Geisterschiff

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Dieser Artikel behandelt auf See verlassen aufgefundene Schiffe. Zum Sagenstoff des Gespensterschiffes siehe Fliegender Holländer (Sage). Zum Schiff, das die Toten ins Jenseits bringt siehe Totenschiff.
Die Mary Celeste 1861, als sie noch Amazon hieß

Als Geisterschiffe werden Schiffe bezeichnet, die verlassen auf See aufgefunden wurden oder, eigentlich schon verloren geglaubt, unter mysteriösen Umständen wieder auftauchen oder gesichtet werden. Ein ähnlicher Fall ist mit einem Luftschiff überliefert.

Vorfälle[Bearbeiten]

In der Antike und im Mittelalter gab es häufiger Geisterschiffe, weil die ganze Besatzung während der Fahrt oftmals an Krankheiten wie der Pest oder an Skorbut gestorben war. Da die Toten von den Lebenden in der Regel über Bord geworfen wurden, waren bei einer Sichtung meist nur wenige Leichen zu finden, welche auch nicht unbedingt offen sichtbar auf dem Deck liegen mussten.

Eines der berühmtesten Geisterschiffe ist die Mary Celeste, die 1872 ohne Besatzung treibend zwischen den Azoren und Portugal gefunden wurde. Ein Geisterschiff des 20. Jahrhunderts ist der Fünfmastgaffelschoner Carroll A. Deering. Auf der Rückreise von Rio de Janeiro nach Newport News wurde der Schoner unter vollen Segeln am 31. Januar 1921 auf den Diamantuntiefen am Kap Hatteras gestrandet aufgefunden. Kein Mitglied der 11-köpfigen Besatzung war an Bord oder wurde später gefunden, alle Rettungsboote waren verschwunden, ebenso die Navigationsgeräte. Lediglich die Schiffskatze war noch an Bord, als die US-Küstenwache das Schiff betrat. Trotz intensiver Suchoperationen und Untersuchungen von mehreren US-Bundesbehörden konnte nie mit Sicherheit geklärt werden, was an Bord geschehen war. Die Besatzung blieb spurlos verschwunden; das Wrack selbst lag auf Grund, bis es im März 1921 durch Sprengungen weitgehend zerstört wurde, da man es als eine Gefahr für die Schifffahrt ansah.

Die vom Packeis eingeschlossene Baychimo (um 1931).

Ein weiteres bekanntes Geisterschiff war die Baychimo. Der mit 1.322 BRT vermessene Frachtdampfer versorgte unter anderem abgelegene Siedlungen in den kanadischen Nordwest-Territorien und in Alaska und wurde im Oktober 1931 im Packeis eingeschlossen, worauf die Besatzung das Schiff aufgab. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten, zuletzt (angeblich) im Jahr 1969, wurde das treibende Schiff, das vermutlich zeitweilig vom Packeis wieder freigegeben worden war, immer wieder gesichtet. Eine Suchoperation im Jahr 2006 erbrachte jedoch kein Ergebnis.

Ein aufgeklärter Fall eines Geisterschiffs ist der deutsche Zweimastschoner Seeschwalbe, der am 23. Oktober 1921 im Sturm vor Memel nachweislich sank und dessen Besatzung gerettet wurde. Eine Woche später strandete das Wrack an der Kurischen Nehrung. Eine Untersuchung des Wracks ergab, dass durch den harten Aufprall auf dem Meeresboden der altersschwache Holzrumpf aufbrach und der Steinballast herausfiel. Danach schwamm das Wrack aufgrund seiner Holzladung wieder auf und legte innerhalb einer Woche rund 100 km zurück.[1]

Ende Oktober 1974 wurde das mit Zucker beladene norwegische Küstenmotorschiff Gullstryk gestrandet auf dem Bill-Riff von Juist vorgefunden. Die Positionslampen brannten, es befand sich keine Besatzung an Bord. Nach Angaben von Norddeich Radio war der Frachter eine Woche zuvor vor der holländischen Küste in Seenot geraten und die sechsköpfige Besatzung von einem anderen norwegischen Schiff aufgenommen worden:

„Als ‚zumindest ungewöhnlich‘ bezeichneten Fachleute auf Anfrage die Tatsache, daß der Havarist ohne Besatzung mehrere Tage in einer der meistbefahrenen Schiffahrtsstraßen der Welt von der holländischen Küste bis nach Juist treiben konnte, ohne daß die zuständigen Behörden davon verständigt wurden. Die Emdener Wasserschutzpolizei hatte erst nach Beginn der Bergungsarbeiten am Freitag von dem Vorgang erfahren.“

Nordwest-Zeitung vom 4. November 1974, S. 4

Heutzutage können plötzlich verschwundene und unerwartet wiedergefundene „Geisterschiffe“ Fälle von Versicherungsbetrug oder moderner Piraterie sein.[2] So verschwand das unter panamaischer Flagge fahrende Schiff Tenyu in der Nacht zum 27. September 1998 in der Straße von Malakka mit einer Ladung von Aluminium im Wert von zwei Millionen Euro. Nach dreimonatiger Fahndung wurde es schließlich im chinesischen Hafen Zhang Jiagang aufgespürt, allerdings völlig unkenntlich umgebaut, neu gestrichen und mit einem neuen Namen versehen. Es hieß jetzt Sanei 1, ein Name, der von einem tatsächlich existierenden japanischen Schiff übernommen worden war und worauf sogar legale Papiere in Honduras ausgestellt worden waren.[3] An Bord befanden sich sechzehn neue indonesische Seeleute, und obwohl später drei von ihnen als Teilnehmer einer Gang von Piraten identifiziert wurden, die 1995 das Schiff Anna Sierra gekapert hatten, wurden die Besatzungsmitglieder nicht verurteilt. Die ursprüngliche Besatzung der Tenyu gilt als tot.

Im Januar 2003 wurde der in Malaysia registrierte Fischtrawler High Aim 6 ohne Besatzung vor der Küste des australischen Bundesstaates Western Australia treibend aufgefunden. Der letzte Funkkontakt zwischen Kapitän und Eigner (beide aus Taiwan) hatte relativ kurze Zeit zuvor in den 6.500 km entfernten Marshall-Inseln bestanden. Bald darauf war das Schiff als vermisst gemeldet worden. Auf dem Schiff fand sich neben ausreichenden Vorräten an Lebensmitteln und Treibstoff eine Ladung von mehreren Tonnen verrottenden Fischs. Von der größtenteils indonesischen Mannschaft zeugten nur die sieben Zahnbürsten, die man in den Unterkünften fand. Es gab keine Anzeichen für einen Kampf oder Diebstahl von Ladung.[4] Ein weiterer bekannter Fall vor Australien ereignete sich drei Jahre später. Im März 2006 wurde vor der Küste des australischen Bundesstaates Queensland der treibende Tanker Jian Seng aufgefunden. Der Heimathafen des 80 m langen Schiffes war nicht mehr festzustellen, weil sowohl Name als auch Heimathafen am Heck übermalt worden waren. Indessen wurde herausgefunden, dass das Schiff schon über einen längeren Zeitraum verlassen gewesen sein musste. Da niemand Ansprüche auf den Tanker erhob und kein Eigner festzustellen war, wurde die Jian Seng im April 2006 schließlich versenkt. Ebenfalls vor der Küste von Queensland fand die australische Küstenwache im April 2007 den 12 m langen Katamaran Kaz II auf. Von den drei Besatzungsangehörigen fehlte jede Spur, obgleich an Bord die Computer eingeschaltet waren und auch die Maschine lief. Der Vorfall konnte nicht abschließend geklärt werden[5].

Auch im Mittelmeer gab es in jüngster Zeit einen Vorfall dieser Art. So wurde im August 2006 vor der Küste Sardiniens der treibende historisierende Segelschiffnachbau Bel Amica von der italienischen Küstenwache aufgefunden. Der 20 m lange Zweimaster war vollständig von seiner Besatzung verlassen worden. Der Name Bel Amica gilt als nicht gesichert, jedoch wurde das Schiff anhand einer an Bord aufgefundenen Plakette, auf welcher diese Bezeichnung stand, so genannt,[6] jedoch fand sich in keinem Schiffsregister ein Eintrag über einen Schoner dieses Namens, auch Eigner und Heimathafen konnten nicht eruiert werden. Der Vorfall bzw. wie viele Menschen sich an Bord befunden hatten und was diese zum Verlassen des Schiffes bewogen hatte, konnte nicht abschließend geklärt werden.

Am 24. März 2012 wurde von kanadischen Seeaufklärern das japanische Geisterschiff Ryōun Maru entdeckt, das seit dem Tsunami vom 11. März 2011 als vermisst galt. Das Fischereischiff, das in einem schlechten Zustand, aber weiterhin schwimmfähig war, war über ein Jahr über den Pazifik getrieben. Am 5. April 2012 wurde es von der US-Küstenwache versenkt, um Gefahren für die Schifffahrt oder ein Aufgrundlaufen zu verhindern.

Anfang 2013 wurde das in den 1970er Jahren gebaute, ehemals sowjetische Passagierschiff Lyubov Orlova im Schlepp auf dem Weg zu einer Abwrackwerft in der Dominikanischen Republik führerlos, nachdem die Schleppverbindung gerissen war. Seitdem treibt das Schiff als Geisterschiff auf dem Nordatlantik umher.[7]

Luftfahrt[Bearbeiten]

Auch bei Luftschiffen gab es bereits einen „Geisterschiff-Zwischenfall“. Das US-Marine-Luftschiff L-8 „Ranger“ landete am 16. August 1942 mit erschlaffter Hülle, den Motoren im Leerlauf, einer intakten Kabine und ohne jede Spur von der Besatzung auf einer Straße in Dale/Kalifornien. Der Verbleib der zweiköpfigen Mannschaft, die eine Patrouille vor San Francisco durchführen sollte, konnte nie aufgeklärt werden. Das Luftschiff wurde repariert und wieder in Dienst gestellt.

Medien[Bearbeiten]

Geisterschiffe sind auch ein beliebtes Thema in Filmen, Literatur und musikalischen Werken. Dabei sind sie oftmals ein beliebtes Objekt in Verbindung mit Piraten. Manche Geschichten um Geisterschiffe beziehen sich auf das „berüchtigte“ Bermudadreieck, in dem angeblich mehr Schiffe auf ungeklärte Weise verloren gegangen sein sollen als sonst irgendwo auf der Welt. Nach Feststellungen der Versicherungsagentur Lloyd’s in London vom 4. April 1975 entbehren diese Ansichten aber jeder Grundlage.[8]

Geisterschiffe in musikalischen Werken[Bearbeiten]

Geisterschiffe in Filmen[Bearbeiten]

Geisterschiffe in Fernsehverfilmungen[Bearbeiten]

Illustration zu Wilhelm Hauffs Märchen Die Geschichte von dem Gespensterschiff
  • Kobra, übernehmen Sie“ (alternativ: „Unmöglicher Auftrag“; engl. OT: „Mission: Impossible“), Folge 132: „Das Geisterschiff“
  • die „King George“ in „Sea Quest“, Staffel 1, Folge 9: „Knight Of Shadows“
  • MacGyver Staffel 3 Episode 4 „Das Geisterschiff“
  • Supernatural Staffel 3 Episode 6 „Morgenröte“
  • NCIS Staffel 5 Episode 6 „Das Geisterschiff (Chimera)“
  • Kommando Stingray, Episode 8: "Das Geisterschiff"

Geisterschiffe in der Belletristik[Bearbeiten]

Geisterschiffe im Hörbuch[Bearbeiten]

  • Rainer Gülk (Hrsg.): Das Geisterschiff. Unheimliche Geschichten. Der Hörverlag, München 2004, ISBN 3-89940-469-6 (1 CD)

Literatur[Bearbeiten]

  • Hellmut Hintermeyer: Rätselhafte See. Untergänge, Aberglaube, Phänomene, Legenden. Verlag Pietsch, Stuttgart 2003, ISBN 3-613-50409-X.
  • Eigel Wiese: Das Geisterschiff. Die wahre Geschichte der Mary Celeste. Europa-Verlag, Hamburg 2001, ISBN 3-203-75103-8.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Geisterschiffe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: The Rime of the Ancient Mariner – Quellen und Volltexte (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klaus Reuter: Taifune, Driften, Geisterschiffe. Hoch Verlag, Düsseldorf 1977, ISBN 3-7779-0212-8.
  2. Tale of a Modern Pirate Gang (englisch).
  3. Piraterie in asiatischen Gewässern, die tageszeitung, 16. Juni 2000.
  4. Ghost ship mystery deepens, CNN World, 14. Januar 2003.
  5. http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/6574547.stm
  6. http://www.scotsman.com/news/international/mysterious-yacht-found-empty-off-millionaire-s-playground-1-1132480
  7. http://www.spiegel.de/panorama/kanada-ehemaliges-kreuzfahrtschiff-duempelt-voller-ratten-im-atlantik-a-882106.html
  8. skygaze.com
  9. IMDb
  10. IMDb
  11. IMDb
  12. IMDb
  13. IMDb
  14. IMDb
  15. IMDb
  16. Magdalena Petit in der spanischsprachigen Wikipedia