Metamizol

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Strukturformel
Metamizol.svg
Allgemeines
Freiname Metamizol
Andere Namen
  • Novaminsulfon
  • Dipyron
  • Methampyron[1]
  • Natrium;[(1,5-dimethyl-3-oxo-2-phenylpyrazol-4-yl)-methylamino]methansulfonat
Summenformel C13H16N3NaO4S
CAS-Nummer
  • 68-89-3 (Natriumsalz)
  • 50567-35-6
  • 5907-38-0 (Metamizolnatrium-Monohydrat)
PubChem 522325
ATC-Code

N02BB02

DrugBank DB04817
Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Nichtopioid-Analgetikum

Wirkmechanismus

Unbekannt

Eigenschaften
Molare Masse 333.338609 g·mol−1
Schmelzpunkt

131–132 °C (Zersetzung)[2]
224,5–227 °C (Natriumsalz)[3]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [4]

Metamizolnatrium-Monohydrat

08 – Gesundheitsgefährdend

Achtung

H- und P-Sätze H: 361
P: 281 [4]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [5][6]
keine Gefahrensymbole
Metamizolnatrium-Monohydrat
R- und S-Sätze R: 52/53
S: 22​‐​36/37​‐​60
Toxikologische Daten

4351 mg·kg−1 (LD50Ratteoral)[6]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

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Metamizol, dessen Name sich aus Methyl, Amino und Pyrazol herleitet, ist ein Pyrazolon-Derivat und Schmerzmittel aus der Gruppe der nichtsauren Nichtopioid-Analgetika. Im Organismus entsteht durch Abspaltung der Sulfonat- sowie der zugehörigen Methylengruppe der eigentliche Wirkstoff 4-Methylaminophenazon (4-Methylamino-1,5-dimethyl-2-phenyl-1,2-dihydro-3H-pyrazol-3-on).[7]

Als Nebenwirkungen können Überempfindlichkeitsreaktionen, Kreislaufschwankungen sowie sehr selten eine Schädigung der Zellbildung im Knochenmark (Agranulozytose) auftreten. Die Häufigkeit dieser schweren Nebenwirkung wird sehr unterschiedlich beschrieben und führte dazu, dass Metamizol in einigen Ländern, vor allem des angelsächsischen Sprachraums, aber auch weiteren Ländern (z. B. in Schweden und Japan) nicht zugelassen ist. Im deutschsprachigen Raum ist die Anwendung hingegen weit verbreitet.

Das Medikament wurde 1922 von der Firma Hoechst auf dem deutschen Arzneimittelmarkt eingeführt.[8] Metamizol ist in verschiedenen Darreichungsformen im Handel: Tabletten, Brausetabletten, Tropfen, Zäpfchen und Injektionslösung zur intravenösen oder intramuskulären Gabe.

Wirkungen[Bearbeiten]

Der genaue Wirkmechanismus von Metamizol ist ungeklärt. Diskutiert werden unter anderem eine Beteiligung des 5-HT- oder Opioid-Stoffwechsels oder des cGMP-Signalweges. Laut neusten Studien wirkt Metamizol als nicht-selektiver Cyclooxygenase-Hemmer, hemmt also COX-1 und 2.[9] [10] Es wirkt stark schmerzlindernd (analgetisch), stark fiebersenkend (antipyretisch) sowie leicht entzündungshemmend (antiphlogistisch). Daraus ergeben sich die Anwendungsgebiete, die in starken akuten oder chronischen Schmerzen (postoperativ, Tumorschmerz) sowie hohem Fieber, das auf andere Maßnahmen nicht anspricht, zu sehen sind. Weiterhin wirkt Metamizol krampflösend (spasmolytisch), sodass es auch zur Schmerztherapie bei Koliken der Gallen- und Harnwege eingesetzt werden kann.[11][12]

Nebenwirkungen[Bearbeiten]

Agranulozytose[Bearbeiten]

Bei einer akuten Agranulozytose handelt es sich um eine Störung der Bildung von Granulozyten im Knochenmark, einer Unterart von weißen Blutkörperchen (Leukozyten), die vermutlich immunologisch bedingt ist. Als Symptome können zuerst lokale Infekte mit Halsschmerzen, Schleimhautschäden (Ulzera), Fieber und Schüttelfrost und später eine Generalisierung der Infektion (Sepsis) auftreten. Als Therapie werden – neben dem Ausschalten des Auslösers – Antibiotika und eventuell Granulozyten-Transfusionen oder Stimulationsfaktoren (G-CSF) gegeben. Bei Absetzen des Auslösers ist die Bildungsstörung reversibel, bei fortgeführter Gabe ist jedoch eine Mortalität von bis zu 10 % möglich. Neben der Agranulozytose kommen auch Fälle mit einer Blutbildstörung (Neutropenie), jedoch ohne klinische Symptome, vor. Die intravenöse Gabe ist mit einem erhöhten Risiko der Agranulozytose verbunden.[11][12]

Die Häufigkeit einer Agranulozytose bei der Gabe von Metamizol wird kontrovers diskutiert.[13] Im Zeitraum von 1960 bis 2006 wurden in der wissenschaftlichen Literatur elf Fallberichte veröffentlicht, die wahrscheinlich oder sicher mit der Einnahme von Metamizol zusammenhingen.[14] 1986 kam die sogenannte Boston-Studie, die Ergebnisse von 300 Kliniken zusammentrug, zu einer Häufigkeit von 1,1 pro 1 Millionen Anwendungen pro Woche.[15] Eine neuere schwedische Studie fand ein weitaus höheres Risiko der Agranulozytose von 1 pro 1439 Verordnungen.[16] Neben verschiedenen Falldefinitionen in den Studien wird auch ein lokal unterschiedliches Bevölkerungsrisiko sowie die Dauer der Therapie und die Art der Applikation für die unterschiedlichen Ergebnisse verantwortlich gemacht.[13] Das absolute Mortalitätsrisiko beträgt unter Berücksichtigung der relevanten Komplikationen und Nebenwirkungen bei Metamizol 25 Todesfälle pro 100 Millionen Behandlungen und ist damit deutlich geringer als bei der Anwendung von Acetylsalicylsäure (185) oder Diclofenac (592).[17]

Aufgrund des Agranulozytoserisikos wurde Metamizol in einigen Ländern vom Markt genommen bzw. nicht zugelassen, unter anderem in Schweden, Dänemark, Griechenland, Island, England und den USA.[18][13] In Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie vielen anderen Ländern wird die therapeutische Breite hingegen als hoch eingeschätzt und der Wirkstoff häufig eingesetzt. In Deutschland war es bis 1987 rezeptfrei erhältlich[19], in anderen Ländern ist es bis heute rezeptfrei, so z. B. in Russland[20], Polen[21], Bulgarien[22], der Türkei, Ägypten, Brasilien[23], Mexiko[24], Israel und Indien. 2007 wurden in Deutschland 85,8 Millionen Tagesdosen Metamizol (Defined Daily Dose, für Metamizol definiert mit drei Gramm bei Erwachsenen [25]) verordnet.[26]

Aus Sicht der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) sollte Metamizol strikt nur innerhalb der zugelassenen Indikationen verordnet werden.[27][28]

Psychiatrische Nebenwirkungen[Bearbeiten]

Etwa acht Prozent der im deutschen Spontanmeldesystem erfassten Nebenwirkungen sind psychiatrische Störungen.[28] Dazu zählen Angst, Delirium, Depression, Erregtheit, Halluzinationen, Konzentrationsschwäche, Sedierung, Somnolenz, Sprachstörungen und Verwirrtheit.[28] Die Störungen können bereits bei geringer Dosierung über viele Stunden andauern.[28] Es sind abrupte Wechsel zwischen einzelnen Störungsbildern möglich.

Weitere Nebenwirkungen[Bearbeiten]

Metamizol kann selten (< 0,1 %) eine Überempfindlichkeitsreaktion (Anaphylaxie) auslösen oder bei bestehendem Asthma bronchiale, Heuschnupfen und chronischen Atemwegserkrankungen einen akuten Anfall auslösen. Grundsätzlich können die Nebenwirkungen bei parenteraler Gabe verstärkt sein.[29]

Im Gegensatz zu anderen Nichtopioid-Schmerzmitteln wie z. B. Acetylsalicylsäure oder Diclofenac ist Metamizol gut magenverträglich, Magengeschwüre (Ulcera) treten praktisch nie auf. Häufiger hingegen sind mitunter krisenhafte Blutdruckabfälle bei zu schneller intravenöser Injektion bis hin zum Schock. Ein Suchtpotenzial wie bei Opioiden existiert nicht, dagegen sind bei chronischer Einnahme Organschädigungen, z. B. der Nieren, möglich, da Metamizol die Nierenfunktion vermindert. Sehr selten manifestiert sich diese Einschränkung auch als akutes Nierenversagen mit akuter interstitieller Nephritis nichtdestruierender Natur. Übelkeit und Erbrechen können weiterhin auftreten, gelegentlich auch eine harmlose Rotfärbung des Urins durch Stoffwechselprodukte. Metamizol verursacht keine Atemdepression. Sehr seltene weitere Nebenwirkungen sind das Auftreten von Hautveränderungen (Stevens-Johnson-Syndrom, Lyell-Syndrom).[28]

Gegenanzeigen[Bearbeiten]

Kontraindikationen für die Gabe von Metamizol sind eine bekannte Unverträglichkeit, eine hepatische Porphyrie (angeborene oder erworbene Störung der Produktion des roten Blutfarbstoffes) sowie ein Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel. Bei Säuglingen unter drei Monaten, Schwangerschaft und Stillzeit sowie vorbestehenden Blutbildungs-Störungen gilt die Anwendung als relativ kontraindiziert (Zur Anwendung bei Säuglingen liegen keine Daten vor).[11][12]

Wechselwirkungen[Bearbeiten]

Metamizol bewirkt eine Abnahme des Ciclosporin-Serumspiegels, weshalb dieser bei gleichzeitiger Anwendung kontrolliert werden muss. Weiterhin kann die Wirkung von Diuretika abgeschwächt werden.[8]

Pharmakokinetik[Bearbeiten]

Metamizol, das selbst ein Prodrug ist, wird zum pharmakologisch wirksamen 4-N-Methylaminoantipyrin (MAA) hydrolysiert. Die Bioverfügbarkeit von Methylaminoantipyrin liegt bei etwa 90 %. Metamizol wird in der Leber (hepatisch) verstoffwechselt und hauptsächlich über die Niere (renal) ausgeschieden. Plasmahalbwertzeit und Wirkdauer betragen circa 2,5 Stunden. Eine gleichzeitige Nahrungsaufnahme kann zu einer verlangsamten Resorption von peroral verabreichtem Metamizol und damit zu einem leicht verzögerten Wirkungseintritt führen.[8]

Fertigarzneimittel[Bearbeiten]

Humanmedizin[Bearbeiten]

  • Monopräparate: Analgin (D), Berlosin (D), Minalgin (CH), Nopain (D), Novalgin (D, A, CH), Novaminsulfon (D), Nolotil (E)
  • Kombinationspräparate mit Metamizol sind für eine humanmedizinische Verwendung in Deutschland bereits seit 1987 nicht mehr verkehrsfähig, nachdem das damals zuständige Bundesgesundheitsamt metamizolhaltige Kombinationsarzneimittel als bedenklich eingestuft hatte.[30] Auch in den USA, Australien, Japan sowie in den meisten Ländern Europas sind metamizolhaltige Kombinationsarzneimittel verboten. In Ländern wie Brasilien, Kolumbien und Costa Rica werden solche Präparate weiterhin verkauft, z. B. Buscopan composto (BR).[31]

Tiermedizin[Bearbeiten]

  • Monopräparate: Metapyrin, Novaminsulfon
  • Kombinationspräparate mit Butylscopolaminbromid: Buscopan compositum (D, A)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alternativnamen
  2. Patent DE617237: Verfahren zur Darstellung von ω-Methylsulfonsäuren primärer oder sekundärer Pyrazolonamine. Veröffentlicht am 15. August 1935, Anmelder: I.G. Farbenindustrie, Erfinder: Dr. Max Bockmühl und Dr. Leonhard Stein.
  3.  B. Göber et al.: In: Die Pharmazie. Nr. 26, 1971, S. 137-152.
  4. a b Datenblatt Dipyron hydrate bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 29. Mai 2011 (PDF).
  5. Seit 1. Dezember 2012 ist für Stoffe ausschließlich die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung zulässig. Bis zum 1. Juni 2015 dürfen noch die R-Sätze dieses Stoffes für die Einstufung von Gemischen herangezogen werden, anschließend ist die EU-Gefahrstoffkennzeichnung von rein historischem Interesse.
  6. a b Datenblatt METAMIZOLE SODIUM CRS Monohydrate beim EDQM, abgerufen am 16. Oktober 2008.
  7. Mutschler, Arzneimittelwirkungen, 9. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2008 ISBN 978-3-8047-1952-1
  8. a b c Renaissance eines Analgetikums. Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 32/2006.
  9. Burgis: Intensivkurs Allgemeine und spezielle Pharmakologie. 2010
  10. R. M. Rezende et al.: Different mechanisms underlie the analgesic actions of paracetamol and dipyrone in a rat model of inflammatory pain. Br J Pharmacol. 2008 Feb; 153 (4): S. 760–768. PMID 17435797
  11. a b c Karow, Lang-Roth: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 14. Auflage 2005, S. 589 f., Eigenverlag.
  12. a b c Aventis Pharma: Fachinformation Novalgin. S. 1511–v692, Februar 2003
  13. a b c Der Arzneimittelbrief: Wie gefährlich ist Metamizol? (Version vom 27. Juni 2009 im Internet Archive) AMB 2003, 37, 6b.
  14. F. Andersohn, C. Konzen, E. Garbe: Systematic review: agranulocytosis induced by nonchemotherapy drugs. Ann Intern Med. 2007 May 1;146(9):657–665. Review. PMID 17470834
  15. M. S. Kramer, D. A. Lane, T. A. Hutchinson: The International Agranulocytosis and Aplastic Anemia Study (IAAAS) J Clin Epidemiol. 1988; 41 (6): S. 613–616. PMID 3290398
  16. K. Hedenmalm, O. Spigset: Agranulocytosis and other blood dyscrasias associated with dipyrone (metamizole). Eur J Clin Pharmacol. 2002 Jul; 58 (4): S. 265–274. PMID 12136373
  17. S. E. Andrade et al: Comparative safety evaluation of non-narcotic analgesics. J. Clin. Epidemiol. 51 (1998) S. 1357–1365. PMID 10086830
  18. Pharmainformation Metamizol, Jahrgang 14, Nummer 3, Sept. 1999
  19. Metamizol — des Teufels oder nützlich? (PDF; 92 kB) In: ARS MEDICI 7, 2010, S. 262.
  20. essentialdrugs.org: Metamizole in your country?
  21. G. W. Basak, J. Drozd-Soko?owska, W. Wiktor-Jedrzejczak: Update on the incidence of metamizole sodium-induced blood dyscrasias in Poland. In: The Journal of international medical research. Band 38, Nummer 4, 2010 Jul-Aug, S. 1374–1380, ISSN 0300-0605. PMID 20926010.
  22. analgin.bg: Curious Facts
  23. Isabela M. Benseñor: To use or not to use dipyrone? Or maybe, Central Station versus ER? That is the question. In: Sao Paulo Med. J., Bd. 119, Nr.6, São Paulo Nov. 2001 doi:10.1590/S1516-31802001000600001
  24. J. L. Bonkowsky, J. K. Frazer, K. F. Buchi, C. L. Byington: Metamizole Use by Latino Immigrants: A Common and Potentially Harmful Home Remedy. In: PEDIATRICS. 109, 2002, S. e98–e98, doi:10.1542/peds.109.6.e98.
  25. Anatomisch-therapeutisch-chemische Klassifikation mit Tagesdosen. Amtliche Fassung des ATC-Index mit DDD-Angaben für Deutschland im Jahre 2009. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information
  26. U. Schwabe, D. Paffrath (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2008. Heidelberg: Springer Medizin Verlag, 2008.
  27. AkdÄ: Agranulozytose nach Metamizol - sehr selten, aber häufiger als gedacht. 19. August 2011. Abgerufen am 19. August 2011.
  28. a b c d e Bundesärztekammer – Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft – „UAW-News – International“: Psychiatrische Störungen unter Metamizol; In: Deutsches Ärzteblatt 2006; 103(8): A-499/B-431/C-411.
  29. Rote Liste 2005
  30. Deutsches Ärzteblatt - Bekanntgabe der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Vertriebsstopp für 62 Metamizol-haltige Kombinationsschmerzmittel (PDF; 55 kB), 7. Mai 1987
  31. Boehringer Ingelheim will umstrittenes Medikament weiter verkaufen. SWR, 23. Oktober 2012, abgerufen am 11. Dezember 2012.
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