Nordwestpassage

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Dieser Artikel behandelt den Seeweg namens Nordwestpassage, zum gleichnamigen Film von 1940 siehe Nordwest-Passage (Film).
Die Nordwestpassage
New YorkTokio:
Nordwestpassage (rote Linie) 14.000 km,
Panamakanal-Route (grüne Linie) 18.200 km

Die Nordwestpassage ist der zirka 5.780 Kilometer lange Seeweg, der nördlich des amerikanischen Kontinents den atlantischen mit dem pazifischen Ozean verbindet. Er führt über das Nordpolarmeer und seine Randmeere sowie die dazugehörenden Meeresstraßen durch den kanadisch-arktischen Archipel.

Geschichte[Bearbeiten]

Frühe Fahrten ins Nordpolarmeer[Bearbeiten]

Gräber von Seeleuten der John-Franklin-Expedition aus dem Jahr 1845 auf der Beechey-Insel
Cooks Karte von Neufundland aus dem Jahr 1775

Seit Magellan 1520 einen Seeweg entdeckt hatte, der um Südamerika herum nach Asien führte, spekulierten Geographen, Seefahrer und Forscher über eine mögliche Route im Norden Amerikas. Da eine solche Nordwestpassage Schiffsreisen zwischen Europa und Ostasien entscheidend verkürzt hätte, suchten die seefahrenden Nationen mehr als 400 Jahre lang nach einer Durchfahrt im Nordpolarmeer.

Möglicherweise war schon 1473, also 19 Jahre vor der Fahrt des Kolumbus, eine dänische Expedition unter Leitung des aus Hildesheim stammenden Didrik Pining (eventuell in Begleitung des Portugiesen João Vaz Corte-Real) von den Gewässern um Grönland nach Neufundland vorgestoßen. Um 1480 begannen die Portugiesen mit der Fischerei vor Neufundland. Ihnen folgten um 1500 Basken und Bretonen. Zwischen 1492 und 1495 befuhr João Fernandes („O Labrador“) mit Pedro de Barcellos die Gewässer zwischen Neufundland, dem nach ihm benannten Labrador und Grönland. Anschließend tasteten sich Expeditionen zu Land und zu Wasser schrittweise immer weiter nach Nordwesten in das eisige Inselgewirr des Nordpolarmeeres vor.

Die Suche nach der Passage[Bearbeiten]

Bereits 1524 hatte der französische König den italienischen Kapitän Giovanni da Verrazano ausgeschickt, weiter nördlich der von Spanien und Portugal beherrschten Atlantikrouten eine „Nordpassage“ nach Indien zu finden. Ebenfalls auf der Suche nach einer solchen Passage gelang es 1534 dem französische Kapitan Jacques Cartier, Neufundland nördlich zu umsegeln und in den Sankt-Lorenz-Strom einzufahren.

Der englische Seefahrer Martin Frobisher unternahm zwischen 1576 und 1578 drei Reisen mit dem ausdrücklichen Ziel, die Nordwestpassage zu finden. Ihm folgten weitere englische Kapitäne wie John Davis, Henry Hudson, Thomas Button, William Baffin, Robert Bylot, Thomas James und Luke Foxe sowie der dänische Seefahrer Jens Munk. In den 1630er Jahren gab man die Suche jedoch vorerst auf, da Baffin und James die Ansicht vertraten, dass weder von der Hudson Bay noch von der Baffin Bay aus ein Zugang zur Passage existiere. Erst zum Anfang des 18. Jahrhunderts wurden wieder vereinzelte Anstrengungen unternommen, unter anderem 1719 von James Knight und 1742 von Christopher Middleton.

Die Suche nach einer Passage im Nordwesten nach Asien war auch der Grund für James Cooks letzte Pazifikreise 1776–1779. Seine Vorstöße musste er jedoch wegen des einbrechenden Winters an der Beringstraße abbrechen. Nach Cooks Tod in einem Handgemenge auf Hawaii übernahm Lt. Charles Clerke das Kommando der Expedition. Vom russischen Ausgangshafen Petropawlowsk-Kamtschatski aus brach man erneut auf, scheiterte aber auf 70° 33' N am Packeis, das noch stärker schien als im Vorjahr.

Ebenfalls vom Pazifik aus operierte 1817/18 die russische Rurik-Expedition unter Kapitän Otto von Kotzebue. Sie erforschte allerdings nur die bis dahin unbekannte Küste Alaskas um den Kotzebue-Sund und endete letztlich ergebnislos.

Tragische Berühmtheit erlangte John Franklin, dessen verschollene dritte Expedition von 1845 mehrjährige Suchaktionen nach sich zog. Im Verlauf dieser erfolglosen Rettungsexpeditionen konnte Robert McClure schließlich als erster den nordpolaren Archipel durchqueren. Er wurde als Entdecker der Nordwestpassage gefeiert, erhielt jedoch nur die Hälfte des ausgelobten Preisgeldes, da er sein Schiff zurücklassen und ein Teilstück zwischen der Banks- und der Melville-Insel zu Fuß zurücklegen musste, wo er von anderen Rettungsschiffen aufgenommen wurde. Letztlich hatte sich damit nur eine weitere mögliche Route als unpassierbar herausgestellt. Der eigentliche Entdecker des letzten schiffbaren Teilstückes der Passage war John Rae. Da dieser aber Zivilist war und die Entdeckung vom Land aus gemacht hatte, war er als Preisträger für die Royal Navy undenkbar.

Erste Durchquerungen[Bearbeiten]

Die erste komplette seemännische Durchfahrt gelang Roald Amundsen 1903−1906 über die von John Rae entdeckte Route durch die James Ross Strait, Rae Strait und Simpson Strait auf dem kleinen Schiff Gjøa. Damit umfuhr er die King-William-Insel östlich und vermied die Victoria Strait westlich der Insel, in der die Franklin-Expedition gescheitert war. Amundsen überwinterte zweimal auf der King-Wiliam-Insel. Einen ganzen Sommer hatte er mit den Inuit in der Umgebung der heutigen Siedlung Gjoa Haven (in der Sprache der Inuit: Uqsuqtuuq) auf der King-William-Insel verbracht, um sich deren Arktiserfahrung anzueignen.

1940–1942 durchquerte Henry Larsen im Schoner St. Roch den Seeweg erstmals in West-Ost-Richtung mit je einer Überwinterung auf der Victoria-Insel und der Halbinsel Boothia.[1]

Als erster Tanker bewältigte das zum Eisbrecher umgebaute US-amerikanische Schiff SS Manhattan die Nordwestpassage von West nach Ost in wenig mehr als vier Wochen. Die Fahrt, die am 15. September 1969 erfolgreich endete, sollte die Wirtschaftlichkeit von Öltransporten durch das nördliche Eismeer demonstrieren. Jedoch erwiesen sich die Instandhaltungskosten auf Grund der Eisschäden damals noch als zu groß.

Das erste Kreuzfahrtschiff, das die Nordwestpassage mit Passagieren an Bord bewältigte, war die World Discoverer im Jahr 1985.

Arved Fuchs durchsegelte 1993 mit seinem Expeditionsschiff, der Dagmar Aaen, die Nordwestpassage in Ost-West-Richtung und 2003/2004 noch einmal in West-Ost-Richtung.[2]

Im September 2008 durchfuhr die Camilla Desgagnés als erstes Handelsschiff planmäßig die Nordwestpassage.[3][4] Auf Nachfrage wurde die Passage als eisfrei beschrieben. Im September 2013 passierte die Nordic Orion die Route auf dem Weg von Vancouver, Kanada nach Pori, Finnland.[5]

Bedeutung[Bearbeiten]

Wirtschaft[Bearbeiten]

Die Ausdehnung der arktischen Eisfläche im Jahr 2007 im Vergleich zu früheren Jahren

Der Seeweg zwischen Europa und Asien (RotterdamTokio) verkürzt sich erheblich: Die bisherige Route durch den Sueskanal beträgt 21.100 Kilometer, der neue Weg hätte eine Länge von 15.900 Kilometer. Obendrein vermeidet er von Piraterie betroffene Gebiete wie die Gewässer rund um Indonesien oder am Horn von Afrika. Wegen der klimatischen Bedingungen war die Nordwestpassage bisher jedoch wirtschaftlich kaum nutzbar. Klimaforscher gehen jedoch davon aus, dass sich dies in den kommenden Jahren aufgrund der globalen Erwärmung ändert. Im September 2007 veröffentlichte die ESA Satellitenbilder, auf denen der kanadische Teil der Passage (zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen) völlig eisfrei und damit schiffbar war. Ursache ist ein Rückgang der Eisfläche im Nordpolargebiet auf nur noch drei Millionen Quadratkilometer, eine Million Quadratkilometer weniger als noch im Jahr 2006.[6][7][8][9] Die Nordost- und Nordwestpassage waren Ende August 2008 beide erstmals gleichzeitig eisfrei.[10] Die Nordostpassage ist, sofern benutzbar, für die Strecke von Europa nach Asien noch kürzer als die Nordwestpassage.

Schon heute ist die Nordwestpassage immer länger befahrbar. Fortschritte im Bau arktistauglicher Tanker (nicht Eisbrecher) kommen hinzu. Die wirtschaftliche Erschließung der Nordwestpassage wird derzeit intensiv vorbereitet. Geplant ist die Schaffung einer Service- und Sicherheits-Infrastruktur für den Tankerverkehr. Auch der Ausbau der zentral gelegenen Inuit-Siedlung Qausuittuq an der Resolute Bay zum Tiefwasserhafen wird erwogen.

Politik[Bearbeiten]

Mit der wachsenden ökonomischen Bedeutung der Nordwestpassage nimmt auch ihre politische Bedeutung zu. Ihr Besitz ist umstritten: Kanada beansprucht den Seeweg für sich, die USA sehen ihn als internationales Gewässer an.

1985 durchfuhr der US-amerikanische Eisbrecher Polar Sea die Passage ohne Genehmigung Kanadas. Kanada protestierte heftig. Daraufhin vereinbarten Kanada und die USA 1988 in einem Kooperationsabkommen (Arctic Co-operation Agreement), dass die USA fortan Genehmigungen von Kanada einholen werde, Kanada sie jedoch nicht verweigern dürfe. Die Frage, ob die Passage ein internationales Gewässer ist, wurde dabei nicht geklärt.

Die USS Charlotte am Nordpol

Zwischen Kanada und Dänemark ist die territoriale Zugehörigkeit der Hans-Insel vor der Küste Grönlands umstritten.

2005 veröffentlichte die United States Navy Bilder, die das Atom-U-Boot USS Charlotte beim Auftauchen am Nordpol zeigten. Kanada bezichtigte die USA daraufhin, wiederum ohne Ankündigung seine arktischen Gewässer benutzt zu haben.

Im Wahlkampf 2006 versprach der kanadische Premierminister Stephen Harper, die Gebietsansprüche seines Landes zu verteidigen. Seitdem wurden mehrere Patrouillen, die sich aus regulären Streitkräften und Canadian Rangers zusammensetzten, in den nördlichen Gebieten Kanadas durchgeführt. Die kanadische Marine schickte 2006 zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Eisbrecher in die Nordwestpassage. Im Juni 2010 beschloss die Regierung ein Programm zur Modernisierung der kanadischen Seestreitkräfte (National Shipbuilding Procurement Strategy), für das in den kommenden Jahrzehnten 33 Milliarden kanadische Dollar zur Verfügung stehen.[11] Unter anderem sollen acht eisfähige Hochseepatrouillenschiffe zur Sicherung der ausschließlichen Wirtschaftszone Kanadas in der Arktis angeschafft werden.[12]

Tourismus[Bearbeiten]

Auf russischen Eisbrechern können etwa 100 Fahrgäste die Nordwestpassage binnen zwölf Tagen durchfahren. Ansonsten spielt die Nordwestpassage nur eine geringe, aber langsam wachsende Rolle. Im August 2009 fuhren erstmals zwei Kreuzfahrtschiffe (Hanseatic und Bremen) mit knapp 350 Passagieren durch die Nordwestpassage von beiden Seiten aufeinander zu und trafen sich in der Mitte in Gjoa Haven. Beide Schiffe bieten jetzt regelmäßig Durchfahrten im Spätsommer an. Auch ein französischer Anbieter ist hinzugekommen. Günstig sind diese Reisen jedoch nicht: zwischen 10.000 und 20.000 Euro werden für eine Durchfahrt verlangt.[13]

Literatur[Bearbeiten]

  • Amundsen, Roald: Die Nordwest-Passage – Meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907. Mit Anhang von Godfred Hansen. Langen, München 1908 (wieder aufgelegt bei Edition Erdmann, Stuttgart, Wien 2001).
  • Barbara Bauer: Freezing purgatory – Eine Analyse des Alltagslebens auf den Reisen zur Auffindung der verschollenen Arktisexpedition von Sir John Franklin (1848–1859) anhand von veröffentlichten und unveröffentlichten Reiseberichten. 2002.
  • William Dietrich: Northwest Passage – The great Columbia river. Univ. of Washington Press, Seattle, Wash. [u.a.], 1996, ISBN 0-295-97546-6
  • Arved Fuchs: Nordwestpassage – Der Mythos eines Seeweges. Delius & Klasing, Bielefeld 2005, ISBN 3-7688-1675-3
  • John Geiger, Owen Beattie: Frozen in Time – Unlocking the Secrets of the Franklin-Expedition. E. P. Dutton, New York 1987, ISBN 0-525-24685-1 (engl.)
  • John Geiger, Owen Beattie: Der eisige Schlaf – Das Schicksal der Franklin-Expedition. R. Piper, München 1992, ISBN 3-492-22113-0
  • John Geiger, Owen Beattie: Totenstille – Das tragische Schicksal der Knight-Expedition von 1719. vgs, Köln 1993, ISBN 3-8025-2231-1
  • Voyages to Hudson Bay in search of a northwest passage: 1741–1747. London. (Works / Hakluyt Society)
  • Robert Kenn Ketchum: Northwest passage. Aperture Foundation, New York 1996, ISBN 0-89381-676-0.
  • Peter Milger: Nordwestpassage – Der kurze aber tödliche Seeweg nach China oder die Gesellschaft der Abenteurer. vgs, 1994, ISBN 3-8025-2295-8.
  • Elizabeth B. Elliot-Meisel: Arctic diplomacy – Canada and the United States in the Northwest passage. Lang, New York, Vienna [u.a.] 1998, ISBN 0-8204-3826-X.
  • Kurt Lütgen: Das Rätsel Nordwestpassage. 1967 (Deutscher Jugendbuchpreis 1967)
  • Ansgar Walk: Nordflug – Eine faszinierende Reise zu den Gletschern und Fjorden der kanadischen Arktis. Pendragon Verlag, Bielefeld 2000, ISBN 3-929096-95-1.
  • Helfried Weyer: Nordwest-Passage. Koehlers Verlagsgesellschaft, Hamburg 1995, ISBN 3-7822-0638-X.
  • Rudy Wiebe: Land jenseits der Stimmen. Eichborn, Frankfurt 2001 (englisches Original 1994 mit bedeutendstem Literaturpreis Kanadas, dem Governor General´s Award for Fiction, ausgezeichnet).
  • Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit. Piper, München 1983, ISBN 3-492-10700-1. (Das Leben des englischen Kapitäns und Polarforschers Sir John Franklin, der wegen seiner Langsamkeit nicht mit der schnelllebigen Gesellschaft mithalten kann und möchte, aber andererseits aufgrund dieses angeblichen Makels erstaunliche Einsichten in alternative menschliche Handlungsweisen gewinnen kann.)
  • Helge Janßen: Grundberührung. Mohland Verlag, 2011, ISBN 978-3-86675-151-4. (Auf Tatsachen beruhender Roman über die Strandung eines Kreuzfahrtschiffes auf einem Geröllbett südlich des King Williams Island. Ein deutsches Kreuzfahrtschiff geriet 1986 an der gleichen Stelle auf Grund.)
  • Tina Uebel: Nordwestpassage für dreizehn Arglose und einen Joghurt C.H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-64701-7. (Reisebericht der Durchseglung der arktischen Nordwestpassage. Tina Uebel begleitet den Segler Wolf Kloss.)
  • Narratives of Voyages Towards the North-West: In Search of a Passage to Cathay and India, 1496-1631. Hakluyt Society, 1849. Cambridge University Press, 2010. ISBN 978-1108008020
  • Martin Selber: … und das Eis bleibt stumm. Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale 1987, ISBN 3-354-00232-8. (Roman um die Franklin-Expedition 1845–1850)

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Nordwestpassage – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Across the Northwest Passage: The Larsen Expeditions auf der Website Arctic Expedition der University of Calgary, abgerufen am 18. Mai 2013
  2. http://www.arved-fuchs.de/nwp/expedition.htm
  3. Die Passage der Camilla Desgagnés bei cbc-news (englisch)
  4. Die Passage der Camilla Desgagnés bei alaskadispatch (englisch)
  5. Spiegel online: Arktische Nordwest-Passage: Gefährliche Abkürzung durchs Eis 27. September 2013
  6. Rekordschmelze in der Arktis–Nordwestpassage eisfrei auf n-tv.de
  7. Eisschmelze: Bald können Schiffe durch die Nordwestpassage auf diepresse.com
  8. Nordwestpassage ohne Eis auf taz.de
  9. Nordwest-Passage komplett eisfrei auf spiegel.de
  10. Spiegel:Nordost- und Nordwestpassage erstmals gleichzeitig eisfrei
  11. Peter Diekmeyer: Defending the true north. In: Jane’s Defence Weekly, 15. Mai 2013, S. 23–27 (englisch)
  12. National Shipbuilding Procurement Strategy auf der offiziellen Website des kanadischen Verteidigungsministeriums, abgerufen am 15. Mai 2013 (englisch)
  13. Abenteuer und Reisen: Eiskalter Zauber, Ausgabe November 2012, S. 32 ff