MAS mit 51 % der Stimmen die Mehrheit. Bei den gleichzeitig angesetzten Parlamentswahlen gewann die MAS 88 von 130 Sitzen im Abgeordnetenhaus und 26 von 36 Sitzen im Senat und verfügt somit in beiden Kammern des Parlamentes über eine Zweidrittelmehrheit.[5]

Politische Standpunkte[Bearbeiten]

Allgemeines[Bearbeiten]

Morales gilt als kapitalismuskritisch und bezeichnete den Neoliberalismus als eine Erfindung von IWF und Weltbank, die dem einfachen Volk nur das nackte Überleben sichert. Der Staat unterstütze Individualismus, Konsumismus und Abhängigkeit, lasse aber die Bauern im Stich, wenn zum Beispiel eine Ernte durch Unwetter vernichtet wird. Kritisch äußert er sich auch zur Praxis der Kokapolitik. Beim Thema Klimawandel sieht er die Industriestaaten – auch finanziell – in der Pflicht.[6] Kinderarbeit sieht er als Teil der nationalen Kultur Boliviens. Sie trage dazu bei, dass sich bei den Kindern ein soziales Bewusstsein entwickelt.[7] Im Juli 2014 wurde in Bolivien ein Gesetz verabschiedet, das Arbeit von Kindern ab 10 Jahren erlaubt.[8]

Äußerungen zum Nahostkonflikt[Bearbeiten]

Evo Morales verkündete am 14. Januar 2009 den Abbruch der diplomatischen Beziehungen seines Landes zu Israel wegen des israelischen Krieges gegen die Zivilbevölkerung von Gaza. Er sagte, er werde eine Klage gegen Israel vor dem internationalen Strafgerichtshof unterstützen, und forderte, dass dem israelischen Präsidenten Shimon Peres der Friedensnobelpreis aberkannt werden solle.[9] Außerdem kritisierte er den „Unsicherheitsrat“ der Vereinten Nationen für seine zurückhaltende Reaktion auf die Krise.[10]

Zur erzwungenen Landung in Wien am 2. Juli 2013[Bearbeiten]

Im Zusammenhang mit der Enthüllung geheimdienstlicher Überwachungsprojekte der USA durch den Whistleblower Edward Snowden wurde die Präsidentenmaschine Morales' in der Nacht vom 2. zum 3. Juli 2013 auf dem Flughafen Wien wegen drohenden Treibstoffmangels zur Landung gezwungen, nachdem die Länder Frankreich, Italien, Spanien und Portugal den Überflug der Maschine, aus Moskau kommend auf dem Flug nach Südamerika, verboten hatten, wobei die Republik Frankreich das Verbot kurzfristig, kurz vor Erreichen ihres Territoriums, ausgesprochen hatte. Der spanische Botschafter in Wien, Alberto Carnero, versuchte sodann vergeblich, sich eine Einladung zum „Kaffeetrinken“ an Bord der stehenden Maschine zu verschaffen. Morales hat den Vorgang nach seiner Landung in La Paz dargestellt:

[Das ist ein] „Anschlag auf eine regierungsoffizielle Delegation […], eines der außergewöhnlichsten Vorkommnisse in der Geschichte des internationalen Rechts. […] [Carnero sagte], wenn wir auf den Kanaren zwischenlanden wollten, müsse das Präsidentenflugzeug allerdings zuvor durchsucht werden. Ich fragte nach dem Grund. Der Botschafter erwähnte den Namen Snowden. […] Ich wiederholte: […] ‚Sie glauben, der Präsident Evo ist ein Lügner. Der Präsident lügt nicht‘. […] Carnero: ‚Erst müssen wir mit unseren Freunden sprechen.‘ Welche Freunde Spaniens mochten das wohl sein? Ich fragte den Botschafter, er antwortete nicht. Die Vereinigten Staaten haben auf eine für die moderne Demokratie und zivilisierte Gesellschaften unvorstellbare Weise gehandelt. Sie haben alle Grundsätze des gegenseitigen Vertrauens und der internationalen Abkommen gebrochen und einen Teil des europäischen Kontinents behandelt wie ihre Kolonien... Das ist eine schwere Verletzung der Menschenrechte, der größten Errungenschaften der Französischen Revolution. [Das ist] […] ein Zeichen ihres [sc. der USA] Niedergangs. […] [Der Vorgang] zeigt, dass der Rassismus gegenüber den Indios, den Völkern und deren demokratischen und revolutionären Entwicklungen, bei einigen Regierungen Europas noch immer ungebrochen wirksam ist: in ihren Augen sind wir ein Hindernis für die Zivilisation. [… Der Rassismus kaschiert eine Entscheidung], die in den Eingeweiden Washingtons getroffen wurde. Diese [sc. europäischen] Regierungen empfinden nicht einmal mehr Scham darüber, dass sie kolonisiert sind und ihren Kolonisator auch noch zu decken haben. […] Das feindliche Vorgehen gegen uns, das viele als Staatsterrorismus bewerten, macht souveräne Regierungen ohnmächtig. […] Es ist eine Ohrfeige für die Menschheit, wie auch ein neuer Schlag gegen die globale Sicherheit. […] Europa […] wirkt heute wie ein Gespenst auf dem Rückzug, [… es] droht im Neo-Obskurantismus zu versinken. Als indigene Völker [… sind wir] in der Lage, brüderlich mit den mutigen Völkern dieser Welt und Europas dafür zu kämpfen, dem imperialistischen Kolonialismus ein Ende zu machen und die verlorene Würde wieder zu erlangen.“[11]

Morales kritisierte daraufhin die USA und bot Edward Snowden Asyl an. Er sagte, sein Land brauche die USA nicht, und drohte damit, die US-amerikanische Botschaft zu schließen.

Religion[Bearbeiten]

2013 versuchte Morales mit der „Iglesia Católica Apostólica Renovada del Estado Plurinacional“ („Erneuerte Katholisch-Apostolische Kirche des plurinationalen Staates“) eine Nationalkirche zu etablieren. Die römisch-katholische Kirche erkennt diese nicht an.[12]

Morales bezeichnete die katholische Kirche als „Feind des Friedens“.[13]

Rezeption[Bearbeiten]

Die Zeit attestierte dem maoistischen Morales eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik: Seit dessen Amtsantritt seien durch Steuererhöhungen und Verstaatlichungen die Staatseinnahmen um 460 Prozent gewachsen, woraus die bolivianische Regierung diverse sozialpolitische Maßnahmen finanziert habe. Auch habe sich die Umverteilungspolitik positiv auf den Konsum ausgewirkt.[13]

Kritik an der Agrarpolitik[Bearbeiten]

Sven Schaller kritisierte 2009 in einem Beitrag für das Lateinamerika-Onlinemagazin Quetzal, die Agrarreform vom 3. Juni 2006 habe das Problem der starken Konzentration des Grundbesitzes nicht entschärfen können. Die Regierung Morales habe sich allein auf die Neuregelung des Eigentumsrechts konzentriert und lediglich unproduktive Latifundien enteignet, weswegen keine radikale Umgestaltung der Besitzstruktur erreicht worden sei.[14]

Kritik an der Zusammensetzung der Regierung[Bearbeiten]

Morales ist zwar der erste indigene Präsident in der Geschichte Boliviens, nach Ansicht indigener Kritiker wie Felipe Quispe kann von einer indigen geprägten Regierung jedoch nicht die Rede sein. „Die wenigen Indios, die in der Regierung waren, wie der ehemalige Bildungsminister Félix Patzi oder der Wasserminister Abel Mamani, wurden ausgewechselt. Der einzige Indio im Regierungspalast ist der Außenminister David Choquehuanca.“[15]

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Im Frühjahr 2007 beantragten die Bürger der Kleinsiedlung "Montevideo" am Río Abuná im Departamento Pando, dass ihre Siedlung in Puerto Evo Morales umbenannt werden solle. Puerto Evo Morales hat inzwischen 721 Einwohner[16].

Im November 2007 erhielt Evo Morales von der Universidad Autónoma de Santo Domingo einen Ehrendoktor in Anerkennung seiner Laufbahn als Kämpfer für soziale Verbesserung.[17]

Am 19. September 2011 erhielt Evo Morales die Ehrendoktorwürde der Universität von Havanna im Fachgebiet Politikwissenschaft für seine Verdienste um eine Neubegründung dieser Wissenschaftsdisziplin. In der Ernennungsurkunde werden dabei besonders seine Anstrengungen gewürdigt, die Völker des Südens „zu Protagonisten ihrer eigenen Entwicklung“ zu machen.[18]

Film[Bearbeiten]

Im Dokumentarfilm South of the Border von Oliver Stone aus dem Jahr 2009 wird Evo Morales neben anderen Staatsoberhäuptern Lateinamerikas interviewt.

Cocalero ist der Titel von Evo Morales' Selbstdarstellungs-Biographie zur Präsidentschaftswahl. Direktor des 2007 erschienenen Films war Alejandro Landes. Er wurde in spanischer Sprache gedreht, englische Untertitel sind verfügbar.

Fußballkarriere[Bearbeiten]

Im Mai 2014 unterschrieb Morales bei einem Verein in Warnes, in der Liga de Fútbol Profesional Boliviano für Sport Boys Warnes. Morales wird für den Verein als Mittelfeldspieler oder als Stürmer auflaufen.[19] Bereits 2009 lief er für einige Monate in der bolivianischen Zweiten Liga für Correo del Orinoco CF auf.[20]

Literatur[Bearbeiten]

  • Erich Riedler: Bolivien unter Evo Morales – Neuanfang oder Altes in neuer Verpackung? Baden-Baden 2011. ISBN 978-3-8329-6930-1.
  • Judith Grümmer, Max Steiner (Hrsg.): Mosaico Boliviano – Bolivien in Reportagen, Interviews und Momentaufnahmen. Sucre/Köln 2011. ISBN 978-3-00-033447-4. Mit einer aktuellen Einschätzung der gesellschaftspolitischen Lage Boliviens u.v.m.
  • Robert Lessmann: Das neue Bolivien. Evo Morales und seine demokratische Revolution. Zürich 2010. ISBN 978-3-85869-403-4.
  • Ulrich Goedeking: Die Macht politischer Diskurse: Indigene Bewegung, lokale Proteste und die Politik indigener Führungspersönlichkeiten in Bolivien; in: INDIANA 17/18 (2000/2001), 83 – 104 online (PDF; 228 kB)
  • Muruchi Poma: Evo Morales. Die Biografie. Militzke Verlag, März 2007
  • Katharina Müller: Hohe Erwartungen an Evo Morales. Eine Reportage aus Bolivien drei Monate nach der Wahl. In: analyse & kritik Nr. 504, 17. März 2006
  • Johannes Winter: Bolivien – Armut schweißt zusammen. Ansätze für ein interkulturelles Zusammenleben jenseits aller Fragmentierung. In: eins – Entwicklungspolitik Information Nord-Süd, H. 11–12 (Juni) / 2006, S. 42–45.
  • Johannes Winter, Andre Schamansky: Sind die Andenstaaten unregierbar? Ursachen der politischen Krise in Bolivien, Ekuador und Peru. In: Zeitschrift Entwicklungspolitik Nr. 14, Jg. 2005, Seite 30–34.
  • Rafael Sevilla, Ariel Benavides: Bolivien – das verkannte Land? Horlemann, Bad Honnef 2001.
  • Simón Ramírez Voltaire: Pauke und Trompete. Ein ungleiches Paar hat alten Strukturen in Bolivien den Kampf angesagt. In: blätter des informationszentrum 3.Welt (iz3w), Nr. 292/2006.
  •  Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. Bertelsmann, München 2009 (Originaltitel: La Haine de l'Occident, übersetzt von Hainer Kober), ISBN 3-570-01132-1.

Rundfunkberichte[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Evo Morales – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikinews: Kategorie:Evo Morales – in den Nachrichten

Nachweise[Bearbeiten]

  1. [1]
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatMorales Named “World Hero of Mother Earth” by UN General Assembly. In: Latin American Herald Tribune. Abgerufen am 20. Dezember 2009 (englisch).
  3. a b Goedeking 2000: 91
  4. Josef Oehrlein: Referendum in Bolivien: Präsident Morales im Amt bestätigt; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. August 2008
  5. Fulminanter Wahlsieg für Evo Morales Konrad-Adenauer-Stiftung, Auslandsbüro Bolivien, 7. Dezember (aufgerufen am 7. November 2009)
  6. Evo Morales: Klimawandel: Vom Prinzip der Solidarität., WOZ vom 18. Dezember 2008.
  7. Knut Henkel: Arbeitskampf ist kein Kindergeburtstag, Jungle World vom 26. Juni 2014
  8. Bolivien: Kinderarbeit ab zehn Jahren erlaubt, APA in Der Standard vom 4. Juli 2014
  9. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMaxim Graubner: Auch Bolivien bricht Beziehungen zu Israel ab. In: Portal Amerika21. 15. Januar 2009, abgerufen am 15. Januar 2009.
  10. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatBolivia cuts Israel ties over Gaza. In: Al Jazeera. 15. Januar 2009, abgerufen am 15. Januar 2009 (englisch).
  11. Evo Morales Ayma: Brief aus der Luft. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Le Monde diplomatique, August 2013, S. 2
  12. Bolivia: Iglesia Católica desconoce a Iglesia oficialista creada por Evo Morales; Chimbotenlinea.com, 13. August 2013.
  13. a b http://www.zeit.de/2014/43/index#Linker Triumph, S. 27
  14. http://www.quetzal-leipzig.de/lateinamerika/bolivien/das-drama-auf-dem-lande-warum-die-agrarreform-das-armutsproblem-bisher-nicht-loeste.html; Hervorhebung im Original, abgerufen am 30. Mai 2009
  15. http://www.lateinamerika-nachrichten.de/?/print/2826.html abgerufen am 30. Mai 2009
  16. INE – Instituto Nacional de Estadística Bolivia 2012
  17. Dominican university honors Bolivian president
  18. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatSteffen Niese: Universität Havanna ehrt Evo Morales. In: amerika21. 24. September 2011, abgerufen am 25. September 2011.
  19. Die Welt: Boliviens Präsident Evo Morales wird Fußballprofi vom 20. Mai 2014
  20. Evo Morales quiere "estatizar" la Federación Boliviana de Fútbol
Vorgänger Amt Nachfolger
Eduardo Rodríguez Präsident von Bolivien
seit 2006